Stehen - Zögern - Schreiten

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Scal

Mitglied
Donnerstag, 29. April 2021, H.

Hartholz
etwa ein Meter lang

Ich achte darauf, dass die Stirnseiten
- mache einige Schritte zurück -

jetzt, im Vormittagslicht
einem irgendwo in mir aufgeschlichteten Bild
gemäß

Es möge
gelingen

Woher
und warum
und wiederum so plötzlich
völlig Unerwartetes

Ich denke
über zwei Worte nach

über einerlei
und über zweierlei

Wer sind ihre Eltern
sind es Geschwister

Ich finde
zu keinem Ende

oder doch

Ja
vorläufig doch:

einerlei
 

Scal

Mitglied
Eine wunderbare Ergänzung, Le,
trag ich in mein handgeschriebenes Tagebuch ein. Danke!

Eigentlich würde ich im Moment gerne Otto fragen,
ob es nicht besser wäre, hier die Besternungsmöglichkeit erst nach drei oder fünf Jahren oder so - wenn überhaupt - freizugeben.
Ich empfinde mich in diesem Tagebuchgebiet mehr wie in einer Art Hütte, (m)einem alten Bahnwärterhäuschen, das etwas abseits der üblichen Geschwindigkeiten - weil auf einem Nebengleis - aufgemauert wurde und - ein wenig baufällig schon - im Wind steht, zufrieden damit, dass weit und breit keine Renovierunstrupp zu sehen ist.
Bin in einem kleinen Dorf bei Petroleumlicht geboren, gab damals dort noch keinen Strom; wer weiß wie all die Lichter beschaffen sind, die irgendwo unterschwellig in den Gruben des eigenen Lebens glühen.

Lieben Gruß
Scal
 

Scal

Mitglied
Freitag, 30. April 2021, L.


Gestern
ging es stadtwärts

Es ging
Wer, was ging
fuhr

Im Stadtpark erheben sich hohe Bäume
zapfenreiche Fichten, Kastanien, Birken

Unweit, zuoberst
auf dem Fichtenwipfel
die Amsel
fünf Uhr fünfzehn

Die Amsel verkündet:
mein Fürstentum

Wiederum, woher
es tropft in meine Dämmerung
ein Wort:
Allgemach

Die Amsel
fürstet
im Allgemach

Sind's zwei gewesen
oder drei
Ich hörte Autotüren
 

Scal

Mitglied
Freitag, 30. April 2021, frühnachmittags, L.


Nenne ihn Willi
seh seinen schwungreich schwingenden Willen
blicke durchs östliche Fenster

Dreiräder, Schaukeln
fröhliches Lachen
schrilles Geschrei

Kinder im Garten
Kindergartenkinder
im Garten

Dauerhaft
ist nur die Dauer
in der alles entsteht
und dauernd vergeht

schreibe ich
in mein Notizbuch

Dauert
eine kleine kurze Weile
bis ich es erneut versteh
 

Scal

Mitglied
Sonntag, 2. Mai 2021, L.


Ha!
Die Schweifhurtigen!

Die immerdar
geöffnete Luft

durchschwalbt

Die Atmosphäre surft
zeichnet sich als Gleichnisruf

hinweg
hervor

Wenn jetzt du
sobald du
an den Klimawandel denkst
surfwundtrüb und gazettenbesprengt

schweifst du ab

Hab diese Passage
eben passiert

Meiner
Landungshärte harrt

zerrend, zurrend, digi-
tal

Will nicht vergessen
wollte notieren:
Heute erblickte ich Schwalben
 
G

Gelöschtes Mitglied 22614

Gast
Hallo Scal,

Das ist richtig gut!! Ich ahne auch schon wie die Besternung ausfallen wird ;)

Dieses nachdenkliche Herumabschweifen liegt dir.

Freue mich auf mehr!

LG
atira
 

Scal

Mitglied
Dienstag, 4. Mai, L.


Da ich es schreibe
tritt es zutage:
wohingegen

und führt mich von sich fort
wo eine andere Gegend, Sifnos
tausend Schritte bis Castro, fünfzig zum Meer, Mike
sitzt vorm Brunnenhaus auf einem Stein, grimmig
die Sonne stechend und grell
sein schwarzes Haar fällt strähnig über Rücken und Brust
er frisst sich hinein ins zerknitterte Taschenbuch, Sartre, der Ekel

mit einer Bananenschachtel, hochkant geschultert, warst du aufgetaucht
dein ganzes Gepäck
abends saßen wir hoch oben am Berg
auf den Mauern eines verlassenen Klosters, Sonne und Mond
wenige Worte, schauten hinauf und hinab, Sterne und Meer
war es Erdboden, war es Stein - worauf wir lagen nachts ?

Hier hingegen, heute
dieser kleine Balkon
noch sind die rosen zugeknopft
sie formen becher für den wein
 

revilo

Mitglied
wow......da kann man ja richtig eintauchen, sich daneben setzen, einfach nur zuhören.........gefallen mir richtig gut, deine Nachdenkereien.....LG Oliver
 

Scal

Mitglied
Danke fürs Vorbeischauen, Oliver. "Nachdenkereien" passt gut.
Sitze brütend immer wieder mal auf einem Nachdenk-Ei und schau neugierig drauf hin, was ihm wohl entschlüpft.
Die Eierspeise servier ich dann, auch wenn ich kein besonders guter Koch bin; manchmal schwimmt das Ergebnis, weil es zu breiig und flüssig einherschwappt, und manchmal schmeckt es vielleicht irgendwie zu krustig.

Scal
 

Scal

Mitglied
Mittwoch, 5. Mai 2021, L.


Ich nenne das gerne
- gegen den Trend -
Wirken himmlischer Mächte

Hast so versonnen zur Ferne geblickt
irgendwie reich, mit schönem Gesicht

habe dich deshalb innigst besonnt
Christoph fuhr, wir hörten Byrds
Lenkradschaltung, Ford Granada
legtest mir Seide übers Genick
südliche Bäume, nahe bei Rom

kam eine Furche
leise durchrieselt von unklarer Furcht
warf ich sie zu

abends vorm Mond wuchs die Frage
was du so denkst und wie sehr und wie lang
du noch dein heimlich Einziges hütest


Alles sehr fern
ziemlich ferne
unserer heutigen Tür

Heute kanns sein, dass ich sage
Mann, was redest du da

dein Enkel ist ein kleines Kind
und sehnt sich grade sehr
nach einem warmen Fläschlein mit Milch

steh auf
 

Scal

Mitglied
Donnerstag, 6. Mai 2021, L.


Sich häuten
im Dämmerungsschein

Heute war die Haut ein Lied:
Hejo, spann den Wagen an

Die Deichsel ist mein rechtes Bein
der ganze Wagen der übrige Rest
Wo führt das hin

Ich mag den Knick
im Worte
Fal ten

Falten sind Knicke
Knicke sind Gräben
seh im Spiegel mein Gesicht

Einige passen
zahlreiche nicht

Unschön vor allem jene, die ... :
alles was grunzelt
von Akademie

Endlich grabe ich mich in den Tag
möchte mich schließlich entfalten

Für die Leselupe
brauche ich noch keine Leselupe
 
G

Gelöschtes Mitglied 19299

Gast
Das nenne ich mal ein Gedicht. Großartig, auch deine anderen Früchte, die hier an dieser deiner Schnur gekonnt befestigt sind.
Bin erst jetzt dabei, dieses Forum zu entdecken. Somit freue ich mich auf mehr.
LG
Keram
 
G

Gelöschtes Mitglied 19299

Gast
Wandzeitung...
da habe ich eher nicht so gute Erfahrungen damit.
Weiß aber, wie du es meinst.

LG
Keram
 

Scal

Mitglied
Samstag, 7. Mai 2021, H.

Ich habe diesen Satz langsam und sorgsam geschrieben.
Mit Bleistift.
Klar, Du siehst es nicht.
Du weißt es jetzt, Du, den ich nenne "Der Du das liest".
Doch bleibt Dir dieser eine Satz verborgen.

All die Verbergnisse, tagaus und jahrelang hindurch
in Koffer und Säcke gestopft, mit Füßen in billige Tüten gestampft -
einige bellen, andere schlafen, manche miauen, andere
fallen um vier von der Decke aufs Bett.

Am Morgen sage ich "Guten Morgen, oh, heut ist so ein schöner, sonniger Tag!", und ich freue mich,
wieder einmal, und sehe und weiß: auch das ist Sprache und Sprache ist wahr.

Diesen allerjüngsten Satz, wahrlich,
habe ich langsam und sorgsam geschrieben.
 


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