Stiche

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Mimi

Mitglied
Ich wünschte, ich könnte schreien.
Denn schreien ist gut, denn schreien ist eine Erlösung.
Es werden unerträglich viele Stunden vergehen, die ungezählte Nächte beherbergen, bis ein einziger Tropfen aus salzigem Wasser sich seinen Weg nach außen bahnt.
Aber ich werde nicht aufhören daran zu glauben und ich glaube, ich werde verrückt ohne dich.
Es ist merkwürdig, fast surreal. Mit jedem Tag werden die kleinen, roten Stiche mehr. Sie sind auf meinem ganzen Körper verteilt und formen sich zu eigenständigen Wesen, die ihn bevölkern und zu beherrschen versuchen. Nacht für Nacht stechen sie tiefer durch meine Haut, bis der Schmerz, den sie auslösen, unerträglich wird.
Manchmal höre ich das leise Flüstern der Stiche, wenn sie unaufhörlich meinen Körper einnehmen, als hätte ich nie existiert, als wäre selbst der Tod ein leises Flüstern.
Ich weiß, dass der Tropfen kommen wird und mit ihm vielleicht eine ganze Flut.
In meinen schönen Träumen spüre ich wie der Tropfen langsam über meine kalte Wange hinabfließt. Er gleitet schwerelos über die leicht geöffneten Lippen bis in meinen Mund hinein.
Dort schmecke ich das Salz auf meiner Zunge und es breitet sich in der Mundhöhle aus, dehnt sich und verändert seine Struktur.
Es verändert mich. Die Stiche verblassen und verstummen.
Manchmal fühlt sich das Träumen erschreckend echt an. Es ist so echt, dass ich dann schlaftrunken und verwirrt mit der Hand an meine Wange fasse und sie befühle.
Jedes Mal streiche ich dann über die Haut auf meiner Wange, bis ich erkenne, bloß wieder geträumt zu haben.
Ich weiß, dass ich geduldig sein muss.
Und trotzdem. Ich wollte, ich könnte nach dir schreien.
Damit ich dir einmal noch sagen kann, ich glaube, ich werde verrückt ohne dich.
 

Bellador

Mitglied
Hallo Mimi,

bin so tief berührt von deinem Text, weiß nicht was ich sagen soll. Die schmerzhafte Sehnsucht kommt rüber....
Sehr gelungen!

LG Bella
 

Mimi

Mitglied
Dankeschön an euch ... für die Kommentare und die Bewertungen!
Das freut mich sehr!

Beste Grüße
Mimi
 

Bela

Mitglied
Mimi - ich bin offen und ehrlich: Diese Ich-Orgie in Prosa - wer hält denn sowas aus! Wohin das Auge schaut - immer nur ich, ich, ich ... Im nächsten Satz zur Abwechslung mal: ich! Schon im ersten Satz zweimal ich ... Aber es ist ja nur zeitgemäß, wenn es nicht gerade ich ist, dann brauchen wir unbedingt ... ich - bis wir uns zu Tode ge-icht haben!

Béla
 

Mimi

Mitglied
Hallo Bela,
die Repetitio ist hier Stilmittel - gerade was die ersten und letzten Zeilen im Text betrifft...

aber:
de gustibus non est disputandum

In diesem Sinne
saludos

Mimi
 
Ein Kritiker ist empfindlich, er versucht Dargebotenes zu ergründen, wie zum Beispiel einen Text, den er nicht zu bestimmen vermag, ... Manchmal ist es nicht die Wortwahl, manchmal ist es eine Botschaft, eine Botschaft, die ihn verlegen, manchmal vielleicht sogar ein wenig bescheiden macht... Keine Worte, keine Sätze, eine bloße Aussage ... und dann, dann ist alles über Bord geworfen, wie Frasen, die niemals gelesen werden wollten, die niemals vorhanden waren, die versuchten, Welten und weitere Welten zu zerbrechen, und dann ist es einfach nur da, verstanden und doch nicht verstanden, was soll's dann bloß noch sein..., ein Stück Prosa, mehr ist es nicht ... und so werden Gedanken verteilt ...
 

Mimi

Mitglied
Ein Kritiker ist empfindlich, er versucht Dargebotenes zu ergründen, wie zum Beispiel einen Text, den er nicht zu bestimmen vermag, ... Manchmal ist es nicht die Wortwahl, manchmal ist es eine Botschaft, eine Botschaft, die ihn verlegen, manchmal vielleicht sogar ein wenig bescheiden macht... Keine Worte, keine Sätze, eine bloße Aussage ... und dann, dann ist alles über Bord geworfen, wie Frasen, die niemals gelesen werden wollten, die niemals vorhanden waren, die versuchten, Welten und weitere Welten zu zerbrechen, und dann ist es einfach nur da, verstanden und doch nicht verstanden, was soll's dann bloß noch sein..., ein Stück Prosa, mehr ist es nicht ... und so werden Gedanken verteilt ...
Das ist eine sehr interessante Reflexion zum Thema Kritiker.
Vielleicht lässt sich für mich damit die
"ich-Orgie in Prosa" ein Stück weit erkennbar machen...
 

Vitelli

Mitglied
Hallo, Mimi,

da hast du ein Gefühl / eine Gefühlslage sehr schön und anschaulich versprachlicht. Habe ich gerne gelesen.

VG,
Vitelli
 

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