Paul saß sehr tief in dem weichen, ledernen Beifahrersitz. Die Autofenster waren weit geöffnet und ein frischer Luftzug machte die Hitze im Wagen erträglich, fast angenehm.
Seine Mutter drehte das Radio auf und zündete sich eine Zigarette an.
Es spielte "Hey Jude", einer seiner Lieblingslieder.
Vor allem das Ende mit "Na na na nananana" musste er immer mitsingen.
Aber so richtig genießen konnte er das Lied heute nicht. Er war auf dem Weg zur Kirche.
In der Kirche sagten viele, "Die Beatles" seien ein Sprachrohr des Teufels.
Der Pfarrer sah das nicht so streng.
Pfarrer Fischer galt im Ort und noch weit darüber hinaus als eine Art moderner Heiliger. Er lebte äußerst bescheiden, fast ärmlich und fuhr das älteste Auto weit und breit. Er gab fast alles was er besaß für gute Zwecke, vor allem nach Afrika. Er war selber oft in Afrika unterwegs und hatte zahlreiche Initiativen gegen Hunger und Malaria ins Leben gerufen.
"Kannst du bitte den Sender wechseln? Ich kann das Lied nicht mehr hören", log Paul.
Später wartete Paul mit einer Gruppe von acht anderen Jungen seines Alters auf dem Rasen vor der Kirche auf den Pfarrer.
Sie machten eine Menge Lärm, redeten wild durcheinander und lachten.
Nur Dieter stand etwas abseits. Manchmal lachte er mit, aber es klang eher gezwungen.
Lutz war jetzt auf ihn aufmerksam geworden.
"Hey, Dieter, schicke Lederhosen hast du da! Hat deine Mama die dir rausgelegt?"
Einige lachten.
Alle anderen Jungs trugen Jeans. Lederhosen waren was für kleine Kinder.
Dieter senkte den Kopf
"Ich will die gar nicht tragen. Aber meine Eltern kaufen mir keine Jeans und ich hab kein eigenes Geld".
Die Jungen schienen ihm nicht zugehört zu haben.
"Sag mal Dieter, hast du eigentlich eine Freundin?" fragte Jürgen hämisch.
Wieder wurde gelacht.
Natürlich hatte keiner von ihnen zu diesem Zeitpunkt schon eine Freundin.
Jürgen klopfte ihm auf den Rücken.
"Naja, macht doch nichts, wenn du keine abbekommst. Dann wirst du halt Priester".
Dieter begann jetzt tatsächlich zu schluchzen.
Es war unerhört.
Aber er konnte sich einfach nicht mehr beruhigen.
Er weinte immer noch, als schließlich der Priester über den Rasen auf sie zukahm.
Sofort nahm er sich dem schluchzenden Kind an.
"Dieter, warum weinst du denn?"
Dieter antworte nicht. Er versuchte, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.
"Nun erzähl schon, mein Junge"
Jetzt sprach eines der anderen Kinder für ihn.
"Die anderen haben ihn die ganze Zeit geärgert und sich über ihn lustig gemacht".
Der Priester schien verwundert.
"Ist das Alles?"
Er lachte kurz, scheinbar erleichtert.
"So sind Kinder nun mal, sie ärgern sich ein bisschen. Wenn du sofort zu Weinen beginnst, werden sie dich erst recht ärgern".
Dieter würde jetzt still und blickte zu Boden.
Die Jungen betragen zusammen mit dem Priester die Kirche.
Der Gottesdienst lief ab, wie immer. Die Rede des Priesters war für Pauls Geschmack etwas zu lang.
Aber dann durfte er das Gefäß mit dem Weihrauch durch den Kirchenraum schwenken. Er liebte diesen seltsam einschläfernden Geruch.
Dann kam der Teil des Gottesdienstes, der immer gleich ablief.
Die Gemeinde wiederholte mit einer Stimme die bekannten Sätze.
"Wir bitten dich, erhöre uns"
Hier bekam Paul immer eine angenehme Gänsehaut.
Sein Lieblingsteil war aber, als alle zusammen murmelten
"Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen".
Das klang so ernst und feierlich, dass Paul diesen Satz zu Hause oft in Dauerschleife in seinem Kopf wiederholte. Dabei fühlte er sich, als höre er besonders schöne Musik.
Wegen diesen Dingen hatte er Messdiener werden wollen, nicht wegen den Bibelgeschichten, die er, so musste er sich eingestehen, oft etwas fade fand.
Nach dem Gottesdienst warteten die Jungen in einem Hinterzimmer auf den Priester.
Als dieser schließlich den Raum betrat, machte er ein betroffenes Gesicht.
"Kinder, es ist etwas sehr Ernstes passiert"
Er machte eine kurze Pause.
"Es fehlen dreißig Mark aus der Kollekte"
Paul wurde rot.
"Niemand außer euch hätte sie stehlen können".
Betretens Schweigen trat ein.
"Ich hoffe sehr, der Schuldige ist so anständig, es freiwillig einzugestehen" sagte Fischer.
Niemand sprach ein Wort.
"Also gut, dann muss ich eure Taschen durchsuchen", sagte Fischer entschlossen.
Aber noch während er den ersten Jungen abtastete, bemerkten Alle, dass Dieter rot geworden war und am ganzen Körper zitterte.
Fischer blickte ihn ernst an.
"Lehr deine Taschen, mein Junge".
Dieter schluchzte auf und holte ein paar Scheine aus seiner Tasche hervor.
Der Priester schüttelte mit trauriger Miene den Kopf.
"Mein Junge, warum hast du das gemacht?"
Dieter brachte kein Wort heraus.
"Noch so jung, und schon...".
Fischer sprach nicht weiter.
Niemand schaute Dieter an.
"Ich will einen Augenblick alleine mit dir reden", sagte Fischer und führte den schluchzenden Jungen aus dem Zimmer.
Keiner sagte etwas, bis zehn Minuten später der Priester mit dem Jungen zurückkam. Dieter wirkte wie ein Angeklagter, den man zum Tode verurteilt hatte.
Der Priester sah noch immer sehr ernst und betroffen aus.
"Ich habe Dieter von den Messdienern ausgeschlossen"
Er machte eine kurze Pause.
"Es ging mir nicht darum, ihn zu bestrafen. Es ging mir darum, euch anderen gegenüber fair zu sein. Ihr verdient Schutz".
Fischer hatte sehr ernst gesprochen.
Paul schaute betreten zu Boden.
Niemand sprach.
"Ich wünsche euch nun trotz allem noch einen schönen Sonntag"
Fischer drehte sich um und verließ mit gemessenen Schritten den Raum.
Im Gehen murmelte er, laut genug, dass alle es hören konnten: "Noch so jung..."
Paul war auf einmal übel.
Später saß er wieder neben seiner Mutter im Wagen. Er wollte ihr nichts von dem Zwischenfall heute erzählen. Irgendwie fühlte er sich schuldig.
Seine Mutter spürte das Schweigen und drehte das Radio auf.
Wieder liefen die Beatles. "Stawberry Fields forever".
Pauls Laune besserte sich schlagartig und er begann, laut mitzusingen.
Merkwürdigerweiße war es ihm gerade völlig egal, ob Gott das Lied nun auch gefallen würde, oder nicht.
"Das ist richtig gut, dreh lauter!"
Seine Mutter drehte das Radio auf und zündete sich eine Zigarette an.
Es spielte "Hey Jude", einer seiner Lieblingslieder.
Vor allem das Ende mit "Na na na nananana" musste er immer mitsingen.
Aber so richtig genießen konnte er das Lied heute nicht. Er war auf dem Weg zur Kirche.
In der Kirche sagten viele, "Die Beatles" seien ein Sprachrohr des Teufels.
Der Pfarrer sah das nicht so streng.
Pfarrer Fischer galt im Ort und noch weit darüber hinaus als eine Art moderner Heiliger. Er lebte äußerst bescheiden, fast ärmlich und fuhr das älteste Auto weit und breit. Er gab fast alles was er besaß für gute Zwecke, vor allem nach Afrika. Er war selber oft in Afrika unterwegs und hatte zahlreiche Initiativen gegen Hunger und Malaria ins Leben gerufen.
"Kannst du bitte den Sender wechseln? Ich kann das Lied nicht mehr hören", log Paul.
Später wartete Paul mit einer Gruppe von acht anderen Jungen seines Alters auf dem Rasen vor der Kirche auf den Pfarrer.
Sie machten eine Menge Lärm, redeten wild durcheinander und lachten.
Nur Dieter stand etwas abseits. Manchmal lachte er mit, aber es klang eher gezwungen.
Lutz war jetzt auf ihn aufmerksam geworden.
"Hey, Dieter, schicke Lederhosen hast du da! Hat deine Mama die dir rausgelegt?"
Einige lachten.
Alle anderen Jungs trugen Jeans. Lederhosen waren was für kleine Kinder.
Dieter senkte den Kopf
"Ich will die gar nicht tragen. Aber meine Eltern kaufen mir keine Jeans und ich hab kein eigenes Geld".
Die Jungen schienen ihm nicht zugehört zu haben.
"Sag mal Dieter, hast du eigentlich eine Freundin?" fragte Jürgen hämisch.
Wieder wurde gelacht.
Natürlich hatte keiner von ihnen zu diesem Zeitpunkt schon eine Freundin.
Jürgen klopfte ihm auf den Rücken.
"Naja, macht doch nichts, wenn du keine abbekommst. Dann wirst du halt Priester".
Dieter begann jetzt tatsächlich zu schluchzen.
Es war unerhört.
Aber er konnte sich einfach nicht mehr beruhigen.
Er weinte immer noch, als schließlich der Priester über den Rasen auf sie zukahm.
Sofort nahm er sich dem schluchzenden Kind an.
"Dieter, warum weinst du denn?"
Dieter antworte nicht. Er versuchte, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.
"Nun erzähl schon, mein Junge"
Jetzt sprach eines der anderen Kinder für ihn.
"Die anderen haben ihn die ganze Zeit geärgert und sich über ihn lustig gemacht".
Der Priester schien verwundert.
"Ist das Alles?"
Er lachte kurz, scheinbar erleichtert.
"So sind Kinder nun mal, sie ärgern sich ein bisschen. Wenn du sofort zu Weinen beginnst, werden sie dich erst recht ärgern".
Dieter würde jetzt still und blickte zu Boden.
Die Jungen betragen zusammen mit dem Priester die Kirche.
Der Gottesdienst lief ab, wie immer. Die Rede des Priesters war für Pauls Geschmack etwas zu lang.
Aber dann durfte er das Gefäß mit dem Weihrauch durch den Kirchenraum schwenken. Er liebte diesen seltsam einschläfernden Geruch.
Dann kam der Teil des Gottesdienstes, der immer gleich ablief.
Die Gemeinde wiederholte mit einer Stimme die bekannten Sätze.
"Wir bitten dich, erhöre uns"
Hier bekam Paul immer eine angenehme Gänsehaut.
Sein Lieblingsteil war aber, als alle zusammen murmelten
"Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen".
Das klang so ernst und feierlich, dass Paul diesen Satz zu Hause oft in Dauerschleife in seinem Kopf wiederholte. Dabei fühlte er sich, als höre er besonders schöne Musik.
Wegen diesen Dingen hatte er Messdiener werden wollen, nicht wegen den Bibelgeschichten, die er, so musste er sich eingestehen, oft etwas fade fand.
Nach dem Gottesdienst warteten die Jungen in einem Hinterzimmer auf den Priester.
Als dieser schließlich den Raum betrat, machte er ein betroffenes Gesicht.
"Kinder, es ist etwas sehr Ernstes passiert"
Er machte eine kurze Pause.
"Es fehlen dreißig Mark aus der Kollekte"
Paul wurde rot.
"Niemand außer euch hätte sie stehlen können".
Betretens Schweigen trat ein.
"Ich hoffe sehr, der Schuldige ist so anständig, es freiwillig einzugestehen" sagte Fischer.
Niemand sprach ein Wort.
"Also gut, dann muss ich eure Taschen durchsuchen", sagte Fischer entschlossen.
Aber noch während er den ersten Jungen abtastete, bemerkten Alle, dass Dieter rot geworden war und am ganzen Körper zitterte.
Fischer blickte ihn ernst an.
"Lehr deine Taschen, mein Junge".
Dieter schluchzte auf und holte ein paar Scheine aus seiner Tasche hervor.
Der Priester schüttelte mit trauriger Miene den Kopf.
"Mein Junge, warum hast du das gemacht?"
Dieter brachte kein Wort heraus.
"Noch so jung, und schon...".
Fischer sprach nicht weiter.
Niemand schaute Dieter an.
"Ich will einen Augenblick alleine mit dir reden", sagte Fischer und führte den schluchzenden Jungen aus dem Zimmer.
Keiner sagte etwas, bis zehn Minuten später der Priester mit dem Jungen zurückkam. Dieter wirkte wie ein Angeklagter, den man zum Tode verurteilt hatte.
Der Priester sah noch immer sehr ernst und betroffen aus.
"Ich habe Dieter von den Messdienern ausgeschlossen"
Er machte eine kurze Pause.
"Es ging mir nicht darum, ihn zu bestrafen. Es ging mir darum, euch anderen gegenüber fair zu sein. Ihr verdient Schutz".
Fischer hatte sehr ernst gesprochen.
Paul schaute betreten zu Boden.
Niemand sprach.
"Ich wünsche euch nun trotz allem noch einen schönen Sonntag"
Fischer drehte sich um und verließ mit gemessenen Schritten den Raum.
Im Gehen murmelte er, laut genug, dass alle es hören konnten: "Noch so jung..."
Paul war auf einmal übel.
Später saß er wieder neben seiner Mutter im Wagen. Er wollte ihr nichts von dem Zwischenfall heute erzählen. Irgendwie fühlte er sich schuldig.
Seine Mutter spürte das Schweigen und drehte das Radio auf.
Wieder liefen die Beatles. "Stawberry Fields forever".
Pauls Laune besserte sich schlagartig und er begann, laut mitzusingen.
Merkwürdigerweiße war es ihm gerade völlig egal, ob Gott das Lied nun auch gefallen würde, oder nicht.
"Das ist richtig gut, dreh lauter!"
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