Teuflische Einflüsterung

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Teuflische Einflüsterung

(satanisch geschüttelt von Rolf-Peter Wille)


Was liest Du den Aristophan?
Willst Du den Witz nur fade mischen?
Mach Dich mal an Mephisto ran.
Du musst mit fetter Made fischen!

Ach, spüre wie der Frust erlischt,
Wenn wir Dir dreiste Lieder flüstern.
Es blühet Deine Lust erfrischt
Und freudig wie der Flieder lüstern.

Santé! Trink mir vom hellen Bier
Und spür Dich alkoholisch beben.
Gleich magst Du munter bellen hier.
Das soll Dich diabolisch heben.

Sei Satanist und rauche Hasch.
Lass Deinen Geist recht teuer fauchen.
Doch Deine Seel verhauche rasch,
Damit wir sie ins Feuer tauchen.
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Rolf-Peter,

drei echte Schüttelreime hast Du drin. Ich kriege immer Zustände, wenn ich nach so etwas suche für meine Sachen.

Ja, ich hoffe Faust hört nicht unbedingt auf den Bösen.

Dir ein schönes Osterfest!:)
Liebe Grüße von Vera-Lena
 
Hallo Walther,

ja, das mag stimmen. "Sataniker" klingt ja auch unbeholfen. "Oh Satanist, so rauche Hasch." wuerde vom Metrum passen.

Liebe Gruesse,
Rolf-Peter
 
Liebe Vera-Lena,

oh ich vergass fast, dass es Ostern ist! Mal sehen wie Faust beim Osterspaziergang reagiert... (...aber weder Faust noch Ostern noch Mephisto noch Spaziergaenge kann es in Taipei geben...)

Liebe Gruesse und Frohe Ostern,
Rolf-Peter
 

LuMen

Mitglied
schwierig

Hallo Rolf-Peter,

das sind ganz überwiegend gelungene = Sinn machende Schüttelreime! Ich weiß, wie schwierig das ist, und kann Vera-Lena nur bestätigen. Nach stundenlangen Schüttelversuchen gebe ich dann meistens auf und wende mich lieber wieder, wenn schon speziellen Dingen, dann aber leichteren wie Klapphornversen oder Limericks zu.

Ich wünsche frohe Ostern in fernen Landen! Gibt´s in Taipeh auch Osterhasen?

Herzlich

LuMen
 
Hallo LuMen,

das Schuetteln ist mir, wegen der vielen Erdbeben hier, schon fast "im Blut". :)

Gibt´s in Taipeh auch Osterhasen?
Ja! Aber nicht nur zu Ostern. Weihnachten waren hier fast alle Verkaeufer, Busfahrer, etc. als Weihnachtsmaenner, bzw. -frauen verkleidet, aber bei einigen klebte hinten komischerweise auch noch ein "Bunny-schwaenzchen" dran. Irgendwer hat da beim design wieder uebertrieben..., na ja..., man sieht sich hier jeden Tag im Zerrspiegel. Fuer die satirische Inspiration ist das gut.

Frohe Ostern und liebe Gruesse,
Rolf-Peter
 

San Martin

Mitglied
Ich würde mich schwer tun, Inhalt (und vor allem normale Grammatik) der Form wegen zu opfern, aber ich erkenne an, wie schwer es sein muss, diese Schüttelreime 1.) zu finden und 2.) sinnvoll einzubauen. Dafür Respekt. (funktioniert aber nur bei gewollt lustigen Gedichten)
 
Hallo San Martin,

ja, Reime sind so ein "zweischneidiges Schwert" (entschuldige die banale Metapher). Eigentlich ist es nicht schlecht, wenn man durch einen Reim gezwungen ist, die Grammatik zu manipulieren, weil man manchmal doch auf Loesungen kommt, die rhetorisch ausdrucksvoller sind. Man steckt normalerweise in einer (umgangssprachlich bedingten) grammatischen Zwangsjacke und so ein Reim kann einem helfen, sich davon zu befreien. Es kann natuerlich auch genau den umgekehrten Effekt haben, naemlich dass die Grammatik kuenstlich wirkt. Bei Schuettelreimen nun, das muss ich zugeben, ist der Zwang einfach zu stark, den sie auf die Grammatik ausueben, und deswegen ist es wahrscheinlich auch fast unmoeglich, ein kuenstlerisch wertvolles Gedicht mit Schuettelreimen zu schreiben. Aber ein reizvolles Spielchen ist es dennoch... (gute Uebung! ungefaehr wie Chopin Etueden fuer Pianisten...)

Gruesse,
Rolf-Peter
 

San Martin

Mitglied
Man steckt normalerweise in einer (umgangssprachlich bedingten) grammatischen Zwangsjacke und so ein Reim kann einem helfen, sich davon zu befreien.
Das sehe ich für die Lyrik, die ich schreibe, anders. Je näher die Grammatik des Gedichts der normalen, "umgangssprachlichen" (in Wort und Schrift) Grammatik ist, desto natürlicher und wohlgeformter empfinde ich sie (das trifft natürlich nicht auf die Wortwahl zu). Dabei ist natürlich die gehobenere Grammatik von hochwertiger, wortgewandter Prosa das Ziel, keine Hauptsätze aneinanderreihende Vorschulgrammatik.

Aber das ist nur meine Sicht auf das, was ich versuche.
 
Wie wuerden die folgenden Beispiele wirken?

"Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er, sich in der Stadt umzusehen, Urlaub erbat; spät kam er wieder, und des anderen Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Haus. Mir war diese seltsame Benehmen unerklärlich, bis das Rätsel sich löste: Die schönen Französinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen,[...]

(aus Goethe: "Kampagne in Frankreich")

oder:

"Der Königssohn macht Halt
und nähert sich allein der reizenden Gestalt,
die, um zum wenigsten den Busen zu verzäunen,
genöthigt ist, den Alabasterglanz
von zwei untadeligen Beinen
der Lüsterheit der Männeraugen ganz,
wiewohl errötend, Preis zu geben."

(aus Wieland: "Hann und Gulpenheh")
 

San Martin

Mitglied
Goethes Prosa würde man so heute nicht mehr schreiben; bei erzählender Prosa erwarte ich mehr Klarheit, mehr zielgerichteten Drang zum Wesentlichen, weniger Verzierung, mehr Zug zur Aussage. Wielands Gedichtausschnitt besitzt eine ähnlich gehobene, verschachtelte Grammatik wie Goethes Prosa; noch dazu verwendet er zwei vom heutigen Leser nicht ständig benutzte Konstruktionen: "genötigt ist" und "Preis zu geben". Das wäre in einem kurzen Gedicht kein Problem; in einem längeren Gedicht, einer handlungsreichen Ballade z.B. würde ich mir einen einfacheren Ausdruck wünschen. Ich halte es da eher mit Rilkes fließender Lyrik, deren Sätze Zeilen- und Strophengrenzen sprengen und dabei ihre natürliche Struktur bewahren (seine Wortwahl ist allerdings oft kryptisch oder zumindest ungewöhnlich), oder wie Schiller hier schreibt:

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
"Dies alles ist mir untertänig",
Begann er zu Ägyptens König,
"Gestehe, daß ich glücklich bin."

(Ring des Polykrates)

Von daher möchte ich "Hauptsätze aneinanderreihende Vorschulgrammatik" relativieren. Hauptsätze sind dufte. ;) Da ist mir ein solcher Stil deutlich lieber als dreifach verschachtelte Nebensätze/Einschübe, die nur da sind, um Metrum & Reim zu stützen.
 
Den schlichteren Stil Rilkes liebe ich natuerlich ebenfalls. Als Musiker jedoch gefaellt mir die belebende Wirkung von Einschueben (wie im romantischen Stil Schumanns, zum Beispiel). Ein Wortkuenstler kann hier doch den Inhalt der Aussage rhetorisch zum Ausdruck bringen.

In einer Sprachlehre von W.E.Sueskind (Süskind, W.E.: "Vom ABC zum Sprachkunstwerk. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1965) sind seltsamerweise die beiden Zitate (Goethe und Wieland) als Beispiele ausdrucksstarker Wortstellung gegeben. Zunaechst, das muss ich zugeben, hat mich das Goethe Beispiel erschreckt. Dann habe ich jedoch, angeregt von Sueskind, den Paragrahen analysiert. Meine Erlaeuterungen sind etwas lang, aber vielleicht an dieser Stelle hier nicht uninteressant:

"Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er, sich in der Stadt umzusehen Urlaub erbat; spät kam er wieder, und des anderen Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Hause. Mir war dies seltsame Benehmen unerklärlich, bis das Rätsel sich löste: Die schönen Französinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen…"

Unmittelbar nimmt Goethes Sprache gefangen. Vor unseren Augen zeichnet er das Bild seines unruhigen Dieners, und wir lachen auf, erleichtert, wenn uns die "schönen Französinnen" als die Ursache seiner Unrast vorgezeigt werden. Welche künstlerischen Mittel benutzt Goethe hier? Schauen wir uns die Hauptworte an: Diener, Stadt, Urlaub, Haus, Benehmen. Nun, recht biedere Gesellen sind’s, alle aus Deutschen Landen, und nichts Bildhaftes oder Originelles strahlt von ihnen aus. Eigene Metaphern hat er sich hier nicht ausgedacht, der Goethe. "Es trieb ihn aus dem Haus", "das Rätsel löste sich", "sie hatten ihn nicht ohne Anteilnahme gelassen": dies sind Klischees. "Ohne Anteilnahme gelassen" mag uns exotisch klingen aber wohl auch nur, weil es veraltet ist. Oder haben hier die "schönen Französinnen" bereits ihren Glanz auf die "Anteilnahme" geworfen?

Nein, die Worte und Metaphern sind’s nicht. Das Bewundernswerte jedoch ist, daß es Goethe hier einzig mit dem Mittel der Wortstellung gelungen ist, die unruhige Stimmung des Bildes zu malen.

Ich werde nun ein kleines Experiment machen - sorry Goethe - und die Sätze seines Paragrahen in konventionelle Schemata zwingen:

"Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er sich Urlaub erbat, um sich in der Stadt umzusehen. Er kam spät wieder, und des anderen Morgens trieb ihn eine gleiche Unruhe aus dem Hause. Dies seltsame Benehmen war mir unerklärlich, bis sich das Rätsel löste: Die schönen Französinnen hatten ihn nicht ohne Anteilnahme gelassen…"

So, jetzt klingt es doch bereits wie ein braver Report! Wenn wir nun beide Beispiele lesen, zunächst "Fälschung" dann Original, so werden wir fühlen, daß im Original nur der letzte Satz mit den (unsoliden?) "Französinnen" einem soliden Deutschen Satzbau entspricht. Die operativen Eingriffe, die Goethe in den anderen Sätzen vorgenommen hat, erscheinen sehr subtil, aber verblüffend ist ihr Effekt (...und so allmählich merke ich nun auch, wie der Satzbau in meinem eigenen Essay sich vom Goetheschen hat anstecken lassen).

"Kaum hatte der Diener das Notwendigste ausgepackt" als Goethe, um Unruhe in diesen "als"-Satz zu bringen, ihn recht mutwillig unter dem Vorwand eines Stadtbesuches unterbricht. Dies verletzt sowohl die gute Sitte - ein anständiger Diener rennt nicht gleich in die Stadt (Trier, übrigens, am 23. August 1791) - als auch die "gute" Grammatik. Es erregt den Leser. Eine etwas hektische, konfuse Stimmung. Dann kam Goethes Diener nicht etwa nur spät wieder sondern "spät kam er wieder". Einen recht starken Akzent setzt Goethe hier auf das Adverb "spät", indem er es an den Anfang, den Kopf des Satzes setzt; und dann, "des anderen Morgens", treibt "die gleiche Unruhe" das Pronomen "ihn" vom Zeitwort "trieb" hinweg und treibt es somit fast schon "aus dem Hause".

Hier nun reißt Goethe uns gewaltsam aus der Welt seines Dieners. Er selbst ist es, Johann Wolfgang Freiherr von Goethe, der sich nun als "Mir" in den Salon und gegen dieses seltsame Benehmen seines Dieners stellt. Hier, in dem fast schon brutalen Aufeinanderprallen des Herren auf seinen Diener, erhöht Goethe die Spannung, die er dann auf so galant ironisierende Weise mit den "schönen Französinnen" wieder löst - ein Trugschluß würde man sagen, in der Musik.

Die raffinierte Manipulation der Wortstellung dient hier (fast schon wie der unruhige Diener) als rhetorisches Ausdrucksmittel und Goethe gelingt es so recht frisch und munter, uns, seine Leser, in sein Bild zu führen (verführen?), uns darin gefangen zu halten…, und dann sanft wieder hinauszuwerfen. Nicht Mittel der Logik ist die Grammatik hier. Kein braver Report. Ihr rationales Gefüge läßt sich anstecken, infizieren und inspirieren von der Eingebung selbst und versucht nun, das Bild als rhythmische Bewegung mitzuzeichnen.
 

San Martin

Mitglied
Meine Erlaeuterungen sind etwas lang, aber vielleicht an dieser Stelle hier nicht uninteressant:
Deine Erläuterungen sind hochinteressant. Der von dir umgeschriebene Paragraph ist so langweilig, dass ich beim Lesen jener paar Zeilen beinahe abgedriftet wäre - wenn ich mir eine Vorleserstimme dazu vorstellen sollte, wäre sie modulationsarm, also monoton.

Interessant auch deine tiefergehende Analyse der Art und Weise, wie Goethe eben jenen Effekt vermied, indem er die Wortstellung abänderte. Ich muss gestehen, dass mir dieses literarische Mittel bis jetzt nicht recht bewusst war - und genau das dürfte der Punkt sein. Goethe hatte, sieht man sich die schiere Menge seines Werkes an, gar nicht die Zeit, alle seine Texte im Bezug auf den Satzbau zu revidieren. Er hat, wenn ich das so tollkühn schlussfolgern darf, bereits beim Schreiben den Satzbau so abgeändert, dass er in seiner Wirkung zum Inhalt des Geschriebenen passt und ihn in der Aussage unterstützt. Goethe tat dies unbewusst, oder unterbewusst, wie auch immer - man kann nur annehmen, dass er beim Editieren an Stellen, die ihm "nicht passend erschienen", unter anderem auch den Satzbau solange modifizierte, bis von ihm, dem Gefühlsmenschen, alles als hinreichend perfekt wahrgenommen wurde. Sicher war ihm das stilistische Mittel bekannt, doch ist es im Laufe seines Lebens so in Fleisch und Blut übergegangen, dass eine bewusste Beschäftigung damit nicht mehr nötig war. Wir nun, die wir hilflos stochernd und kritzelnd seine Größe nachzuahmen suchen, müssen uns erst schmerzlich all seiner Kunstgriffe bewusst werden, bevor wir sie unbewusst in unser Repertoire einfügen. Durch deine Analyse ist mir nun auch etwas bewusst geworden, und dafür danke ich dir.

Martin.

PS: Now reading: West-Östlicher Divan. ;)
 
Hallo San Martin,

Danke fuer die Antwort, und entschuldige die verspaetete Reaktion. Ich wollte nur noch mal auf das Süskind Buch hinweisen, das unglaublich interessante Anregungen gibt (Wortlehre, Satzlehre, Stilkunde). Meine Eroerterungen basieren auf W.E. Süskind (Vater von Patrick): Vom ABC zum Sprachkunstwerk


(Ich hoffe, das klingt nicht nach Schleichwerbung, aber ich muss dies Büchlein einfach empfehlen)

Gruesse,
RP
 

San Martin

Mitglied
Danke für die Empfehlung! Ich würde das Buch auf meinem Wunschzettel vermerken, wenn Amazon diese Option auch bei nicht im Lager befindlichen Büchern erlauben würde. Grrr@amazon.
 

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