the world of Kerry Minnear

Um diese Zeit läuft eben im Radio wirklich nur Scheisse. Ich drehe ewig, bis ich wenigstens Shakin' Stevens reinbringe und muss laut lachen über diesen bekloppten Heini. An irgendeiner Kreuzung im Westend hält so ein Rotzlöffel in einem Pizzalieferwagen neben mir und will wissen, ob meine Karre mit Stadtgas fährt. Findet das unheimlich komisch. Er zieht ab und ich fahre betont langsam. Ich will zu Didier.
Hillary sagte mir gestern, dass er seit zwei Wochen wieder aus Europa zurück sei. Und dass er nicht nach mir gefragt hätte. Ich will eigentlich nicht zu Didier, weil er mir ständig nur Vorträge hält, einen Sermon nach dem andern. Er bildet sich ein, er sei mein Gewissen. Er steht, nur in kurzen Hosen, auf seiner Veranda und glotzt mit so einem Teleskop an den Nachthimmel. Dreht sich nicht mal um nach mir. Ich setze mich in den Liegestuhl und wir sagen beide nichts. Ich sehe ihm zu und er starrt an den Himmel, als könnte er dort Marsmeschen sehen. Hin und wieder schreibt er was in ein Heft.
Ich frag ihn, was so geht, wie Paris war. Er meint, er war nur in Rom und Venedig und Ravenna und so. Die Frauen seien enorm hübsch dort. Da kommt zu meiner Überraschung Helen aus seinem Haus. Sie hat einen Longdrink für mich mit gebracht und begrüsst mich mit einem langen Kuss. Ich lauf ein Stück auf der Veranda rum und rauche und überlege, ob ich Didier sein Scheiss Teleskop über den Schädel haue. Ich erzähle ihm die Sache mit Steve und er setzt sich nun hin und hört mir aufmerksam zu. Dann geht er ins Haus und holt sich einen Drink und einen Player mit einer Scheibe von Gentle Giant. Er fährt total ab auf diesen Kunstrock Mist. Als ein Flötensolo kommt, müssen wir still sein, weil er das total toll findet. "Kerry Minnear ist der einzige, der in diser guten alten Zeit seinen Synthi genau so hat klingen lassen, wie er auch wirklich klang: rauh und unbearbeitet. Keine nachgeahmten Streicher, keine überflüssigen Effekte..." Helen nickt lebhaft, als hätte sie Artrock studiert und schaut die ganze Zeit den Player an. Ich frage Didier, ob er den Finger mal aus dem Arsch nehmen könnte. Da gibt er mir einen kleinen Stein, der einen Teil einer Frau darstellen soll. Er hätte ihn bei einer römischen Terme gekauft, die Leute sagten dort, es bringe dem Besitzer Glück und Potenz. Helen lacht. Ich lache und kippe meinen Drink aus. Didier ist völlig anders jetzt.
Als ich mich verabschieden will, sagt Helen, dass sie nicht hier pennen will und nicht weiss, wie sie in die Stadt kommen soll. Sie setzt sich in meinen Wagen und ich denke mir, dass ich sie so brutal ficken werde, wie ich nur kann. Als wir bei mir sind, werde ich weinerlich und sie erzählt von Didiers Europabericht. Sie will vorher nichts ziehen und mittendrin verliere ich völlig die Fassung und sie beruhigt mich und lacht nicht. Sowas passiert eben.
 

visco

Mitglied
Hi Ed!

Ich habe jetzt drei Texte von dir gelesen (das zweite reich, rückgängig und diesen), und daß sie keine stand-alone´s sind, liegt wohl auf der Hand.
Von den bisherigen gefällt mir übrigens dieser am besten, aber das halte ich nicht länger für relevant. Mich interessiert vielmehr der Zusammenhang - sofern es einen gibt, was ich aber sehr begrüßen würde.
In meinen Augen fügen sich die lebendig geschilderten Situationen nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Falls dies auch so beabsichtigt ist, dann sollte früher oder später ein roter Faden zu erkennen sein, eine Entwicklung vielleicht, die dein Protagonist durchmacht.
Auch könnte ich mir vorstellen, daß du dich mit deinen Geschichten ganz vorsichtig einem zentralen Ereignis (einer Art Finale) näherst, uns sozusagen zunächst den Hintergrund als Motiv lieferst, und das fände ich am allerbesten.
Nun magst du mir widersprechen - oder auch nicht. Möglicherweise hast du dich ja auch noch nicht entschieden. Ich dachte nur, es würde dich interessieren, welche Erwartungen deine im Zusammenhang gesehenen Geschichten erwecken können.

Lieben Gruß
 
Ja, es interessiert mich. Und ja, ich habs mir so gedacht, dass noch ein zentrales Ereignis kommt. Nur wird es vielleicht nicht als solches durchgehen. Das mit dem Gesamtbild kommt meinen Vorstellungen recht nahe. Aber die Gesamtaufnahme ist mehr als die Summe aller Einzelbilder. So wenigstens ist es gewollt. Und so sprachs Mister Edward.
 
E

ElsaLaska

Gast
da kommt elsa, leicht verspätet,

dafür hat sie aber einen herrlich gekühlten chateau de capitoul dabei, einen 98er rosé natürlich , keinen roten, wer will den schon einen roten bei diesen temperaturen.
jedenfalls beschlägt die flasche gerade, und sie wird uns guttun, eddiemaus. er ist schon ein bisschen alt für einen rosé, aber das gibt ihm die gewünschte gravitätische note.
das gefällt mir sehr sehr gut, was du da geschrieben hast. es ist weniger abgefuckt wie die anderen teile, und diese bemerkung von didier über den synthi von gentle giants ist einfach klasse. ich liebe solche verschrobenen aussprüche, sie haben einen eigenen humor, wie ich finde. allerdings ist er ein wenig zu künstlich geraten, dafür dass didier in sozusagen freihändig aus dem stand ihn die mitte der veranda wirft.
wie findest du, wenn du erlaubst, diese version:"Kerry Minnear ist der einzige, der seinen synthi genau so hat klingen lassen, wie ein Synthi wirklich klingt: rauh und unbearbeitet. Keine nachgeahmten Streicher, keine überflüssigen Effekte, keine Halls in dieser guten alten Zeit."
Da ich mit Art Rock rein gar nix am hut habe, frage ich an dieser stelle auch nach: wieso flötensolo- dann übergangslos eine analyse des synthi?
oder ist das ein synthisolo, das nach flöte klingt? dann passt aber der ausspruch von didier nicht mehr so gut.dann hast du einen bruch erzeugt....
den anfang habe ich ÜBERHAUPT nicht verstanden, ich fand ihn auch nicht besonders gut.
am schluss stört mich der allerletzte satz. ich würde das alles einfach so stehen lassen. das helen nichtlacht. das ist völlig ausreichend.
vermisst habe ich eine etwas aussagekräftigere beschreibung von didier, und auch eine beschreibung der drinks. ab und zu ein paar details, allerdings ohne zu übertreiben, täten deinem text ganz gut.

liebe grüsse
elsa
 
Na endlich, liebste Elsa, ich wollte schon meine schriftstellerische Karriere an den Nagel hängen. Ohne dich bin ich nichts. Dementsprechend der Wunschzettel.
So erkläre mir denn, o holde Muse, warum der Anfang so schwierig ist. Sitzt ein Typ nachts im Wagen, sucht gute Musik zum Fahren und will jemanden besuchen. Grosse Stadt, alles leer, nur dumme Rotzlöffel unterwegs, die Wettrennen machen wollen - oh, was mache ich denn? Ich paraphrasiere ja! Stop stop, genug davon.
Das Flötensolo hingegen ist etwas umständlich formuliert, geb ich zu. Zuerst kommt das Solo von Gary Green, dann stimmt eine markant-typische Synthipassage ein. Es liest sich verwirrend, und vielleicht ändere ich es, wenn ich mal Lust habe. So, was jetzt noch? Ach ja, der Art Rock. Ach, Elsa, da haste aber was verpasst, Kerry ist wirklich klasse. Das da heut keiner mehr drauf steht, ts! Gentle Giant haben mal gesagt: Entweder lieben uns die Leute, oder sie hassen uns. Nichts dazwischen. Tja, sind die Fronten wohl geklärt. Und nun komm und setz dich her mit deiner Pulle, auch wenns ein Rosé ist. Von dir trink ich alles, denn ich bin Mister Ed.
 
E

ElsaLaska

Gast
ich muss immer wieder eine gewisse

mäkeligkeit feststellen, wenn ich dir ein fläschchen wein mitbringe. scheinbar kann man es dir nicht recht machen! also dann schlappe doch an deinen kühlschrank und hole einen weissen raus, mir egal!
den anfang habe ich tatsächlich nicht kapiert. das liegt aber daran, dass sich niemand traut, mit mir rennen zu fahren:D
ich schätze deine lakonische erzählweise sehr, aber das mit dem stadtgas ist mir dann doch gar zu lakonisch. denke bitte an all die leser, die noch nie rennen in der stadt gefahren sind. was sollen sie also mit dem stadtgas anfangen?
und hippeln die rennwilligen auch nicht immer so auf dem gaspedal rum, wenn sie an der ampel stehen? so sieht mans zumindest in den filmen... ich habe also dieses immer wieder betont laute aufheulen des gaspedals vermisst. oder einfach ein gedanke deines heldens: ich habe keine lust, mit dem typen ein rennen zu starten oder sowas. dann kommt das "betont langsam" losfahren nämlich auch viel toller rüber. wenn mans dann kapiert hat.
mit art rock habe ich tatsächlich nichts am hut. aber wir können uns die russisch-orthodoxe messe aus dem kloster sagorsk anhören, wenn du magst....:D
übrigens will ich dich schon die ganze zeit fragen, wann du in hd studiert hast (du hattest es mal irgendwo erwähnt), ich war nämlich von 91 bis 95 dort.
womöglich kennen wir uns aus der sonder-bar;)?
liebe grüsse
elsa
 
eddie recommends:

Hey Elsa, du hast doch die Nummer mit dem Stadtgas kapiert, also funktioniert es doch irgendwie. Und alle, die dümmer sind als du, können sich ja mit Herzschmerztexten beschäftigen. Jedem kann ichs sowieso nicht Recht machen. Also will ich es mir Recht machen. Und dir vielleicht noch, wenn möglich. Aber dann ist Schluss.
Das mit dem Gas geben kannste knicken, das gibts nur noch im Film. Selbst die dummen Rotzlöffel (und Eddiemaus ist selbst mitunter einer davon) haben bei den derzeitigen Benzinpreisen Skrupel. Es sei denn, es ist eine Tussi dabei, die es zu beeindrucken gilt. Aber bitte sag mir, dass ich das bei dir nicht nötig hab, Elsa! Ich trink auch gehorsam jeden Rosé, den du mir bringst. Obwohl ich den Nachgeschmack nicht schätze, der tief in den Wangen sitzen bleibt, und der fast jedem Rosé eigen ist (ein paar Australier und neuerdings auch Lieferungen aus Sizilien muss man da als wohlschmeckend ausnehmen). Aber ich gebe zu, dass ich nur schwer zu befriedigen bin. Im Gegensatz zu meinem Helden Clay vielleicht. Aber dazu mehr im nächsten Werk. Stay tuned, honey!
 

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