Überfahrt

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Auf offener See
wirft das Schiff
seine Treppen ab.

Sie stehen einen Augenblick
im Wasser,
Stufe um Stufe.
Dann kriecht das Meer hinauf.

Unter Deck
brechen die Türen
aus den Rahmen.
In den Kabinen
hebt es die Schlafenden
aus den Mulden
ihrer Betten.

Die Bullaugen saugen sich voll.
Das Schiff holt Luft,
und die Koffer fliegen auf.
Kleider treiben
durch die Gänge.
Ärmel greifen
nach den Händen
der Passagiere.

Schrauben drehen sich
aus ihren Gewinden.
Nieten fallen
in die Tiefe.

Jemand presst seinen
Kabinenschlüssel
gegen die weich gewordene Wand.
Um seine Faust schließt sich
stummes Zittern.

Die Motoren setzen aus.
Das letzte Licht verliert
seinen Halt.

Als der Kiel sich biegt,
reißt am Heck die Flagge.

Noch lange treiben Fetzen
über dem dunklen Rücken.

Darunter
übt ein ungeheures Herz
den nächsten Schlag.
 
Liebe Ubertas,
Ich sehe „Überfahrt“ als den Verlust einer vertrauten Ordnung. Das Schiff kann für unser Leben stehen: Es trägt uns, bietet Räume, Betten, Türen und scheinbar festen Halt. Dann löst sich alles, was Sicherheit verspricht. Besonders eindringlich ist der Kabinenschlüssel: Jemand hält noch am Werkzeug der alten Ordnung fest, während die Wand bereits weich geworden ist. Der Schlüssel passt zu einer Welt, die es gerade nicht mehr gibt.

Das Unheimliche entsteht auch dadurch, dass die Dinge lebendig werden: Das Meer kriecht, die Ärmel greifen, das Schiff holt Luft. Die Menschen verlieren ihre Handlungsmacht, während ihre Umgebung handelt. Die kurzen Verse lassen diesen Vorgang Schritt für Schritt geschehen; die nüchterne Sprache verstärkt den Schrecken.

Der Schluss hält die Bedeutung offen. Das „ungeheure Herz“ kann der Herzschlag des Meeres sein, eine bedrohliche Macht oder ein Leben, das unter dem Untergang weitergeht. „Ungeheuer“ trägt beides in sich: Größe und Schrecken. Deshalb würde ich den nächsten Schlag nicht vorschnell als Hoffnung deuten. Er verspricht Fortdauer, aber keine Geborgenheit.
Du fühlst dich in einer gewissen Orientierungslosigkeit von meinem Gedicht erkannt. Das ist eine sehr persönliche Rückmeldung, die mir nahe geht.
Die greifenden Ärmel verdichten dieses Gefühl: Es bleibt offen, ob sie Halt anbieten oder die Passagiere mit sich ziehen. Selbst eine scheinbar rettende Geste wird unheimlich.
Danke für deinen sinnstiftenden Unterwasserblick und die freundliche Besternung.
Beste Tauchergrüße
Chandrika
 



 
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