Unerwarteter Halt

4,50 Stern(e) 4 Bewertungen

Susifahni

Mitglied
Vor einigen Jahren nahm ich an einem Humorseminar teil. Ein Satz der mir davon besonders in Erinnerung blieb ist: „ Blamiere dich täglich!“ Und die erste Assoziation dazu ist meine Mutter. Sie ist, glaube ich, die Weltmeisterin in der Disziplin „peinliche Geschichten“.

Letzte Woche saß ich am Esstisch in ihrer Küche, wie immer wenn ich sie besuche. Sie war gerade damit beschäftigt Wasser in die Filterkaffeemaschine zu gießen, als sie ganz nebenbei erwähnte:
„ Ich glaube, ich muss mir einen neuen Zahnarzt suchen“.

Ich war ziemlich erstaunt. Schließlich ist meine Mutter nicht der Typ der Veränderungen schätzt. Besonders was Ärzte betrifft, habe ich noch nie erlebt, dass sie von sich aus einen Wechsel angestrebt hatte. Ein Arztwechsel wurde nur vorgenommen, wenn der jeweilige Arzt wegzog, in Pension ging oder gar verstorben war.

Gespannt fragte ich sie, was denn Schreckliches passiert sei, dass sie den Zahnarzt wechseln wollte. Denn es musste schon etwas Bedeutsames sein.

„ Das kann ich dir unmöglich erzählen“, zierte sich meine Mutter.

„Na komm schon, jetzt hast du mich neugierig gemacht“, versuchte ich sie zu überreden.
Nach einigem Hin und Her konnte ich ihr die Geschichte entlocken.

Seit einigen Tagen plagten sie leichte Zahnschmerzen. Sie hasste Zahnarztbesuche und zögerte eine Behandlung immer so lange wie möglich hinaus. Aber schließlich überwog das Pochen in ihrem Mund ihre Abneigung und widerwillig machte sie sich auf den Weg. Die Ordination lag nur 10 Minuten zu Fuß entfernt.
Eigentlich wollte sie vorerst nur einen Termin ausmachen, aber Schmerzpatienten haben Vorrang und sie wurde sofort aufgefordert Platz zu nehmen. Die 5 Minuten Wartezeit erschienen ihr wie eine Ewigkeit.
Schon allein der Geruch des Desinfektionsmittels, der alle anderen Gerüche dominierte verursachte meiner Mutter Übelkeit. Aber dann drang auch noch dieser hohe singende Ton eines in Aktion befindlichen Bohrers in ihr Ohr. Sie sprang auf in der Absicht, diese Stätte zu verlassen, als die Assistentin erschien.
„Folgen sie mir“, sagte sie in bestimmtem Ton.

Die Sorge davor, eventuell unhöflich wirken zu können war stärker als ihr Fluchttrieb, also folgte sie der jungen Frau nach Nebenan. Der Raum wurde dominiert von dem riesigen Behandlungsstuhl. Eine Geste bedeutete ihr, sich auf das Monstrum zu setzen. Meine Mutter ist nicht allzu groß und sie hatte einige Schwierigkeiten hinaufzukommen.
Gerade als sie eine halbwegs angenehme Position eingenommen hatte erschien der Arzt in der Tür. Zur Begrüßung nickte er nur kurz mit dem Kopf und setzte sich auf seinen Rollhocker. Wie immer umgab ihn eine Wolke Nikotin. Er zog sich seinen Mund-Nasenschutz hinauf. Ein weiteres Nicken wurde richtig erkannt und meine Mutter öffnete den Mund.
„Schmerzen?“
„Ja“
„ Hier?“
„ Ja“.
Beide waren keine Freunde großer Worte und so genügte dieser kurze Austausch für den Arzt um mit seiner Arbeit zu beginnen.
Routiniert griff er nach dem Bohrer, während die Assistentin von der anderen Seite den Speichelsauger in ihren Mundwinkel schob. Sofort erklang das unheilvolle Singen des gefürchteten Instruments und meiner Mutter standen die Haare zu Berge. Jeder Muskel in ihrem Körper war bis aufs äußerste gespannt und Schweiß drang aus allen Poren. Das plötzliche Vibrieren, als der Bohrer den Zahn berührte ließ meine Mutter verzweifelt nach Halt suchen. Aber trotz der riesigen Dimension des Stuhles suchte sie vergebens nach Armlehnen.
Schließlich bekam sie mit ihrer linken Hand den Kittel der jungen Frau zu fassen. Währenddessen ruderte die rechte Hand weiter unkontrolliert durch die Luft. Endlich traf sie auf Widerstand und krallte augenblicklich ihre Finger darum.
Dann passierten viele Dinge fast zeitgleich. Der Zahnarzt gab ein schmerzerfülltes Schnauben von sich und riss im selben Moment den Bohrer aus dem Mund meiner Mutter. Der Assistentin entfuhr ein Glucksen und danach war sie krampfhaft bemüht weitere Lautäußerungen zu unterdrücken. In den Augen meiner Mutter spiegelte sich Unverständnis ob der unerwarteten Unterbrechung. Bis der Zahnarzt nach einem tiefen Atemzug mit trockener Stimme sagte:
“ Sie können jetzt loslassen“.
Röte schoss meiner Mutter ins Gesicht. Hastig zog sie ihre Hand vom Schritt des Arztes.
Sie hätte sofort die Flucht ergriffen wäre nicht der Speichelsauger gewesen, der fröhlich weiter dieses ekelerregende schlürfende Geräusch verursachte. Nach einigen weiteren tiefen Atemzügen vollendete der Zahnarzt schweigend sein Werk.
Und in dem Moment, als er zum Zeichen, dass er fertig war die Latexhandschuhe von den Händen zog sprang meine Mutter leichtfüßig wie eine Gazelle vom Stuhl und verließ fluchtartig, ohne nach rechts oder links zu blicken den Ort ihrer Pein.
Sie setzte nie wieder einen Fuß in diese Praxis.
 
Zuletzt bearbeitet:

hein

Mitglied
Hallo Susifahni,

einige zusätzliche Absätze und Leerzeilen für das Ganze lesbarer machen.

Ansonsten schöne Geschichte,

LG
hein
 
Was mich hier positiv beeindruckt, Susifahni, sind Sprache und Stil. Gerade die routinemäßigen Abläufe innerhalb der Praxis sind sehr exakt beschrieben. Über kleine Schönheitsfehler wie fehlende Kommas usw. kann man dann hinwegsehen. Ich muss aber zugeben, dass mir der Plot an sich persönlich nicht zusagt. Ich würde aus einem solchen kurzen Missgriff keine lustige Geschichte machen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Nein, werter Hein, auch beim Zahnarzt kann sich sonst noch vielerlei ereignen, das zu humoristischer Verarbeitung einlädt. Im Übrigen war das, was du zitierst, nur eine Randbemerkung bezüglich meines persönlichen Geschmacks. Das ist nicht in meine Bewertung des Textes eingeflossen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
An alle in der Runde: Würde man es auch lustig finden, wenn ein männlicher Patient sich versehentlich auf ähnliche Weise an einem primären weiblichen Geschlechtsmerkmal festkrallen würde? Ich kann mir vorstellen, dass der oder die eine oder andere das dann degoutant finden würde. Was folgt daraus? Der Intimbereich heißt nicht ohne Grund so. Das bedeutet gewiss nicht, dass insoweit keine Darstellung erlaubt wäre. Es bleibt aber eine delikate Angelegenheit.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

Susifahni

Mitglied
Vielen Dank für die konstruktiven Vorschläge und die rege Diskussion. Ich bin absoluter Anfänger und weiß das sehr zu schätzen.
Diese Geschichte entspringt nicht meiner Phantasie. Sie hat sich genau so zugetragen. Ich musste keine lustige Geschichte "daraus machen ". Es genügte, sie nur aufzuschreiben. Die Fragen, ob es beim Zahnarzt Anderes zu schreiben gäbe oder ob die Geschichte genauso lustig gewesen wäre, wenn die Geschlechter vertauscht gewesen wären habe ich mir deshalb nicht gestellt.
Besten Dank und freundliche Grüße
Susifahni
 

Isbahan

Mitglied
Ich finde diese kleine Geschichte amüsant - vielleicht, weil ich mal Zahnarzthelferin war ;) und den panischen Griff von Patienten kenne.
Allerdings kannte ich die Story bereits so ähnlich als Witz, wo der Zahnarzt die Patientin etwas überheblich fragt: "Na, Sie haben doch wohl keine Angst vor dem bisschen bohren?", und sie ihm beherzt ans Gemächt greift und sagt:" Jetzt nicht mehr ... "
 
Der von Isbahan mitgeteilte Witz ist tatsächlich gut, darüber kann ich auch lachen. Das ist es eben: Er ist als witzige Übertreibung sofort erkennbar, wohingegen dem hier erzählten Fall der Geruch einer tatsächlich abgelaufenen Peinlichkeit intensiv anhaftet. Ich kann mich in sie sehr gut hineinfühlen, aber nicht darüber lachen. Bin ich wirklich der Einzige, dem das hier so geht?

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

Susifahni

Mitglied
Die tatsächlichen Peinlichkeiten sind doch die Würze des Lebens. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Und es ist schließlich niemand wirklich zu Schaden gekommen. Das weiß ich mit Sicherheit. Übrigens, diese Geschichte wird in der Familie oft und gern erzählt und wir lachen alle gemeinsam darüber, auch meine Mutter.

Liebe Grüße
Susifahni
 
Die tatsächlichen Peinlichkeiten sind doch die Würze des Lebens.
Dieses Würzmittel verwende und konsumiere ich nur in geringer Dosis gern. Es gibt so viele andere, mir besser mundende. Aber all das ist ja tatsächlich nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die Qualität des Textes berührt es nicht.

Zum Abschluss eine Erinnerung, die mir gerade in den Sinn kommt: Vor Jahrzehnten war ich mal zufällig am Christopher Street Day in Basel. Im Stadtzentrum boten aus diesem Anlass Aktivisten Selbstgebackenes in Penisform den Passanten gratis an. Und tatsächlich griffen manche zu, vor allem Frauen, und bissen herzhaft hinein. Mahlzeit!
 

Susifahni

Mitglied
Ich mag es, wenn Menschen mit Sprache so gut umgehen können wie du Arno Abendschön.
Das ungewöhnlich geformte Gebäck würde ich nur im äußersten Notfall als Nahrung in Erwägung ziehen.
 

Susifahni

Mitglied
An alle in der Runde: Würde man es auch lustig finden, wenn ein männlicher Patient sich versehentlich auf ähnliche Weise an einem primären weiblichen Geschlechtsmerkmal festkrallen würde? Ich kann mir vorstellen, dass der oder die eine oder andere das dann degoutant finden würde. Was folgt daraus? Der Intimbereich heißt nicht ohne Grund so. Das bedeutet gewiss nicht, dass insoweit keine Darstellung erlaubt wäre. Es bleibt aber eine delikate Angelegenheit.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

Susifahni

Mitglied
Ich habe über diese Frage nachgedacht. In meinem Beruf als DGKP kommt es nicht selten vor, dass ich aufgrund von Angst oder Panikattaken "unsittlich" berührt wurde. Da stellt sich mir die Frage: " Was versteht man unter unsittlicher Berührung?" Für mich muss da schon ein Vorsatz dabei sein. Hätte ich alle Übergriffe, verbal oder physisch, welche im Zuge einer Panikattacke passiert sind, ernst genommen, würde ich diesen Beruf längst nicht mehr ausüben. Und nach dem ersten Schreck habe ich immer gemeinsam mit dem Patienten darüber gelacht.
 

Mistralgitter

Mitglied
Hallo Susifahni,

jetzt habe ich den Text und die Kommentare sich ein bisschen setzen lassen und darüber nachgedacht. Der Text ist für mich ein Grenzfall.
Auf der einen Seite ist er gut zu lesen und wirklich gut geschrieben (bis auf fehlende Kommata, aber das wurde schon gesagt), auf der anderen Seite will ich als Außenstehende diese Begebenheit nicht wissen und auch nicht darüber lächeln, jedenfalls nicht in einem isoliert dastehenden Text. Ähnlich hat ja auch schon Arno Abendschön geschrieben.
Ich frage mich: Wann ist eine witzige (in diesem Fall peinliche) Begebenheit für einen Außenstehenden humorvoll? Indem man sie wahrheitsgetreu nacherzählt? Für mich gehört eine "literarische" Ver- (Be-)arbeitung dazu.
Ich könnte mir vorstellen, dass der Text seine Berechtigung eher bekäme, wenn er eingebettet in einen größeren Zusammenhang würde, wenn du z.B. über deine Mutter insgesamt Erinnerungen schreibst und er dann als Anekdote erzählt würde. Das ist natürlich ein größeres Unterfangen. Das Humorseminar, das dich zum Aufschreiben animierte, reicht mir als Aufhänger nicht.
Ich will dich allerdings nicht entmutigen. Schreibtechnisch ist es gut.

Andere denken anders darüber, ich weiß.

Liebe Grüße
Mistralgitter
 

Susifahni

Mitglied
Hallo Mistralgitter
Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich über die positive Kritik, meinen Schreib Stil betreffend. Das Problem der fehlenden Kommata begleitet mich schon mein Leben lang. Ich habe deshalb diesbezüglich keine allzu große Hoffnung auf Besserung.
Was Menschen lustig finden und was nicht, ist sehr individuell und mit Sicherheit auch im Zusammenhang mit den eigenen Erfahrungen oder der eigenen Lebenseinstellung insgesamt zu sehen. Für mich selbst macht es auch schon einen Unterschied, in welcher Grundstimmung ich beim Lesen eines Textes bin. Was ich an einem Tag extrem lustig empfinde, entlockt mir an einem anderen Tag höchstens ein müdes Lächeln oder peinliches berührt sein.
Liebe Grüße
Susifahni
 

Oben Unten