Unrechtfall

Anders Tell

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Unrechtfall

Gemeindeoberinspektorin Mechthild Sprünken war völlig eins mit ihrer Funktion als Zahnrädchen im Getriebe des Bauordnungsamtes. Die eidliche Dienstverpflichtung, die Würde ihrer wichtigen Aufgabe und die Kenntnis der Gesetze gaben ihr den Rückhalt, sich für alle Fälle gerüstet zu fühlen. Die exakte Befolgung der Rechtsnormen bestimmte ihre Grundsätze und sie konnte penetrant darauf bestehen. Dieses Pochen auf Paragraphen hatte ihr unter Kollegen den Spitznamen Spechthild eingebracht. Sie legte großen Wert auf ihre Rangbezeichnung, obwohl dessen Benutzung kaum noch verbreitet war. Sie saß aufrecht hinter ihrem peinlich aufgeräumten Schreibtisch, auf dem nur die Akte des anstehenden Termins lag.
Der Bürger Arno Brandl erschien pünktlich.
“Ich habe Sie eingeladen, um Sie über die rechtliche Situation in Ihrer Angelegenheit zu belehren.”
GOI Sprünken setzte ihre amtliche Miene auf und sprach mit Betonung: “Es gibt keinen Bestandsschutz im Unrechtfall.”
Bürger Brandl schaute perplex und wirkte überfordert. Die Inspektorin entsann sich des Seminars, an welchem sie vor Kurzem teilgenommen hatte, in dem es um bürgernahes Verhalten ging und in dem die Behörde als moderner Dienstleister verstanden wurde. Also schaltete sie um auf die zugewandte Methode, die sie in vielen Rollenspielen eingeübt hatte.
“Sehen Sie, nur weil ein Zustand schon lange besteht, sichert dies nicht seinen Fortbestand, wenn die Ursache sich im Unrecht befand.”
“Aber es hat nie jemanden gestört und auch keinem geschadet.”
“Sie haben auf der Giebelseite des in Rede stehenden Gebäudes ein Fenster eingebaut, welches durch die Baugenehmigung nicht abgedeckt war, weil es in der Bauzeichnung, die Grundlage der Entscheidung war, nicht berücksichtigt wurde.”
“Mein Vater und das Ganze liegt vierzig Jahre zurück.”
“Dem habe ich Rechnung getragen und kein Bußgeld erhoben, weil Sie nicht der Verursacher waren. Dennoch treten Sie in alle Verpflichtungen des Erblassers ein und sind gehalten, den genehmigten Zustand herbeizuführen.”
“Was heißt das konkret?”
“Ich werde dahingehend bescheiden, dass das Fenster binnen Frist zurückgebaut werden muss.”
"Dagegen lege ich Widerspruch ein.”
“Das ist Ihnen unbenommen. Ihre Aussichten sind aber gering, damit durchzudringen.”
“Und wenn ich jetzt einen veränderten Antrag mit eingezeichnetem Fenster stellen würde?”
“Können Sie damit den Rechtsbruch nicht heilen. Da könnte ja jeder rechtswidrige Fakten schaffen und durch Korrektur des Antrags seine Wünsche durchsetzen.”
“Und wenn ich mich schlicht weigere?”
“Erhalten Sie eine erneute Aufforderung, die natürlich bebußt ist.”
“Und wenn ich auch diese Frist tatenlos verstreichen lasse?”
“Werde ich einen Verwaltungsakt erlassen und unseren Betriebshof beauftragen, das Fenster von außen zu zumauern."
“Sicher ein gefundenes Fressen für die Lokalpresse, wenn sie live zeigen können, wie ein Bürger in seinem Zuhause eingemauert wird.”
Inspektorin Sprünken zeigte sich wenig beeindruckt. Brandl fragte sich, ob diese Begegnung mit Wesen aus der Verwaltung nicht etwas Unwirkliches hatte. Er konnte sich die Inspektorin in keinem anderen Lebensbereich vorstellen und stellte sich bereits vor, dass sie mit den Akten zusammen nach Feierabend in den Schrank gehängt wurde, um sie anderen Tags wieder auf ihren Stuhl zu setzen. Selbst Alexa zeigte manchmal mehr Seele.
Mit diesen Gedanken machte er sich auf den Heimweg. Er wusste noch nicht, wie er weiter vorgehen würde. Er war zu sehr mit dem Unrecht beschäftigt, in dem er sich befand. Ein Gesetz war verletzt worden und er hoffte zynisch, dass diese Verletzung für das Gesetz keine traumatischen Folgen haben würde. Aber so sehr er sich auch bemühte, stellte sich kein Unrechtsbewusstsein bei ihm ein.
 

jon

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Und weiter? Das ist noch keine Geschichte, das ist nur eine (zugegeben gekonnt gemalte) Illustration eines amtlichen Sachverhaltes.
 

Bo-ehd

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Ja, Anders, wenigstens ich sehe es genauso. Ich weiß, dass du ein anderes Verständnis von Literatur hast und es dir ausschließlich darauf ankommt, was zwischen den Zeilen steht. Aber: Um zwischen den Zeilen lesen zu können, müssen die Zeilen etwas Gehalt haben. Das ist bei deinem Text (diesem und anderen) nicht der Fall.
Was du hier beschreibst, ist Alltag und mit diesem Ausgang so interessant wie ein Stück Seife, das durch die Finger glitscht. Was soll der Leser mit diesem Inhalt anfangen?
Was du schreibst, ist eine Szene, keine Geschichte. Es fehlt an allem: Story, Spannung, Handlung, Höhepunkt, Ende. Und wenn man an den Unterhaltungswert einer Geschichte denkt, fehlt auch noch die Pointe, die einen Text erzählenswert macht. Schau bei Tucholsky und Kafka nach, wie das Thema Bürokratie sinnvoll in einen Plot gepackt wird.
 
Lieber und geschätzter Kollege,

da ich persönlich mit der Gattung der traditionellen Kurzgeschichte selbst fremdele, begegnet man mir in dieser Sparte nur sehr selten. Hier äußere ich mich mal ausnahmsweise: Stoff sehr interessant, Verarbeitung durchaus gelungen - bis auf den allerletzten Schluss. Der gut geschriebene Text - jawohl, ich beurteile das ganz anders als Bo-ehd - erzeugt beim gewöhnlichen Leser fast unvermeidlich eine Erwartungshaltung, gerade weil das Vorangegangene so beeindruckend ist. Der Leser will also etwas über den Fortgang wissen. Es muss nicht viel sein, aber so wie hier funktioniert es, halten zu Gnaden, nicht so gut. Das Rechtsproblem ist so konkret dargestellt, dass auch sein Abschluss irgendeine konkrete Seite haben müsste.

Hier bieten sich dafür gleich vier Ausgänge an: 1. Bürger Brandl akzeptiert wutschnaubend oder innerlich empört. - 2. Er lässt es auf eine rechtliche Auseinandersetzung ankommen, gewinnt dadurch evtl. viel Zeit. - 3. Er wartet stoisch. ob die Behörde die Ersatzvornahme startet. - 4. Eine listige Variante: Brandl lässt selbst mauern, aber mit Glasbausteinen. - Das braucht und sollte vielleicht auch gar nicht breit ausgeführt zu werden, nur eine Perspektive auf den Fortgang würde ich mir schon wünschen, vielleicht kaum mehr als eine Andeutung. So wie hier hat es etwas von Aus-der-Kurve -fliegen.

Falls ein authentischer Fall dahinter steckt, mir ist etwas Ähnliches bekannt. Als nach einem Erbfall ein Haus in Alleinlage (Baujahr 1963) verkauft werden soll, stellt die Behörde fest, dass es nicht genau am genehmigten Punkt errichtet wurde. Es sind nur 10 oder 20 Meter auf einem sehr großen, nicht einsehbaren Grundstück und es gab für die Änderung triftige Gründe in der Bodenstruktur. Ich kann mir vorstellen, dass solches damals mit Absprachen zwischen Architekt und Behörde geregelt wurde. ohne heute noch vorhandene Belege. In diesem Fall gab es, obwohl offiziell als Schwarzbau eingestuft, Bestandsschutz und zugleich Veränderungsverbot.

Bitte nicht auswandern.
Arno Abendschön
 

Anders Tell

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Das Geschehen habe ich einem Pressesplitter entnommen. Mir ging es darum, die Sprachverwirrung zwischen Behörde und Bürger aufzuzeigen. Diese ist nur Ausdruck der Unterschiede in den Paradigmen. Es geht um das innere Erleben des Bürgers und seine deutlich andere Auffassung von Unrecht. Die Figur der Verwaltungsfachangestellten ist überzeichnet und nicht typisiert wie es sonst in Kurzgeschichten üblich ist. Da ist meine Neigung für das Groteske mit mir durchgegangen.
Das offene Ende ist nach wie vor Kennzeichen der Kurzgeschichte. Eine Pointe ist gattungsfremd, es ist ja kein Sketch. Mir widerstrebt es persönlich, die Fäden am Ende zu vernähen. Ich vertraue ganz auf die Phantasie des Lesers. Man kommt an der Frage nicht vorbei, ob nicht dem Bürger Unrecht zugefügt wird. Es gibt viele Möglichkeiten, wie es ausgehen könnte. Nach meiner Kenntnis des Verwaltungsrechts hätte ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Inspektorin geführt, weil sie ihr Ermessen nicht ausgeschöpft hat.
Es ist nicht das erstemal, dass ich scheinbar alltägliche Beobachtungen aufgreife, die meine Verwunderung erregt haben. Regelmäßig treffe ich damit auf wenig Gegenliebe und noch weniger Leser. Es wird mich nicht davon abhalten, es wieder und wieder und noch einmal zu tun. Entweder bin ich damit verbohrt oder es gibt doch noch weitere Menschen, die das Erwähnenswerte im scheinbar Realen sehen können.
 



 
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