Vancouver in Angst (Teil 2)

marcm200

Mitglied
Charlotte zog die Bettdecke bis zu Pippas Nasenspitze hoch. Das immer noch vor Schreck bleiche Mädchen lag in Charlottes breitem Bett, hatte die Augen geschlossen und sich zusammengerollt. Die Hände umschlangen die Knie. Charlotte strich ihr die Haare aus dem Gesicht, gab Pippa einen Kuss auf die Wange und sagte leise: „Ich bin draußen. Rufe, wenn du etwas brauchst. Ich komme dann sofort.“
Nachdem sie die Vorhänge zugezogen hatte, löschte sie das Licht und schloss die Tür zum Schlafzimmer von außen. Das leichte Beruhigungsmittel, das die Sanitäter Pippa verabreicht hatten, würde nun hoffentlich dafür sorgen, dass das Mädchen rasch einschlief. Charlotte hatte ihre Aussage vor der Polizei gemacht und die Gestalt mit der Kapuze so gut beschrieben, wie sie konnte, wenngleich sie das Gesicht nie hatte erkennen können.
Die Privatdetektivin brühte sich einen Tee auf, setzte sich auf das Wohnzimmersofa und wartete auf Kylie, die noch gar nicht wusste, was ihrer Schwester zugestoßen war.
Charlotte dachte nach. Die Sache an der Brücke war eindeutig das Werk eines Verrückten, ein Anschlag. Es konnte gar nicht anders sein. Aber wozu? Machtphantasien? Eine kriminelle Vereinigung? Sie beschloss, ihre Informanten anzuzapfen. Vielleicht gab es in Vancouvers Unterwelt Gerüchte, die zumindest ein wenig Klarheit in das Ganze bringen konnten.
Das Geräusch eines Schlüssels, der ins Schloss der Wohnungstür gesteckt wurde, unterbrach ihre Gedanken. Sie sprang auf und lief in den Flur. Kylie betrat das Apartment. Sie wirkte verstört.
„Pippa geht es gut“, versicherte Charlotte sofort, die den Ausdruck auf Kylies Gesicht falsch deutete, denn die Freundin hatte ebenfalls Schreckliches erlebt. Aber das trat in den Hintergrund, als Kylie vom Horrorerlebnis ihrer Schwester erfuhr.

Fünf Stunden später verließ Pippa das Bett, schlurfte müde ins Wohnzimmer und setzte sich neben Charlotte auf die Couch. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, aber das Gesicht hatte ein wenig an Farbe gewonnen. Pippa gähnte und deutete auf die lange Telefonschnur, die durch die Tür im Flur zu sehen war, und die ins Gästezimmer führte.
„Mit wem telefoniert Kylie?“, fragte das Mädchen.
„Mit euren Eltern.“
„Was?“, brauste Pippa auf, und die Müdigkeit war wie weggeblasen. „Die drehen durch, wenn sie von unserem Abenteuer erfahren.“
„Abenteuer?“, echote Charlotte verständnislos. „Es war eine Katastrophe.“
„Schon. Aber es ist ja gut ausgegangen. Dank dir!“ Pippa drückte Charlottes Hand. „Und wie du mich zum Schluss dann am Po hochgeschoben und mich gleichzeitig auf den Erdboden gedrückt hast, das war genial. Ich hätte sonst vor Panik wahrscheinlich nur mit den Beinen gestrampelt.“ Pippas Augen leuchteten vor Bewunderung. „Du musst doch freihändig auf den Seilen gestanden haben. Hast du dich mit den Zähnen daran festgebissen?“
Oh oh, dachte Charlotte alarmiert, als ihr klar wurde, dass sie ihr Vorgehen ja schlecht mit einer magischen Zeichnung erklären konnte.
„Ich habe dich hochgeschoben. Druck auf deinen Rücken konnte ich aus der Position gar nicht ausüben, denn so lang ist mein Arm wirklich nicht. Das musst du dir eingebildet haben nach all den Strapazen.“
Pippa winkte ab. Ihr ging es minütlich besser, und sie wirkte immer frischer. „Ist ja nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass du toll warst. Du hast genau gewusst, was zu tun ist. Allein wäre ich verloren gewesen. Das musst du mir unbedingt beibringen. Das nächste Mal will ich selbst wissen, wie ich mich in so einer Notsituation zu verhalten habe.“
„Pippa, es reicht!“, wies Kylie, die in diesem Moment ins Wohnzimmer kam, ihre Schwester laut zurecht. „Nimm das nicht auf die leichte Schulter. Du hast einen Schock erlitten. Vielleicht sollten wir doch nach Hause zurückfliegen.“
Pippa sprang auf. Wütend stemmte sie die Fäuste in die Seiten. „Was soll ich? Mir geht's gut. Und in Ottawa kann mir auch jeden Tag etwas passieren. Da gibt's bestimmt auch genügend Verrückte.“ Sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein, ich will hierbleiben. Die ganzen drei Wochen. Und etwas lernen. Das schwebt Maman und Papa doch vor. Wie soll ich erwachsen werden, wenn ihr mich andauernd in Watte packt? - Was haben sie am Telefon denn gesagt?“
Kylie ließ sich in einem der Sessel nieder und schenkte sich ebenfalls Tee ein. „Sie wollten sofort aus Singapur zurückkommen und dich mitnehmen.“
„Nein, ich ...“, begehrte Pippa auf, wurde aber von ihrer Schwester unterbrochen.
„Ich konnte sie davon abbringen. Zwar kommen sie übermorgen vorbei, um sich zu überzeugen, dass es dir wirklich so gut geht, wie ich ihnen erzählt habe. Aber von Abbruch deines Aufenthalts hier war nicht mehr die Rede. Wir bleiben in Vancouver.“
Pippas Laune wechselte in Sekundenbruchteilen von Ärger zu Freude. Sie fiel ihrer Schwester um den Hals. „Danke, Kylie. Das vergesse ich dir nicht.“ Dann wandte sie sich an Charlotte. „Was machen wir morgen?“
„Pippa, du hast das heutige Erlebnis doch noch gar nicht verarbeitet“, warf Kylie streng ein. „Du kannst das doch nicht alles verdrängen. Rede darüber!“
Pippa schüttelte den Kopf. „Quatsch. Was soll ich da groß erzählen? Dass ich Angst hatte? Ja, hatte ich, und wie. Dass Charlotte mich gerettet hat? Ja, hat sie. Dass ich ihr dankbar bin? Das weiß sie. Und Alpträume werde ich ohnehin kriegen. Also warum darüber reden und nachdenken und alles immer und immer wieder durchkauen? Da finde ich es viel sinnvoller, mich für den Fall vorzubereiten, wenn noch einmal so etwas passieren sollte.“
„Aber die nächsten Tage lässt du es ruhig angehen“, bestimmte Kylie. „Sonst schicke ich dich nach Hause.“
Pippas Miene wechselte zu Enttäuschung, dann aber nickte sie zähneknirschend. „Na gut. - Charlotte, gehen wir morgen Eis essen? Dabei kann doch nichts passieren. - Zufrieden, Schwester?“
Kylie war mit dem Plan einverstanden, und Pippa setzte sich wieder neben Charlotte. „Lernt man in der Sanitätsausbildung beim Militär, so cool wie du zu reagieren? Ich glaube, das wäre auch was für mich.“
Den restlichen Abend unterhielten sich die drei lebhaft. Immer wieder streuten Kylie und Charlotte Fragen zur Katastrophe an der Hängebrücke ein, um Pippa dazu zu bewegen, über ihr Erlebnis zu sprechen. Doch es klappte nur bedingt, denn meist grinste das Mädchen überlegen und wechselte das Thema.

***

Am folgenden Vormittag hatte das Wetter gewechselt. Der Himmel war verhangen. Aus dunkelgrauen Wolken nieselte es seit Stunden, doch Pippa schlenderte gut gelaunt neben Charlotte über den Marktplatz in Mount Pleasant, einem Stadtteil, der etwas nördlich von Vancouvers Inner City lag. Ein runder Zierbrunnen, in dem auch an diesem Tag die kleinen Fontänen sprudelten, bildete das Zentrum des einige tausend Quadratyards großen, fast quadratischen Platzes. Fußgänger hasteten in alle Richtungen. Manche hatten die Köpfe eingezogen, während der Regen auf ihr Haupt prasselte, andere flanierten unter Regenschirmen langsam an den Geschäften vorbei. Ein Bus hupte, und ein Mann beschleunigte erschrocken seinen Schritt.
„Was willst du haben?“, fragte Pippa, klemmte den Stiel des riesigen, grünen Schirms zwischen Wange und Schulter und kramte in ihrer kleinen Handtasche nach der Geldbörse.
„Mir ist nach Zitrone mit Sahne“, wünschte sich Charlotte und betrachtete zum wiederholten Male, seit sie das Apartment verlassen hatten, Pippa mit sorgenvoller Miene. Das Mädchen schien trotz des Ereignisses am Vortag fröhlich. Zwar hatte sich Pippa in der Nacht oft unruhig hin und her gewälzt, und Charlotte war mehr als einmal aufgewacht, als ein Stöhnen von der Liege kam, aber Pippa war nie aus einem Alptraum hochgeschreckt. Und auch während des Frühstücks am Morgen hatte sie ganz den Eindruck erweckt, dass es ihr gut ginge. Charlotte beschloss, es einfach dabei bewenden zu lassen. Pippa wusste, dass sie jederzeit mit ihr und Kylie reden konnte. Vielleicht brauchte das Mädchen jetzt einfach Normalität, Urlaub und Spaß.
„Okay“, sagte Pippa, gab Charlotte den Schirm und lief, die Schultern hochgezogen, die rund vierzig Schritte hinüber zur Eisdiele.
Charlotte hielt den Schirm über sich, trocknete den Rand des Brunnens mit einem Taschentuch ab und setzte sich auf die niedrige Steinmauer. Leise plätscherte das Wasser der Fontänen in ihrem Rücken.
Die Tische im Außenbereich der Eisdiele waren trotz des unfreundlichen Wetters gut besucht. Die Temperaturen waren angenehm, und unter den Sonnenschirmen saß man im Trockenen. An der Straßenverkaufstheke stand eine Frau im blauen Regenmantel, die gerade eine größere Bestellung entgegennahm.
„Morgen wieder, zur gleichen Zeit. Dann nehme ich dasselbe wie gestern“, sagte sie, während sie die Becher in einem Korb stapelte.
„Gerne“, lächelte die Verkäuferin.
Pippa war nur noch rund zehn Fuß vom Straßenverkauf entfernt, als urplötzlich ein Gast im Anzug seinen Stuhl vor ihr zurückschob.
„Careful!“, rief Pippa und wich mit einem großen Schritt nach links aus, obwohl auch dort kaum Platz war. Sie prallte gegen eine Rückenlehne und stand nun fast eingeklemmt zwischen zwei Stühlen.
Ein Knall ertönte, der wie eine Fehlzündung klang. Es folgte ein zweiter, dann ein dritter.
Pippa schrie auf, als sie herumgewirbelt wurde. Ihre Füße suchten Halt, und sie konnte einen Sturz vermeiden. Die Geldbörse fiel ihr aus der Hand. Der rechte Arm hing schlaff herunter. Pippa griff sich an die rechte Schulter. Verblüffung stand auf ihrem Gesicht, als ihre Hand etwas Warmes spürte.
Dann gaben ihre Beine nach, und sie rutschte zu Boden.
Wieder knallte es. Aber es waren keine Fehlzündungen, das hatte jeder inzwischen erkannt. Gäste kreischten und warfen sich von ihren Stühlen zu Boden, andere saßen stocksteif und bewegungslos da. Der Frau am Straßenverkauf fiel der Korb aus der Hand, als sie sich duckte. Die Verkäuferin verschwand blitzschnell hinter ihrer Auslage. Ein paar Menschen begannen, kopflos aufzuspringen und wegzurennen. Nicht wenige stürzten bei dem Versuch zu fliehen.
„Pippa!“, schrie Charlotte, die beim ersten Knall aufsprang. Ihr war sofort klar, dass es sich um einen Schuss handelte. Sie warf den grellfarbigen Regenschirm zur Seite, denn dieser würde ein perfektes Ziel für einen Scharfschützen abgeben und selbst keinerlei Schutz bieten. Gebückt rannte sie im Zickzack zur Eisdiele, hastete zwischen den Tischen hindurch und warf diese um, sodass die Tischplatten in die Richtung wiesen, in der Charlotte den Schützen vermutete.
Hoffentlich ist es nur einer, dachte sie und rief gleichzeitig: „Runter! Duckt euch hinter die Tische!“ Sie warf unbesetzte Stühle um und stieg über Menschen, die am Boden kauerten, bis sie Pippa erreichte. Das Mädchen lag auf der linken Seite auf den Pflastersteinen, ihr Kopf etwas verdreht auf einem der Füße eines Tisches. Charlotte hielt erschrocken die Luft an. Die ganze rechte Schulterpartie von Pippas einst grellweißem Sommerkleid war tiefrot verfärbt. Am Kragen rann Blut heraus. Sofort tastete Charlotte nach der Halsschlagader. Ein Stein fiel ihr vom Herzen, als sie das Pochen spürte.
„Nicht bewegen!“, ordnete sie sofort und eindringlich an. Als das Mädchen nicht reagierte, hielt Charlotte einen Finger unter seine Nase. Sie war erleichtert, als sie den schwachen Luftstrom spürte. Pippa atmete also selbsttätig.
Charlottes Augen huschten umher, denn sie musste Pippa in Sicherheit bringen. Schnell hatte sie einen Weg zum Eingang der Eisdiele gefunden. Sie schob den Tisch, vor dem Pippa lag, zur Seite, warf weitere Stühle um und kroch über das verletzte Mädchen in Richtung Eingang. Vorsichtig drehte sie Pippa auf den Rücken und hielt dabei den Nacken mit einer Hand stabil. Mit der anderen Hand griff sie unter Pippas linke Achsel und ging gebückt rückwärts. Es war unglaublich mühsam, denn sie musste schnell handeln, gleichzeitig aber auch auf eine mögliche Wirbelsäulenverletzung Rücksicht nehmen. Charlotte tastete mit dem Fuß nach hinten und spürte endlich die kleine Stufe zum Eiscafé.
Wieder knallte es mehrmals schnell hintereinander, und die Panikschreie der Menschen schwollen an. Irgendwo spritzte Beton von einer Hauswand ab. Glas splitterte, und etwas fiel zu Boden. Vielleicht ein weiteres Opfer des Snipers? Wollte er töten? Oder möglichst viel Angst und Schrecken verbreiten?
„Tür auf!“, brüllte Charlotte in militärischem Befehlston. In ihrem Rücken läutete ein Glöckchen, als sich die Tür öffnete. Charlotte stieg die Treppenstufe hinauf und zog die verletzte Pippa nach. Wenig später war sie endlich im Eingangsbereich und bugsierte Pippa sofort nach links hinter die ersten Innentische. Auch hier lagen alle Gäste auf dem Boden. Viele hatten die Hände über den Hinterkopf gefaltet.
„Rufen Sie die Polizei! Und eine Ambulanz!“, befahl Charlotte. Als sie sah, wie ein Angestellter das Telefon griff, konnte sie sich endlich Pippas Wunde zuwenden.
„Die Polizei kommt“, antwortete einer der Kellner.
Pippas Kleid war im vorderen Schulterbereich an einer Stelle von einer Kugel durchschlagen worden. Charlotte riss das Loch auf, bis sie den Ärmel und die Schulter freigelegt hatte. Die blutgetränkten Fetzen warf sie zur Seite.
„Ich brauche Wasser! Und saubere Tücher!“
Sekunden später erhielt sie das Gewünschte. Vorsichtig säuberte sie die Haut, in der eine Austrittswunde klaffte. Charlotte drückte ein Tuch darauf, um die Blutung zu stillen und tastete behutsam mit den Fingerspitzen den Rücken an Pippas rechter Schulter ab. Zwei Schussverletzungen, zwei Eintrittswunden, konnte sie spüren. Demzufolge steckte eine Kugel noch im Körper. Charlotte entschied sich gegen ein Säubern der Rückenwunde, um das Mädchen nicht andauernd bewegen und umlagern zu müssen, denn das war viel zu gefährlich bei unklarem Wirbelsäulenzustand. So begnügte sie sich damit, einige Tücher unter die Schulter zu schieben, um auch dort den Blutverlust zumindest zu drosseln. Vorsichtig untersuchte sie das Mädchen am restlichen Körper, konnte aber keine weiteren Wunden finden. Auch das Kleid war nirgends sonst zerrissen, es gab also keine weiteren Einschussstellen. Nur an der rechten Hüfte war es besonders verschmutzt und zeigte ein Muster wie von einem Schuh.
Dann fielen weitere Schüsse.
Plopp! Plopp!
Charlotte beugte sich über Pippa, um das Mädchen mit ihrem eigenen Körper zu schützen. Das große Schaufenster der Eisdiele zerstob klirrend in tausend Splitter. Charlottes Körper war angespannt. Fast erwartete sie einen Einschlag, doch dieser erfolgte nicht. Das Gekreische der Gäste verstärkte sich zum ohrenbetäubenden Lärm.
Wie lange will der Kerl noch ballern?,fragte sich die Detektivin. Und wann kommt endlich die Polizei?
Es dauerte noch weitere drei Minuten, in denen sich niemand im Eiscafé rührte, dann vernahm Charlotte das charakteristische Auf und Ab der Einsatzkräfte. Dennoch blieb sie in Deckung und wagte nicht, den Kopf zu heben, um zu schauen, was draußen vor sich ging.
Endlich kamen die Sanitäter und versorgten die Verletzten.

***

„Wo bringen Sie Pippa hin?“, fragte Charlotte den EMT, als dieser die Hecktür des Krankenwagens, der auf der Straße direkt vor der Eisdiele parkte, mit einem lauten Knall zuwarf.
„St. Anna's.“ Der Sanitäter rannte zur Beifahrertür, und eine Sekunde später brauste die Ambulanz mit flackernden Lichtern davon.
Ein Mann in Zivil trat an Charlotte heran.
„Phil?“, fragte sie überrascht, denn sie hatte seit Ankunft der Polizei nur mit Beamten des Vancouver PD gesprochen. „Bist du privat hier?“
Phil Messier schüttelte den Kopf. „Nein, das RCMP übernimmt die Ermittlungen. Es ist seit gestern bereits die vierte Attacke.“ Prüfend blickte er die Freundin an. „Geht es dir gut?“
„Ja“, antworrtete Charlotte kurz angebunden und winkte ab. „Der vierte Anschlag? Die Hängebrücke, die Morde am Bahnsteig, und nun das hier. Was war noch?“
„Fast zeitgleich zu dieser Sniperattacke wurden von mehreren Brücken über den Highway zum Flughafen große Steine auf die Fahrbahn geworfen.“
„Opfer?“
Phil nickte. „Leider. Mindestens zwei Tote. Und einige Schwerverletzte, deren Zustand zum Zeitpunkt des Abtransports kritisch war.“
„Waren es Kinder, die geworfen haben? Oder glaubst du an eine Serie? Einen Einzeltäter?“, fragte Charlotte.
„Kinder können wir den Beschreibungen nach ausschließen. Wir glauben auch nicht an einen Einzeltäter, sondern vermuten eine Tätergruppe, die zusammenarbeitet.“
„Also ist noch kein Bekennerschreiben eingegangen?“
„Nein. - Du hast deine Aussage schon gemacht?“
Charlotte bejahte. „Ich verständige nur rasch Kylie, dann fahre ich ins Krankenhaus, wenn du keine Fragen hast. Ich melde mich später bei dir.“
Phil war einverstanden und ging zum Leiter des Emergency Response Teams, dessen schwerbewaffnete Mitglieder zum Teil hinter dick gepanzerten Fahrzeugen kauerten und die Umgebung durch Ferngläser beobachteten, zumTeil schon begonnen hatten, die der Eisdiele in weitem Halbkreis gegenüberliegenden Gebäude zu stürmen. Reguläre Polizeieinheiten hatten den Marktplatz abgeriegelt, sodass diesen niemand ohne Erlaubnis verlassen konnte.
Charlotte lief in das Eiscafé und bat darum, telefonieren zu dürfen. Ungeduldig verlagerte sie das Gewicht von einem Bein auf das andere und kaute nervös auf der Unterlippe, während sie das Tuten in der Leitung hörte. Endlich wurde abgehoben.
„Yes?“
„Kylie, ich bin's, Charlotte. Es ist etwas mit Pippa passiert ...“
Das Telefonat dauerte nicht lange, und Charlotte fuhr sofort danach ins Krankenhaus.
Eine Dreiviertelstunde später traf sie im Anmeldebereich des St. Anna's Hospital auf eine apathisch und völlig verheult zusammengekauert in einem der Plastikstühle sitzende Kylie. Charlotte musste diese zwei Mal ansprechen, bevor die Freundin reagierte. Wortlos stand Kylie auf, und die beiden umarmten sich.
„Was, wenn Pip stirbt?“, hauchte Kylie. „Sie ist doch noch so jung.“
„Das wird sie nicht“, antwortete Charlotte mit fester Stimme. Es war nicht nur so dahergesagt, sie war sich dessen ziemlich sicher. „Pippa wird die Schusswunden an der Schulter überstehen. Und sonst konnte ich keine Verletzungen feststellen.“
Dann setzten sich die beiden und warteten schweigend, während Pippa operiert wurde. Charlotte holte aus dem Automaten Kaffee, doch Kylie hielt den Becher nur in der Hand, trank aber nicht.

***

Obwohl es ihn stark anstrengte, lief Chris Sim in seinem Büro auf und ab. Die Nervosität hatte ihn voll im Griff. Er wunderte sich über sich selbst, denn in geschäftlichen Angelegenheiten war er immer völlig kalt. Aber hier ging es auch nicht um Geld, sondern um etwas, das viel wichtiger war. Spöttisch verzog er den Mund zu einem dünnen Grinsen. Auch wieder ein Gedanke, der ihm vor Jahren so nicht durch den Kopf gegangen wäre. Sim musste erneut erkennen, dass sich die Perspektiven ändern konnten, besonders in der Situation, in der er sich befand.
Das Telefon schrillte und riss ihn aus seinen Gedanken. Sim sprang fast zum Hörer. Das musste der Anruf sein, auf den er gewartet hatte. Der Anruf, der alles verändern würde.
„Ja? Chris Sim hier“, meldete er sich und bemühte sich, seiner Stimme einen geschäftsmäßigen, nur leidlich interessierten Klang zu geben. Schließlich musste er vortäuschen, nicht zu wissen, wer anrief.
„Es ist schief gegangen“, kam eine männliche Stimme aus dem Hörer.
Sim verstand im ersten Moment nicht. „Wie? Was?“, stammelte er, denn er hatte nicht erwartet, Peytons Stimme zu hören. Der Anruf, auf den er gehofft und auf den er hingearbeitet hatte, sollte von ganz anderer Stelle kommen.
„Wir müssen uns treffen. Lagerhalle, in einer Stunde.“ Es knackte in der Leitung, noch bevor der Milliardär reagieren konnte. Versteinert hielt er sekundenlang den Hörer in der Hand, bevor er ihn schließlich auf die Gabel warf.
„Verdammt!“, schrie er wütend und knallte die Faust auf die Tischplatte. Die letzten Stunden hatten ihm stark zugesetzt, und er musste sich keuchend auf dem Schreibtisch abstützen. Er brauchte ein paar Augenblicke der Ruhe. Als er sich ein wenig erholt hatte, drückte er den Knopf der Gegensprechanlage. „Lassen Sie meinen Kleinwagen bereitmachen, Mabel, und verständigen Sie Herb.“
Der Assistent war wenige Minuten später vor Ort, und Sim und er fuhren mit dem Lift in die Tiefgarage.
Herb Collins steuerte den unauffälligen, grauen Wagen gekonnt durch den dichten Verkehr, bis er die Lagerhalle erreichte und versteckt unter einigen Bäumen parkte.
„Bleib im Wagen“, befahl der Industrielle, stieg ächzend aus und schloss die Gittertür der Umzäunung auf. Durch den ehemaligen Personaleingang verschwand er im Inneren der Halle, in welcher er vor einigen Tagen die Anschlagsserie in Auftrag gegeben hatte.
Peyton saß wieder auf einer der Kisten und wartete.
„Also, was ist passiert?“, fragte Sim schnaufend.
Der Mann, der die Menschen mit seinem Scharfschützengewehr am Marktplatz von Mount Pleasant ins Visier genommen und nicht wenige verletzt oder getötet hatte, erzählte in knappen Worten. „Das Mädchen sprang direkt in den Schuss hinein, als sie jemandem ausweichen wollte. Danach war die Albers in Deckung. Ich konnte sie nicht mehr erwischen. Und nach zwei Minuten musste ich weg. Die Cops waren sicherlich schon im Anmarsch.“
„Shit!“, fluchte Sim. „Ich sollte jetzt schon ...“ Er brach ab, denn das ging auch den Killer, der schon mehrmals für ihn gearbeitet hatte, nichts an. Nicht einmal Herb, Sims rechte Hand seit Jahren, wusste, was das eigentliche Ziel der Anschläge war, wenn er auch, da war sich Sim sicher, bestimmt schon Schlüsse gezogen hatte. Es war auch nicht schwer, auf die Wahrheit zu kommen, wenn man alle Einzelinformationen besaß. Aber Herb war loyal und würde ihn nicht hintergehen. Dafür verdiente er zu gut und war in zuviel involviert.
„Aber keine Sorge“, beschwichtigte der Killer. „Ich bin es meinem Ruf schuldig, Erfolg zu haben. Und das werde ich auch. Ich breche ein und ...“
Sim unterbrach ihn barsch. „Nein. Du hältst die Füße still. Dein Auftrag gilt weiter, aber ich muss mir erst etwas einfallen lassen. Es muss in die Anschlagsserie passen.“
Peyton zuckte mit den Schultern. „Du bist der Boss.“
„Morgen früh, 9 a.m. wieder hier. Dann spezifiziere ich den neuen Ablauf.“
Sim verließ die aufgelassene Fabrikhalle und ließ sich zurück in sein Büro fahren. Er musste nachdenken.
Diese Albers musste sterben. Und sie würde sterben. Es war ganz einfach. A life for a life. Und das seine war wichtiger.

***

Nach etwa zwei Stunden öffnete sich die Tür zum Klinikbereich, und ein Arzt in OP-Kittel trat heraus. Er streifte sich die Haube vom Kopf und ging zum Anmeldetresen.
„Miss Scots?“, rief daraufhin die dortige Krankenschwester in Richtung des Wartesaales.
Kylie schrak hoch, sprang aber sofort auf, als sie den Arzt sah. „Was ist mit meiner Schwester? Ist sie ...“ Panisch drückte sie Charlottes Hand.
„Die Operation ist gut verlaufen“, beschwichtigte der Arzt mit ruhiger Stimme. „Wir haben die Kugel, die noch steckte, entfernt. Wir ...“
„Wo ist sie?“, unterbrach Kylie. „Kann ich sie sehen?“
„Zur Zeit nicht. Sie ist in der Intensivstation, Sektion Nephrologie. Es wird noch etwa 24 Stunden dauern, bis sie ansprechbar ist.“
Kylie stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Sie schien erst in diesem Moment wirklich zu glauben, dass ihre kleine Schwester noch lebte. Charlotte aber wunderte sich über die Station, auf die man Pippa verlegt hatte. Nephrologie? Was hatten Schulterschusswunden mit den Nieren zu tun? Hatte Pippa doch stärkere Verletzungen davongetragen, und sie, Charlotte, hatte diese übersehen?
Sie fragte den Arzt danach.
„Die Patientin hat eine Nierenquetschung rechts erlitten.“
Der Dreck auf dem Kleid!, ging es Charlotte sofort durch den Kopf. Der Fußabdruck! Ist jemand ... über Pippa getrampelt?
Kylie schien erst jetzt wieder dem Gespräch zu folgen. „Nierenquetschung? Was bedeutet das?“
„Wir müssen den Zustand der Patientin beobachten, um herauszufinden, wie sich das Organ verhält, ob es heilt.“
„Und wenn nicht?“, fragte Kylie nach. Eine Sekunde später weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen, als sie glaubte zu begreifen. „Braucht Pippa eine Transplantation?“ Kylies Gesicht verlor auch noch die wenige Restfarbe. Abwechselnd schaute sie erst Charlotte, dann den Arzt und dann wieder ihre Freundin an.
Bevor der Arzt reagieren konnte, erklärte Charlotte leise: „Nein. Wenn Pippas Niere versagt, muss sie explantiert werden. Aber Pip kann auch mit nur einer Niere ein fast normales Leben führen.“
Der Arzt nickte. Er schien Charlottes Äußerung vollinhaltlich zu unterstützen und nicht als Einmischung in seine Angelegenheiten aufzufassen. „Miss Scots, ich schlage vor, Sie gehen nach Hause. Wir verständigen Sie, sobald Ihre Schwester im Begriff ist aufzuwachen.“ Dann wandte er sich an Charlotte. „Sie kümmern sich um Miss Scotts?“
Charlotte nickte. „Natürlich.“ Dann nahm sie Kylie am Arm und dirigierte sie aus dem Hospital hinaus. Die Freundin ließ alles mit sich geschehen und ging mit roboterhaften Schritten neben Charlotte her.

***

Es war kurz nach 11 Uhr am folgenden Vormittag, als Sim wieder sein Büro betrat. Bei dem Treffen mit dem Killer hatte er diesem seine neuen Pläne erläutert. Sim hatte sich gerade in seinem Sessel niedergelassen, als Collins um eine Unterredung bat. „Schicken Sie ihn rein, Mabel!“
„Was gibt es?“, fragte Sim, als der Assistent die Tür des Büros wieder geschlossen hatte.
„Die aktualisierte Rangliste. Sie wird Ihnen nicht gefallen.“
Sim nahm das Telex entgegen, das von einem geheimen Apparat stammte, zu dem nur er und Herb Zugang hatten, und von dessen Existenz niemand sonst in der Firma etwas wusste. Er brauchte nur die obersten Zeilen der Liste zu lesen, damit sein Gesicht sich verfinsterte.
Er war abgerutscht auf Platz 3. Auf Platz 2 prangte nun der Name Theodore Green.
Drei!
Das brachte seinen ganzen Plan durcheinander. Es machte ihn schlicht sinnlos.
Er atmete erst einmal tief durch. Nach der Pleite mit Peyton nun auch das noch! Es hätte alles schon vorbei sein können, wenn dieses verfluchte Gör nicht aufgetaucht wäre.
Nach einer Minute aber hatte er sich beruhigt. Kühle Überlegung übernahm wieder das Kommando. Der Anschlag auf die Albers würde erst übermorgen Abend stattfinden. Bis dahin musste dieser Green von der Bildfläche verschwinden. Das einfachste wäre natürlich eine Entführung, sodass Green nicht zur Verfügung stand, wenn die Albers starb. Aber das konnte Verdacht erregen.
Also noch ein Anschlag. Einen, den er ad hoc planen, und der in den kommenden 48 Stunden stattfinden musste.
Wieder blickte er auf die Liste. Neben Green stand St. Anna's Hospital. Dort verbrachte auch Chris Sim viele Stunden in der Woche.
Als er den Namen des Krankenhauses las, kam ihm eine Idee. Sie würde das Problem lösen und ihm außerdem sogar erlauben, daraus noch ein wenig Kapital für seine politischen Ambitionen zu schlagen. Je länger er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm seine Idee, auch wenn sie ein gewisses Risiko barg, da er sich dann das erste Mal selbst am Ort eines Anschlags aufhalten würde.
„Herb, ich brauche jemanden, der sich mit Pumpen und Heizungen auskennt, und das im medizinischen Bereich. In“, er blickte auf seine protzige goldene Armbanduhr, „vier Stunden. Ist das machbar?“
Herb dachte kurz nach und nickte dann. „Ich bringe ihn zum üblichen Ort.“

***

Es klopfte an der Tür zum Krankenzimmer. Pippa schwang die Beine vom Bett und rief laut: „Herein!“ Die Tür schwang nach innen auf und knallte gegen die Wand. Ein Rollstuhl schob sich herein.
„Hi, Pippa“, sagte ein schmächtiger Junge mit dünnem, schwarzem Haar. Sein Gesicht war eingefallen und wirkte unnatürlich grau. Pullover und Hose schienen ihm eine Nummer zu groß zu sein, was selbst in seiner sitzenden Haltung noch zu erkennen war. Aber seine Augen versprühten Lebenslust.
„Hi, Graham“, grüßte Pippa den Sechzehnjährigen, der am Fußende der drei nebeneinander aufgestellten Betten zum Fenster rollte.
Vorsichtig stand Pippa auf und stützte sich mit dem gesunden linken Arm auf der Matratze ab. Langsam ging sie zum Fußende und hielt sich an der Querstange fest. Der rechte Arm, der von der Schulter bis zum halben Unterarm eingegipst war, hing in einer Schlaufe. Mit einer Hand an der Stange ging Pippa mit kleinen Schritten Richtung Tür. Ihr Gesicht zeigte den Schmerz, den sie jedesmal verspürte, wenn sie aufstand. Ihr Körper bekämpfte die Quetschung der Niere und reparierte das Organ, aber es würde noch einige Zeit dauern, bis sie problemlos laufen konnte, obwohl ihre Beine völlig in Ordnung waren. Aber die Bewegung des Beckens übertrug sich auf die inneren Organe, und Pippa musste wieder auf die Zähne beißen.
„Warte doch!“, sagte Graham, kippte den Rollstuhl leicht nach hinten und drehte sich auf der Stelle um 180 Grad.
Mit einem dankbaren Lächeln hielt sich Pippa an den Haltegriffen fest, um sich darauf abzustützen. Dann fuhr Graham langsam los.
Pippa kicherte. „Eigentlich ist ein Rollstuhl doch dazu da, dass man ihn schiebt. Du aber ziehst mich.“
Graham drehte den Kopf nach hinten und lächelte. „Wenn du gesund bist, kannst du mich ja im Park herumschieben. Oder wir machen ein Wettrennen, wenn ich an dem Tag gut in Form bin.“
„Gebongt“, versprach Pippa.
Langsam gingen die beiden Jugendlichen den gelblich gestrichenen, breiten Flur hinunter zum Dialyseraum. Ein paar Pfleger und Schwestern kamen ihnen entgegen. Ein Patient schenkte sich Kaffee aus der Thermoskanne im kleinen Warteraum ein. Unter den Fenstern am Ende des Korridors saßen weitere Menschen an den dortigen runden Tischen und unterhielten sich.
Im Dialyseraum standen vier hochmoderne, schrankgroße Blutwaschgeräte. Eine Patientin lehnte sich gerade in einem Kippsessel in der hinteren linken Ecke zurück und schloss die Augen, als die Krankenschwester der Nephrologie-Station das Gerät einschaltete. Graham fuhr seinen Rollstuhl scharf nach links, arretierte die Bremsen und drückte sich mühsam hoch. Pippa wollte ihm helfen, doch der Junge wehrte ab, wie auch schon die beiden Male zuvor in dieser Woche. Er ließ sich auf dem Kippsessel nieder, stellte die Lehne aber fast senkrecht.
An der Dialysemaschine hinten rechts am Fenster arbeitete ein Mann in blauem Overall, dessen Rückseite den Schriftzug ‚Thermolys Inc.‘ trug. Zu seinen Füßen stand ein großer, aufgeklappter Metallkoffer, in dem unzählige Werkzeuge lagen. Der Techniker drehte an irgendwelchen Rädchen, stellte Schalter um und klemmte Schläuche ab. Pippa schaute interessiert zu, doch sie hatte keine Ahnung, was der Mann genau tat. Auch die Krankenschwester neben ihm, die zu seinen kurzen Ausführungen immerzu nickte, machte auf Pippa nicht den Eindruck, als könnte sie genau folgen. Schließlich schraubte der Mann eine Metallplatte fest und verdeckte das Innenleben der Maschine. Er schraubte zwei Glasbehälter, von denen einer mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war, an zwei aus dem Schrank heraushängenden Schläuche an und drückte einen Knopf an der Rückseite. Das Gerät begann zu brummen. Pippa sah, wie nach kurzer Zeit Flüssigkeit in den leeren Behälter tropfte.
„Die Sterilisation läuft“, erläuterte der Techniker an die Krankenschwester gewandt. „Danach können Sie das Gerät sofort verwenden.“
„Sehr schön. Unsere Patienten warten schon.“
„Ich bin mit der Zwischenwartung der beiden hinteren Maschinen nun fertig. Wenn Sie mir bitte quittieren würden?“, bat er und hielt der Schwester ein Klemmbrett mit einem Formular hin. Nachdem er die Unterschrift erhalten hatte, verabschiedete er sich, nickte den beiden Jugendlichen, die ihm weiter aufmerksam und neugierig zusahen, freundlich zu und verließ den Dialyseraum.
Die Schwester wandte sich Graham zu. „Na, junger Mann, wie fühlen wir uns denn heute?“
„Nun, Schwester Mary, ich denke, Sie fühlen sich bestimmt besser als ich“, scherzte Graham und legte die Arme in die dafür vorgesehenen Halteschalen.
Mary lachte pflichtschuldig und schloss den jungen Patienten mittels des venösen und arteriellen Zugangs an den Unterarmen an die Dialysemaschine an. Wenig später füllten sich die Schläuche mit Blut.
Pippa kramte das Schachspiel aus dem Rucksack an der Rückseite des Rollstuhls hervor und baute es auf dem kleinen Tisch neben der Maschine auf.
„Weiß oder schwarz?“, fragte sie.
„Was hatte ich das letzte Mal?“
„Keine Ahnung. Dann nimmst du also weiß“, entschied sie.
Ohne groß zu überlegen, eröffnete Graham mit den Worten „Bauer d2 nach d4“, und Pippa bewegte für ihn die Figur.
Die nächsten Züge waren schnell getan.
Pippa hob den Kopf, als sich die Tür zum Dialyseraum öffnete und ein weiterer Patient hereinkam. Das Mädchen kannte den großgewachsenen, wuchtigen Mann vom Sehen, oder besser, vom Hören.
Laut dröhnte die dunkle Stimme des Mannes durch den Raum. „Auf meiner Agenda steht eine Aufstockung der Ausstattung des Zentrums“, erklärte er. „Mindestens zwei weitere Apparate werden in den Bedarfsplan aufgenommen. Wenn die Wähler mich mit dem Amt des Bürgermeisters betrauen, werde ich dies zu einer Priorität machen.“
Mit großen Schritten ging er auf den Automaten vorne rechts zu und warf sich in den Sessel. Pippa hatte auch an diesem Tag den Eindruck, dass der Mann sich hier benahm, als gehörte ihm alles, ganz so, als habe er Anspruch auf diese Dinge. In gewisser Weise besaß er diesen auch, immerhin zahlte er seiner Krankenversicherung sicherlich einen horrenden Beitrag. Aber Pippa gefiel dieses anmaßende Verhalten nicht sonderlich. Dennoch erwiderte sie mit einem leichten Kopfnicken den Gruß.
Graham hob kurz die Hand. „Hallo, Mr Sim.“ An Pippa gewandt, fügte er leise hinzu: „Ich glaube, er hat gute Chancen zu gewinnen. Weißt du, er kommt von außerhalb, hat er mir mal erzählt, und wohnt erst seit ein paar Monaten in Vancouver. Dennoch will er sich schon für die Stadt einsetzen. Ich finde das gut. Ich habe auch gelesen, man traut ihm sogar Höheres zu.“
Pippa kicherte. „Will er König werden?“
„Quatsch. Vielleicht Premierminister.“
Pippa zuckte gelangweilt die Achseln. Sims politische Agenda interessierte sie nicht. Sie konzentrierte sich viel lieber auf die Schachpartie.
Bald war auch die vierte Dialysemaschine im Einsatz. Der grauhaarige, ältere Mann hatte den Kippsessel stark nach hinten geneigt und schien zu schlafen.
Pippa wunderte sich jedes Mal, wenn sie hier war, dass Patienten so einfach einschlafen konnten. Aber irgendwie war es auch verständlich, die Zeit auf diese Art zu nutzen, obwohl Graham lieber Gesellschaft hatte, wenn er seine drei stundenlangen Dialysesessions in der Woche über sich ergehen lassen musste. Pippa wusste, dass es wohl auch noch lange Zeit so bleiben würde, denn Graham wies einen seltenen HLA-Typus auf, und Nieren mit diesem Genotyp erschienen nur selten auf der Transplantationsliste. Aber Graham gab dennoch nicht auf, obwohl er schon über zwei Jahre auf eine Spenderniere wartete. Aktuell hatte sich sein Zustand verschlechtert, sodass er wieder eine gewisse Zeit als stationärer Patient im Hospital verbringen musste. Pippa bewunderte den Jungen für seine positive Einstellung, die sie an Charlotte erinnerte. Auch ihr großes Vorbild gab niemals auf, und Pippa hatte sich geschworen, sich ebenfalls nicht unterkriegen zu lassen - trotz einer absolut grauenvollen Woche.
Ein Ächzen kam aus der rechten hinteren Raumecke, und Pippa schaute kurz auf. Der Mann, der als letztes an einen Blutwäscheapparat angeschlossen worden war, fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn, die stark glänzte. Pippa wunderte sich ein wenig darüber, denn es war angenehm warm im Raum, aber bei Weitem nicht heiß.
„Heh, du bist dran“, riss Graham sie aus den Gedanken. Pippa zog den Springer weit in die gegnerische Hälfte, doch Graham konterte mit einem triumphierenden Lächeln. Er schien diesen Zug vorhergesehen zu haben.
„Ist mir heiß“, sagte der grauhaarige Mann und richtete die Rückenlehne auf. Dann drückte er den Rufknopf in der Sessellehne einmal.
„Hier, bitte“, sagte Mr Sim, beugte sich so weit zur Seite, wie er konnte, und reichte dem Mann ein Taschentuch. Sofort wischte sich der nun stark schwitzende Patient über Stirn und Gesicht.
Eine halbe Minute später öffnete sich die Tür zum Dialyseraum, und eine Krankenschwester trat ein, die sofort zu dem Patienten ging. Dessen Gesicht hatte sich mittlerweile stark gerötet. Der Mann keuchte wie nach starker körperlicher Anstrengung.
„Mr Green, was ist mit Ihnen?“, fragte die Schwester besorgt. Sie schaute auf die Skalen am Dialyseapparat und verglich die Werte mit irgendwelchen Eintragungen in der Krankenakte.
„Mir ist furchtbar heiß.“
„Am ganzen Körper? Oder an einer Stelle besonders?“
Pippa und Graham unterbrachen die Schachpartie und richteten ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen in der Ecke. „Geht's dir gut?“, fragte Pippa. Der Junge nickte. „Alles okay bei mir.“
„Der Arm im besonderen“, beantwortete der Patient nach einem kurzen Hustenanfall die Frage.
Die Schwester überprüfte sofort die beiden Zugänge. Als sie den Schlauch, durch welchen das gereinigte Blut zurück in den Körper strömte, berührte, zuckte sie zusammen. Sie beugte sich auf die Hinterseite des Dialysegeräts und drückte einen Schalter. Das klackende Geräusch war in dem ansonsten stillen Behandlungsraum gut zu hören.
„Was macht sie?“, fragte Pippa leise.
„Sie hat die Maschine ausgeschaltet. Die Blutwäsche ist abgebrochen worden“, antwortete Graham.
Pippa sah, wie die Schwester sich eine Skala am Apparat besonders genau anschaute und den Kopf schüttelte. Es sah ein wenig ratlos aus. Pippa drückte sich aus ihrem Stuhl hoch und ging langsam, sich an der Wand abstützend, zur Krankenschwester. Sie war neugierig geworden.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte das Mädchen. Über die Schulter der Schwester sah sie die Skala, unter der das Kürzel ‚Blood Temp‘ stand. Der Zeiger wies auf den in Grün aufgedruckten Wert 98 °F.
„Danke, nein, Pippa“, antwortete Mary. „Geh bitte wieder zurück an deinen Platz. Es ist alles in Ordnung.“
Pippa ging langsam zurück zu Graham, während Mary dem weiter schwitzenden Patienten, der nun immer unruhiger im Sessel umherrutschte, die Hand an die Stirn legte. Pippa war sofort klar, dass die Schwester auf diese altmodische Weise versuchte herauszufinden, ob der Mann Fieber hatte. Und so angespannt wie Mary danach wieder auf die Bluttemperaturanzeige blickte, war Pippa sich nun sicher, dass sich die Handmessung von dem, was die Skala zeigte, deutlich unterscheiden musste.
Sie erzählte Graham rasch, was sie gesehen hatte.
Plötzlich öffnete sich die Tür, und zwei Ärzte liefen herein. Sie gesellten sich zu Mary, ließen sich einen kurzen Bericht geben und erteilten sofort danach ihre Anweisungen. Mary entfernte die Zugänge, und plötzlich krümmte sich der Patient zusammen. Ein lautes Stöhnen entfuhr ihm. Dann fiel sein rechter Arm kraftlos nach unten, und seine Augen schlossen sich.
„Mr Green, hören Sie mich?“, fragte Mary, doch der Mann antwortete nicht. Einer der Ärzte rannte hinaus, während der andere den Mann untersuchte. Er zog die Lider hoch, leuchtete in die Augen und prüfte Reflexe. Mary löste die Arretierung der Räder, und kurz darauf wurde der Patient in höchster Eile hinaus auf den Korridor geschoben.
„Und jetzt?“, fragte Pippa aufgeregt, aber ratlos.
„Nichts. Meine Dialyse dauert noch drei Stunden. Spielen wir weiter?“
Pippa blickte auf den verwaisten Dialyseplatz. Irgendwie fühlte sie sich plötzlich für einen Moment überhaupt nicht mehr wohl, und sie war froh, nicht auf eine dieser Maschinen angewiesen zu sein. Ihre linke Niere arbeitete vollkommen zufriedenstellend, und die rechte erholte sich langsam. Pippa schüttelte sich kurz, vertrieb die negativen Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die laufende Schachpartie.

Die beiden Jugendlichen spielten zwei Partien, die beide Graham gewann. Dann musste Pippa kurz zur Visite zurück in ihr Zimmer, kam aber sofort danach wieder in den Dialyseraum. Pippa spürte, dass der Junge sehr müde war. So nahm sie das spannende Buch hervor, das ihre Eltern ihr beim letzten Besuch mitgebracht hatten, und las Graham zwei weitere Kapitel vor.
Schließlich waren die vier Stunden vorüber, und eine andere Schwester entfernte die Zugänge. Der Junge wuchtete sich zurück in seinen Rollstuhl, und die beiden Jugendlichen gingen den Flur hinauf zu den Krankenzimmern.
Im Hintergrund kam Tumult auf. Als Pippa einen raschen Blick zurückwarf, sah sie, wie Pfleger hastig in den Dialyseraum liefen. Es schien schon wieder einen Notfall zu geben.
„Wollen wir im großen Aufenthaltsraum noch ein wenig Fernseh schauen?“, fragte Graham.
„Können wir machen. Aber ich muss gleich noch zum Psychologen. Meine Eltern bestehen darauf, dass ich jeden zweiten Tag mit ihm rede. Naja, ist ganz okay, der Typ. Und danach will ich noch rasch telefonieren. Aber dann komme ich dich abholen.“

***

Charlotte legte den Telefonhörer auf die Gabel zurück. Das, was Pippa ihr gerade erzählt hatte, klang wie Krankenhausalltag, aber eine Sache störte die Detektivin. Dialysemaschinen wurden gewartet, und wenig später gab es an einem dieser Geräte ein - ja, was? - Unglück?
Oder war es ein Anschlag?, fragte sich Charlotte. Dann aber wäre es ein ziemlich komplizierter. Da gäbe es hundert einfachere Möglichkeiten, Menschen zu schaden.
Man konnte natürlich nicht alles den Unbekannten in die Schuhe schieben, aber dennoch beschloss Charlotte, ein wenig ihre Fühler auszustrecken. Sie selbst kannte zwar niemanden im St. Anna's Hospital, aber einer ihrer Informanten hatte Kontakte, die ihr helfen konnten.
Eine halbe Stunde später erfolgte der Rückruf.
„Mr Green“, wusste der Informant zu berichten, „erlitt einen Thermoschock. Der Dialyseapparat pumpte Blut mit einer Temperatur von 120 °F in den Körper zurück. Es kam, wohl schon innerhalb der Maschine, zur Aggregation von Blutkörperchen, welche dann kleinere Gefäße verstopften. Green erlitt zwei Schlaganfälle und liegt auf der Intensivstation. Sein Zustand ist hochkritisch.“
„Konntest du irgendetwas über den Wartungstechniker erfahren?“
„Auf die Schnelle nur wenig. Die Firma Thermolys führt schon seit Jahren die Wartungen durch. Es gab nie Beanstandungen, sagt mein Kontakt. Der Techniker verließ das Krankenhaus und stieg in einen Kastenwagen. Die Nummer habe ich leider nicht.“
„Hast du eine Beschreibung des Technikers?“, fragte Charlotte nach. Pippa hatte den Mann nur kurz gesehen und sich mehr auf das konzentriert, was er tat.
„Mittelgroß, mittelalt, Bart. Er trug eine Schirmmütze und unter dem Overall eine Kapuzenjacke. Das ist dem Portier im Krankenhaus aufgefallen.“
„Schlammgelb?“
„Keine Ahnung. Davon war nicht die Rede. Mehr konnte ich nicht herausfinden.“
„Danke. Bezahlung wie üblich“, beendete Charlotte das Gespräch.
„Immer wieder gerne“, kam es aus der Hörmuschel zurück, dann wurde aufgelegt.
Also schon wieder ein Mann mit Kapuze, fasste Charlotte zusammen. Wie an der Brücke und am Bahnhof. Das scheint eine Art Erkennungsmerkmal zu sein. Aber warum so auffällig? Wer seine Täterschaft geheimhalten wollte, lief doch nicht immer im gleichen Outfit herum.
Im Wohnzimmer schaltete Charlotte den großformatigen, erst im letzten Jahr auf den Markt gekommenen Farbfernseher ein und wechselte zu den Abendnachrichten. Sie befürchtete eine neue Schreckensmeldung. Nach Kurzberichten über Spannungen zwischen fernen Ländern sowie Nachrichten über die neuesten Entwicklungen innerhalb der UN, eröffnete der Lokalblock dann mit einer Meldung über eine Massenkarambolage am frühen Nachmittag. An einer unübersichtlichen Kreuzung zweier mehrspuriger und vielbefahrener Hauptstraßen hatten die Ampelanlagen verrückt gespielt und einen schlimmen Verkehrsunfall ausgelöst, in den fast ein Dutzend Fahrzeuge vom Kleinwagen bis zum Laster involviert waren.
Amateurphotos eines Touristen zeigten in chronologischer Abfolge das ganze Ausmaß der Katastrophe. Unzählige Autos hatten sich gegenseitig in einen weit aufragenden Haufen zusammengeschoben. Das Ergebnis ähnelte dem, was man auf einem Schrottplatz erwarten würde. Dann folgten Bilder, in denen Verletzte aus den Wagen stiegen oder krochen - und diese wurden von weiteren Fahrzeugen erfasst. Am Straßenrand standen Passanten, deren Gesichter zumeist vom Schreck gezeichnet waren.
Es folgten zwei Photos, auf denen einige auf der Fahrbahn ausgebreitete, helle Tücher zu sehen waren. Die Form dessen, was sie verdeckten, legte nahe, dass es sich um Todesopfer handeln musste. Ambulanzwagen standen am Rand der Unglücksstelle, Sanitäter hasteten umher. Verwundete wurden auf Tragen davongeschoben.
Und plötzlich stutzte Charlotte. Diese Frau hier - die kannte sie doch!
Die Nachrichtensendung ging weiter, und das eingeblendete Photo verschwand. Es folgte ein kurzer TV-Bericht des Senders, dessen Kamerateam aber erst viele Minuten nach dem Unfall eingetroffen war und zuerst nur aus der Ferne filmen durfte, um die Rettungsmaßnahmen nicht zu behindern.
Charlottes Instinkt schlug an, und eine nagende Unruhe ergriff sie. Sie hatte auf einmal das untrügliche Gefühl, als ob es wichtig wäre, herauszufinden, wer die Frau auf der Transportliege war. Sie glaubte, dass es keine ihrer Bekannten war, obwohl sie es nicht sicher sagen konnte, da das Photo nur wenige Sekunden auf dem Fernsehschirm zu sehen gewesen war und sie auch nicht die ganze Zeit auf die Verletzte geschaut hatte.
Kurz entschlossen schaltete sie den Fernsehapparat aus, ging in den Flur und wählte die Nummer einer befreundeten Kollegin. Auf der anderen Seite wurde sofort abgehoben.
„Hi, Annabelle“, grüßte Charlotte. „Ich brauche deine Hilfe. Du kennst doch jemanden bei einem Fernsehsender.“
„Ja. William bei VTV. Wieso fragst du?“
„Ich bräuchte die Photos des Verkehrsunfalls, die CATV zur Nachrichtensendung, die gerade läuft, zugespielt worden sind. Kommt dein Kontakt an diese ran?“
Einen Moment herrschte Stille in der Leitung, dann versprach Annabelle: „Ich schaue mal, was möglich ist. Wie dringend ist es?“
„Es hat vermutlich etwas mit dem Anschlag auf die Schwester meiner besten Freundin zu tun.“
„Ich verstehe. Ich melde mich innerhalb der nächsten Stunde wieder.“
„Danke.“

(eine Fortsetzung folgt noch)

zu Teil 1
 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten