Annabelle hatte die Photos nicht besorgen können, dafür aber Name und Anschrift des Amateurphotographen. Charlotte hatte sich sofort auf den Weg gemacht.
Sie fuhr an den Fahrbahnrand und stellte den Motor aus. Mit großen Schritten lief sie die Stufen zum Eingang des Mittelklassehotels hinauf und ging zur Rezeption. Ein müde dreinblickender Concièrge erwiderte ihren Gruß nur knapp.
„Mr Cheng erwartet mich“, sagte Charlotte.
Der Rezeptionist nahm das Telefon ab, wählte eine kurze Nummer und sprach mit gedämpfter Stimme ein paar Sätze in die Muschel. Dann wandte er sich wieder der Besucherin zu. „Mr Cheng erwartet Sie in seinem Zimmer. Dritter Stock, Nummer 4.“
Charlotte dankte, nahm die Treppe und stand wenig später vor dem Hotelzimmer. Bereits nach einmaligem Klopfen wurde geöffnet. Ein kleiner, etwas dicklicher Mann mit freundlichem, rundem Gesicht und einer Halbglatze bat sie herein. Sein Englisch hatte einen leichten asiatischen Akzent, war aber ansonsten perfekt.
„Miss Bernstedt, Sie interessieren sich für meine Urlaubsphotos?“, brachte er das Gespräch sofort auf das eigentliche Thema.
„Das ist richtig. Ich bin bereit, einen angemessenen Preis für Abzüge oder, besser noch, die Negative zu bezahlen.“
Das Lächeln des Mannes verbreiterte sich. Die Aussicht auf ein lohnendes Geschäft schien ihm offensichtlich zu gefallen. „Wirklich? Und das für meine Urlaubsschnappschüsse?“
„Mich interessiert alles, was Sie am Ort des Verkehrsunfalls photographiert haben. Auch vor oder nach dem eigentlichen Unglück.“
„Sind Sie ebenfalls von einem Fernsehsender? Oder von den Printmedien?“
Charlotte verneinte. „Ich habe ein persönliches Interesse an dieser Sache. Das jedoch muss Sie nicht weiter kümmern. Ich weiß, dass Sie CATV nur Abzüge verkauft haben. Die Negative befinden sich folglich noch in Ihrem Besitz.“
Cheng nickte und lehnte sich in dem bequemen, breiten Sessel, der vor dem Fenster stand, zurück. „Nun, es waren sehr eindrucksvolle Urlaubstage. Es würde mir schwerfallen, ohne Erinnerungsstützen nach Hause zu meinen Kindern zurückzukehren.“ Er machte eine Pause und lächelte.
Auffordernd, wie Charlotte meinte zu erkennen.
„Mr Cheng, ich biete Ihnen 1.000 Dollar für die Negative. Außerdem besteht die Chance, dass Sie diese zurückerhalten, wenn ich meine Untersuchungen abgeschlossen habe. Die 1.000 Dollar können Sie selbstverständlich auch in diesem Fall behalten.“
Cheng hob bei dieser Summe überrascht die Brauen, dennoch begann er zu feilschen. „Das ist ein stolzer Preis, Miss Bernstedt. Aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich hatte Kosten für die Filme, die touristischen Touren, meine Zeit. Und ...“
Charlotte unterbrach ihn. Ihre Stimme wurde eine Nuance kühler. „1.200 Dollar plus Profifilme in der Anzahl, die Sie am Unfallort verwendet haben. Sie sollten aber meine Geduld und Großzügigkeit nicht über Gebühr strapazieren. Sie sind ein gefragter Mann bei den Medien, und das wird noch eine Weile anhalten.“ Sie fixierte den Mann mit einem eindringlichen, kalten Blick und fügte nach einer Sekunde hinzu: „Aktuell sind Sie der Held, der hilft, das Unglück aufzuklären. Sie möchten aber sicherlich nicht als geldgieriger Zeitgenosse dargestellt werden, der mit dem Leid anderer ungebührlichen Profit machen möchte, nicht wahr?“
Cheng hob abwehrend die Hände. Sein Lächeln fror ein. Er schien zu spüren, dass er es sich mit dieser jungen Frau besser nicht verscherzen sollte. „Aber gewiss nicht, Miss Bernstedt. Ich nehme Ihr überaus großzügiges Angebot gerne an.“ Cheng stand auf, öffnete die Flügel des Kleiderschranks an der Seitenwand neben dem breiten Bett und hob eine große, schwarze Ledertasche vom Boden auf. Nachdem er sie auf dem Bett abgestellt hatte, zog er einen weißen Umschlag hervor, den er Charlotte reichte.
„Danke“, sagte die Privatdetektivin, ohne das Kuvert zu öffnen, und holte ihrerseits den Brustbeutel unter dem Pullover hervor. Sie zog ein gerolltes Bündel Geldscheine heraus und gab Cheng einen rötlichvioletten Tausender sowie fünf Hunderter. „Sollten die Filme mehr kosten, schicken Sie mir eine Rechnung“, schob sie nach und gab dem Touristen ihre Visitenkarte.
„Das wird nicht nötig sein“, erwiderte der Mann mit einem breiten Lächeln, das fast von Ohr zu Ohr reichte.
Charlotte verabschiedete sich und verließ zufrieden das Hotel.
Wieder in ihrem Apartment angekommen, ging sie sofort in das Arbeitszimmer und schaltete den Diaprojektor ein. Sie schraubte den Halteaufsatz für Negativstreifen an und fädelte den ersten Sechserstreifen ein. Nachdem sie die Schärfe der Linse ein wenig justiert hatte, nahm sie die kabelgebundene Fernbedienung und ließ sich in ihrem Schreibtischstuhl nieder.
Hochkonzentriert studierte sie Photo für Photo. Aufgrund der Falschfarben dauerte jedes Betrachten etwas länger, als wenn sie Abzüge vor sich gehabt hätte, aber schließlich fand sie das Bild wieder, das sie während der Nachrichtensendung in Unruhe versetzt hatte. Die Frau mit den in der Realität höchstwahrscheinlich blonden Haaren und dem bleichen Gesicht lag auf einer Krankenliege, die ein Sanitäter zu einem Ambulanzwagen schob.
Charlotte starrte auf die Frau und versuchte sich zu erinnern. Sie kannte das Gesicht, aber woher? Sie schaltete auf das nächste Photo weiter, das dieselbe Szenerie zeigte, aber vermutlich einige Sekunden später, denn die Liege war nun bereits halb im Krankenwagen verschwunden. Das Gesicht der Frau war nicht mehr zu sehen, und so wechselte Charlotte zurück zum vorherigen Bild.
Die Privatdetektivin führte eine rasche Entspannungsübung durch und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Sie versuchte, ihren Geist aus der Hektik des Tages zu lösen und ließ die Gedanken frei schweifen. Das Bild an der Wand verschwamm vor ihren Augen.
In ihrem Kopf blitzte der Anschlag an der Hängebrücke auf, die kauernde Gestalt am Ende der Bohlen, Pippas vor Angst verzerrtes Gesicht, als sie an der Steinwand hing. Dann wechselten die Gedanken zu dem als Erholung geplanten Eisessen. Charlotte sah zersplitterte Scheiben, umgestürzte Sonnenschirme - und da wusste sie es plötzlich!
Die Frau, die hier gerade in ein Krankenhaus abtransportiert werden sollte, hatte an der Straßenverkaufstheke der Eisdiele gestanden, als die ersten Schüsse gefallen waren, die Pippa verletzt hatten.
Die Frau war also bei einem Anschlag vor Ort gewesen, der für sie tödlich hätte ausgehen können. Und nun war sie in einen Verkehrsunfall verwickelt.
Einfach nur Pech?
Möglich, dachte Charlotte, aber ihr Instinkt ließ sich nicht beruhigen. Das musste etwas zu bedeuten haben.
Eine Frage galt es zu klären. War der Verkehrsunfall ein Teil dieser ominösen Anschlagsserie?
Charlotte schaute sich die weiteren Photos nun ebenso aufmerksam wie die vorherigen an. Und da fand sie, am Rand eines Bildes in der Zuschauermenge, eine Gestalt in einem Kapuzenpullover. Das Gesicht war nicht zu erkennen, aber die schlammgelbe Jacke war eindeutig zu identifizieren.
Dieser Unfall gehörte also definitiv zur Serie.
Charlotte ging die Anschläge im Geiste noch einmal durch. Zerschneiden von Drahtseilen, Morde am Bahnsteig, Schüsse auf dem Marktplatz, Steinewerfen auf den Highway, eine Massenkarambolage, die Dialysemaschine.
Diese Frau war an mehreren Anschlagsorten aufgetaucht, vielleicht galt das auch für andere Personen, andere Opfer. Gab es da irgendwo einen gemeinsamen Nenner? Einen Hinweis auf das Motiv?
Charlotte sprang auf, schnappte sich die Autoschlüssel und fuhr zu Phils Wohnung.
Endlich hatte sie einen Anhaltspunkt.
Der Kommissar öffnete nach dem dritten Läuten. Er trug Freizeitkleidung, hielt ein Brötchen in der Hand und kaute. Charlotte hatte ihn offensichtlich beim Abendbrot gestört. Phil machte eine einladende Handbewegung, und Charlotte schloss die Tür hinter sich. Sie folgte dem Freund in die Essecke im Wohnzimmer. Der kleine Holztisch stand direkt unter dem Fenster der langen Wand. Licht der Straßenlaternen drang herein.
„Bedien dich“, forderte Phil sie auf und griff nach dem kalten Braten.
Charlotte setzte sich und schenkte sich Limonade ein.
„Was gibt's?“, fragte Phil zwischen zwei Bissen.
„Hast du eine Liste aller Personen, welche das RCMP oder das Vancouver Police Department im Zusammenhang mit den Anschlägen befragt haben? Primär die Opfer, oder potentielle Opfer, die nicht verletzt worden sind. Aber auch die Zeugen.“
„Nicht direkt als Liste. Aber die Berichte, die Vernehmungen, die Personalien, das könnte ich alles besorgen. Warum? Bist du an der Sache dran?“
Charlotte leerte das Glas und schenkte sich nach. „Nein. Oder besser, noch nicht wirklich. Aber vor der Eisdiele und in dieser Massenkarambolage heute ist mir eine Frau aufgefallen, die an beiden Orten anwesend war. Beide Male als Opfer. In der Eisdiele, glaube ich, hatte sie keine Verletzung davongetragen. Aber bei dem Verkehrsunfall schon.“
Phil zerschnitt das Spiegelei in kleine Fetzen und streute Schnittlauch darüber. „Hm. Was macht dich daran stutzig?“
Charlotte wiegte unschlüssig den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ist nur ein Gefühl, dass es da noch eine verborgene Ebene in den Anschlägen geben könnte, die wir nicht kennen. Oder seid ihr weitergekommen mit euren Ermittlungen?“
Phil legte die Gabel scheppernd auf den Teller. „Wir fanden am Ort der Karambolage einen Zettel, auf dem die Ziffer ‚7‘ stand. Auf einer der Brücken, von denen Steine geworfen worden sind, gab es eine ‚3‘ als Botschaft. Wir gehen daher von einer Serie mit vermutlich Erpressungs- oder politischem Charakter aus. Aber Hinweise auf die Täter haben wir noch keine.“
„Nur diese Kapuzenpulliträger“, warf Charlotte ein.
„Natürlich. Aber diese Pullover werden in fast jedem Klamottenladen in Vancouver angeboten. Es ist Massenware. Das bringt uns leider nicht weiter.“
Charlotte griff nach dem Schwarzbrot und strich sich etwas Frischkäse darauf. „Ich habe eine Idee. Dazu bräuchte ich Dr. Rogers.“
„Den Chef unserer Datenzentrale?“, fragte Phil überrascht. „Wie soll er uns helfen?“
Charlotte erklärte ihre Idee, doch der Kommissar schien wenig begeistert. „Das ist eine Menge Aufwand. Ob dabei etwas herauskommt, steht in den Sternen.“
„Stimmt. Mir ist auch klar, dass du deine Leute dafür nicht abstellen kannst. Die Informationsbeschaffung übernehme ich. Ich engagiere so viele Kollegen, wie wir benötigen. Auf eigene Rechnung.“
„Echt? Sonst zahle ich dir immer ein Honorar, wenn du uns hilfst. Zur Abwechslung läuft es nun also einmal umgekehrt. Das gefällt mir. Und dem Staatshaushalt sicherlich auch“, scherzte Phil, wurde aber übergangslos ernst, als er Charlottes verkniffene Miene sah.
„Es geht um Pippa“, sagte Charlotte, und ihre Augen blitzten entschlossen. „Ich will das Schwein drankriegen, das sie beinahe getötet hat.“
***
Am nächsten Morgen betraten Charlotte und Phil kurz nach 9 Uhr die Datenzentrale der Royal Canadian Mounted Police im Norden von Vancouver. Unzählige Spezialisten waren bei der Arbeit, steckten Kontakte um, nahmen Akten aus den Ausgabeschächten oder tauschten Relais aus.
„Ken“, rief Phil, und der Chefanalyst, der über einen länglichen Tisch gebeugt stand, hob den Kopf.
Charlotte sah, dass das, was Rogers so konzentriert angestarrt hatte, einen Schaltplan darstellte. Vielleicht eine neue Verdrahtung, vielleicht auch das Design eines der immer weiter Verbreitung findenden integrierten Schaltkreise.
„Was kann ich für euch tun?“, fragte der Wissenschaftler.
„Dr. Rogers“, begann Charlotte mit ihrer Erklärung, „wenn ich Ihnen zu einhundert Personen Dossiers verschaffe, können Sie dann mit Ihrer Wundermaschine herausfinden, ob mehrere dieser Personen irgendetwas gemeinsam haben?“
Rogers rieb sich nachdenklich über das Kinn. Es kratzte leicht, als seine Finger über die Bartstoppeln fuhren. „Eine Untergruppenanalyse“, murmelte er. „Merkmalsinseln. Aha.“ Nach ein paar Sekunden hob er die Stimme. „Ja, das kann ich tun. Wir nehmen dafür die alte Lochkartensortiermethode. Zwar gibt es neuere Verfahren, vollelektronische, aber wir ...“
Phil grätschte dazwischen, bevor der Chefanalyst noch weitere technische Einzelheiten von sich geben konnte. „Ken, verschone uns! Es versteht sowieso niemand, was du hier unten so treibst. Würdest du bitte alles in die Wege leiten, was Charlotte dir gleich ausführlich darlegen wird? Sie hat eine Idee, die mit der aktuellen Anschlagsserie zu tun hat.“
„Natürlich, Phil.“
Der Kommissar bedankte sich und fuhr hinauf in sein Büro.
Der Wissenschaftler zog einen zweiten Stuhl heran. Charlotte und er setzten sich an den Tisch.
„Also, Miss Bernstedt, was schwebt Ihnen genau vor?“
„Ich vermute, dass es eine verborgene Verbindung zwischen den Anschlagsorten gibt. Etwas, das mit den Personen zu tun hat, die dort auftauchen.“ Sie erzählte von ihrem, wie sie selbst zugab, sehr dünnen Verdacht. „Kollegen von mir sammeln in diesem Moment Informationen über die rund einhundert Menschen, die den Anschlägen zum Opfer gefallen sind, Opfer hätten sein können sowie über Zeugen, die noch anwesend waren, als die Polizei an den Tatorten eintraf. Wir wissen bereits, dass eine Handvoll Personen an mehreren Orten zugegen war. Aber was mich interessiert, ist, ob es irgendwelche Muster gibt.“
„Sie meinen, ob besonders viele Wohlhabende Opfer der Anschläge werden konnten. Oder Leute, die gerade erst nach Vancouver gezogen sind?“
Charlotte nickte. „Ja. Oder Touristen. Oder Linkshänder. Ich weiß es einfach nicht.“ Für einen Moment überkamen sie Zweifel. Es war die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, wenngleich sie noch nicht einmal wusste, ob es überhaupt eine Nadel gab.
„Also eine Art elektronische Rasterfahndung“, fasste Rogers das Vorgehen zusammen. „Sind die Datenpunkte, die Sie mir zukommen lassen, bereits vollständig qualitativ charakterisiert?“
Charlottes Gesicht zeigte Unverständnis, woraufhin Rogers seine Frage präzisierte. „Ich meine, haben Sie einen festen Fragebogen und tragen für jede Person das Ergebnis der Befragung ein?“
„Ah, jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Die Antwort ist ein Nein. Meine Kollegen stellen Standardfragen, lassen sich ansonsten aber von den Gesprächen leiten. Wir wissen also vielleicht nicht von jeder Person, wie hoch das Vorjahreseinkommen war. Stellt das ein Problem dar?“
Rogers kaute auf der Unterlippe. „Es erschwert die Suche, macht sie bei ganz kleinen Merkmalsinseln vielleicht auch unmöglich. Aber größere Zusammenhänge sollten zu finden sein. Wir müssen also inkrementell arbeiten, eventuell wiederholte Durchläufe der Sortierung vornehmen. Aber“, er stand auf, „das wird zu schaffen sein. Verlassen Sie sich ganz auf mich.“
„Danke, Dr. Rogers. Ich schicke Ihnen, was ich bekomme.“
***
Die folgenden Tage verbrachten Charlotte und Kylie mit den vorab für den Urlaub geplanten Freizeitaktivitäten. Beide versuchten, sich ein wenig zu entspannen und Spaß zu haben, wenn auch Pippas Zustand immer wie ein Damoklesschwert über ihnen hing und die Stimmung drückte. Aber sie besuchten die Vierzehnjährige täglich im Krankenhaus und waren immer wieder überrascht davon, wie gut Pippa alles wegsteckte. Die Gespräche mit dem Psychologen halfen sicherlich dabei, ebenso die Bekanntschaft zu Graham.
In den Nachmittagsstunden drei Tage später kam endlich der erwartete Anruf von Phil, der Ergebnisse aus der Datenzentrale vorweisen konnte.
Charlotte fuhr sofort zum RCMP-Gebäude.
„Haben Sie eine Spur?“, fragte sie den Wissenschaftler und ließ sich vor dem langen Schreibtisch im Zentrum der Datenverarbeitung nieder. Phil und der Chefanalyst saßen bereits vor einem hohen Stapel an Ausdrucken.
„Ich denke schon“, antwortete Rogers, nahm das oberste Blatt des grünlichen Endlospapiers mit den Randlochungen und riss es an der Perforation ab. Gebannt blickten Charlotte und der Kommissar auf den Wissenschaftler.
Rogers räusperte sich. „Ich fasse mich kurz und gebe euch nur die finalen Ergebnisse. Hier“, er zeigte auf den Stapel, „findet ihr alle Merkmale, die insgesamt mindestens drei Mal vorkommen. Das sind im Wesentlichen offensichtliche Parameter wie Körpergröße, Gewicht, Haarfarbe, Geschlecht und so weiter. Ob ihr damit etwas anfangen könnt, weiß ich nicht. Mit der Motivlage von Serientätern kenne ich mich nicht aus.“
Charlotte ließ sich kein Wort entgehen, hielt es aber für unwahrscheinlich, dass jemand Anschläge verübte und hoffte, möglichst viele großgewachsene Menschen zu treffen. Zwar gab es nichts, was es nicht gab in der Motivation von Verbrechern, aber sie hatte nach wie vor das Gefühl, dass ein ganz bestimmtes Ziel mit diesen so wahllos erscheinenden Anschlägen erreicht werden sollte.
„Aber Sie haben etwas gefunden, das ungewöhnlicher ist?“, hakte sie nach.
Rogers nickte und schob einen fingerdicken Haufen Papiere zur Seite. Vom darunterliegenden Stapel riss er ebenfalls die oberste Seite ab. Charlotte sah, dass diese eine größere Tabelle enthielt. Vielleicht eine Übersicht der Analyse?
Im Hintergrund ertönte ein Fluch, als etwas Schweres zu Boden polterte. Die drei wandten die Köpfe zur Seite. Einer der Techniker hatte eine große Leiterplatine fallengelassen. Rogers Augen wurden schmal. „Durchtesten, sofort! In 15 Minuten will ich das Ergebnis. Und wehe, die Schaltung hat einen Schaden davongetragen.“
Der Techniker im weißen Kittel nickte eingeschüchtert. Fieberhaft verband er die Platine mit diversen Messinstrumenten und machte sich an die Überprüfung.
Rogers wandte sich wieder dem Kommissar und der Privatdetektivin zu. „Miss Bernstedt, Sie haben uns darauf hingewiesen, dass Mrs ...“, er fuhr mit dem Finger die Tabelle auf dem Papier entlang, bis er den Namen gefunden hatte, „... Albers in zwei Anschläge verwickelt ist: der Sniper-Attacke auf dem Marktplatz in Mount Pleasant, sowie dem Verkehrsunfall, an dessen Folgen sie mittlerweile verstorben ist.“
Die letzte Information war neu für Charlotte. Zwar erhielt sie zeitnah zu Dr. Rogers ebenfalls die entsprechenden Berichte ihrer Kollegen, aber sie hatte noch nicht jeden gelesen.
„Haben Sie eine auffällige ...“, kurz kramte sie in ihrem Gedächtnis, um sich an die exakte Formulierung des Wissenschaftlers zu erinnern, „... Merkmalsinsel identifizieren können?“
„Mrs Albers ist Blutspenderin. So wie noch weitere acht Personen.“
Phil schaltete sich ein. „Neun Personen an Anschlagsorten, die Blut spenden. Ob die Attentäter es darauf abgesehen haben?“ Doch sein Blick drückte Zweifel über die eigene Theorie aus. „Warum dann nicht einfach ein Anschlag auf das Blutspendezentrum? Dort würden sie eine größere Zahl an Opfern finden.“
Auch Charlotte hielt diese Erklärung für höchst unwahrscheinlich, notierte den Aspekt aber dennoch auf ihrem Block.
Rogers hob die Schultern. „Inwieweit dies relevant ist, ist euer Metier. Ich liefere nur die Daten.“
„Das ist das einzig Auffällige?“, hakte Phil nach.
Rogers nickte.
„Dr. Rogers, Sie haben betont, dass Mrs Albers verstorben ist. Ich habe den Eindruck, Sie wollten noch etwas dazu sagen“, sprach Charlotte den Punkt an, der ihr aufgefallen war.
Rogers lächelte verlegen. „Nun, ich habe einen bestimmten Merkmalspunkt in die Analyse aufgenommen. Für etwa die Hälfte der Personen haben wir diesbezüglich Daten. Aber nur bei Mrs Albers trat diese Ausprägung auf, bei sonst niemandem. Es war eine Sackgasse.“
„Ich würde es dennoch gerne wissen“, insistierte Charlotte.
„Nun, Mrs Albers hat einen Organspendeausweis. Sonst aber niemand, der irgendwie im Zusammenhang mit den Anschlägen befragt worden ist. Ich sagte ja, eine Fehlspur.“
Charlotte nickte bedächtig. Der Wissenschaftler schien recht zu haben, und nach ihrer Theorie sollten ja mehrfach auftretende Merkmale zum Täter führen. Für einen Moment hörte sie die Stimme Rogers' nur im Hintergrund ihrer Aufmerksamkeit. Ihre Gedanken kreisten um Blut- und Organspender. Und ausgerechnet die einzige Organspenderin war in zwei Anschläge involviert? Charlotte spürte, dass sie auf der richtigen Fährte war. Aber etwas Wichtiges fehlte noch.
„Vielen Dank, Dr. Rogers“, sagte sie abschließend und stand auf. „Ich glaube, Sie haben mir sehr geholfen.“
Rogers' Gesicht überzog ein Lächeln. „Das würde mich freuen.“
Charlotte verabschiedete sich und stieg in ihren Wagen. Sie schaltete das Radio ein und fädelte sich in den Verkehr der abendlichen Stoßzeit ein. Es ging nur schleppend voran, und so hatte sie Zeit zum Nachdenken.
Im Radio begannen die Nachrichten, und gleich die erste Meldung ließ sie aufhorchen. Mr Sim, der als Bürgermeister bei der nächsten Wahl gegen den Amtsinhaber Gregory antreten wollte, gab ein Interview. Er sprühte nur so vor Energie, was, wie er sagte, auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass er, nach Jahren des Wartens, nun eine neue Chance im Leben erhalten hatte. Endlich sei für ihn eine Niere verfügbar geworden. Die Transplantation war bereits erfolgt, und er dankte dem ihm unbekannten Spender für dieses Glück.
In Charlottes Geist machte es ‚Klick‘. Ihr Verstand bastelte in Windeseile eine Theorie zusammen, die aber so unglaublich war, dass es Charlotte schauderte.
Zuhause angekommen rief sie sofort Phil an und erzählte von ihrem Verdacht.
Der Kommissar schnaubte verblüfft. „Das wäre nachgerade grotesk.“
„Ja. Aber, Phil, kannst du herausfinden, welches Organ von Mrs Albers an welchen Transplantationsempfänger ging? Genauer gesagt, wer die Nieren erhalten hat?“
Phil sagte zu, sein Möglichstes zu tun, und Charlotte hängte ein.
Eine Stunde später, in der sie sich mit dem Hören von Schallplatten und mit dem Erledigen der Hausarbeit ablenkte, rief Phil zurück.
„Zuerst zur Organspende und der geltenden Rechtslage“, erklärte er. „Lässt ein Todesfall kein vorsätzliches Fremdverschulden erkennen, wird sofort transplantiert, wenn das Todesopfer Organspender ist; bei Tod, der auf ein Verbrechen hindeutet, nur dann, wenn die Todesumstände eindeutig sind und das Organ, das entnommen wird, nichts mit dem Tod zu tun hat.“
„Das würde also passen. Verkehrsunfall - da denkt zuerst niemand an ein Verbrechen, zumal, wenn die Ampelanlagen spinnen.“
„Richtig“, stimmte Phil zu. „Und wenn der Sniper Mrs Albers direkt ins Herz getroffen hätte, wären die Nieren transplantierbar gewesen.“
Und dann erhielt Charlotte die Information, auf die sie hingefiebert hatte.
Bingo!
Charlotte war sich ihrer Theorie nun absolut sicher.
Die Anschläge waren nur Blendwerk. Der auffällig überall auftauchende Kapuzentyp, die verschiedenen Anschlagsarten. Das alles war Täuschung, Ablenkung.
Es ging einzig und allein um genau zwei der Opfer, beziehungsweise um ein Opfer und einen Zeugen.
Beweisen konnte sie ihren Verdacht jedoch nicht. Und Phil hatte auch keine Handhabe, um gegen den mutmaßlichen Täter vorzugehen. Aber Charlotte sah eine andere Möglichkeit. Ausdauer und Persistenz hatten sich im Detektivbusiness noch immer ausgezahlt.
***
Zwei Tage später war alles vorbereitet und der Zeitungsbericht eingereicht. Er würde in der kommenden Frühausgabe erscheinen.
Charlotte schritt in ihrem dunkelgrünen Businesskostüm über den Flur der Nephrologie-Abteilung des auf Transplantationen spezialisierten Mercy-Hope-Hospitals. Den breitkrempigen Hut, wie ihn die Queen bevorzugte, hatte sie leicht nach vorn geschoben, sodass er etwas von ihrem Gesicht verdeckte. Die blonden Haare der Perücke fielen ihr weit über die Schultern. Charlotte hatte sich stark geschminkt und ihre Augen so betont, dass diese scheinbar einen veränderten Schnitt aufwiesen. Kylie hatte sie am Morgen fast nicht erkannt, als sie aus dem Bad gekommen war.
Charlotte passierte, freundlich lächelnd, Schwestern und Patienten und erreichte schließlich ihr Ziel. Sie klopfte an das Einzelzimmer und trat ein, blieb aber im Türrahmen stehen.
„Guten Tag, Mr Sim“, grüßte sie mit leicht verstellter, etwas piepsiger Stimme. „Ich bin Penelope Miller-Owens. Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass ich Ihnen überaus dankbar bin, dass Sie bereits so kurz nach diesem für Sie so freudigen Ereignis für ein Interview zur Verfügung stehen.“
Der reiche Industrielle, der in die Politik drängte, hob die Hand und winkte sie herein. Der Mann, der erst vor wenigen Tagen eine Nierentransplantation überstanden hatte, lag rücklings in seinem Bett, dessen Kopfregion schräg nach oben gestellt war. Sein Gesicht war blass und etwas aufgedunsen, aber er machte insgesamt einen recht energiegeladenen Eindruck. Die Bewegung seiner Hand war zielgerichtet und schnell gewesen, seine Augen huschten aufmerksam hin und her, und auch die Stimme war kräftig.
„Natürlich, Mrs Miller-Owens. Ich möchte so schnell als möglich das Hospital verlassen und mit dieser neuen Chance in meinem Leben etwas Sinnvolles beginnen. Mein Ziel ist es, den Menschen dieser wundervollen Stadt zu helfen. Ich möchte auf ihre Nöte und Sorgen eingehen und ihr Leben positiv beeinflussen.“
Charlotte setzte sich auf den Besucherstuhl, den sie sich von dem kleinen Tisch in der Ecke des Raumes heranzog. „Nun, Mr Sim, das Leben der Menschen haben Sie wirklich beeinflusst. Bereits jetzt. Oder wie würden Sie dreizehn Todesfälle und rund zwanzig Verletzte nennen?“
Das Unverständnis, das über Sims Gesicht glitt und in seiner Stimme mitschwang, schien echt. „Wovon sprechen Sie?“
„Von den Anschlägen der letzten Zeit. Ich könnte sie Ihnen sämtlich aufzählen, aber wozu? Sie wissen dies besser als ich, denn schließlich haben Sie diese Attacken veranlasst.“
Der Industrielle lachte donnernd auf. „Wie kommen Sie auf einen solchen Unsinn?“
Charlotte sprach kalt und abweisend, aber sie hütete sich, persönliche Betroffenheit durchscheinen zu lassen. Dass sie Pippa, die bei dem Mordanschlag auf Mrs Albers vor der Eisdiele zufällig in die Schussbahn geraten war, kannte, durfte Sim auf keinen Fall erfahren oder auch nur ahnen. Dann wäre ihre ganze Maskerade umsonst gewesen.
„Sie haben eine der beiden Nieren von Mrs Albers erhalten, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Eine sehr gute Idee, überall den Kapuzentyp auftauchen zu lassen. Das machte alles absolut unverdächtig. Jedes Opfer schien Zufall zu sein. Aber wir beide wissen doch, dass dies alles nur eine Farce war. Es ging Ihnen von Beginn an nur um eine Organspende. Vermutlich wäre es Ihnen mit Ihrem Geld nicht schwer gefallen, auf dem Schwarzmarkt ein entsprechendes Organ zu beschaffen. Aber das hätte Ihnen nichts genutzt. Was Sie benötigten, war eine legale Organspende, denn Sie als Bürgermeisterkandidat mit Ambitionen müssen natürlich erklären können, woher ihre neue Niere stammt.“
Sim ließ seine Besucherin ausreden. Nervosität oder gar Angst zeigte er keine. Er schien eher belustigt über Charlottes Ausführungen zu sein. „Sie sind verrückt. Aber das stammt vermutlich von meinen politischen Gegnern. Doch sollten Sie diese haltlosen Verleumdungen öffentlich äußern, und sei es auch nur zu Bekannten oder Freunden, werde ich Sie verklagen.“ Für einen Moment ließ er die Maske des freundlichen Menschen fallen. „Sie werden kein Bein mehr auf die Erde bekommen. Sie werden noch nicht einmal mehr über die Versammlung des Kaninchenzüchtervereins berichten dürfen.“
„Das ist mir klar, Mr Sim. Sie brechen das Gesetz, sobald Sie es für nötig befinden, verschanzen sich ansonsten aber hinter den Paragraphen. Ich werde etwas veröffentlichen, das können Sie nicht verhindern, denn es wird der Wahrheit entsprechen.“ Nach diesen ominösen Worten zog sie ein zusammengefaltetes Blatt aus der Handtasche und ließ es durch die Finger gleiten.
Sims Blick heftete sich auf das Schriftstück. „Sie haben nichts, keine Bweise. Können Sie auch gar nicht, denn ich habe mit diesen schrecklichen Ereignissen nicht das Geringste zu tun und verurteile sie aufs Schärfste.“
Charlotte faltete das Blatt auseinander. Sim beugte sich vor, konnte aber nichts einsehen.
„Ich werde nur diese Fakten veröffentlichen.“ Sie reichte dem Mann das Blatt.
Sims Blick flog über die Zeilen. Der Text bestand aus drei Namen - Mrs Constance Albers, die Frau an der Eisdiele, Mr Theodore Green, der Mann, welcher an der fehlerhaft funktionierenden Dialysemaschine angeschlossen gewesen war, sowie Mr Chris Sim. Neben den Namen stand das Ergebnis der HLA-Typisierung des Blutes. Der Wert war unter diesen drei Personen identisch. Außerdem enthielt der Artikel drei, mit Datumsangabe versehene, Kopien der obersten zwanzig Einträge in der Transplantationsliste bezüglich Nieren. Vier Personen wiesen den HLA-Typus von Sim auf. Sim war in dieser Untergruppe einmal auf Platz 1, einmal auf Platz 2, sowie einmal auf Platz 3.
„Was wollen Sie damit erreichen?“, fragte der Mann im Bett.
„Jeder kann eigene Schlüsse ziehen. Ich zeige nur zeitliche Korrelationen auf. Sie befanden sich lange Zeit auf Platz 1 der Liste. Der Anschlag an der Eisdiele fand statt, als sie auf der relativen Position 2 der Transplantationsliste standen. Dieser schlug fehl. Dann rutschten Sie ab auf Platz 3, da Mr Green dringender eine Niere benötigte. Es folgte der Dialysezwischenfall. Prompt waren sie wieder einen Platz nach oben geklettert. Und danach geschah der Verkehrsunfall, der Mrs Albers tötete. Jeder wird sehen können, dass Sie davon profitierten.“
Wieder lachte Sim. „Aber auch andere Organempfänger, denn Mrs Albers hat sicherlich nicht nur eine Niere für die Lebensrettung freigegeben.“
„Sicher. Aber ob es bei diesen Empfängern ebenfalls solche Auffälligkeiten zu entdecken gibt?“
„Sie sollten Schriftstellerin werden. Phantasie haben Sie, das muss ich zugeben. Aber ich warne Sie vor unüberlegten Schritten. Ich habe Einfluss und kann Ihnen gehörig schaden.“
Charlotte winkte uninteressiert ab. „Ihr krimineller Plan ist die perfekte Story für mich. Damit werde ich groß rauskommen. Ich sage Ihnen, was weiter geschehen wird. Ich werde Ihr Leben durchleuchten, Ihre Nachbarn befragen. Hier und in jeder Stadt, in der sie je gewohnt haben. Ich werde Sie Tag und Nacht überwachen. Natürlich alles absolut im Rahmen der Gesetze. Aber es wird so auffällig sein, dass andere Journalisten auf Sie aufmerksam werden.Und diese weiteren Journalisten werden anfangen zu graben. Und, Mr Sim, man wird etwas finden. Man findet immer etwas, wenn man nur lange genug sucht. Das wird Sie nervös machen und in Fehler treiben. Und dann werde ich meine Story bekommen.“
Sims Augen verengten sich während Charlottes Ausführungen zu schmalen Schlitzen. Seine linke Faust krallte sich in die Bettdecke. Unterdrückte Wut spiegelte sich in seiner Stimme, als er antwortete: „Sie werden es bereuen, wenn Sie mir in die Quere kommen.“
„Möglich. Aber Sie werden nicht gegen Dutzende Personen, die Sie akribisch unter die Lupe nehmen, vorgehen können. Denn im Gegensatz zu Ihren Anschlägen, in denen Sie das spezifische Opfer kannten, wissen Sie in diesem Falle nichts. Sie wissen nicht, wer Ihnen wann und wo an den Fersen klebt. Und“, sie lachte eisig, „sollte mir etwas zustoßen, entfällt ja Ihre Drohung der Klage. Dann wird die ganze Welt meine Theorie erfahren. Und alles schön mit Hinweisen versehen. Die entsprechenden Berichte sind hinterlegt. Ein Anwalt wird sie auftragsgemäß in mehreren Zeitungen im ganzen Land gleichzeitig veröffentlichen. Ich bin dann zwar wahrscheinlich tot, aber Sie sind ebenfalls erledigt.“
Charlotte stand auf. Mit Abscheu in den Augen blickte sie Sim an. „Schauen sie morgen in den ‚Observer‘, den ‚Chronicle‘ und die ‚Times‘. Sie können dem Ganzen nur entgehen, indem Sie ein Geständnis ablegen. Vielleicht erhalten Sie dann mildernde Umstände und nur einmal lebenslänglich. So haben Sie noch die Chance, irgendwann einmal wieder freie Luft zu atmen.“
Ohne auf Sims Erwiderung, die eher einem unkontrollierten Brüllen glich, einzugehen, verließ Charlotte das Krankenzimmer. So schnell wie möglich wollte sie das Hospital hinter sich lassen und sich der Verkleidung entledigen, denn Sim würde sicherlich versuchen, ihr jemanden nachzuschicken.
Aber Charlotte war zufrieden mit dem Ergebnis. Das Telefon in Sims Zimmer war präpariert, sodass jedes Gespräch mitgeschnitten wurde. Ein befreundeter Techniker der Telefongesellschaft hatte dies am Verteilerpunkt sowie in der Telefonzentrale eingerichtet. Außerdem waren zwei ihrer Detektivkollegen in wechselnder Tarnung vor Ort und würden sämtliche Besucher von Sim melden. Und zur Beschattung standen zwei Teams vor dem Krankenhaus.
Nun war Geduld gefragt.
***
Die kommenden vier Tage überprüfte Charlotte immer wieder die Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen, die Sim vom Krankenhaus aus führte. Doch bis jetzt hatte sie noch nichts Verdächtiges erfahren. Es schien fast, als befürchtete Sim eben eine solche Abhörmaßnahme und hielt sich deshalb bedeckt. Auch die Beschattung von Personen, die Sim besucht hatten, erbrachte nichts. Die Untersuchungen seines Vorlebens förderten zwei Ex-Ehefrauen zu Tage, die nicht gut auf Sim zu sprechen waren, aber keine verwertbaren Details berichten konnten. Der einzige Lichtblick waren ein paar vage Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung seines Automobilkonzerns.
Charlotte schob das nächste Tonband in das Abspielgerät und drückte auf Play. Gespannt lauschte sie dem Gespräch.
Sim: Ja?
Anrufer: Wir sollten noch einmal verhandeln.
Sim (nach kurzer Pause): Worüber?
Anrufer: Mein Beraterhonorar.
Sim: Ich weiß nicht, was Sie meinen.
Der Anrufer hatte seinen Namen nicht genannt, dennoch legte Sim nicht auf. Charlotte vermutete, dass die beiden sich kannten. Diese Unterhaltung schien interessant zu werden.
Anrufer: Nun, die Preise sind gestiegen. Eis ist teuer.
Sim: Was wollen Sie? Und wer sind Sie überhaupt? Ein besorgter Bürger?
Anrufer (lacht): Das dreifache zusätzlich. Ich möchte verreisen. Morgen, 4 p.m., im Café. Schicken Sie Ihren Assistenten.
Dann knackte es, und das Gespräch war beendet.
Eine Erpressung, war Charlotte sofort klar. ‚Eis‘ konnte nur eins bedeuten: Der Sniper, den Sim für den Anschlag in Mount Pleasant engagiert hatte, verlangte mehr Geld, da er untertauchen wollte. Vermutlich hatte er Wind davon bekommen, dass Sim von vielen Seiten unter die Lupe genommen wurde, und wollte noch einmal kräftig abkassieren.
Das war ihre Chance! Wenn sie den Killer dingfest machen konnte, würde er seinen Auftraggeber sicherlich nicht schonen.
Charlotte führte aus ihrem Apartment heraus einige Telefongespräche. Sie stoppte die Befragungen von Personen, die irgendwann einmal etwas mit Sim zu tun gehabt hatten, und verteilte ihre Kollegen neu.
***
Charlotte folgte der dunkelgrauen Limousine in großem Abstand und wechselte sich immer wieder mit drei ihrer Kollegen ab, mit denen sie über Funk in Kontakt stand. Der Mann im verfolgten Wagen bremste und verlangsamte deutlich, als er auf die Kreuzung zufuhr. Hinter ihm staute sich der Verkehr. Dann schaltete die Ampel um auf Rot, doch der Fahrer drückte auf das Gaspedal und brauste noch über die Kreuzung. Charlotte grinste schwach, denn sie kannte natürlich dieses Standardmanöver, um Verfolger abzuschütteln.
„Ich muss kurz abreißen lassen“, meldete sie über Funk und stoppte an der Ampel. Nach einer Minute konnte sie endlich weiterfahren und erhielt Informationen von ihren Kollegenn darüber, wo sich der Verfolgte nun befand. Rasch holte sie auf, nahm eine Abkürzung und hatte schließlich den grauen Wagen wieder im Visier.
Plötzlich setzte das Auto den Blinker und fuhr in ein öffentliches Parkhaus neben einem Einkaufszentrum. Charlotte gab es an ihre Kollegen durch, hielt am Straßenrand und sprang aus dem Wagen. War nun bereits der Endpunkt der Irrfahrt erreicht? Charlotte bezweifelte es und vermutete eher einen weiteren Trick. Sie lief das außen gelegene Treppenhaus hinauf, öffnete in jedem Stockwerk die Tür und lauschte. Problemlos konnte sie den Motor eines Wagens, welcher die Wendelauffahrt hinauffuhr, ausmachen. Erst im dritten Stock herrschte Stille. Charlotte huschte ein Stockwerk tiefer, öffnete die Tür und wartete.
Würde Sims Mitarbeiter den Wagen wechseln? Da er vom Krankenhaus alleine losgefahren war, bestand nicht die Gefahr, dass der Mann im Parkhaus aus dem Auto sprang und nun weglief, während die Detektive weiter das Fahrzeug im Blick hielten.
Doch nirgends wurde ein Motor gestartet. Stattdessen hörte Charlotte plötzlich Schritte, die sich auf dem Parkdeck entfernten. Sie duckte sich und schlich an den Parkbuchten vorbei, wobei sie immer darauf bedacht war, in Deckung zu bleiben. Schnell verringerte sie die Entfernung und blickte auf den Rücken eines großen Mannes, der mit seinem grauen Anzug und der spiegelnden Glatze überhaupt nicht mehr wie der Mann aussah, der Sims Krankenzimmer rund zwei Stunden vor dem geplanten 4-Uhr-Termin verlassen hatte. Aber Charlotte erkannte ihn trotz der Verkleidung sofort an der Gestalt und den Bewegungen wieder. Der Mann betrat das südliche Treppenhaus, das zum hinteren Ausgang führte. Charlotte hastete hinterher und erwischte die schwere, metallene Tür gerade noch, bevor sie laut ins Schloss fallen konnte. Rasch schlüpfte sie durch den schmalen Spalt und drückte danach die Tür lautstark zu. Sie lauschte, lief, als sie ein Geräusch ausgemacht hatte, auf Zehenspitzen die Treppen hinunter und folgte dem Mann hinaus auf die Straße. Dort sah sie gerade noch, wie er in einiger Entfernung ein Taxi herbeiwinkte und einstieg. Charlotte notierte sich sofort die Autonummer sowie den Namen des Unternehmens und gab beides über Sprechfunk durch. Dann lief sie um das Gebäude herum und sprang in ihren Wagen.
Die Verfolgung ging weiter.
Nach einer Viertelstunde hielt das Taxi am breiten Eingangsportal einer Mall an. Der Mann stieg aus, zahlte und verschwand in dem langgestreckten Einkaufsparadies. Charlotte ließ ihren Wagen einfach in zweiter Reihe stehen und verständigte rasch Annabelle, die sich um korrektes Parken kümmern würde. Hinter Kunden versteckt, verfolgte Charlotte den Mann, der immer wieder stehenblieb, in Schaufenster blickte und sich vor kleinere Gruppen schob, um sich so aus dem Blickfeld eines eventuellen Beschatters zu bewegen. Charlotte aber ließ sich nicht beirren. Mit ihrem Scharfblick konnte sie immer einen Teil der Kleidung des Mannes ausmachen, sodass sie ihn nur für Sekunden aus den Augen verlor. Der Mann blickte sich immer wieder um und musterte die Gesichter der Personen in seiner Nähe.
Doch Charlotte fürchtete keine Entdeckung. Auch sie hatte ihr Aussehen mehrfach verändert. Mal trug sie die Haare offen, mal unter einer Baseballkappe versteckt, dann wieder eine Langhaarperücke. Ihre verwaschenen Jeans und das weite T-Shirt hoben sich durch nichts von der Kleidung der meist jugendlichen Besucher der Mall ab. Und ihre Jacke trug sie zeitweise über dem Arm, dann wieder über die Schulter gehängt, oder auch geschlossen.
Der Geruch von frisch gemahlenen Kaffeebohnen hing in der Luft. Aus einem Schallplattenladen drangen fetzige Beats. Eine Gruppe kreischender Mädchen kam aus einem Klamottenladen. Jede wollte die andere übertönen und zeigen, wie gut ihr das Gekaufte stand.
Hoffentlich dauert dieses Verwirrspiel nicht mehr allzu lange, wünschte sich Charlotte, als sie an den Teenagern vorbeiging. Aber da sie keine Ahnung hatte, um welches Café es sich handelte, musste sie sich für alles wappnen. Sie zog die Jacke an und drehte den Schirm der Kappe nach hinten. Außerdem schob sie sich einen Kaugummi in den Mund. In der langen Verkaufspassage ließ sie den Abstand zu dem Mann etwas anwachsen und wechselte immer wieder von der linken Seite, auf welcher auch der Mann lief, auf die andere und zurück.
Pippa würde das gefallen. Grundhandwerk einer Privatdetektivin, dachte Charlotte und musste für einen Moment schmunzeln.
Schließlich erreichte der Mann das Ende der Mall und trat auf den Vorplatz, wo er sich nach links wandte und nach einigen Schritten an einen Tisch im Außenbereich eines Diners setzte. Die schwarze Aktentasche, welche vermutlich das Erpressungsgeld enthielt, stellte er zwischen seine Knöchel auf den gepflasterten Boden. Er bestellte, und wenig später stand ein Kaffee vor ihm. Charlotte hielt weiten Abstand und beobachtete versteckt hinter einem Baum.
Fünf Minuten geschah nichts. Dann drängte sich ein Mann zwischen den Stühlen hindurch und setzte sich dem Verfolgten gegenüber, der in die Jackettinnentasche griff und ein Kuvert herausholte, das er dem Neuankömmling zuschob.
War das die Geldübergabe?, fragte sich Charlotte. Wozu dann aber die Aktentasche, wenn das Geld im Jackett steckte?
Sie setzte einen ihrer Kollegen für eine Beschattung ein, als der Mann, der den Umschlag an sich genommen hatte, das Diner wieder verließ. Sie selbst wollte an Sims Assistent dranbleiben.
Ein paar Minuten später verließ dieser das Lokal, ging die Straße weiter hinunter, bog um die Ecke und setzte sich in das dortige Café. Auch hier wählte er einen Tisch vor dem eigentlichen Restaurant.
Charlotte blickte auf die Uhr. Es war 3:58 p.m.
Wieder bestellte der Verfolgte, wieder geschah einige Minuten nichts, dann aber näherte sich ein weiterer Mann, setzte sich Rücken an Rücken zu Sims Assistenten und legte eine schwarze Aktentasche auf den Tisch. Auch er bestellte Kaffee.
Charlotte nahm das Funkgerät zur Hand, blickte sich rasch um, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, der sie belauschen konnte, und sagte leise: „C1 hier. C2 bis C4 in Eugene's Coffee Shop. Setzt euch in die Nähe unseres Ziels.“
War dies eine Ablenkung, obwohl die Zeit für das Treffen schon erreicht war? Aber vielleicht war auch die Uhrzeit ein Code? War die eigentliche Übergabe schon abgelaufen?
Ihr kam eine Idee, wie sie das herausfinden konnte. Sie nahm Block und Stift aus ihrer Tasche und begann rasch zu zeichnen. Wieder hatte der Verfolgte die Aktentasche zwischen die Knöchel geklemmt, aber das Schloss war gut zu sehen. Mit zwei Übermalungen fertigte Charlotte ein detailliertes Abbild des metallenen Verschlusses an. Sie überlegte kurz, ob sie auch die eigentliche Tasche zeichnen sollte, deren Oberfläche ein paar Kratzer aufwies. Zwar konnte dies die Kopplung auf der einen Seite erleichtern, andererseits aber konnte sich das Leder der Tasche auch verbiegen, wenn der Assistent dem Killer die Tasche gab - und dann würde die Kopplung reißen. So entschied sie sich dagegen.
Plötzlich bemerkte Charlotte einen schwachen Blauschimmer um das reale Schloss der Aktentasche. Sie blinzelte, aber das hauchzarte Blau verschwand nicht. Charlotte erinnerte sich an die Katastrophe an der Hängebrücke. Pippas Tigerkopfsymbol auf dem Sweater hatte ebenfalls blau geleuchtet.
Aber erst nach dem Überzeichnen. Was bedeutete das nun wieder?
Doch aktuell musste sie sich auf anderes konzentrieren. Der Verfolgte schob die Tasche mit den zusammengedrückten Beinen ein Stück nach hinten. Charlotte konnte nicht genau sehen, was nun weiter geschah, aber plötzlich beugte sich der mutmaßliche Sniper zur Seite, und dann lagen zwei schwarze Aktentaschen vor ihm. Alles war so schnell abgelaufen, dass kaum jemand die Bewegung bemerkt haben dürfte. Und selbst wenn, wäre es nicht auffällig. Warum sollte jemand nicht zwei Aktentaschen vor sich liegen haben?
Charlotte signierte ihr Bild und drückte schräg auf das Schloss. Sie verhinderte nun, dass jemand die reale Lasche hinausziehen konnte. Gebannt starrte sie auf die beiden Männer. Sollte der Aktentaschenempfänger nur eine Ablenkung sein, würde es ihm egal sein, ob er die Tasche öffnen konnte oder nicht, falls er es überhaupt versuchte. Sie würde in diesem Fall ohnehin kein Geld enthalten.
Dem Killer aber würde dies sicherlich nicht gleichgültig sein. Und er würde auch überprüfen, ob er Geld erhalten hatte.
Der neu angekommene Mann drückte auf das Schloss, aber es sprang nicht auf. Er riss an der Lasche, zupfte und zerrte, aber die Kraft, die Charlotte übertrug, war zu stark. Der Mörder bekam die Aktentasche mit dem Schweigegeld einfach nicht auf. Dennoch beherrschte er sich. Er drehte sich nicht um, bewegte aber die Lippen. Der Mann, den Charlotte verfolgt hatte, zuckte bei den Worten zusammen.
Okay, dachte die Detektivin, das ist der Beweis. Es ist keine Ablenkung. Dort sitzt der Killer.
Sie gab das Funkkommando zum Zugriff und schob sich hinter dem Bushäuschen hervor. Annabelle und zwei Männer standen von verschiedenen Tischen auf und bewegten sich wie zufällig auf die zwei Beobachteten zu. Sie stellten sich dicht neben die beiden und legten ihnen die Hände auf die Schultern.
Charlotte befand sich nun in Hörweite und vernahm den leisen Befehl eines ihrer Kollegen. „Bleibt lieber ruhig sitzen. Das, was euch in die Seite drückt, ist keine Wasserpistole.“
Der Killer aber dachte gar nicht daran, so leicht aufzugeben. Vielleicht ging er davon aus, dass im Gegensatz zu ihm niemand in der Öffentlichkeit einfach so losschießen würde, denn er sprang nach vorn gegen den Tisch, der zur Seite geworfen wurde. Doch er hatte nicht mit Charlotte gerechnet. Diese war mit wenigen Sätzen heran und knallte ihm die Handkante ins Genick. Der Mann drehte den Kopf, doch da traf ihn Charlottes Faust am Kinn. Ein Detektiv griff sofort nach den Armen des Killers und bog sie nach hinten. Charlotte unterstützte ihn, während Annabelle und der dritte Detektiv Sims Mitarbeiter festhielten.
„Könnte jemand bitte die Cops verständigen?“, rief Charlotte laut.
Eine sehr unspektakuläre Festnahme hatte ein unblutiges Ende gefunden.
***
Charlotte drückte auf den Knopf des Lautsprechers neben dem großen Einwegespiegel. Auf der anderen Seite saßen Phil sowie der Mann, der das Geld erhalten hatte. Er hieß Peyton Dallas, war 34 Jahre alt, nicht vorbestraft. Phil setzte ihm die Lage auseinander, in der sich der Verhaftete nun befand. In diesen Minuten wurde seine Wohnung durchsucht. Außerdem wurde das Band mit dem Telefongespräch mit aktuellen Aufnahmen von Dallas' Stimme verglichen. Phil hatte nur lau gegrinst, als Charlotte ihm das Tonband mit den Worten „Das wurde mir anonym zugespielt“ übergeben hatte.
Noch hatte der Kommissar kein Geständnis, weder von Dallas noch von Sims Mitarbeiter. Aber sowohl er als auch Charlotte waren überzeugt, dass dies nur eine Frage der Zeit war. Zumindest einer würde reden. Außerdem gab es da noch die 90.000 Dollar, welche in der Aktentasche gesteckt hatten. Zwar war es nicht verboten, solche Summen mit sich zu führen oder jemandem zu übergeben. Doch es rechtfertigte genauere Ermittlungen, da die Übergabe in heimlicher Weise vorgenommen werden sollte.
Phil feuerte Frage um Frage ab, und Dallas' Anwalt hatte alle Mühe, seinen Mandanten davon abzuhalten, aufzubrausen.
Schließlich klopfte es an der Tür zum Verhörzimmer, und ein Uniformierter trat ein. Er flüsterte Phil etwas ins Ohr, das der Kommissar nur mit einem knappen Nicken zur Kenntnis nahm. Doch Charlotte kannte den Freund gut genug, um an dessen Haltung sofort zu erkennen, dass etwas Entscheidendes geschehen sein musste.
„Mr Dallas, Sie haben nun das letzte Mal die Gelegenheit, von sich aus auszupacken. Die Durchsuchung Ihrer Wohnung ist abgeschlossen. Auch die des Kellers. Oder sollte ich besser sagen: die Ihres Kellernachbarn?“
Dallas' Augen verengten sich, und auf seiner Stirn bildete sich Schweiß. Hilfesuchend und gar nicht mehr überheblich wie zuvor, schaute er zu seinem Anwalt.
„Sprechen Sie Klartext“, forderte der Advokat, doch Phil ignorierte ihn. Starr blickte er auf den Verdächtigen.
Charlotte ging es gegen den Strich, dem Mann, der Pippa fast getötet hatte, auf diese Art entgegenzukommen. Sie hätte ihn am liebsten für immer hinter Schloss und Riegel gewusst. Aber es ging nicht nur um Dallas. Fast noch wichtiger war, Sim etwas nachweisen zu können. Und so wollte Phil den Mörder zu einem umfassenden Geständnis, das sich strafmildernd auswirken würde, bewegen.
Phil sagte nichts, sondern wartete nur.
„Gut“, gab Dallas schließlich nach. „Ich packe aus. Straffreiheit ist wohl vom Tisch, wenn Sie mein Gewehr schon gefunden haben. Aber ich will einen Deal mit der Staatsanwaltschaft.“
Phil schob seinen Stuhl zurück. „Ich werde den Kronanwalt kontaktieren. Nur eins vorweg, damit ich weiß, dass Sie es ernst meinen. Wer war Ihr Auftraggeber?“
Peyton Dallas schaute erneut zu seinem Verteidiger. Als dieser nickte, sagte er knapp: „Chris Sim, der Automogul.“
Charlotte ballte die Faust.
Nun kam der Mann nicht mehr davon.
Die Verhaftung von Sim fand noch am selben Abend statt. Der Industrielle gab sich zu Beginn siegessicher, wurde aber, als er mit den Aussagen konfrontiert wurde, immer kleinlauter. Dennoch gestand er nicht. Doch man fand in seinen Büroräumen Material, das immerhin nahelegte, dass er sich aus vielen verschiedenen Städten des Landes Informationen über Blutspender verschafft und danach bei bestimmten Personen HLA-Typisierungen illegalerweise in Auftrag gegeben hatte.
Für Phil rundete sich das Bild ab. Charlotte hatte recht behalten mit ihrer Vermutung. Phil glaubte sogar, dass Sim auch in einer anderen Stadt eine Anschlagsserie aufgezogen hätte, falls dort ein geeigneter Spender gewohnt hätte. Apartments besaß der Firmenchef jedenfalls in all diesen Orten.
***
Mit freudestrahlendem Gesicht kam Pippa aus dem Zeitschriftenladen im Flughafen gelaufen. In der linken Hand schwenkte sie ein Magazin, der rechte Arm steckte nach wie vor in einer Schlaufe. Die Schulterwunde heilte gut, und nach der Rückkehr nach Gatineau würde auch der Gips entfernt werden.
„Charlotte, schau!“, rief sie laut, umkurvte ein paar Passanten und rannte zu ihrem Vorbild. „Eine Sonderausgabe nur über die Anschläge hier in Vancouver. Ich hab schon reingeschaut. Es ist die Rede von einer Charlotte B. und einer Pippa S.“
Bevor Charlotte antworten konnte, hallte eine laute Durchsage aus den Lautsprechern. „Die Passagiere für den Flug VAL213 nach Ottawa werden zu Gate B-4 gebeten. Ich wiederhole ...“
Kylie stieß sich von der Wand ab, an der gelehnt sie auf ihre Schwester gewartet hatte, und nahm ihren Rollkoffer in die eine Hand, während sie mit der anderen ihre Freundin umarmte. „Ein aufregender Urlaub bei dir, meine Liebe“, sagte sie lächelnd. Doch es wirkte etwas gequält.
„Gern geschehen“, erwiderte Charlotte.
Auch Pippa umarmte Charlotte stürmisch und wollte diese gar nicht mehr loslassen. „Du, Charlotte, in drei Monaten haben wir wieder Ferien. Darf ich dich dann wieder besuchen?“ Mit einem gespielt bösen Blick auf ihre Schwester, die sie am Arm wegziehen wollte, setzte sie hinzu: „Und dann ohne Aufpasser. Nur wir beide. Und dann will ich endlich bei einer Beschattung dabei sein. Nachschleichen in der Mall, das klingt super spannend. Und dann das andauernde Umtarnen.“
Sie löste die Umarmung, schüttelte Kylies Hand ab und griff nach ihrem eigenen, kleinen Koffer. „Außerdem werde ich dann viel fitter sein.“
„Wieso das?“, fragte Charlotte.
„Ich werde mich im Gymnastics-Team der High-School anmelden“, erklärte Pippa stolz. „Ich würde zwar lieber eine Militärausbildung wie du durchlaufen, aber da will man mich ja noch nicht. Aber beim Kunstturnen lerne ich Körperbeherrschung. Und dann kann ich mich beim nächsten Brückenanschlag selbst retten. Oder zur Abwechslung einmal dich!“
Sie drehte sich um und lief wie ein Wirbelwind ihrer Schwester nach. Dort angekommen, blickte sie über die Schulter zurück, ließ noch einmal ihren Koffer los und winkte wild zum Abschied.
„Bis bald, ihr beiden!“, rief Charlotte und wartete, bis die Freundinnen nicht mehr zu sehen waren.
ENDE
zu Teil 2
Sie fuhr an den Fahrbahnrand und stellte den Motor aus. Mit großen Schritten lief sie die Stufen zum Eingang des Mittelklassehotels hinauf und ging zur Rezeption. Ein müde dreinblickender Concièrge erwiderte ihren Gruß nur knapp.
„Mr Cheng erwartet mich“, sagte Charlotte.
Der Rezeptionist nahm das Telefon ab, wählte eine kurze Nummer und sprach mit gedämpfter Stimme ein paar Sätze in die Muschel. Dann wandte er sich wieder der Besucherin zu. „Mr Cheng erwartet Sie in seinem Zimmer. Dritter Stock, Nummer 4.“
Charlotte dankte, nahm die Treppe und stand wenig später vor dem Hotelzimmer. Bereits nach einmaligem Klopfen wurde geöffnet. Ein kleiner, etwas dicklicher Mann mit freundlichem, rundem Gesicht und einer Halbglatze bat sie herein. Sein Englisch hatte einen leichten asiatischen Akzent, war aber ansonsten perfekt.
„Miss Bernstedt, Sie interessieren sich für meine Urlaubsphotos?“, brachte er das Gespräch sofort auf das eigentliche Thema.
„Das ist richtig. Ich bin bereit, einen angemessenen Preis für Abzüge oder, besser noch, die Negative zu bezahlen.“
Das Lächeln des Mannes verbreiterte sich. Die Aussicht auf ein lohnendes Geschäft schien ihm offensichtlich zu gefallen. „Wirklich? Und das für meine Urlaubsschnappschüsse?“
„Mich interessiert alles, was Sie am Ort des Verkehrsunfalls photographiert haben. Auch vor oder nach dem eigentlichen Unglück.“
„Sind Sie ebenfalls von einem Fernsehsender? Oder von den Printmedien?“
Charlotte verneinte. „Ich habe ein persönliches Interesse an dieser Sache. Das jedoch muss Sie nicht weiter kümmern. Ich weiß, dass Sie CATV nur Abzüge verkauft haben. Die Negative befinden sich folglich noch in Ihrem Besitz.“
Cheng nickte und lehnte sich in dem bequemen, breiten Sessel, der vor dem Fenster stand, zurück. „Nun, es waren sehr eindrucksvolle Urlaubstage. Es würde mir schwerfallen, ohne Erinnerungsstützen nach Hause zu meinen Kindern zurückzukehren.“ Er machte eine Pause und lächelte.
Auffordernd, wie Charlotte meinte zu erkennen.
„Mr Cheng, ich biete Ihnen 1.000 Dollar für die Negative. Außerdem besteht die Chance, dass Sie diese zurückerhalten, wenn ich meine Untersuchungen abgeschlossen habe. Die 1.000 Dollar können Sie selbstverständlich auch in diesem Fall behalten.“
Cheng hob bei dieser Summe überrascht die Brauen, dennoch begann er zu feilschen. „Das ist ein stolzer Preis, Miss Bernstedt. Aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich hatte Kosten für die Filme, die touristischen Touren, meine Zeit. Und ...“
Charlotte unterbrach ihn. Ihre Stimme wurde eine Nuance kühler. „1.200 Dollar plus Profifilme in der Anzahl, die Sie am Unfallort verwendet haben. Sie sollten aber meine Geduld und Großzügigkeit nicht über Gebühr strapazieren. Sie sind ein gefragter Mann bei den Medien, und das wird noch eine Weile anhalten.“ Sie fixierte den Mann mit einem eindringlichen, kalten Blick und fügte nach einer Sekunde hinzu: „Aktuell sind Sie der Held, der hilft, das Unglück aufzuklären. Sie möchten aber sicherlich nicht als geldgieriger Zeitgenosse dargestellt werden, der mit dem Leid anderer ungebührlichen Profit machen möchte, nicht wahr?“
Cheng hob abwehrend die Hände. Sein Lächeln fror ein. Er schien zu spüren, dass er es sich mit dieser jungen Frau besser nicht verscherzen sollte. „Aber gewiss nicht, Miss Bernstedt. Ich nehme Ihr überaus großzügiges Angebot gerne an.“ Cheng stand auf, öffnete die Flügel des Kleiderschranks an der Seitenwand neben dem breiten Bett und hob eine große, schwarze Ledertasche vom Boden auf. Nachdem er sie auf dem Bett abgestellt hatte, zog er einen weißen Umschlag hervor, den er Charlotte reichte.
„Danke“, sagte die Privatdetektivin, ohne das Kuvert zu öffnen, und holte ihrerseits den Brustbeutel unter dem Pullover hervor. Sie zog ein gerolltes Bündel Geldscheine heraus und gab Cheng einen rötlichvioletten Tausender sowie fünf Hunderter. „Sollten die Filme mehr kosten, schicken Sie mir eine Rechnung“, schob sie nach und gab dem Touristen ihre Visitenkarte.
„Das wird nicht nötig sein“, erwiderte der Mann mit einem breiten Lächeln, das fast von Ohr zu Ohr reichte.
Charlotte verabschiedete sich und verließ zufrieden das Hotel.
Wieder in ihrem Apartment angekommen, ging sie sofort in das Arbeitszimmer und schaltete den Diaprojektor ein. Sie schraubte den Halteaufsatz für Negativstreifen an und fädelte den ersten Sechserstreifen ein. Nachdem sie die Schärfe der Linse ein wenig justiert hatte, nahm sie die kabelgebundene Fernbedienung und ließ sich in ihrem Schreibtischstuhl nieder.
Hochkonzentriert studierte sie Photo für Photo. Aufgrund der Falschfarben dauerte jedes Betrachten etwas länger, als wenn sie Abzüge vor sich gehabt hätte, aber schließlich fand sie das Bild wieder, das sie während der Nachrichtensendung in Unruhe versetzt hatte. Die Frau mit den in der Realität höchstwahrscheinlich blonden Haaren und dem bleichen Gesicht lag auf einer Krankenliege, die ein Sanitäter zu einem Ambulanzwagen schob.
Charlotte starrte auf die Frau und versuchte sich zu erinnern. Sie kannte das Gesicht, aber woher? Sie schaltete auf das nächste Photo weiter, das dieselbe Szenerie zeigte, aber vermutlich einige Sekunden später, denn die Liege war nun bereits halb im Krankenwagen verschwunden. Das Gesicht der Frau war nicht mehr zu sehen, und so wechselte Charlotte zurück zum vorherigen Bild.
Die Privatdetektivin führte eine rasche Entspannungsübung durch und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Sie versuchte, ihren Geist aus der Hektik des Tages zu lösen und ließ die Gedanken frei schweifen. Das Bild an der Wand verschwamm vor ihren Augen.
In ihrem Kopf blitzte der Anschlag an der Hängebrücke auf, die kauernde Gestalt am Ende der Bohlen, Pippas vor Angst verzerrtes Gesicht, als sie an der Steinwand hing. Dann wechselten die Gedanken zu dem als Erholung geplanten Eisessen. Charlotte sah zersplitterte Scheiben, umgestürzte Sonnenschirme - und da wusste sie es plötzlich!
Die Frau, die hier gerade in ein Krankenhaus abtransportiert werden sollte, hatte an der Straßenverkaufstheke der Eisdiele gestanden, als die ersten Schüsse gefallen waren, die Pippa verletzt hatten.
Die Frau war also bei einem Anschlag vor Ort gewesen, der für sie tödlich hätte ausgehen können. Und nun war sie in einen Verkehrsunfall verwickelt.
Einfach nur Pech?
Möglich, dachte Charlotte, aber ihr Instinkt ließ sich nicht beruhigen. Das musste etwas zu bedeuten haben.
Eine Frage galt es zu klären. War der Verkehrsunfall ein Teil dieser ominösen Anschlagsserie?
Charlotte schaute sich die weiteren Photos nun ebenso aufmerksam wie die vorherigen an. Und da fand sie, am Rand eines Bildes in der Zuschauermenge, eine Gestalt in einem Kapuzenpullover. Das Gesicht war nicht zu erkennen, aber die schlammgelbe Jacke war eindeutig zu identifizieren.
Dieser Unfall gehörte also definitiv zur Serie.
Charlotte ging die Anschläge im Geiste noch einmal durch. Zerschneiden von Drahtseilen, Morde am Bahnsteig, Schüsse auf dem Marktplatz, Steinewerfen auf den Highway, eine Massenkarambolage, die Dialysemaschine.
Diese Frau war an mehreren Anschlagsorten aufgetaucht, vielleicht galt das auch für andere Personen, andere Opfer. Gab es da irgendwo einen gemeinsamen Nenner? Einen Hinweis auf das Motiv?
Charlotte sprang auf, schnappte sich die Autoschlüssel und fuhr zu Phils Wohnung.
Endlich hatte sie einen Anhaltspunkt.
Der Kommissar öffnete nach dem dritten Läuten. Er trug Freizeitkleidung, hielt ein Brötchen in der Hand und kaute. Charlotte hatte ihn offensichtlich beim Abendbrot gestört. Phil machte eine einladende Handbewegung, und Charlotte schloss die Tür hinter sich. Sie folgte dem Freund in die Essecke im Wohnzimmer. Der kleine Holztisch stand direkt unter dem Fenster der langen Wand. Licht der Straßenlaternen drang herein.
„Bedien dich“, forderte Phil sie auf und griff nach dem kalten Braten.
Charlotte setzte sich und schenkte sich Limonade ein.
„Was gibt's?“, fragte Phil zwischen zwei Bissen.
„Hast du eine Liste aller Personen, welche das RCMP oder das Vancouver Police Department im Zusammenhang mit den Anschlägen befragt haben? Primär die Opfer, oder potentielle Opfer, die nicht verletzt worden sind. Aber auch die Zeugen.“
„Nicht direkt als Liste. Aber die Berichte, die Vernehmungen, die Personalien, das könnte ich alles besorgen. Warum? Bist du an der Sache dran?“
Charlotte leerte das Glas und schenkte sich nach. „Nein. Oder besser, noch nicht wirklich. Aber vor der Eisdiele und in dieser Massenkarambolage heute ist mir eine Frau aufgefallen, die an beiden Orten anwesend war. Beide Male als Opfer. In der Eisdiele, glaube ich, hatte sie keine Verletzung davongetragen. Aber bei dem Verkehrsunfall schon.“
Phil zerschnitt das Spiegelei in kleine Fetzen und streute Schnittlauch darüber. „Hm. Was macht dich daran stutzig?“
Charlotte wiegte unschlüssig den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ist nur ein Gefühl, dass es da noch eine verborgene Ebene in den Anschlägen geben könnte, die wir nicht kennen. Oder seid ihr weitergekommen mit euren Ermittlungen?“
Phil legte die Gabel scheppernd auf den Teller. „Wir fanden am Ort der Karambolage einen Zettel, auf dem die Ziffer ‚7‘ stand. Auf einer der Brücken, von denen Steine geworfen worden sind, gab es eine ‚3‘ als Botschaft. Wir gehen daher von einer Serie mit vermutlich Erpressungs- oder politischem Charakter aus. Aber Hinweise auf die Täter haben wir noch keine.“
„Nur diese Kapuzenpulliträger“, warf Charlotte ein.
„Natürlich. Aber diese Pullover werden in fast jedem Klamottenladen in Vancouver angeboten. Es ist Massenware. Das bringt uns leider nicht weiter.“
Charlotte griff nach dem Schwarzbrot und strich sich etwas Frischkäse darauf. „Ich habe eine Idee. Dazu bräuchte ich Dr. Rogers.“
„Den Chef unserer Datenzentrale?“, fragte Phil überrascht. „Wie soll er uns helfen?“
Charlotte erklärte ihre Idee, doch der Kommissar schien wenig begeistert. „Das ist eine Menge Aufwand. Ob dabei etwas herauskommt, steht in den Sternen.“
„Stimmt. Mir ist auch klar, dass du deine Leute dafür nicht abstellen kannst. Die Informationsbeschaffung übernehme ich. Ich engagiere so viele Kollegen, wie wir benötigen. Auf eigene Rechnung.“
„Echt? Sonst zahle ich dir immer ein Honorar, wenn du uns hilfst. Zur Abwechslung läuft es nun also einmal umgekehrt. Das gefällt mir. Und dem Staatshaushalt sicherlich auch“, scherzte Phil, wurde aber übergangslos ernst, als er Charlottes verkniffene Miene sah.
„Es geht um Pippa“, sagte Charlotte, und ihre Augen blitzten entschlossen. „Ich will das Schwein drankriegen, das sie beinahe getötet hat.“
***
Am nächsten Morgen betraten Charlotte und Phil kurz nach 9 Uhr die Datenzentrale der Royal Canadian Mounted Police im Norden von Vancouver. Unzählige Spezialisten waren bei der Arbeit, steckten Kontakte um, nahmen Akten aus den Ausgabeschächten oder tauschten Relais aus.
„Ken“, rief Phil, und der Chefanalyst, der über einen länglichen Tisch gebeugt stand, hob den Kopf.
Charlotte sah, dass das, was Rogers so konzentriert angestarrt hatte, einen Schaltplan darstellte. Vielleicht eine neue Verdrahtung, vielleicht auch das Design eines der immer weiter Verbreitung findenden integrierten Schaltkreise.
„Was kann ich für euch tun?“, fragte der Wissenschaftler.
„Dr. Rogers“, begann Charlotte mit ihrer Erklärung, „wenn ich Ihnen zu einhundert Personen Dossiers verschaffe, können Sie dann mit Ihrer Wundermaschine herausfinden, ob mehrere dieser Personen irgendetwas gemeinsam haben?“
Rogers rieb sich nachdenklich über das Kinn. Es kratzte leicht, als seine Finger über die Bartstoppeln fuhren. „Eine Untergruppenanalyse“, murmelte er. „Merkmalsinseln. Aha.“ Nach ein paar Sekunden hob er die Stimme. „Ja, das kann ich tun. Wir nehmen dafür die alte Lochkartensortiermethode. Zwar gibt es neuere Verfahren, vollelektronische, aber wir ...“
Phil grätschte dazwischen, bevor der Chefanalyst noch weitere technische Einzelheiten von sich geben konnte. „Ken, verschone uns! Es versteht sowieso niemand, was du hier unten so treibst. Würdest du bitte alles in die Wege leiten, was Charlotte dir gleich ausführlich darlegen wird? Sie hat eine Idee, die mit der aktuellen Anschlagsserie zu tun hat.“
„Natürlich, Phil.“
Der Kommissar bedankte sich und fuhr hinauf in sein Büro.
Der Wissenschaftler zog einen zweiten Stuhl heran. Charlotte und er setzten sich an den Tisch.
„Also, Miss Bernstedt, was schwebt Ihnen genau vor?“
„Ich vermute, dass es eine verborgene Verbindung zwischen den Anschlagsorten gibt. Etwas, das mit den Personen zu tun hat, die dort auftauchen.“ Sie erzählte von ihrem, wie sie selbst zugab, sehr dünnen Verdacht. „Kollegen von mir sammeln in diesem Moment Informationen über die rund einhundert Menschen, die den Anschlägen zum Opfer gefallen sind, Opfer hätten sein können sowie über Zeugen, die noch anwesend waren, als die Polizei an den Tatorten eintraf. Wir wissen bereits, dass eine Handvoll Personen an mehreren Orten zugegen war. Aber was mich interessiert, ist, ob es irgendwelche Muster gibt.“
„Sie meinen, ob besonders viele Wohlhabende Opfer der Anschläge werden konnten. Oder Leute, die gerade erst nach Vancouver gezogen sind?“
Charlotte nickte. „Ja. Oder Touristen. Oder Linkshänder. Ich weiß es einfach nicht.“ Für einen Moment überkamen sie Zweifel. Es war die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, wenngleich sie noch nicht einmal wusste, ob es überhaupt eine Nadel gab.
„Also eine Art elektronische Rasterfahndung“, fasste Rogers das Vorgehen zusammen. „Sind die Datenpunkte, die Sie mir zukommen lassen, bereits vollständig qualitativ charakterisiert?“
Charlottes Gesicht zeigte Unverständnis, woraufhin Rogers seine Frage präzisierte. „Ich meine, haben Sie einen festen Fragebogen und tragen für jede Person das Ergebnis der Befragung ein?“
„Ah, jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Die Antwort ist ein Nein. Meine Kollegen stellen Standardfragen, lassen sich ansonsten aber von den Gesprächen leiten. Wir wissen also vielleicht nicht von jeder Person, wie hoch das Vorjahreseinkommen war. Stellt das ein Problem dar?“
Rogers kaute auf der Unterlippe. „Es erschwert die Suche, macht sie bei ganz kleinen Merkmalsinseln vielleicht auch unmöglich. Aber größere Zusammenhänge sollten zu finden sein. Wir müssen also inkrementell arbeiten, eventuell wiederholte Durchläufe der Sortierung vornehmen. Aber“, er stand auf, „das wird zu schaffen sein. Verlassen Sie sich ganz auf mich.“
„Danke, Dr. Rogers. Ich schicke Ihnen, was ich bekomme.“
***
Die folgenden Tage verbrachten Charlotte und Kylie mit den vorab für den Urlaub geplanten Freizeitaktivitäten. Beide versuchten, sich ein wenig zu entspannen und Spaß zu haben, wenn auch Pippas Zustand immer wie ein Damoklesschwert über ihnen hing und die Stimmung drückte. Aber sie besuchten die Vierzehnjährige täglich im Krankenhaus und waren immer wieder überrascht davon, wie gut Pippa alles wegsteckte. Die Gespräche mit dem Psychologen halfen sicherlich dabei, ebenso die Bekanntschaft zu Graham.
In den Nachmittagsstunden drei Tage später kam endlich der erwartete Anruf von Phil, der Ergebnisse aus der Datenzentrale vorweisen konnte.
Charlotte fuhr sofort zum RCMP-Gebäude.
„Haben Sie eine Spur?“, fragte sie den Wissenschaftler und ließ sich vor dem langen Schreibtisch im Zentrum der Datenverarbeitung nieder. Phil und der Chefanalyst saßen bereits vor einem hohen Stapel an Ausdrucken.
„Ich denke schon“, antwortete Rogers, nahm das oberste Blatt des grünlichen Endlospapiers mit den Randlochungen und riss es an der Perforation ab. Gebannt blickten Charlotte und der Kommissar auf den Wissenschaftler.
Rogers räusperte sich. „Ich fasse mich kurz und gebe euch nur die finalen Ergebnisse. Hier“, er zeigte auf den Stapel, „findet ihr alle Merkmale, die insgesamt mindestens drei Mal vorkommen. Das sind im Wesentlichen offensichtliche Parameter wie Körpergröße, Gewicht, Haarfarbe, Geschlecht und so weiter. Ob ihr damit etwas anfangen könnt, weiß ich nicht. Mit der Motivlage von Serientätern kenne ich mich nicht aus.“
Charlotte ließ sich kein Wort entgehen, hielt es aber für unwahrscheinlich, dass jemand Anschläge verübte und hoffte, möglichst viele großgewachsene Menschen zu treffen. Zwar gab es nichts, was es nicht gab in der Motivation von Verbrechern, aber sie hatte nach wie vor das Gefühl, dass ein ganz bestimmtes Ziel mit diesen so wahllos erscheinenden Anschlägen erreicht werden sollte.
„Aber Sie haben etwas gefunden, das ungewöhnlicher ist?“, hakte sie nach.
Rogers nickte und schob einen fingerdicken Haufen Papiere zur Seite. Vom darunterliegenden Stapel riss er ebenfalls die oberste Seite ab. Charlotte sah, dass diese eine größere Tabelle enthielt. Vielleicht eine Übersicht der Analyse?
Im Hintergrund ertönte ein Fluch, als etwas Schweres zu Boden polterte. Die drei wandten die Köpfe zur Seite. Einer der Techniker hatte eine große Leiterplatine fallengelassen. Rogers Augen wurden schmal. „Durchtesten, sofort! In 15 Minuten will ich das Ergebnis. Und wehe, die Schaltung hat einen Schaden davongetragen.“
Der Techniker im weißen Kittel nickte eingeschüchtert. Fieberhaft verband er die Platine mit diversen Messinstrumenten und machte sich an die Überprüfung.
Rogers wandte sich wieder dem Kommissar und der Privatdetektivin zu. „Miss Bernstedt, Sie haben uns darauf hingewiesen, dass Mrs ...“, er fuhr mit dem Finger die Tabelle auf dem Papier entlang, bis er den Namen gefunden hatte, „... Albers in zwei Anschläge verwickelt ist: der Sniper-Attacke auf dem Marktplatz in Mount Pleasant, sowie dem Verkehrsunfall, an dessen Folgen sie mittlerweile verstorben ist.“
Die letzte Information war neu für Charlotte. Zwar erhielt sie zeitnah zu Dr. Rogers ebenfalls die entsprechenden Berichte ihrer Kollegen, aber sie hatte noch nicht jeden gelesen.
„Haben Sie eine auffällige ...“, kurz kramte sie in ihrem Gedächtnis, um sich an die exakte Formulierung des Wissenschaftlers zu erinnern, „... Merkmalsinsel identifizieren können?“
„Mrs Albers ist Blutspenderin. So wie noch weitere acht Personen.“
Phil schaltete sich ein. „Neun Personen an Anschlagsorten, die Blut spenden. Ob die Attentäter es darauf abgesehen haben?“ Doch sein Blick drückte Zweifel über die eigene Theorie aus. „Warum dann nicht einfach ein Anschlag auf das Blutspendezentrum? Dort würden sie eine größere Zahl an Opfern finden.“
Auch Charlotte hielt diese Erklärung für höchst unwahrscheinlich, notierte den Aspekt aber dennoch auf ihrem Block.
Rogers hob die Schultern. „Inwieweit dies relevant ist, ist euer Metier. Ich liefere nur die Daten.“
„Das ist das einzig Auffällige?“, hakte Phil nach.
Rogers nickte.
„Dr. Rogers, Sie haben betont, dass Mrs Albers verstorben ist. Ich habe den Eindruck, Sie wollten noch etwas dazu sagen“, sprach Charlotte den Punkt an, der ihr aufgefallen war.
Rogers lächelte verlegen. „Nun, ich habe einen bestimmten Merkmalspunkt in die Analyse aufgenommen. Für etwa die Hälfte der Personen haben wir diesbezüglich Daten. Aber nur bei Mrs Albers trat diese Ausprägung auf, bei sonst niemandem. Es war eine Sackgasse.“
„Ich würde es dennoch gerne wissen“, insistierte Charlotte.
„Nun, Mrs Albers hat einen Organspendeausweis. Sonst aber niemand, der irgendwie im Zusammenhang mit den Anschlägen befragt worden ist. Ich sagte ja, eine Fehlspur.“
Charlotte nickte bedächtig. Der Wissenschaftler schien recht zu haben, und nach ihrer Theorie sollten ja mehrfach auftretende Merkmale zum Täter führen. Für einen Moment hörte sie die Stimme Rogers' nur im Hintergrund ihrer Aufmerksamkeit. Ihre Gedanken kreisten um Blut- und Organspender. Und ausgerechnet die einzige Organspenderin war in zwei Anschläge involviert? Charlotte spürte, dass sie auf der richtigen Fährte war. Aber etwas Wichtiges fehlte noch.
„Vielen Dank, Dr. Rogers“, sagte sie abschließend und stand auf. „Ich glaube, Sie haben mir sehr geholfen.“
Rogers' Gesicht überzog ein Lächeln. „Das würde mich freuen.“
Charlotte verabschiedete sich und stieg in ihren Wagen. Sie schaltete das Radio ein und fädelte sich in den Verkehr der abendlichen Stoßzeit ein. Es ging nur schleppend voran, und so hatte sie Zeit zum Nachdenken.
Im Radio begannen die Nachrichten, und gleich die erste Meldung ließ sie aufhorchen. Mr Sim, der als Bürgermeister bei der nächsten Wahl gegen den Amtsinhaber Gregory antreten wollte, gab ein Interview. Er sprühte nur so vor Energie, was, wie er sagte, auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass er, nach Jahren des Wartens, nun eine neue Chance im Leben erhalten hatte. Endlich sei für ihn eine Niere verfügbar geworden. Die Transplantation war bereits erfolgt, und er dankte dem ihm unbekannten Spender für dieses Glück.
In Charlottes Geist machte es ‚Klick‘. Ihr Verstand bastelte in Windeseile eine Theorie zusammen, die aber so unglaublich war, dass es Charlotte schauderte.
Zuhause angekommen rief sie sofort Phil an und erzählte von ihrem Verdacht.
Der Kommissar schnaubte verblüfft. „Das wäre nachgerade grotesk.“
„Ja. Aber, Phil, kannst du herausfinden, welches Organ von Mrs Albers an welchen Transplantationsempfänger ging? Genauer gesagt, wer die Nieren erhalten hat?“
Phil sagte zu, sein Möglichstes zu tun, und Charlotte hängte ein.
Eine Stunde später, in der sie sich mit dem Hören von Schallplatten und mit dem Erledigen der Hausarbeit ablenkte, rief Phil zurück.
„Zuerst zur Organspende und der geltenden Rechtslage“, erklärte er. „Lässt ein Todesfall kein vorsätzliches Fremdverschulden erkennen, wird sofort transplantiert, wenn das Todesopfer Organspender ist; bei Tod, der auf ein Verbrechen hindeutet, nur dann, wenn die Todesumstände eindeutig sind und das Organ, das entnommen wird, nichts mit dem Tod zu tun hat.“
„Das würde also passen. Verkehrsunfall - da denkt zuerst niemand an ein Verbrechen, zumal, wenn die Ampelanlagen spinnen.“
„Richtig“, stimmte Phil zu. „Und wenn der Sniper Mrs Albers direkt ins Herz getroffen hätte, wären die Nieren transplantierbar gewesen.“
Und dann erhielt Charlotte die Information, auf die sie hingefiebert hatte.
Bingo!
Charlotte war sich ihrer Theorie nun absolut sicher.
Die Anschläge waren nur Blendwerk. Der auffällig überall auftauchende Kapuzentyp, die verschiedenen Anschlagsarten. Das alles war Täuschung, Ablenkung.
Es ging einzig und allein um genau zwei der Opfer, beziehungsweise um ein Opfer und einen Zeugen.
Beweisen konnte sie ihren Verdacht jedoch nicht. Und Phil hatte auch keine Handhabe, um gegen den mutmaßlichen Täter vorzugehen. Aber Charlotte sah eine andere Möglichkeit. Ausdauer und Persistenz hatten sich im Detektivbusiness noch immer ausgezahlt.
***
Zwei Tage später war alles vorbereitet und der Zeitungsbericht eingereicht. Er würde in der kommenden Frühausgabe erscheinen.
Charlotte schritt in ihrem dunkelgrünen Businesskostüm über den Flur der Nephrologie-Abteilung des auf Transplantationen spezialisierten Mercy-Hope-Hospitals. Den breitkrempigen Hut, wie ihn die Queen bevorzugte, hatte sie leicht nach vorn geschoben, sodass er etwas von ihrem Gesicht verdeckte. Die blonden Haare der Perücke fielen ihr weit über die Schultern. Charlotte hatte sich stark geschminkt und ihre Augen so betont, dass diese scheinbar einen veränderten Schnitt aufwiesen. Kylie hatte sie am Morgen fast nicht erkannt, als sie aus dem Bad gekommen war.
Charlotte passierte, freundlich lächelnd, Schwestern und Patienten und erreichte schließlich ihr Ziel. Sie klopfte an das Einzelzimmer und trat ein, blieb aber im Türrahmen stehen.
„Guten Tag, Mr Sim“, grüßte sie mit leicht verstellter, etwas piepsiger Stimme. „Ich bin Penelope Miller-Owens. Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass ich Ihnen überaus dankbar bin, dass Sie bereits so kurz nach diesem für Sie so freudigen Ereignis für ein Interview zur Verfügung stehen.“
Der reiche Industrielle, der in die Politik drängte, hob die Hand und winkte sie herein. Der Mann, der erst vor wenigen Tagen eine Nierentransplantation überstanden hatte, lag rücklings in seinem Bett, dessen Kopfregion schräg nach oben gestellt war. Sein Gesicht war blass und etwas aufgedunsen, aber er machte insgesamt einen recht energiegeladenen Eindruck. Die Bewegung seiner Hand war zielgerichtet und schnell gewesen, seine Augen huschten aufmerksam hin und her, und auch die Stimme war kräftig.
„Natürlich, Mrs Miller-Owens. Ich möchte so schnell als möglich das Hospital verlassen und mit dieser neuen Chance in meinem Leben etwas Sinnvolles beginnen. Mein Ziel ist es, den Menschen dieser wundervollen Stadt zu helfen. Ich möchte auf ihre Nöte und Sorgen eingehen und ihr Leben positiv beeinflussen.“
Charlotte setzte sich auf den Besucherstuhl, den sie sich von dem kleinen Tisch in der Ecke des Raumes heranzog. „Nun, Mr Sim, das Leben der Menschen haben Sie wirklich beeinflusst. Bereits jetzt. Oder wie würden Sie dreizehn Todesfälle und rund zwanzig Verletzte nennen?“
Das Unverständnis, das über Sims Gesicht glitt und in seiner Stimme mitschwang, schien echt. „Wovon sprechen Sie?“
„Von den Anschlägen der letzten Zeit. Ich könnte sie Ihnen sämtlich aufzählen, aber wozu? Sie wissen dies besser als ich, denn schließlich haben Sie diese Attacken veranlasst.“
Der Industrielle lachte donnernd auf. „Wie kommen Sie auf einen solchen Unsinn?“
Charlotte sprach kalt und abweisend, aber sie hütete sich, persönliche Betroffenheit durchscheinen zu lassen. Dass sie Pippa, die bei dem Mordanschlag auf Mrs Albers vor der Eisdiele zufällig in die Schussbahn geraten war, kannte, durfte Sim auf keinen Fall erfahren oder auch nur ahnen. Dann wäre ihre ganze Maskerade umsonst gewesen.
„Sie haben eine der beiden Nieren von Mrs Albers erhalten, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Eine sehr gute Idee, überall den Kapuzentyp auftauchen zu lassen. Das machte alles absolut unverdächtig. Jedes Opfer schien Zufall zu sein. Aber wir beide wissen doch, dass dies alles nur eine Farce war. Es ging Ihnen von Beginn an nur um eine Organspende. Vermutlich wäre es Ihnen mit Ihrem Geld nicht schwer gefallen, auf dem Schwarzmarkt ein entsprechendes Organ zu beschaffen. Aber das hätte Ihnen nichts genutzt. Was Sie benötigten, war eine legale Organspende, denn Sie als Bürgermeisterkandidat mit Ambitionen müssen natürlich erklären können, woher ihre neue Niere stammt.“
Sim ließ seine Besucherin ausreden. Nervosität oder gar Angst zeigte er keine. Er schien eher belustigt über Charlottes Ausführungen zu sein. „Sie sind verrückt. Aber das stammt vermutlich von meinen politischen Gegnern. Doch sollten Sie diese haltlosen Verleumdungen öffentlich äußern, und sei es auch nur zu Bekannten oder Freunden, werde ich Sie verklagen.“ Für einen Moment ließ er die Maske des freundlichen Menschen fallen. „Sie werden kein Bein mehr auf die Erde bekommen. Sie werden noch nicht einmal mehr über die Versammlung des Kaninchenzüchtervereins berichten dürfen.“
„Das ist mir klar, Mr Sim. Sie brechen das Gesetz, sobald Sie es für nötig befinden, verschanzen sich ansonsten aber hinter den Paragraphen. Ich werde etwas veröffentlichen, das können Sie nicht verhindern, denn es wird der Wahrheit entsprechen.“ Nach diesen ominösen Worten zog sie ein zusammengefaltetes Blatt aus der Handtasche und ließ es durch die Finger gleiten.
Sims Blick heftete sich auf das Schriftstück. „Sie haben nichts, keine Bweise. Können Sie auch gar nicht, denn ich habe mit diesen schrecklichen Ereignissen nicht das Geringste zu tun und verurteile sie aufs Schärfste.“
Charlotte faltete das Blatt auseinander. Sim beugte sich vor, konnte aber nichts einsehen.
„Ich werde nur diese Fakten veröffentlichen.“ Sie reichte dem Mann das Blatt.
Sims Blick flog über die Zeilen. Der Text bestand aus drei Namen - Mrs Constance Albers, die Frau an der Eisdiele, Mr Theodore Green, der Mann, welcher an der fehlerhaft funktionierenden Dialysemaschine angeschlossen gewesen war, sowie Mr Chris Sim. Neben den Namen stand das Ergebnis der HLA-Typisierung des Blutes. Der Wert war unter diesen drei Personen identisch. Außerdem enthielt der Artikel drei, mit Datumsangabe versehene, Kopien der obersten zwanzig Einträge in der Transplantationsliste bezüglich Nieren. Vier Personen wiesen den HLA-Typus von Sim auf. Sim war in dieser Untergruppe einmal auf Platz 1, einmal auf Platz 2, sowie einmal auf Platz 3.
„Was wollen Sie damit erreichen?“, fragte der Mann im Bett.
„Jeder kann eigene Schlüsse ziehen. Ich zeige nur zeitliche Korrelationen auf. Sie befanden sich lange Zeit auf Platz 1 der Liste. Der Anschlag an der Eisdiele fand statt, als sie auf der relativen Position 2 der Transplantationsliste standen. Dieser schlug fehl. Dann rutschten Sie ab auf Platz 3, da Mr Green dringender eine Niere benötigte. Es folgte der Dialysezwischenfall. Prompt waren sie wieder einen Platz nach oben geklettert. Und danach geschah der Verkehrsunfall, der Mrs Albers tötete. Jeder wird sehen können, dass Sie davon profitierten.“
Wieder lachte Sim. „Aber auch andere Organempfänger, denn Mrs Albers hat sicherlich nicht nur eine Niere für die Lebensrettung freigegeben.“
„Sicher. Aber ob es bei diesen Empfängern ebenfalls solche Auffälligkeiten zu entdecken gibt?“
„Sie sollten Schriftstellerin werden. Phantasie haben Sie, das muss ich zugeben. Aber ich warne Sie vor unüberlegten Schritten. Ich habe Einfluss und kann Ihnen gehörig schaden.“
Charlotte winkte uninteressiert ab. „Ihr krimineller Plan ist die perfekte Story für mich. Damit werde ich groß rauskommen. Ich sage Ihnen, was weiter geschehen wird. Ich werde Ihr Leben durchleuchten, Ihre Nachbarn befragen. Hier und in jeder Stadt, in der sie je gewohnt haben. Ich werde Sie Tag und Nacht überwachen. Natürlich alles absolut im Rahmen der Gesetze. Aber es wird so auffällig sein, dass andere Journalisten auf Sie aufmerksam werden.Und diese weiteren Journalisten werden anfangen zu graben. Und, Mr Sim, man wird etwas finden. Man findet immer etwas, wenn man nur lange genug sucht. Das wird Sie nervös machen und in Fehler treiben. Und dann werde ich meine Story bekommen.“
Sims Augen verengten sich während Charlottes Ausführungen zu schmalen Schlitzen. Seine linke Faust krallte sich in die Bettdecke. Unterdrückte Wut spiegelte sich in seiner Stimme, als er antwortete: „Sie werden es bereuen, wenn Sie mir in die Quere kommen.“
„Möglich. Aber Sie werden nicht gegen Dutzende Personen, die Sie akribisch unter die Lupe nehmen, vorgehen können. Denn im Gegensatz zu Ihren Anschlägen, in denen Sie das spezifische Opfer kannten, wissen Sie in diesem Falle nichts. Sie wissen nicht, wer Ihnen wann und wo an den Fersen klebt. Und“, sie lachte eisig, „sollte mir etwas zustoßen, entfällt ja Ihre Drohung der Klage. Dann wird die ganze Welt meine Theorie erfahren. Und alles schön mit Hinweisen versehen. Die entsprechenden Berichte sind hinterlegt. Ein Anwalt wird sie auftragsgemäß in mehreren Zeitungen im ganzen Land gleichzeitig veröffentlichen. Ich bin dann zwar wahrscheinlich tot, aber Sie sind ebenfalls erledigt.“
Charlotte stand auf. Mit Abscheu in den Augen blickte sie Sim an. „Schauen sie morgen in den ‚Observer‘, den ‚Chronicle‘ und die ‚Times‘. Sie können dem Ganzen nur entgehen, indem Sie ein Geständnis ablegen. Vielleicht erhalten Sie dann mildernde Umstände und nur einmal lebenslänglich. So haben Sie noch die Chance, irgendwann einmal wieder freie Luft zu atmen.“
Ohne auf Sims Erwiderung, die eher einem unkontrollierten Brüllen glich, einzugehen, verließ Charlotte das Krankenzimmer. So schnell wie möglich wollte sie das Hospital hinter sich lassen und sich der Verkleidung entledigen, denn Sim würde sicherlich versuchen, ihr jemanden nachzuschicken.
Aber Charlotte war zufrieden mit dem Ergebnis. Das Telefon in Sims Zimmer war präpariert, sodass jedes Gespräch mitgeschnitten wurde. Ein befreundeter Techniker der Telefongesellschaft hatte dies am Verteilerpunkt sowie in der Telefonzentrale eingerichtet. Außerdem waren zwei ihrer Detektivkollegen in wechselnder Tarnung vor Ort und würden sämtliche Besucher von Sim melden. Und zur Beschattung standen zwei Teams vor dem Krankenhaus.
Nun war Geduld gefragt.
***
Die kommenden vier Tage überprüfte Charlotte immer wieder die Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen, die Sim vom Krankenhaus aus führte. Doch bis jetzt hatte sie noch nichts Verdächtiges erfahren. Es schien fast, als befürchtete Sim eben eine solche Abhörmaßnahme und hielt sich deshalb bedeckt. Auch die Beschattung von Personen, die Sim besucht hatten, erbrachte nichts. Die Untersuchungen seines Vorlebens förderten zwei Ex-Ehefrauen zu Tage, die nicht gut auf Sim zu sprechen waren, aber keine verwertbaren Details berichten konnten. Der einzige Lichtblick waren ein paar vage Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung seines Automobilkonzerns.
Charlotte schob das nächste Tonband in das Abspielgerät und drückte auf Play. Gespannt lauschte sie dem Gespräch.
Sim: Ja?
Anrufer: Wir sollten noch einmal verhandeln.
Sim (nach kurzer Pause): Worüber?
Anrufer: Mein Beraterhonorar.
Sim: Ich weiß nicht, was Sie meinen.
Der Anrufer hatte seinen Namen nicht genannt, dennoch legte Sim nicht auf. Charlotte vermutete, dass die beiden sich kannten. Diese Unterhaltung schien interessant zu werden.
Anrufer: Nun, die Preise sind gestiegen. Eis ist teuer.
Sim: Was wollen Sie? Und wer sind Sie überhaupt? Ein besorgter Bürger?
Anrufer (lacht): Das dreifache zusätzlich. Ich möchte verreisen. Morgen, 4 p.m., im Café. Schicken Sie Ihren Assistenten.
Dann knackte es, und das Gespräch war beendet.
Eine Erpressung, war Charlotte sofort klar. ‚Eis‘ konnte nur eins bedeuten: Der Sniper, den Sim für den Anschlag in Mount Pleasant engagiert hatte, verlangte mehr Geld, da er untertauchen wollte. Vermutlich hatte er Wind davon bekommen, dass Sim von vielen Seiten unter die Lupe genommen wurde, und wollte noch einmal kräftig abkassieren.
Das war ihre Chance! Wenn sie den Killer dingfest machen konnte, würde er seinen Auftraggeber sicherlich nicht schonen.
Charlotte führte aus ihrem Apartment heraus einige Telefongespräche. Sie stoppte die Befragungen von Personen, die irgendwann einmal etwas mit Sim zu tun gehabt hatten, und verteilte ihre Kollegen neu.
***
Charlotte folgte der dunkelgrauen Limousine in großem Abstand und wechselte sich immer wieder mit drei ihrer Kollegen ab, mit denen sie über Funk in Kontakt stand. Der Mann im verfolgten Wagen bremste und verlangsamte deutlich, als er auf die Kreuzung zufuhr. Hinter ihm staute sich der Verkehr. Dann schaltete die Ampel um auf Rot, doch der Fahrer drückte auf das Gaspedal und brauste noch über die Kreuzung. Charlotte grinste schwach, denn sie kannte natürlich dieses Standardmanöver, um Verfolger abzuschütteln.
„Ich muss kurz abreißen lassen“, meldete sie über Funk und stoppte an der Ampel. Nach einer Minute konnte sie endlich weiterfahren und erhielt Informationen von ihren Kollegenn darüber, wo sich der Verfolgte nun befand. Rasch holte sie auf, nahm eine Abkürzung und hatte schließlich den grauen Wagen wieder im Visier.
Plötzlich setzte das Auto den Blinker und fuhr in ein öffentliches Parkhaus neben einem Einkaufszentrum. Charlotte gab es an ihre Kollegen durch, hielt am Straßenrand und sprang aus dem Wagen. War nun bereits der Endpunkt der Irrfahrt erreicht? Charlotte bezweifelte es und vermutete eher einen weiteren Trick. Sie lief das außen gelegene Treppenhaus hinauf, öffnete in jedem Stockwerk die Tür und lauschte. Problemlos konnte sie den Motor eines Wagens, welcher die Wendelauffahrt hinauffuhr, ausmachen. Erst im dritten Stock herrschte Stille. Charlotte huschte ein Stockwerk tiefer, öffnete die Tür und wartete.
Würde Sims Mitarbeiter den Wagen wechseln? Da er vom Krankenhaus alleine losgefahren war, bestand nicht die Gefahr, dass der Mann im Parkhaus aus dem Auto sprang und nun weglief, während die Detektive weiter das Fahrzeug im Blick hielten.
Doch nirgends wurde ein Motor gestartet. Stattdessen hörte Charlotte plötzlich Schritte, die sich auf dem Parkdeck entfernten. Sie duckte sich und schlich an den Parkbuchten vorbei, wobei sie immer darauf bedacht war, in Deckung zu bleiben. Schnell verringerte sie die Entfernung und blickte auf den Rücken eines großen Mannes, der mit seinem grauen Anzug und der spiegelnden Glatze überhaupt nicht mehr wie der Mann aussah, der Sims Krankenzimmer rund zwei Stunden vor dem geplanten 4-Uhr-Termin verlassen hatte. Aber Charlotte erkannte ihn trotz der Verkleidung sofort an der Gestalt und den Bewegungen wieder. Der Mann betrat das südliche Treppenhaus, das zum hinteren Ausgang führte. Charlotte hastete hinterher und erwischte die schwere, metallene Tür gerade noch, bevor sie laut ins Schloss fallen konnte. Rasch schlüpfte sie durch den schmalen Spalt und drückte danach die Tür lautstark zu. Sie lauschte, lief, als sie ein Geräusch ausgemacht hatte, auf Zehenspitzen die Treppen hinunter und folgte dem Mann hinaus auf die Straße. Dort sah sie gerade noch, wie er in einiger Entfernung ein Taxi herbeiwinkte und einstieg. Charlotte notierte sich sofort die Autonummer sowie den Namen des Unternehmens und gab beides über Sprechfunk durch. Dann lief sie um das Gebäude herum und sprang in ihren Wagen.
Die Verfolgung ging weiter.
Nach einer Viertelstunde hielt das Taxi am breiten Eingangsportal einer Mall an. Der Mann stieg aus, zahlte und verschwand in dem langgestreckten Einkaufsparadies. Charlotte ließ ihren Wagen einfach in zweiter Reihe stehen und verständigte rasch Annabelle, die sich um korrektes Parken kümmern würde. Hinter Kunden versteckt, verfolgte Charlotte den Mann, der immer wieder stehenblieb, in Schaufenster blickte und sich vor kleinere Gruppen schob, um sich so aus dem Blickfeld eines eventuellen Beschatters zu bewegen. Charlotte aber ließ sich nicht beirren. Mit ihrem Scharfblick konnte sie immer einen Teil der Kleidung des Mannes ausmachen, sodass sie ihn nur für Sekunden aus den Augen verlor. Der Mann blickte sich immer wieder um und musterte die Gesichter der Personen in seiner Nähe.
Doch Charlotte fürchtete keine Entdeckung. Auch sie hatte ihr Aussehen mehrfach verändert. Mal trug sie die Haare offen, mal unter einer Baseballkappe versteckt, dann wieder eine Langhaarperücke. Ihre verwaschenen Jeans und das weite T-Shirt hoben sich durch nichts von der Kleidung der meist jugendlichen Besucher der Mall ab. Und ihre Jacke trug sie zeitweise über dem Arm, dann wieder über die Schulter gehängt, oder auch geschlossen.
Der Geruch von frisch gemahlenen Kaffeebohnen hing in der Luft. Aus einem Schallplattenladen drangen fetzige Beats. Eine Gruppe kreischender Mädchen kam aus einem Klamottenladen. Jede wollte die andere übertönen und zeigen, wie gut ihr das Gekaufte stand.
Hoffentlich dauert dieses Verwirrspiel nicht mehr allzu lange, wünschte sich Charlotte, als sie an den Teenagern vorbeiging. Aber da sie keine Ahnung hatte, um welches Café es sich handelte, musste sie sich für alles wappnen. Sie zog die Jacke an und drehte den Schirm der Kappe nach hinten. Außerdem schob sie sich einen Kaugummi in den Mund. In der langen Verkaufspassage ließ sie den Abstand zu dem Mann etwas anwachsen und wechselte immer wieder von der linken Seite, auf welcher auch der Mann lief, auf die andere und zurück.
Pippa würde das gefallen. Grundhandwerk einer Privatdetektivin, dachte Charlotte und musste für einen Moment schmunzeln.
Schließlich erreichte der Mann das Ende der Mall und trat auf den Vorplatz, wo er sich nach links wandte und nach einigen Schritten an einen Tisch im Außenbereich eines Diners setzte. Die schwarze Aktentasche, welche vermutlich das Erpressungsgeld enthielt, stellte er zwischen seine Knöchel auf den gepflasterten Boden. Er bestellte, und wenig später stand ein Kaffee vor ihm. Charlotte hielt weiten Abstand und beobachtete versteckt hinter einem Baum.
Fünf Minuten geschah nichts. Dann drängte sich ein Mann zwischen den Stühlen hindurch und setzte sich dem Verfolgten gegenüber, der in die Jackettinnentasche griff und ein Kuvert herausholte, das er dem Neuankömmling zuschob.
War das die Geldübergabe?, fragte sich Charlotte. Wozu dann aber die Aktentasche, wenn das Geld im Jackett steckte?
Sie setzte einen ihrer Kollegen für eine Beschattung ein, als der Mann, der den Umschlag an sich genommen hatte, das Diner wieder verließ. Sie selbst wollte an Sims Assistent dranbleiben.
Ein paar Minuten später verließ dieser das Lokal, ging die Straße weiter hinunter, bog um die Ecke und setzte sich in das dortige Café. Auch hier wählte er einen Tisch vor dem eigentlichen Restaurant.
Charlotte blickte auf die Uhr. Es war 3:58 p.m.
Wieder bestellte der Verfolgte, wieder geschah einige Minuten nichts, dann aber näherte sich ein weiterer Mann, setzte sich Rücken an Rücken zu Sims Assistenten und legte eine schwarze Aktentasche auf den Tisch. Auch er bestellte Kaffee.
Charlotte nahm das Funkgerät zur Hand, blickte sich rasch um, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, der sie belauschen konnte, und sagte leise: „C1 hier. C2 bis C4 in Eugene's Coffee Shop. Setzt euch in die Nähe unseres Ziels.“
War dies eine Ablenkung, obwohl die Zeit für das Treffen schon erreicht war? Aber vielleicht war auch die Uhrzeit ein Code? War die eigentliche Übergabe schon abgelaufen?
Ihr kam eine Idee, wie sie das herausfinden konnte. Sie nahm Block und Stift aus ihrer Tasche und begann rasch zu zeichnen. Wieder hatte der Verfolgte die Aktentasche zwischen die Knöchel geklemmt, aber das Schloss war gut zu sehen. Mit zwei Übermalungen fertigte Charlotte ein detailliertes Abbild des metallenen Verschlusses an. Sie überlegte kurz, ob sie auch die eigentliche Tasche zeichnen sollte, deren Oberfläche ein paar Kratzer aufwies. Zwar konnte dies die Kopplung auf der einen Seite erleichtern, andererseits aber konnte sich das Leder der Tasche auch verbiegen, wenn der Assistent dem Killer die Tasche gab - und dann würde die Kopplung reißen. So entschied sie sich dagegen.
Plötzlich bemerkte Charlotte einen schwachen Blauschimmer um das reale Schloss der Aktentasche. Sie blinzelte, aber das hauchzarte Blau verschwand nicht. Charlotte erinnerte sich an die Katastrophe an der Hängebrücke. Pippas Tigerkopfsymbol auf dem Sweater hatte ebenfalls blau geleuchtet.
Aber erst nach dem Überzeichnen. Was bedeutete das nun wieder?
Doch aktuell musste sie sich auf anderes konzentrieren. Der Verfolgte schob die Tasche mit den zusammengedrückten Beinen ein Stück nach hinten. Charlotte konnte nicht genau sehen, was nun weiter geschah, aber plötzlich beugte sich der mutmaßliche Sniper zur Seite, und dann lagen zwei schwarze Aktentaschen vor ihm. Alles war so schnell abgelaufen, dass kaum jemand die Bewegung bemerkt haben dürfte. Und selbst wenn, wäre es nicht auffällig. Warum sollte jemand nicht zwei Aktentaschen vor sich liegen haben?
Charlotte signierte ihr Bild und drückte schräg auf das Schloss. Sie verhinderte nun, dass jemand die reale Lasche hinausziehen konnte. Gebannt starrte sie auf die beiden Männer. Sollte der Aktentaschenempfänger nur eine Ablenkung sein, würde es ihm egal sein, ob er die Tasche öffnen konnte oder nicht, falls er es überhaupt versuchte. Sie würde in diesem Fall ohnehin kein Geld enthalten.
Dem Killer aber würde dies sicherlich nicht gleichgültig sein. Und er würde auch überprüfen, ob er Geld erhalten hatte.
Der neu angekommene Mann drückte auf das Schloss, aber es sprang nicht auf. Er riss an der Lasche, zupfte und zerrte, aber die Kraft, die Charlotte übertrug, war zu stark. Der Mörder bekam die Aktentasche mit dem Schweigegeld einfach nicht auf. Dennoch beherrschte er sich. Er drehte sich nicht um, bewegte aber die Lippen. Der Mann, den Charlotte verfolgt hatte, zuckte bei den Worten zusammen.
Okay, dachte die Detektivin, das ist der Beweis. Es ist keine Ablenkung. Dort sitzt der Killer.
Sie gab das Funkkommando zum Zugriff und schob sich hinter dem Bushäuschen hervor. Annabelle und zwei Männer standen von verschiedenen Tischen auf und bewegten sich wie zufällig auf die zwei Beobachteten zu. Sie stellten sich dicht neben die beiden und legten ihnen die Hände auf die Schultern.
Charlotte befand sich nun in Hörweite und vernahm den leisen Befehl eines ihrer Kollegen. „Bleibt lieber ruhig sitzen. Das, was euch in die Seite drückt, ist keine Wasserpistole.“
Der Killer aber dachte gar nicht daran, so leicht aufzugeben. Vielleicht ging er davon aus, dass im Gegensatz zu ihm niemand in der Öffentlichkeit einfach so losschießen würde, denn er sprang nach vorn gegen den Tisch, der zur Seite geworfen wurde. Doch er hatte nicht mit Charlotte gerechnet. Diese war mit wenigen Sätzen heran und knallte ihm die Handkante ins Genick. Der Mann drehte den Kopf, doch da traf ihn Charlottes Faust am Kinn. Ein Detektiv griff sofort nach den Armen des Killers und bog sie nach hinten. Charlotte unterstützte ihn, während Annabelle und der dritte Detektiv Sims Mitarbeiter festhielten.
„Könnte jemand bitte die Cops verständigen?“, rief Charlotte laut.
Eine sehr unspektakuläre Festnahme hatte ein unblutiges Ende gefunden.
***
Charlotte drückte auf den Knopf des Lautsprechers neben dem großen Einwegespiegel. Auf der anderen Seite saßen Phil sowie der Mann, der das Geld erhalten hatte. Er hieß Peyton Dallas, war 34 Jahre alt, nicht vorbestraft. Phil setzte ihm die Lage auseinander, in der sich der Verhaftete nun befand. In diesen Minuten wurde seine Wohnung durchsucht. Außerdem wurde das Band mit dem Telefongespräch mit aktuellen Aufnahmen von Dallas' Stimme verglichen. Phil hatte nur lau gegrinst, als Charlotte ihm das Tonband mit den Worten „Das wurde mir anonym zugespielt“ übergeben hatte.
Noch hatte der Kommissar kein Geständnis, weder von Dallas noch von Sims Mitarbeiter. Aber sowohl er als auch Charlotte waren überzeugt, dass dies nur eine Frage der Zeit war. Zumindest einer würde reden. Außerdem gab es da noch die 90.000 Dollar, welche in der Aktentasche gesteckt hatten. Zwar war es nicht verboten, solche Summen mit sich zu führen oder jemandem zu übergeben. Doch es rechtfertigte genauere Ermittlungen, da die Übergabe in heimlicher Weise vorgenommen werden sollte.
Phil feuerte Frage um Frage ab, und Dallas' Anwalt hatte alle Mühe, seinen Mandanten davon abzuhalten, aufzubrausen.
Schließlich klopfte es an der Tür zum Verhörzimmer, und ein Uniformierter trat ein. Er flüsterte Phil etwas ins Ohr, das der Kommissar nur mit einem knappen Nicken zur Kenntnis nahm. Doch Charlotte kannte den Freund gut genug, um an dessen Haltung sofort zu erkennen, dass etwas Entscheidendes geschehen sein musste.
„Mr Dallas, Sie haben nun das letzte Mal die Gelegenheit, von sich aus auszupacken. Die Durchsuchung Ihrer Wohnung ist abgeschlossen. Auch die des Kellers. Oder sollte ich besser sagen: die Ihres Kellernachbarn?“
Dallas' Augen verengten sich, und auf seiner Stirn bildete sich Schweiß. Hilfesuchend und gar nicht mehr überheblich wie zuvor, schaute er zu seinem Anwalt.
„Sprechen Sie Klartext“, forderte der Advokat, doch Phil ignorierte ihn. Starr blickte er auf den Verdächtigen.
Charlotte ging es gegen den Strich, dem Mann, der Pippa fast getötet hatte, auf diese Art entgegenzukommen. Sie hätte ihn am liebsten für immer hinter Schloss und Riegel gewusst. Aber es ging nicht nur um Dallas. Fast noch wichtiger war, Sim etwas nachweisen zu können. Und so wollte Phil den Mörder zu einem umfassenden Geständnis, das sich strafmildernd auswirken würde, bewegen.
Phil sagte nichts, sondern wartete nur.
„Gut“, gab Dallas schließlich nach. „Ich packe aus. Straffreiheit ist wohl vom Tisch, wenn Sie mein Gewehr schon gefunden haben. Aber ich will einen Deal mit der Staatsanwaltschaft.“
Phil schob seinen Stuhl zurück. „Ich werde den Kronanwalt kontaktieren. Nur eins vorweg, damit ich weiß, dass Sie es ernst meinen. Wer war Ihr Auftraggeber?“
Peyton Dallas schaute erneut zu seinem Verteidiger. Als dieser nickte, sagte er knapp: „Chris Sim, der Automogul.“
Charlotte ballte die Faust.
Nun kam der Mann nicht mehr davon.
Die Verhaftung von Sim fand noch am selben Abend statt. Der Industrielle gab sich zu Beginn siegessicher, wurde aber, als er mit den Aussagen konfrontiert wurde, immer kleinlauter. Dennoch gestand er nicht. Doch man fand in seinen Büroräumen Material, das immerhin nahelegte, dass er sich aus vielen verschiedenen Städten des Landes Informationen über Blutspender verschafft und danach bei bestimmten Personen HLA-Typisierungen illegalerweise in Auftrag gegeben hatte.
Für Phil rundete sich das Bild ab. Charlotte hatte recht behalten mit ihrer Vermutung. Phil glaubte sogar, dass Sim auch in einer anderen Stadt eine Anschlagsserie aufgezogen hätte, falls dort ein geeigneter Spender gewohnt hätte. Apartments besaß der Firmenchef jedenfalls in all diesen Orten.
***
Mit freudestrahlendem Gesicht kam Pippa aus dem Zeitschriftenladen im Flughafen gelaufen. In der linken Hand schwenkte sie ein Magazin, der rechte Arm steckte nach wie vor in einer Schlaufe. Die Schulterwunde heilte gut, und nach der Rückkehr nach Gatineau würde auch der Gips entfernt werden.
„Charlotte, schau!“, rief sie laut, umkurvte ein paar Passanten und rannte zu ihrem Vorbild. „Eine Sonderausgabe nur über die Anschläge hier in Vancouver. Ich hab schon reingeschaut. Es ist die Rede von einer Charlotte B. und einer Pippa S.“
Bevor Charlotte antworten konnte, hallte eine laute Durchsage aus den Lautsprechern. „Die Passagiere für den Flug VAL213 nach Ottawa werden zu Gate B-4 gebeten. Ich wiederhole ...“
Kylie stieß sich von der Wand ab, an der gelehnt sie auf ihre Schwester gewartet hatte, und nahm ihren Rollkoffer in die eine Hand, während sie mit der anderen ihre Freundin umarmte. „Ein aufregender Urlaub bei dir, meine Liebe“, sagte sie lächelnd. Doch es wirkte etwas gequält.
„Gern geschehen“, erwiderte Charlotte.
Auch Pippa umarmte Charlotte stürmisch und wollte diese gar nicht mehr loslassen. „Du, Charlotte, in drei Monaten haben wir wieder Ferien. Darf ich dich dann wieder besuchen?“ Mit einem gespielt bösen Blick auf ihre Schwester, die sie am Arm wegziehen wollte, setzte sie hinzu: „Und dann ohne Aufpasser. Nur wir beide. Und dann will ich endlich bei einer Beschattung dabei sein. Nachschleichen in der Mall, das klingt super spannend. Und dann das andauernde Umtarnen.“
Sie löste die Umarmung, schüttelte Kylies Hand ab und griff nach ihrem eigenen, kleinen Koffer. „Außerdem werde ich dann viel fitter sein.“
„Wieso das?“, fragte Charlotte.
„Ich werde mich im Gymnastics-Team der High-School anmelden“, erklärte Pippa stolz. „Ich würde zwar lieber eine Militärausbildung wie du durchlaufen, aber da will man mich ja noch nicht. Aber beim Kunstturnen lerne ich Körperbeherrschung. Und dann kann ich mich beim nächsten Brückenanschlag selbst retten. Oder zur Abwechslung einmal dich!“
Sie drehte sich um und lief wie ein Wirbelwind ihrer Schwester nach. Dort angekommen, blickte sie über die Schulter zurück, ließ noch einmal ihren Koffer los und winkte wild zum Abschied.
„Bis bald, ihr beiden!“, rief Charlotte und wartete, bis die Freundinnen nicht mehr zu sehen waren.
ENDE
zu Teil 2