Versfüße hoch zu Ross

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Sidgrani

Mitglied
Das Metrum ist ein wildes Pferd,
es lässt sich aber zähmen.
Es bricht gern aus und springt verkehrt,
es sollte sich was schämen.

Der Jambus zügelt dessen Lauf,
jetzt muss das Ross parieren.
Es geht im Schritt, steigt hinten auf,
das lässt sich gut trainieren.

Dann beim Trochäus steigt das Pferd
nur vorne hoch und hinten nicht.
Wer das begreift, macht nichts verkehrt,
und ist bereit für ein Gedicht.

Schon läuft der Gaul im leichten Trab,
steigt vorne hoch und hinten ab.
Genauso rhythmisch ist sein Lauf,
geht‘ andersrum und hinten auf.

Beim Anapäst, da hebt der Hengst,
vorausgesetzt, dass du ihn lenkst,
beim dritten Schritt die Vorderbein,
zwei Schritt davor, da knickt er ein.

Beim Daktylus ist’s umgekehrt,
die Hebung hinten wird verwehrt.
Das Tier hebt nun ganz vorn die Huf
und folgt zweimal dem Senkungsruf.

Nur Mut, das Pferd schnell aufgezäumt,
auch wenn es sich noch manchmal bäumt.
Dann plötzlich habt ihr es kapiert,
das wilde Metrum ist dressiert.
 

Tula

Mitglied
Hallo Sidgrani

eine gelungene Anleitung zur Verslehre, gern gelesen!

Ich überlege noch, ob du die Strophen zum Trochäus, Anapäst und Daktylus auch als solche verfassen kannst, zum Beispiel:

Dann beim Trochäus steigt das Pferd
vorne hoch und hinten nicht.
Wer das kann, macht nichts verkehrt,
und kriegt Punkte fürs Gedicht.


Nur so 'ne Idee.

LG
Tula
 

MiauKuh

Mitglied
Ein schönes Gedicht, Sidgrani,

wie Tula bin ich auch der Meinung, dass eine Formulierung der Strophen in den entsprechenden Rhythmusformen das Gedicht merklich verbessern würde. So hättest du Form und Inhalt in Einklang gebracht :)

Gib dir einen Ruck, du kriegst das hin, ich weiß das.

Liebe Grüße
 

Sidgrani

Mitglied
Hallo Tula und MiauKuh,

ihr habt recht, da muss ich noch einmal ran. Ich danke euch und begebe mich in Klausur.

LG Sidgrani
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lieber Sidgrani!

Nach gewiß Hunderten gedichteter metrischer Anleitungen nun diese. Ganz nett.

Daß die Metren wilde Pferde seien, kann ich nicht bestätigen. Aber die Metapher gibt etwas Dynamik ins Lied.

Wesentlicher:
Iamben und Trochäen sind eigentlich der gleiche metrische Strom - (x)XxXxX...xXxX(x)

Und das gleiche metrische Vexierbild bieten Daktylus, Anapäst und Amphibrachys:
- (xx)XxxXxxX/xx...XxxX(x(x))
Das wird besonders dadurch deutlich, daß in dem Versmaß, das den Daktylus bevorzugt benutzt, in der Regel nach der dritten Hebung der Satz gegliedert wird (Trithemimeres), oder auch nach der fünften (Penthemimeres). Das daktylische Metrum erweist sich an diesen Stellen als "eigentlich" anapästisch.
Dazu kommt noch, daß das Ende katalektisch ist, als sei das Metrum "noch eigentlicher" amphibrachysch.

Mit anderen Worten: Wenn das Pferd seine Hufe ADBC ADBC ADBC setzt, ist es wurscht, ob es DBCA DBCA oder BCAD BCAD oder CABD CABD läuft. Es ist schlicht dieselbe Metrik.

Hätten wir bei Lyrik die Taktstriche eingeführt, wie in der Musiknotation üblich, stünde dieser Taktstrich immer vor einer Hebung. Unbetonte Anfänge (z.B. bei Iamben) bildeten dann einen Auftakt.
Auftakte ändern aber nichts an den Metren, also am Dreiviertel-, Vierviertel- oder N-Viertel-Takt. In der Musik jedenfalls.

grusz, hansz
 

Tula

Mitglied
Hallo

Sicher ... oder doch ein 'jein'. In der Lyrik gibt es nun mal keinerlei Tempozeichen, das muss der Text selbst erbringen. Zum Beispiel denke ich beim Anapäst (im hier erarbeiteten Bezug auf das Kunstreiten) eher an ein schnelleres Tempo (Galopp?), beim Daktylus nicht unbedingt, eher ein Tänzeln im Dreiertakt)

LG
Tula
 

James Blond

Mitglied
Mit anderen Worten: Wenn das Pferd seine Hufe ADBC ADBC ADBC setzt, ist es wurscht, ob es DBCA DBCA oder BCAD BCAD oder CABD CABD läuft. Es ist schlicht dieselbe Metrik.
Das stimmt so nur für die Musik: Hier wird der Taktbeginn stets betont und daher wird notfalls auftaktig angesetzt. In Versen verhindert eine winzige Pause zwischen den metrischen Takten, dass "Barbara" zu "Rabarba" wird: xXx xXx xXx ... wird daher auch in Reihe gesprochen nicht zu Xxx Xxx Xxx ...

Grüße
JB
 

James Blond

Mitglied
wir Schlaumeier

Genau so habe ich es auch gemeint. :)
Allerdings gibt es auch innerhalb eines Taktes noch Nebenbetonungen, beim 3/4 häufig auf der 2 +. ;)
 


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