visuelles Drama

5,00 Stern(e) 7 Bewertungen

Blumenberg

Mitglied
Hallo Patrik,

ich wage mich mal, an dieses kleine Stück. Mir gefällt die Form, die du gewählt hast ,wirklich gut. Ich finde man merkt dem Gedicht deine vielen Ausflüge in die experimentelle Lyrik deutlich an. Außerdem wird durch die optische Umsetzung der Titel des Gedichtes wunderbar aufgenommen.
Trotzdem will mich der Text noch nicht völlig überzeugen. Das liegt, denke ich, an der inhaltichen Ebene, auf der er durch die Kürze sehr abstrakt bleibt. Der Titel weckt bei mir die Erwartung, dass er neben einem Bild auch inhaltich etwas transportiert. Da es aber nur ein Satz ist, finde ich das schwierig und hier erscheint mir der Text auch ein bisschen zu schmal.

Für mich wären mehrere Strophen (d.h. etwas mehr Inhalt) bei Beibehaltung der Form und OptiK eine Möglichkeit. Ist aber nur meine subjektive Meinung, die bestimmt durch meine eher prosalastige Schreibtätigkeit beeinflusst ist.

Liebe Grüße

Blumenberg
 
Hallo Blumenberg

Das Problem ist, dass der Text ja einer visuellen Logik folgt, die ihn ordnet.

Über dem Wort "fordert" steht das Wort "er"
Hinter dem Wort "gangen" das Wort "da"

So ergeben sich Lesart:

über fordert steht er, hinter gangen da
überfordert steht er hintergangen da

Es ginge auch:

überfordert steht er da, hintergangen

Wenn man den Text jetzt länger gestalten möchte, braucht man mehr Wörter mit "über" oder "hinter" und das ist gar nicht so leicht.

L.G
Patrick
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Patrick,

die visuelle Logik, der dein Text folgt, ist mir bewusst und auch die Schwierigkeit mit "über" und "hinter" weiterzumachen, die sich daraus ergibt. Deswegen auch mein Vorschlag nicht einfach weiterzuschreiben sindern mit mehreren Strophen zu arbeiten: Das würde dir, wie ich finde, gestatten diese Klippe zu umschiffen und neu anzusetzen, ohne das zugrundeliegende visuelle Schema zu ändern.

Die drei Lesarten des Satzes sind zwar formal bzw. grammatisch unterschieden, auf der inhaltlichen Ebene ist es für mich aber immer der gleiche Satzgehalt. Ließen sich daraus mehrere Sätze mit unterschiedlicher inhaltlicher Aussage bilden, die sich auf einander beziehen lassen, hätte ich wohl, ohne zu kritisieren, bewundernd geklatscht.

Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob es mir gelingt, das was ich meine tatsächlich nachvollziehbar zu machen, das Gedicht ist schon so sehr gut, es legt für mich nur den Fokus zu sehr auf die visuelle Logik.
 
Hi Blumenberg

Ja, du hast recht. Erstmal möcht ich mich entschuldigen, dir die Erklärung aufgedrängt zu haben, in anderen Foren wurde der Text nicht verstanden, daher habe ich ein wenig aus Reflex erklärt. Aber nun zum Thema, ich habe lange darüber nachgedacht, wie man den Text vielschichtiger gestalten könnte und bin an die Grenzen meiner Fähigkeiten gekommen, mir will partout nichts einfallen. Man könnte vielleicht nur die Idee nehmen und einen völlig anderen Text gestalten:

"über fordern
steht nichts
unter fordern
steht nichts

und doch so verschieden..."

um ein Beispiel zu nennen. Oder ich füge einen neuen Titel ein. Mir persönlich ging es in dem Text darum, dass er das Anliegen der konkreten Poesie ganz gut auf den Punkt bringt, in der das Visuelle des Wortes in den Vordergrund gerückt wird, um ein neues Licht auf das Wort zu werfen. Daher könnte ein Titel wie: "das Anliegen der konkreten Poesie" dem Text eine neue Ebene hinzufügen, weil der Inhalt "überfordert steht er hintergangen da" jetzt auch auf den Titel bezug nehmen würde.

Aber vielleicht hat ja irgendjm. noch eine Idee wie man Texte dieser Art weiterspinnen könnte. :)

L.G dir von
Patrick
 

Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
Die visuelle Logik hat also bei diesem Gedicht einen höheren Stellenwert als die inhaltlich korrekte Darstellung (von links nach rechts und an zweiter Stelle von oben nach unten). Das funktioniert hier aber nur, weil die Worte, wie sie aufgetrennt sind, eine Doppeldeutigkeit besitzen - sie fungieren zugleich als Wörter, als auch als Worte --- Unterschied zwischen dem Wort als Satz-Baustein und dem Wort als Sinn-Einheit. So wird in der visuellen Logik das "er" lediglich als Satz-Baustein benutzt. Es steht über "fordert" (ebenfalls Satz-Baustein). Das "über" ist aber in der visuellen Logik eine Sinn-Einheit. Interessanter Weise ist das Wort "über" auch in der inhaltlichen Logik des Gedichtes eine Sinn-Einheit - jedoch nur in Kombination mit dem Wort "fordert", das sich in der inhaltlichen Logik, wie das "er", zur Sinn-Einheit verwandelt.

Hier eine Tabelle zur Darstellung wofür die einzelnen Worte / Wörter in den beiden Logiken der Texte stehen:
visuelle Logik (wieso das Gedicht so aussieht wie es aussieht)inhaltliche Logik (wieso das Gedicht aussagt was es aussagt)
über er
fordert​
steht
hinter da gangen.
  • über: Sinn-Einheit
  • er: Satz-Baustein
  • fordert: Satz-Baustein
  • steht: Sinn-Einheit
  • hinter: Sinn-Einheit
  • da: Satz-Baustein
  • gangen: Satz-Baustein
überfordert steht er hintergangen da


  • über: Sinn-Einheit
  • fordert: Sinn-Einheit
  • steht: Sinn-Einheit
  • er: Sinn-Einheit
  • hinter: Sinn-Einheit
  • gangen: Sinn-Einheit
  • da: Sinn-Einheit
Man könnte diese Umstellung des Satzes aus der visuellen zur inhaltlichen Logik auch veranschaulichen, indem man die Satz-Bausteine ("er", "fordert", "da", "gangen") über die visuelle Anordnung hinaus auch jeweils in Anführungszeichen setzt und in der inhaltlichen Logik die Anführungszeichen weglässt.


--------

Genug der Analyse.

Eine Idee wäre es, beide Versionen aufzuschreiben. Dadurch würdest du Unverständnis potentiell vermeiden können - Unverständnis, auf die du scheinbar anderswo gestoßen bist (hier nicht). Ich dachte mir jedenfalls auch bei "eiter der gesellschaft", dass durch die erste Version niemand auf die zweite Version kommen wird und habe daher einfach beide "Versionen" hochgeladen ...........

Du könntest ja ebenfalls diese Tabellen-Funktion nutzen.

Eine weitere Idee wäre es, wenn du noch mehr mit der Diskrepanz zwischen Worten und Wörtern herumspielen würdest, aber ich überlege mir noch, wie ich mir das konkret vorstelle!
 
Zuletzt bearbeitet:
Umd Bääm, wieder so ein Kommentar, vor dem ich staunend stehe. Du kannst nicht nur Gedichte schreiben, du kannst sie auch analysieren. Die Idee mit der Tabelle ist super, das ist ein guter Weg den Inhalt zu beleuchten. :)

Ich denke grade darüber nach, ob es nicht tatsächlich ganz sinnvoll wäre "fordert" und "gangen" zumindest in Anführungszeichen zu setzen. Aber andererseits, arbeitet der Text ja auch damit, dass der Leser ein wenig knobeln soll.

er​
"auf fäLLig sitzt

und lässt die beine baumeln"

Das wäre eine weitere Idee dieser Art, die mir beinahe noch besser gefällt, auch wenn ich mir nicht so ganz besser bin, ob man die Darstellung noch verbessern kann.

L.G
Patrick
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Habe mit großem Gewinn die bisherige Diskussion verfolgt. Für mich

überfordert
steht er
hintergangen
da

das stärkste Argument - es gibt noch viele andere Deutungen, wie sich hier zeigte.
Gratulation, Patrick!

Gruß, Dyrk

 
Hi Dyrk

Ja, ich bin auch mal wieder erstaunt, wie schön die Diskussion hier abläuft. (Gerade im Vergleich zu anderen Foren)

Danke für dein Lob, das freut mich ungemein :)

L.G
Patrick
 

Oben Unten