Vollendung

5,00 Stern(e) 1 Stimme

Arcos

Mitglied
Liebe ist wie eine Blüte,
nicht nur zart, sondern vergänglich im Kern,
ein leises Aufbegehren gegen das Vergehen,
ein Duft, der schon im Entstehen Abschied in sich trägt.

Sie wächst nicht im Licht allein,
sondern in den Rissen unserer Unvollkommenheit,
dort, wo Sehnsucht sich mit Angst vermischt
und Nähe zugleich Rettung und Abgrund wird.

Jede Berührung ist ein Versprechen,
das die Zeit nicht halten kann,
und doch halten wir daran fest,
als wäre gerade dieses Zerbrechen der Sinn.

Denn Liebe ist kein Zustand,
sie ist ein Übergang,
ein ständiges Werden und Verlieren,
ein stilles Erkennen,
dass wir im Anderen nie ganz ankommen,
aber ohne ihn noch weniger bei uns selbst sind.

Und vielleicht ist sie gerade deshalb wahr,
weil sie uns nicht erfüllt,
sondern uns öffnet,
wie eine Blüte,
die sich dem Unendlichen entgegenstreckt,
im vollen Wissen,
dass sie fallen wird.
 
Zuletzt bearbeitet:

Ubertas

Mitglied
Lieber Önder,

ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich dein Gedicht inzwischen gelesen habe. Und damit ist noch lange nicht Schluss.

Und vielleicht ist sie gerade deshalb wahr,
weil sie uns nicht erfüllt,
sondern uns öffnet,
wie eine Blüte,
die sich dem Unendlichen entgegenstreckt,
im vollen Wissen,
dass sie fallen wird.
In meinem Begreifen deiner Verszeilen ist sie das. Sie ist vor allem dann wahr, wenn sie uns nicht satt macht, sondern wenn sie uns ermöglicht, aus uns herauszutreten und wir in ihr erblühen. Gerade in unserer Vergänglichkeit, im Wissen um unser eigenes Fallen, das Unendliche sehen zu können, ist ihr einziger Grund. Diesen gefunden zu haben ist der Sinn jedes "Zerbrechens".

Liebe Grüße,
Anita
 

Arcos

Mitglied
Vielen Dank Anita für die sehr gelungene Weiterführung und Ergänzung des Werkes.

Die Religionen drücken es zwar anders aus, aber ich habe folgendes Bild, das in dieselbe Richtung geht:
Das Unendliche kann sich selber nicht erkennen. Die einzige Möglichkeit ist, sich einen Raum und einen Spiegel zu erschaffen, die scheinbar getrennt sind, um wenigstens einen winzigen Teil zu erblicken.
Der Preis dafür ist, die äußerst begrenzte Lebenszeit des Spiegels.

Grüße
Önder
 

wirena

Mitglied
QUOTE="Ubertas, post: 910107, member: 17795"]
....Sie ist vor allem dann wahr, wenn sie uns nicht satt macht, sondern wenn sie uns ermöglicht, aus uns herauszutreten und wir in ihr erblühen. Gerade in unserer Vergänglichkeit, im Wissen um unser eigenes Fallen, das Unendliche sehen zu können, ist ihr einziger Grund. Diesen gefunden zu haben ist der Sinn jedes "Zerbrechens".
[/QUOTE]

Liebe Anita, Du schreibst mir aus dem Herzen - so schön dies hier in der Leselupe zu lesen - Danke - LG wirena
 

wirena

Mitglied
Das Unendliche kann sich selber nicht erkennen.
Hallo Arcos - Lao Tse sagt dazu: Zitat: «das ewige Tao hat keinen Namen; Tao ist verborgen namenlos; Ich weiss seinen Namen nicht, nenne es aber Tao.» Zitatende

Ich nenne das Wortlose «allumfassendes Leben», respektive einfach Leben aus dem alles ist - und immerwährende Verwandlung ist -

Die einzige Möglichkeit ist, sich einen Raum und einen Spiegel zu erschaffen, die scheinbar getrennt sind, um wenigstens einen winzigen Teil zu erblicken.
Der Preis dafür ist, die äußerst begrenzte Lebenszeit des Spiegels.
meiner Meinung nach ist es nicht die einzige, aber sicher eine gute Möglichkeit, um sich dem Wortlosen zu nähern - LG wirena
 



 
Oben Unten