Es war einmal ein junger Mann, der ging frühmorgens auf einen Berg, um Wild zu schießen. Er hatte sich ein neues Gewehr gekauft, auf das er sehr stolz war, und um es einzuweihen, wollte er ein paar ganz besonders seltene Gämse jagen. Deshalb lief er höher hinauf als jemals zuvor und drang immer tiefer in den Wald, der oben am Berg thronte. Schließlich legte er sich auf die Lauer und horchte auf ein Geräusch, durch das die Tiere sich verraten würden.
Endlich knackte ein Ast und das Gebüsch raschelte verräterisch. Der junge Mann legte seine Flinte an und zielte auf einen roten Flecken im Dickicht. Der Schuss traf - doch statt einer Gams hörte er einen sehr menschlichen Schrei. Erschrocken eilte der junge Mann zu der Stelle und fand eine junge Frau in bunten, fremdartigen Gewändern. Sie hielt einen halbvollen Korb mit Beeren umklammert und mit der anderen Hand ihr Knie, das stark blutete.
Der Mann entschuldigte sich überschwänglich. Er wusste, dass im Winter Fremde in den Bergen ihre Lager aufschlugen. Man erzählte sich allerlei über sie in seinem Dorf: dreckige, ungebildete Lumpen, die rechtschaffene Leute gern übers Ohr schlugen.
Doch Lumpenpack oder nicht, die Fremden hatten ihm nichts getan, und nun hatte er eine der ihren verwundet. Zum Glück schien es nur ein Streifschuss zu sein, den der junge Mann hastig mit seinem Taschentuch verband.
Doch entging ihm nicht, dass die Frau gar nicht so dreckig aussah, wie er sich eine Fremde vorgestellt hatte. Ihre Haut war ungewöhnlich dunkel, aber rein, und ihr Gesicht von großer Schönheit. Und die Verwünschungen, mit denen sie ihn bedachte, zeugten zumindest von großem Einfallsreichtum und einem ausladenden Wortschatz.
Der junge Mann verband also ihre Wunde, so gut es ging, entschuldigte sich weiter und erzählte stotternd von dem neuen Gewehr und den Gämsen. Schließlich trug er sie bis zu einem Tor, an dem eine alte Frau wartete, die sich der jungen Dame sofort annahm. Mit ein paar letzten Entschuldigungen und gehetzten Verbeugungen zog der Mann von dannen. Er beschloss, niemandem von seinem Abenteuer zu erzählen, verstaute die neue Flinte unterm Bett und ging in eine Wirtschaft.
Dort ging es wie immer lustig zu. Seine Freunde aus dem Dorf hatten ihm einen Platz freigehalten und bald scherzte man über dies und das. Nur dem jungen Mann war nach seinem Erlebnis nicht zum Scherzen zumute. Und als das Gespräch zufällig auf die Fremden kam und man die alten Späße über das dreckige, dumme Gesindel machte, da trieb es dem jungen Mann die Schamesröte ins Gesicht und er wurde ungehalten. Ob ihnen denn nichts Neues einfiele, herrschte er seine Freunde an. Es werde ihm langsam zu dumm mit ihnen. Die Freunde verstanden nicht recht, was mit ihrem Kumpanen los war. Früher hatte er herzlich über die Späße gelacht. "Hast du deinen Sinn für Humor verloren?", fragte ihn einer der Männer.
So schien es tatsächlich. Den ganzen Abend konnte nichts die Laune des jungen Mannes verbessern, kein Spaß konnte ihn zum Lachen bringen, nicht mal ein Lächeln brachte er zustande. Schließlich stand er auf und ging frustriert nach Hause, mal die Flüche der schönen Frau im Ohr, mal die Späße seiner Freunde. Auch am nächsten Tag blieb er griesgrämig, am Tag danach brachte er immer noch kein Lächeln zustande.
Am dritten Tag beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne. Er brauchte seinen Humor zurück. Zum Glück hatte seine Mutter ihm beigebracht, wie man Verlorenes wiederfindet. "Verfolge einfach so lange deine Schritte, bis du darauf stößt", hatte sie gesagt.
Also begann der junge Mann, alle Orte aufzusuchen, an denen er gewesen war - in rückwärtiger Reihenfolge. Und schließlich, nach vielen Stunden, führte ihn sein Weg zurück auf den Berg. Und auch zurück an das Tor, wo eine vertraute Gestalt mit dickem Verband im Schatten saß und einen Korb flickte.
"Sag bloß, du hast dir Pfeil und Bogen gekauft? Mein zweites Knie steht nicht als Zielscheibe zur Verfügung", verkündete die Frau, als sie ihn sah.
Da musste der junge Mann lauthals lachen. "Ich habe die Jagd auf Knie aufgegeben", erklärte er feierlich. "Heute habe ich es nur auf deine Vergebung abgesehen. Außerdem habe ich meinen Sinn für Humor verloren."
"Naja, die Vergebung sollst du haben", erklärte die Frau großzügig. "Dass dir dein Witz abhandengekommen sein soll, kann ich aber kaum glauben. Ich habe dich doch als so treffsicher kennengelernt."
So feixten und scherzten sie eine ganze Weile lang, und als der junge Mann sich schließlich verabschiedete, hatten er und die Frau ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er war sich sicher, dass er seinen Humor wiedergefunden hatte und nun alles wieder beim Alten sei.
Also kehrte er wieder ins Dorf zurück und schließlich auch zu seinen Freunden in die Wirtschaft. Und tatsächlich, seine Laune war gut wie nie. Er scherzte ausgiebig mit den anderen Gästen - nicht über die Fremden, aber über dies und das. Nichts konnte seine Stimmung trüben, denn seine Gedanken kehrten ständig zu dem Nachmittag zurück und zu der jungen Frau, die ihm vergeben hatte.
Da fragte ihn sein Freund, warum er nichts gegessen hatte. Tatsächlich hatte der junge Mann seinen Eintopf kaum angerührt, denn sein Magen schien voller Schmetterlinge zu sein. "Du wirst doch nicht deinen Appetit verloren haben?", meinte sein Gegenüber.
Doch genauso war's. Kaum einen Bissen brachte der junge Mann herunter, auch beim Frühstück nicht oder zur Mittagszeit. Da besann er sich schnell, dass er seine Gesundheit nicht riskieren dürfe, und verfolgte erneut seine Schritte, bis sie ihn endlich den Berg hinaufführten.
Die junge Dame war am Tor nicht zu sehen, also ging er den Weg hinauf, bis er in ein großes Lager kam. Zwischen bemalten Wagen und großen Zelten fand er sie schließlich an einer Feuerstelle, auf der ein Topf brodelte. "Na, was hast du diesmal verloren?", wollte sie wissen, als sie ihn sah. "Meinen Appetit", erklärte der Mann und erkundigte sich nach ihrem Bein. "Na, da hast du Glück", erklärte die Frau, der es sichtlich besser ging. "Das Essen ist gleich fertig, und zu meinem Essen kann niemand Nein sagen."
Und sie sollte Recht behalten. Der junge Mann aß, was ihm aufgetischt wurde, und merkte gar nicht, wie man seine Schale immer wieder füllte. So fasziniert war er von der Köchin und der ganzen Gesellschaft. Die junge Frau stellte ihm ihre Familie vor, die so anders war als die Freunde in der Wirtschaft, und erzählte von ihrem Leben, das so anders war als das seine. Auch von den vielen, vielen Orten, in die sie die bunt bemalten Wagen trugen, die seinem Dorf in keiner Weise glichen. Als es dämmerte, verabschiedete sich der junge Mann wehmütig und ging wieder seines Weges.
Am nächsten Morgen tat er sich seltsam schwer damit, sein Bett zu verlassen, um das Tagwerk zu beginnen. Als er endlich das Haus verließ und durch das Dorf lief, meinte er immer wieder, aus dem Augenwinkel die junge Frau zu sehen. Doch als er sich umsah, war es stets jemand anderes.
Eigentlich hätte der junge Mann auch im Bett bleiben können, denn Arbeit verrichtete er keine. Viermal wurde er ermahnt, weil er in Gedanken vor sich hin starrte. Abends in der Wirtschaft löffelte er abwesend seine Suppe und hörte gar nicht richtig, was seine Freunde erzählten. Diese verloren langsam die Geduld mit ihm. "Er hat den Verstand verloren", sagten sie kopfschüttelnd. Das hörte er dann doch.
"Recht haben sie", dachte er, ließ den Löffel fallen und sprang auf. Diesmal verfolgte er seine Schritte nicht, sondern lief schnurstracks den Berg hinauf. Er wusste genau, wo er seinen Verstand verloren hatte.
Als er das Lager erreichte, war längst die Dunkelheit hereingebrochen. Nur stellenweise glommen noch Feuer zwischen den Wagen und hier und da waren leise Stimmen zu hören. Doch der junge Mann hatte Glück. Die junge Frau war noch nicht hineingegangen, sondern stocherte etwas abseits verträumt in der Glut. Als der Mann sich räusperte, schreckte sie hoch. "Ach du bist's", sagte sie mit einem Lächeln. "Ist es nicht etwas spät für einen Besuch?"
"Mein Anliegen kann nicht warten", erklärte der Mann.
"Ach hast du wieder etwas verloren?"
"Meinen Verstand", gestand er.
Und weil dem so war, tat er etwas, was er bei klarem Verstand sicher nie getan hätte. Er küsste die Frau, die Fremde, die doch jeder im Dorf so hassenswert und verabscheuungswürdig fand.
Doch an ihrem Kuss konnte der junge Mann ebensowenig Verabscheuungswürdiges finden wie an ihrem Humor oder ihrer Hautfarbe. Im Gegenteil: Als er sie küsste, da schien auf einmal wieder alles einen Sinn zu ergeben.
"Moment", keuchte die junge Frau, als er sie wieder zu Atem kommen ließ. "Vielleicht haben wir beide den Verstand verloren. Wohin soll das führen?"
Da musste der Mann nicht zweimal überlegen. "Na, willst du mich denn nicht heiraten?", fragte er und erzählte von seinem Haus unten im Dorf, das er mit ihr teilen wollte.
Doch seine Angebetete war wenig begeistert. "Ich soll unten bei dir im Dorf leben, wo alle über mich tuscheln und auf mich herabsehen? Und zusehen, wie sie dich wegen deiner Frau verspotten? Das würde weder dir noch mir gefallen."
Das konnte der Mann nicht leugnen. Doch akzeptieren wollte er es auch nicht. "Liebst du mich denn nicht?"
"Natürlich liebe ich dich, du Dummkopf. Und deshalb werde ich dich nicht heiraten. Der Frühling naht und meine Leute und ich sind ohnehin schon zu lange geblieben. In drei Tagen werden wir abreisen."
Abreisen? Dem jungen Mann war, als würde sein Herz herausgerissen. "Ich sehe, du lehnst meinen Antrag ab. Dann werde ich mich jetzt verabschieden – Leb wohl."
Mit einer knappen Verbeugung drehte er sich um und stolperte wütend den pechschwarzen Berg hinab. Wenn sie ihn nicht heiraten wollte, dann konnte sie es doch einfach sagen. Natürlich wären sie glücklich geworden. Ja, die Leute würden tuscheln, so war das eben - aber mit der Zeit würde sich das schon legen.
Am nächsten Morgen war seine Wut einer inneren Leere gewichen. Erst zur Mittagszeit schaffte er es, sich aus seinem Bett zu quälen. Als er durch das Dorf lief, schien ihm alles seltsam trüb. Sein Tagwerk verrichtete er freudlos, ohne je ein Wort an die anderen Gesellen zu richten. Abends in der Wirtschaft saß er am gewohnten Platz und starrte blicklos in seinen Krug. Ihm war klar, was los war: Er hatte nun auch noch sein Herz verloren. Er wusste auch genau, wer es hatte – und dass es bald weit fort von hier sein würde, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Seine angeblichen Freunde scherten sich nicht mehr viel um ihn. Sie nahmen an einem anderen Tisch Platz und ab und zu drang ein getuschelter Witz auf seine Kosten zu ihm durch. Den jungen Mann kümmerte es wenig. Wie sollten sie auch verstehen, was in ihm vorging? Sie hatten nie bunte Zelte gesehen oder Berichte von fernen Orten gehört. Nie würzige Speisen gekostet oder mit den Fremden am Feuer gelacht. Nie ihr Herz an die schönste Frau auf Erden verloren.
Wie sollten sie auch? Niemand hier kannte eine Person von außerhalb des Dorfes, weil sie sich über alle Fremden die Mäuler zerrissen. Sie nannten sie dumm oder dreckig oder durchtrieben und waren sich so sicher in ihrer eigenen Überlegenheit. Doch diese Überlegenheit war nur sicher, solange sich niemand mit den Fremden einließ und sie eines Besseren belehrte. Und darum mussten erst recht alle glauben, dass es Halunken waren.
Und als er dies verstand, da wusste der junge Mann auch, dass die junge Frau Recht gehabt hatte. Hier gab es für sie beide keine Zukunft.
So vergingen zwei weitere quälende Tage und Nächte, und als der Morgen des vierten Tages graute, da hatte der junge Mann seinen Entschluss gefasst. Mit einem hastig gepackten Bündel (- das Gewehr ließ er unter dem Bett zurück -) rannte er den Berg hinauf und betete, dass er nicht zu spät kam.
Auf halbem Weg kamen ihm die bunten Wagen entgegen, und als man den jungen Mann erkannte, da blieb einer der Wagen stehen. Dem jungen Mann klopfte das Herz, als er bangte, ob seine Liebe ihm für seine kalten Worte vergeben würde - doch da streckte sich ihm schon eine zarte Hand aus dem Inneren des Wagens entgegen und er stieg erleichtert ein.
So kam es, dass der junge Mann zu guter Letzt auch noch seine Heimat verlor. Doch als die bunten Wagen ihn davontrugen, die junge Frau an seiner Seite, da fühlte er keinen Verlust. Er brauchte sich nur umzusehen, um zu erkennen, dass er auch eine neue Heimat gewonnen hatte.
Endlich knackte ein Ast und das Gebüsch raschelte verräterisch. Der junge Mann legte seine Flinte an und zielte auf einen roten Flecken im Dickicht. Der Schuss traf - doch statt einer Gams hörte er einen sehr menschlichen Schrei. Erschrocken eilte der junge Mann zu der Stelle und fand eine junge Frau in bunten, fremdartigen Gewändern. Sie hielt einen halbvollen Korb mit Beeren umklammert und mit der anderen Hand ihr Knie, das stark blutete.
Der Mann entschuldigte sich überschwänglich. Er wusste, dass im Winter Fremde in den Bergen ihre Lager aufschlugen. Man erzählte sich allerlei über sie in seinem Dorf: dreckige, ungebildete Lumpen, die rechtschaffene Leute gern übers Ohr schlugen.
Doch Lumpenpack oder nicht, die Fremden hatten ihm nichts getan, und nun hatte er eine der ihren verwundet. Zum Glück schien es nur ein Streifschuss zu sein, den der junge Mann hastig mit seinem Taschentuch verband.
Doch entging ihm nicht, dass die Frau gar nicht so dreckig aussah, wie er sich eine Fremde vorgestellt hatte. Ihre Haut war ungewöhnlich dunkel, aber rein, und ihr Gesicht von großer Schönheit. Und die Verwünschungen, mit denen sie ihn bedachte, zeugten zumindest von großem Einfallsreichtum und einem ausladenden Wortschatz.
Der junge Mann verband also ihre Wunde, so gut es ging, entschuldigte sich weiter und erzählte stotternd von dem neuen Gewehr und den Gämsen. Schließlich trug er sie bis zu einem Tor, an dem eine alte Frau wartete, die sich der jungen Dame sofort annahm. Mit ein paar letzten Entschuldigungen und gehetzten Verbeugungen zog der Mann von dannen. Er beschloss, niemandem von seinem Abenteuer zu erzählen, verstaute die neue Flinte unterm Bett und ging in eine Wirtschaft.
Dort ging es wie immer lustig zu. Seine Freunde aus dem Dorf hatten ihm einen Platz freigehalten und bald scherzte man über dies und das. Nur dem jungen Mann war nach seinem Erlebnis nicht zum Scherzen zumute. Und als das Gespräch zufällig auf die Fremden kam und man die alten Späße über das dreckige, dumme Gesindel machte, da trieb es dem jungen Mann die Schamesröte ins Gesicht und er wurde ungehalten. Ob ihnen denn nichts Neues einfiele, herrschte er seine Freunde an. Es werde ihm langsam zu dumm mit ihnen. Die Freunde verstanden nicht recht, was mit ihrem Kumpanen los war. Früher hatte er herzlich über die Späße gelacht. "Hast du deinen Sinn für Humor verloren?", fragte ihn einer der Männer.
So schien es tatsächlich. Den ganzen Abend konnte nichts die Laune des jungen Mannes verbessern, kein Spaß konnte ihn zum Lachen bringen, nicht mal ein Lächeln brachte er zustande. Schließlich stand er auf und ging frustriert nach Hause, mal die Flüche der schönen Frau im Ohr, mal die Späße seiner Freunde. Auch am nächsten Tag blieb er griesgrämig, am Tag danach brachte er immer noch kein Lächeln zustande.
Am dritten Tag beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne. Er brauchte seinen Humor zurück. Zum Glück hatte seine Mutter ihm beigebracht, wie man Verlorenes wiederfindet. "Verfolge einfach so lange deine Schritte, bis du darauf stößt", hatte sie gesagt.
Also begann der junge Mann, alle Orte aufzusuchen, an denen er gewesen war - in rückwärtiger Reihenfolge. Und schließlich, nach vielen Stunden, führte ihn sein Weg zurück auf den Berg. Und auch zurück an das Tor, wo eine vertraute Gestalt mit dickem Verband im Schatten saß und einen Korb flickte.
"Sag bloß, du hast dir Pfeil und Bogen gekauft? Mein zweites Knie steht nicht als Zielscheibe zur Verfügung", verkündete die Frau, als sie ihn sah.
Da musste der junge Mann lauthals lachen. "Ich habe die Jagd auf Knie aufgegeben", erklärte er feierlich. "Heute habe ich es nur auf deine Vergebung abgesehen. Außerdem habe ich meinen Sinn für Humor verloren."
"Naja, die Vergebung sollst du haben", erklärte die Frau großzügig. "Dass dir dein Witz abhandengekommen sein soll, kann ich aber kaum glauben. Ich habe dich doch als so treffsicher kennengelernt."
So feixten und scherzten sie eine ganze Weile lang, und als der junge Mann sich schließlich verabschiedete, hatten er und die Frau ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er war sich sicher, dass er seinen Humor wiedergefunden hatte und nun alles wieder beim Alten sei.
Also kehrte er wieder ins Dorf zurück und schließlich auch zu seinen Freunden in die Wirtschaft. Und tatsächlich, seine Laune war gut wie nie. Er scherzte ausgiebig mit den anderen Gästen - nicht über die Fremden, aber über dies und das. Nichts konnte seine Stimmung trüben, denn seine Gedanken kehrten ständig zu dem Nachmittag zurück und zu der jungen Frau, die ihm vergeben hatte.
Da fragte ihn sein Freund, warum er nichts gegessen hatte. Tatsächlich hatte der junge Mann seinen Eintopf kaum angerührt, denn sein Magen schien voller Schmetterlinge zu sein. "Du wirst doch nicht deinen Appetit verloren haben?", meinte sein Gegenüber.
Doch genauso war's. Kaum einen Bissen brachte der junge Mann herunter, auch beim Frühstück nicht oder zur Mittagszeit. Da besann er sich schnell, dass er seine Gesundheit nicht riskieren dürfe, und verfolgte erneut seine Schritte, bis sie ihn endlich den Berg hinaufführten.
Die junge Dame war am Tor nicht zu sehen, also ging er den Weg hinauf, bis er in ein großes Lager kam. Zwischen bemalten Wagen und großen Zelten fand er sie schließlich an einer Feuerstelle, auf der ein Topf brodelte. "Na, was hast du diesmal verloren?", wollte sie wissen, als sie ihn sah. "Meinen Appetit", erklärte der Mann und erkundigte sich nach ihrem Bein. "Na, da hast du Glück", erklärte die Frau, der es sichtlich besser ging. "Das Essen ist gleich fertig, und zu meinem Essen kann niemand Nein sagen."
Und sie sollte Recht behalten. Der junge Mann aß, was ihm aufgetischt wurde, und merkte gar nicht, wie man seine Schale immer wieder füllte. So fasziniert war er von der Köchin und der ganzen Gesellschaft. Die junge Frau stellte ihm ihre Familie vor, die so anders war als die Freunde in der Wirtschaft, und erzählte von ihrem Leben, das so anders war als das seine. Auch von den vielen, vielen Orten, in die sie die bunt bemalten Wagen trugen, die seinem Dorf in keiner Weise glichen. Als es dämmerte, verabschiedete sich der junge Mann wehmütig und ging wieder seines Weges.
Am nächsten Morgen tat er sich seltsam schwer damit, sein Bett zu verlassen, um das Tagwerk zu beginnen. Als er endlich das Haus verließ und durch das Dorf lief, meinte er immer wieder, aus dem Augenwinkel die junge Frau zu sehen. Doch als er sich umsah, war es stets jemand anderes.
Eigentlich hätte der junge Mann auch im Bett bleiben können, denn Arbeit verrichtete er keine. Viermal wurde er ermahnt, weil er in Gedanken vor sich hin starrte. Abends in der Wirtschaft löffelte er abwesend seine Suppe und hörte gar nicht richtig, was seine Freunde erzählten. Diese verloren langsam die Geduld mit ihm. "Er hat den Verstand verloren", sagten sie kopfschüttelnd. Das hörte er dann doch.
"Recht haben sie", dachte er, ließ den Löffel fallen und sprang auf. Diesmal verfolgte er seine Schritte nicht, sondern lief schnurstracks den Berg hinauf. Er wusste genau, wo er seinen Verstand verloren hatte.
Als er das Lager erreichte, war längst die Dunkelheit hereingebrochen. Nur stellenweise glommen noch Feuer zwischen den Wagen und hier und da waren leise Stimmen zu hören. Doch der junge Mann hatte Glück. Die junge Frau war noch nicht hineingegangen, sondern stocherte etwas abseits verträumt in der Glut. Als der Mann sich räusperte, schreckte sie hoch. "Ach du bist's", sagte sie mit einem Lächeln. "Ist es nicht etwas spät für einen Besuch?"
"Mein Anliegen kann nicht warten", erklärte der Mann.
"Ach hast du wieder etwas verloren?"
"Meinen Verstand", gestand er.
Und weil dem so war, tat er etwas, was er bei klarem Verstand sicher nie getan hätte. Er küsste die Frau, die Fremde, die doch jeder im Dorf so hassenswert und verabscheuungswürdig fand.
Doch an ihrem Kuss konnte der junge Mann ebensowenig Verabscheuungswürdiges finden wie an ihrem Humor oder ihrer Hautfarbe. Im Gegenteil: Als er sie küsste, da schien auf einmal wieder alles einen Sinn zu ergeben.
"Moment", keuchte die junge Frau, als er sie wieder zu Atem kommen ließ. "Vielleicht haben wir beide den Verstand verloren. Wohin soll das führen?"
Da musste der Mann nicht zweimal überlegen. "Na, willst du mich denn nicht heiraten?", fragte er und erzählte von seinem Haus unten im Dorf, das er mit ihr teilen wollte.
Doch seine Angebetete war wenig begeistert. "Ich soll unten bei dir im Dorf leben, wo alle über mich tuscheln und auf mich herabsehen? Und zusehen, wie sie dich wegen deiner Frau verspotten? Das würde weder dir noch mir gefallen."
Das konnte der Mann nicht leugnen. Doch akzeptieren wollte er es auch nicht. "Liebst du mich denn nicht?"
"Natürlich liebe ich dich, du Dummkopf. Und deshalb werde ich dich nicht heiraten. Der Frühling naht und meine Leute und ich sind ohnehin schon zu lange geblieben. In drei Tagen werden wir abreisen."
Abreisen? Dem jungen Mann war, als würde sein Herz herausgerissen. "Ich sehe, du lehnst meinen Antrag ab. Dann werde ich mich jetzt verabschieden – Leb wohl."
Mit einer knappen Verbeugung drehte er sich um und stolperte wütend den pechschwarzen Berg hinab. Wenn sie ihn nicht heiraten wollte, dann konnte sie es doch einfach sagen. Natürlich wären sie glücklich geworden. Ja, die Leute würden tuscheln, so war das eben - aber mit der Zeit würde sich das schon legen.
Am nächsten Morgen war seine Wut einer inneren Leere gewichen. Erst zur Mittagszeit schaffte er es, sich aus seinem Bett zu quälen. Als er durch das Dorf lief, schien ihm alles seltsam trüb. Sein Tagwerk verrichtete er freudlos, ohne je ein Wort an die anderen Gesellen zu richten. Abends in der Wirtschaft saß er am gewohnten Platz und starrte blicklos in seinen Krug. Ihm war klar, was los war: Er hatte nun auch noch sein Herz verloren. Er wusste auch genau, wer es hatte – und dass es bald weit fort von hier sein würde, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Seine angeblichen Freunde scherten sich nicht mehr viel um ihn. Sie nahmen an einem anderen Tisch Platz und ab und zu drang ein getuschelter Witz auf seine Kosten zu ihm durch. Den jungen Mann kümmerte es wenig. Wie sollten sie auch verstehen, was in ihm vorging? Sie hatten nie bunte Zelte gesehen oder Berichte von fernen Orten gehört. Nie würzige Speisen gekostet oder mit den Fremden am Feuer gelacht. Nie ihr Herz an die schönste Frau auf Erden verloren.
Wie sollten sie auch? Niemand hier kannte eine Person von außerhalb des Dorfes, weil sie sich über alle Fremden die Mäuler zerrissen. Sie nannten sie dumm oder dreckig oder durchtrieben und waren sich so sicher in ihrer eigenen Überlegenheit. Doch diese Überlegenheit war nur sicher, solange sich niemand mit den Fremden einließ und sie eines Besseren belehrte. Und darum mussten erst recht alle glauben, dass es Halunken waren.
Und als er dies verstand, da wusste der junge Mann auch, dass die junge Frau Recht gehabt hatte. Hier gab es für sie beide keine Zukunft.
So vergingen zwei weitere quälende Tage und Nächte, und als der Morgen des vierten Tages graute, da hatte der junge Mann seinen Entschluss gefasst. Mit einem hastig gepackten Bündel (- das Gewehr ließ er unter dem Bett zurück -) rannte er den Berg hinauf und betete, dass er nicht zu spät kam.
Auf halbem Weg kamen ihm die bunten Wagen entgegen, und als man den jungen Mann erkannte, da blieb einer der Wagen stehen. Dem jungen Mann klopfte das Herz, als er bangte, ob seine Liebe ihm für seine kalten Worte vergeben würde - doch da streckte sich ihm schon eine zarte Hand aus dem Inneren des Wagens entgegen und er stieg erleichtert ein.
So kam es, dass der junge Mann zu guter Letzt auch noch seine Heimat verlor. Doch als die bunten Wagen ihn davontrugen, die junge Frau an seiner Seite, da fühlte er keinen Verlust. Er brauchte sich nur umzusehen, um zu erkennen, dass er auch eine neue Heimat gewonnen hatte.