Walzwerk

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Der Tag kommt glühend
aus den Nachrichten.

Wir legen ihn
zwischen die Walzen.

Städte, Kinder, Meere
werden flachgezogen,
bis sie durch den schmalen Schlitz
unserer Augen passen.

Abends nehmen wir
die Meldungen
mit ins Bett.

Wir schlafen mit ihnen.

Im Schlaf
walzen sie in uns weiter.

Morgens steckt
ein schwarzer Span
unter dem Herzen.

Was aus uns kommt,
wird Zähne haben.

Die Maschinen
pressen weiter.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo wirena,
zuerst einmal danke für deine freundliche Bewertung. Aber "unter dem Herzen" habe ich bewusst gesetzt."Im Herzen" würde den Span zu einem Symbol für seelischen Schmerz machen. "Unter dem Herzen" bleibt er hingegen ein Fremdkörper, nah am Lebenszentrum. Gerade die leicht irritierende Lage macht das Bild körperlich spürbar. Die ungewöhnlichere Präposition ist hier die genauere. Wenn du die Silben zählst ab "abends..." dehnen sich die Zeilen aus, d.h. der Span dringt tiefer und tiefer in den Körperraum und drückt von dort gegen unser Lebensorgan. Genau diese Beklemmung wollte ich beschreiben. Daher würde ich gern " unter dem Herzen" behalten.
LG Chandrika
 

wirena

Mitglied
Liebe Chandrika – herzlichen Dank für das Eingehen auf meine Bemerkung, die nicht als Änderungsvorschlag verstanden werden sollte. Dies war nicht meine Intention. Danke auch für Deine «technische» Erläuterung, die ich melodiös, rhythmisch sehr gut nachvollziehen und als korrekt bestätigen kann, wie auch das körperliche Erleben. Spannend, - unter dem Herzen sind wir schwanger mit dem Span, während die Maschinen weiter pressen – es ist offen was werden, was daraus neu geboren, was neu werden wird –

LG wirena
 

johP

Mitglied
Damit die geballte ladung entsetzen, angst, wut, die in 15 minuten auf uns abgeschossen wird, von uns verkraftet werden/ aufgenommen werden kann, müssen wir sie reduzieren, doch es bleibt ein span zurück, wird weiter reduziert, wie auch sonst, soll man den nächsten tag durchleben, in der eigenen welt weiterleben, und am abend . . . wiederholt sich das ganze . . . Jeden tag aufs neue . . .

So lese ich es und frage mich, warum uns nachrichten so wichtig erscheinen, viele gründe . . .
 
Hallo wirena,
das ist ja noch eine viel tollere Idee mit der Schwangerschaft von etwas Unheilvollem. Ich habe deine Idee in das Gedicht eingearbeitet und dich auch als Ideengeberin genannt. Ich hätte gern als Autorinnen Chandrika und wirena genannt. Das ging technisch irgendwie nicht. Vielen Dank !!!
LG Chandrika
 
Danke johP. Wirena hatte so eine wunderbare Idee ,die ich unbedingt in das Gedicht einarbeiten musste. Mit der Schwangerschaft wird die Wirkung dieser Horrormeldungen noch besser beschrieben, finde ich.
LG Chandrika
 

wirena

Mitglied
Was aus uns kommt,
wird Zähne haben.
Hallo Chandrika - "was aus uns kommt, wird Zähne haben" so guet - damit kann ich ruhig schlafen :) - LG wirena


frage mich, warum uns nachrichten so wichtig erscheinen, viele gründe . .
...ja, und hin und wieder ist auch eine Abgrenzung wichtig - ich z.B. gehe nicht mehr mit Nachrichten TV oder Radio schlafen - wende mich etwas zu, was mir gut tut, mir Freude macht - ist m.E. Psychohygiene, die wichtig für ein gesundes Leben ist -
 
Zuletzt bearbeitet:

wirena

Mitglied
Liebe Chandria, die neue Fassung deines Gedichts, gefällt mir ausserordentlich gut - doch das PS. indem ich namentlich erwähnt werde, stört mich schon einwenig - ist überflüssig und es ist namentlich egal woher die Idee kommt, sie kommt immer aus dem Leben; und so schlage ich vor, dass du diese Bemerkung löschst. In den Kommentaren ist ja ersichtlich, dass ich von Schwangerschaft geschrieben habe - und wer die erste Fassung nicht gelesen hat, und nur die aktuelle kennt, muss ja von der Vergangenheit nichts wissen - die Gegenwart zählt und ist Basis für den nächsten Tag -

Chandria, ich wünsche dir einen gelungenen, schönen Tag - LG wirena
 

johP

Mitglied
@Chandrika Wolkenstein

Schade, aber mit dem schwangerschaftsgedanken und den zähnen kann ich mich nicht gut anfreunden. In deiner neuen fassung läuft es für mich darauf hinaus, daß morgen für morgen ungutes seinen platz in uns bekommt und weiter wächst. Überspitzt gesagt: die nachrichten (aus aller welt) vergiften uns stück für stück . . .
 

Scal

Mitglied
Liebe Chandrika,

wirklich ausgezeichnet, wie du mit wenigen bildhaften Worten prägnant ein Phänomen "zur Sprache bringst", das uns - mehr oder weniger - alle zu betreffen bzw. zu beschäftigen scheint. Eine Art nagender, kollektiver Medien-Virus im gemeinsamen und zugleich individuellen Bewusstsein.
Den Hinweis von johP finde ich insofern als bedenkenswert, weil sich am Morgen das Weltgeschehen in einem oft ganz anderen "Wirklichkeitskleid" vor der Seele ausbreitet.
Freilich könnten die "Zähne" auch als ein Bild für Historisch-Zukunfthaftes aufgefasst werden.

Lieben Gruß
 

wirena

Mitglied
die nachrichten (aus aller welt) vergiften uns stück für stück . . .
...so ist es derzeit johP doch - aber du hast recht, die Zähne sind nicht die Lösung - denke das Gespräch, in "Diskussionbleiben" und "Toleranzleben" ist da eher angebracht - andererseits ist das "Sichwehrenkönnen" schon wichtig - bin nicht der Ansicht, dass man sich alles gefallen lassen muss -

Freilich könnten die "Zähne" auch als ein Bild für Historisch-Zukunfthaftes aufgefasst werden.
...verstehe die Aussage/das Bild "Historisch-Zukunfthaftes" nicht - wie meinst du das Scal?
 
Hallo, ihr Lieben,
ich danke euch allen erst einmal herzlich für den regen Gedankenaustausch. Da bin ich so richtig in meinem Element. Da mittlerweile die Nachrichten nur noch auf Sensation aus sind und die Kamera auf Tote und das ganze Elend der Menschheit draufgehalten wird, glaube ich schon, dass dies langfristig zu einer Verhärtung des Herzens führt; insofern finde ich dieses Bild der allmählichen "Vergiftung" nicht so abwegig. Mit dieser unheilvollen, unheilgebärenden Schwangerschaft wird auch der Einfluss der Medien auf unsere zukünftigen Generationen deutlich. Ich hatte vierzig Jahre lang mit Kindern und Jugendlichen zu tun und weiß, wovon ich rede. Wenngleich du , wirena , nicht explizit als Ideengeberin genannt werden willst, so hast du doch dieses Gedicht viel stimmiger gemacht und mir geholfen, meine Medienkritik noch präziser zu formulieren. Nochmals Danke dafür.
Lieber Gruß an alle
Chandrika
 

wirena

Mitglied
Untergründen heraufgrollende Unmutreaktion gegen jene, die maßgeblich für Missstimmungen mit mitverantwortlich
gemacht werden.
@Scal: verstehe, danke Scal - ja, da "Grollt" es ja derzeit gewaltig - sehe das Bild "Aufrüstung" dafür -

@Chandrika: Du bist die Autorin, Du bestimmst, wie Du Dein Gedicht präsentieren willst - daher beantworte ich Dein "Dich Bedanken" mit "gerne" , hat mir Freude bereitet:) - LG wirena
 

johP

Mitglied
Im Sinne einer aus den Untergründen heraufgrollende Unmutreaktion gegen jene, die maßgeblich für Missstimmungen mit mitverantwortlich
gemacht werden.
Wenn es nur misstimmungen wären, gegen die man sich wehren sollte/müsste . . .

für mich sind es die medial dokumentierten misstände, gegen die man wenig bis nichts tun kann, schon allein durch die physische entfernung ( auch zur macht).
 

wirena

Mitglied
Wenn es nur misstimmungen wären, gegen die man sich wehren sollte/müsste . . .

für mich sind es die medial dokumentierten misstände, gegen die man wenig bis nichts tun kann, schon allein durch die physische entfernung ( auch zur macht).
@johP – da kann ich dir nur beistimmen. Es sind nicht nur Missstimmungen – es wird heftig um sich gebissen und physische Entfernung wird mit «Computerspiel» überwunden – persönlich bleibt nur «Ohnmachterleben» -. An Afrika mag ich gar nicht denken – ich würde jeden Vergewaltiger mit all meiner Kraft, mit all meinen Zähnen ver- und zerbeissen -
 
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