Wangerooger Jan und die Dünenhalle

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Betcy

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Wangerooger Jan und die Dünenhalle

Die Kinder waren endlich im Bett. Ich hatte etwas zu trinken bereitgestellt, und jetzt saßen meine Kollegin Meike und ich in dem großen Tagesraum der Dünenhalle, um den nächsten Tag zu planen. In den anderen Jahren war ich immer im Haupthaus des Oldenburger Jugenderholungsheims untergebracht. Doch, weil wir in diesem Jahr so viele Kinder mitgenommen hatten, musste ich mit meiner Gruppe in die Dünenhalle ausweichen.

Diese liegt westlich des Ortes etwas versteckt in den Dünen. Das Programm für die Kinder unterschied sich kaum von dem der großen Gruppe im OJE. Es gab eine Wattwanderung, eine Kutterfahrt sowie einen Sandburgenwettbewerb am Strand. Mit einer kleinen Gruppe wetterfester Mädchen und Jungen war ich täglich kurz im Wasser. Es war immerhin schon September. Das Mittagessen mussten wir jeden Tag mit einem Handkarren von der zwei Kilometer entfernten zentralen Küche des OJE am östlichen Ortsrand von Wangerooge abholen.

Das Wetter war in den letzten Stunden deutlich schlechter geworden. Draußen heulte der Wind um die Hausecken. Die Fensterläden klapperten. Es war verständlich, dass einige Kinder nicht schlafen konnten.

Aufgeregt kam ein Mädchen in den Tagesraum: "Da ist jemand an unserem Fenster". Wir versuchten sie zu beruhigen: "Das ist nur der Wind", und schickten sie wieder ins Bett. Kurz darauf meldete sich auch ein Junge: "Es hat jemand an unser Fenster geklopft". Mit einiger Mühe gelang es uns, auch ihn zum Weiterschlafen zu bewegen.

Doch plötzlich hörte auch ich etwas. Da waren deutlich Schritte zu hören. Jemand schlich ums Haus. Jetzt näherten sich die Schritte der großen Eingangstür. Ein Schauer lief mir kalt den Rücken herunter. Plötzlich donnerte jemand mit voller Kraft gegen die Tür und wimmerte. Es klang wie: "Lassmchrein, lsstmichrein". Ich erstarrte vor Angst.

Erst als sich die Schritte entfernten, war ich in der Lage aufzustehen. Vorsichtig schob ich die Fenstervorhänge etwas zur Seite. Wolkenfetzen schoben sich mit großer Geschwindigkeit immer wieder vor den Mond. Im Schimmer des flackernden Mondlichtes konnte ich deutlich sehen, dass eine dunkle Gestalt über den schmalen Weg davonrannte. Und es sah so aus, als ob die Gestalt nur einen Arm hatte. Ein Ärmel des riesigen Mantels hing schlapp herunter.

Die Kinder hatten das Klopfen und das laute Geschrei auch gehört und standen jetzt aufgebracht bei uns im Tagesraum. Es dauerte lange, bis endlich alle wieder im Bett waren und schliefen. Beim letzten Kontrollgang sahen wir, dass sich viele Kinder zu zweit oder sogar zu dritt zusammengekuschelt hatten.

Am nächsten Morgen beim Frühstück war es ungewöhnlich still. Die Kinder unterhielten sich leise über die Ereignisse des Vorabends. Doch im Laufe des Tages heiterte sich die Stimmung wieder auf. Schließlich stand die große Abschiedsparty auf dem Plan, und viele fieberten der Heimreise am nächsten Tag entgegen.

Gegen Ende der Party machte ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg zum OJE. Es gab noch einige Sachen für die Rückreise zu besprechen. Meike erklärte sich bereit, das Aufräumen und das Abendbrot mit den Kindern allein zu organisieren.

Weil auch im Haupthaus eine wilde Party mit über hundert Kindern lief, hatte man kaum Zeit für mich. So machte ich mich schon nach wenigen Minuten auf den Rückweg. Weil ich jetzt aber genügend Zeit hatte, bog ich am Inselgymnasium links ab. Es gab dort ein kleines Lokal, Zum Inselmittelpunkt. Dort kehrte ich ein, um mir ein kleines Bier zu gönnen. Das hatte ich mir nach der anstrengenden Woche mit den Kindern verdient.

An der Theke saß ein alter Bekannter, der Wattführer Käpt`n Siemens. Sicher war er niemals Kapitän gewesen, aber er hatte eine entsprechende Mütze auf dem Kopf und trug stets eine uniformähnliche Jacke. Seine Wattwanderungen begannen immer mit der gleichen Scherzfrage.

Er zeigte auf einen Gullideckel vor dem Deich – wahrscheinlich ist dort ein Schacht für irgendwelche Leitungen zum Festland – und fragte die Kinder nach der Bedeutung. Da niemand antworten konnte, erklärte er laut lachend: „Zweimal am Tag wird der Deckel geöffnet und das ganz Wasser läuft hinein“. Die meisten Kinder reagierten darauf mit ungläubigem Kopfschütteln.

Ich kam mit dem vermeintlichen Kapitän ins Gespräch und erzählte ihm von den Vorkommnissen des letzten Abends bei der Dünenhalle. „Hast du niemals die Geschichte vom Wangerooger Jan gehört?“ sprudelte es aus dem redseligen Insulaner heraus. Nachdem ich das verneint hatte, begann er zu erzählen:

„Im späten Mittelalter dienten die meisten Nordseeinseln Seeräubern als Unterschlupf. Von hier aus überfielen sie die Handelsschiffe, die nach Bremen oder Hamburg unterwegs waren. Auf Wangerooge hatte sich Jan mit seinen Gefolgsleuten verschanzt. Er war ein Schwager von Klaus Störtebecker, dessen Jagdrevier sich hauptsächlich an der Ostsee befand. Um seine Verurteilung und die Hinrichtung auf dem Hamburger Marktplatz im Jahr 1399 ranken sich viele Legenden.

Wangerooger Jan setzte unbeeindruckt seine Raubzüge fort. Doch irgendwann reichte es dem Herzog von Jever, der für die Sicherheit an der Küste zuständig war. Er schickte eine Hundertschaft Soldaten auf die Insel, um Jan endgültig das Handwerk zu legen.

Schon nach wenigen Stunden hatten sie das Versteck der Seeräuber entdeckt. Es befand sich in den Dünen in der unmittelbaren Nähe des heutigen Friedhofes. Kurz vor der hereinbrechenden Dunkelheit begannen sie mit dem Überfall auf das Lager. Doch Jan konnte fliehen. Er rannte in Richtung Westen. Vom alten Leuchtturm her kamen ihm plötzlich Soldaten entgegen. Also bog er nach rechts in Richtung Inselmitte ab.

Inzwischen hatte ein Soldat ihn eingeholt. Mit dem Schwert verletzte er ihn am linken Arm. Heftig blutend rannte Jan weiter. Noch heute kann man auf dem Pflasterweg zum Westanleger die Blutflecken erkennen. Man hat zwar immer wieder versucht, sie zu entfernen, aber die rote Farbe kommt immer wieder durch.

Für Jan wurde die Lage immer bedrohlicher. In der Ferne sah er ein Licht flackern und rannte direkt auf das kleine Haus in den Dünen zu. Mit der Faust trommelte er gegen die Tür und schrie: „Lasst mich rein, lasst mich rein“.

Doch die Tür blieb verschlossen, und Jan wurde von den Soldaten festgenommen. Er wurde zum Tode verurteilt und schon am nächsten Tag in der unmittelbaren Nähe der Dünenhalle gehängt. Noch heute steht dort ein Pfosten des damaligen Inselgalgens.

Und seit dieser Zeit“, beendete Käpt`n Siemens seine Erzählung, „spukt es an der Dünenhalle, vor allem bei Vollmond“. „Heute ist Vollmond“, mischte sich jetzt der Wirt ein, der sich die ganze Geschichte mit angehört hatte.

Ich trank mein Glas leer, bezahlte und fuhr, so schnell es das Kopfsteinpflaster zuließ, zur Dünenhalle. Meine Kollegin reagierte mit großer Panik, als ich ihr die gerade gehörte Geschichte erzählte: „Ich bleibe nicht hier, und wir können auch die Kinder nicht hierlassen. Wir haben die Verantwortung“. Nach kurzer Diskussion beschlossen wir, zum Haupthaus zu gehen. Die Kinder hatten ihre Koffer für die anstehende Heimreise eh schon fast fertig gepackt.

Es war schon dunkel, als wir mit Sack und Pack durch den Ort zum OJE marschierten. Dort hatte man inzwischen in dem großen Essraum die Tische zur Seite geräumt, Matratzen besorgt und Decken zusammengesucht. Einige Kinder konnten bei Freunden aus anderen Klassen schlafen. Aber die meisten mussten, wie ich, die Nacht auf dem Fußboden des Essraumes verbringen.

Am nächsten Morgen fuhr ich noch vor dem Frühstück zur Dünenhalle. Schon von weitem sah ich, dass die Tür halb aus den Angeln gehoben war und offenstand. Es bot sich mir ein Bild der Verwüstung. Im Tagesraum war alles kurz und klein geschlagen. Alle Stühle und Tische waren kaputt. Überall lagen die Scherben der eingeschlagenen Fensterscheiben.

Die Kinder haben von all dem nie etwas erfahren. Aber ich bin danach nie wieder in die Dünenhalle gegangen. Auch meine Kollegen weigerten sich. Weil sich die Geschichte immer weiter herumsprach, stand die Dünenhalle später oft leer. Am Ende wurde sie verkauft und darin eine Diskothek eröffnet. Sie lief nicht gut und wurde nach kurzer Zeit wieder geschlossen.
 
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flammarion

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realistisch erzählt. unlogisch finde ich, dass alles zerstört wird in der halle. warum macht jan so was? angeblich sucht er doch nur unterschlupf und man muss ihm die tür öffnen, er schlägt sie nicht selber ein.
lg
 

Betcy

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realistisch erzählt. unlogisch finde ich, dass alles zerstört wird in der halle. warum macht jan so was? angeblich sucht er doch nur unterschlupf und man muss ihm die tür öffnen, er schlägt sie nicht selber ein.
lg
Hallo,
ich habe diese Geschichte viele Male mit großem Erfolg 10/11-jährigen Kindern erzählt. Das zerstörte Mobiliar soll nur die Gefährlichkeit der Situation verstärken. Es kommt ja nicht wirklich jemand zu Schaden. Kinder finden auch andere Erklärungen: "Vielleicht was es der Wind" oder "Es waren Jugendliche", weil "Geister gibt es ja nicht!"
LG
 

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