Was ist Textarbeit?

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jon

Mitglied
Alles ganz gut und schön, aber in den allermeisten Fällen (in Foren wie diesem hier) ist der Text einfach nur nicht gut gemacht und der Verweis auf irgendwelche Raffinessen etc. lediglich eitle Selbstbeweihräucherung. (Aber ja: Natürlich darf ein Autor auch schlecht zu schreiben zu seinem persönlichen Stil erklären. Das macht den Text aber nicht besser.)


Um nochmal zum Begriff „Textarbeit“ zurückzukommen: Spätestens, wenn diese gemacht wird, es also nicht bei der bloßen Feststellung „ist verbesserbar“ bleibt, sondern konkrete Vorschläge gemacht/Hinweise gegeben werden, ist das Abbügeln der Kritik mit „du verstehst nur nicht/willst nur nicht verstehen“ fragwürdig.
 

James Blond

Mitglied
Zugegeben: Im Dunstkreis der Leselupe werden wir wohl kaum einem zweiten Ulysses begegnen, an dem noch Generationen von Philologen sich satt essen können. ;)

Doch bleibt die Bedingung bestehen, dass die intellektuellen Fähigkeiten der Kritiker das Niveau des Autors, bzw. seines kritisierten Textes nicht unterschreiten sollten, um dem Text gerecht werden zu können.

Eine Leserüberforderung mag zwar selten vorkommen, zumal hier Autoren ihre ersten Schritte wagen, auch weil ein Leser gegenüber dem betriebsblinden Autor immer (zumindest) einen Vorteil besitzt. Ich habe hier allerdings auch schon (abseits der Lyrik) "Verbesserungsvorschläge" gefunden, die diesen Namen nicht verdienten. Wenn hier Autoren die Texte anderer Autoren analysieren, entsteht leicht der Eindruck des Besserwissens. Als unbeteiligter Dritter sehe ich dann die Makel des Textes sowie die ihrer Kritik. Und Kritik stößt oft auf beiden Seiten auf Ablehnung: Schlechter Text gegen schlechte Kritik: Der Autor, der sein Erstlingswerk gern in einem goldenen Rahmen sehen möchte und der Kritiker, der seinen Status als Durchblicker zu beweisen sucht.

Aber wir reden hier am eigentlichen Problem, dass Textarbeit in den Kommentaren kaum stattfindet, vorbei, siehe hierzu aus Beitrag #3:
Es gab eine Zeit, wo hier auf der Lupe ein lockerer Meinungsaustausch herrschte und vor allem auch viel herumgeblödelt wurde. Auch das hatte seine Reize. Fast unmerklich trat dann das, was wir hier gern als „Textarbeit“ bezeichnen immer mehr in den Hintergrund. Speziell aus den Reihen unserer „Blümchendichter“ rekrutierten sich immer mehr User, die den eigentlichen Sinn der Lupe wohl darin sahen, fix mal ein hingeschludertes Gedicht unter die Leute zu bringen und dann gegenseitig und genüsslich ihre aktuelle seelische Verfassung breitzutreten, Kochrezepte anzupreisen oder einfach nur das Wetter vor der eigenen Haustür zu beschreiben. Ganz schlimm verbreitet waren solche Kommentare wie: „Ich kann den Inhalt deines Textes wunderbar nachvollziehen. Mir ging es nämlich ganz genauso, und da hatte ich folgendes…“
Erschreckend (und zugleich auch beruhigend) ist, dass dieser Beitrag vor fast 20 Jahren geschrieben wurde. Inhaltlich hat sich also bei aller Inovation nicht viel gändert. :)
 

jon

Mitglied
"Ich habe hier allerdings auch schon (abseits der Lyrik) "Verbesserungsvorschläge" gefunden, die diesen Namen nicht verdienten. "
Ja, das gibt's auch.
Noch häufiger findet man das allerdings in Foren, die einen Kommentarzwang haben. (Also etwas wie: Pro eigenem Text muss man 5 Texte anderer kommentieren.)
Nun aber gut, ich klink mich aus - wir sehen die Dinge ja doch recht ähnlich.
 

zurabal

Mitglied
Wenn ich Gedichte lese, lese ich grundsätzlich Text, Sprache als schriftliche Ausdrucksform, nie das was eine Autorin oder ein Autor metaphysisch gemeint, gefühlt, geglaubt, oder was weiß ich was, haben könnte. Ich lese das, was für mich sichtbar, Schwarz auf Weiß, geschrieben steht. Das ist für mich Textarbeit.
 
Dein Text zur Textarbeit und zur Form des Limericks ist handwerklich sauber aufgebaut und in seiner Struktur nachvollziehbar.


Was mir jedoch den Zugang erheblich erschwert hat, ist die durchgängige Beispielwahl – genauer: die Art, wie hier auf eine Frau geblickt wird.


Die Figur der essenden Frau, die „enorm wächst“, „sich ausfüllt“, „die Stube vollmacht“, funktioniert im Text ausschließlich als Objekt der Betrachtung und als Pointe. Ihr Körper wird zum Träger des Witzes, ihr „Zuviel“ zur eigentlichen Aussage. Das ist kein neutraler Formtest, sondern klassisches Bodyshaming, auch wenn es beiläufig und spielerisch daherkommt.


Für Leserinnen, die selbst nicht dem schmalen Ideal entsprechen, ist das kein abstraktes Beispiel, sondern eine sehr reale Abwertung. Entsprechend laut wird beim Lesen nicht der Reim, sondern die rote Fahne. Die formale Erklärung tritt in den Hintergrund, weil die implizite Botschaft permanent mitläuft.


Gerade wenn man über Textarbeit spricht, halte ich das für relevant. Texte arbeiten nicht nur an Form, sondern auch an Bildern von Menschen. Die wiederholte Reduktion der Frau auf Essverhalten, Körpermaß und Raumverbrauch erzählt immer auch etwas über die Perspektive des Textes – ob beabsichtigt oder nicht.


Mein Einwand richtet sich daher nicht gegen die Limerick-Form oder ihre Erklärung, sondern gegen die Wahl eines Beispiels, das Abwertung als selbstverständlich voraussetzt. Dieselbe formale Demonstration ließe sich problemlos ohne Bodyshaming leisten – und würde dann vermutlich mehr öffnen als verschließen.


Auch das gehört für mich zur Textarbeit: wahrzunehmen, wie Sprache auf Menschen blickt – und welche Nebenbotschaften sie transportiert.
 

petrasmiles

Mitglied
@Buddy Lee Doerfer

Das möchte ich - als dick gelesene Frau - so nicht stehen lassen!

ich bin es leid, dass sich 'Wohlmeinende' in die Brust werfen, ungefragt und ungebeten, und einen Zungenschlag in jedes Thema bringen, der in der Sache gar nichts bewirkt. Was mich daran wirklich stört, ist, dass diejenigen in meinen Augen nichts für die 'Beschützten' tun, sondern für ihr eigenes Ego!
Hast Du so tief graben müssen, bevor Du einen Text gefunden hast, bei dem noch etwas 'Beklagenswertes' zu finden war?

Vertrauen wir doch eher darauf, dass die Menschen besser wissen, welchen Schuh sie sich anziehen.
Der Mensch wird nicht resilienter, indem man ihn 'beschützt', sondern indem er es schafft, mit der Realität klar zu kommen. Wozu auch Honks gehören, die tatsächlich gemein auf Dicke reagieren. Macht es mich nicht-dick, wenn es keiner sagen darf?

Ganz abgesehen davon ist Bernd der Letzte, dem ich Unsensibilität mit dem Thema Body Shaming unterstellen würde.

Ich mag es nicht, wenn man Sprache als Kampfmittel betrachtet.

Liebe Grüße
Petra
 
Das möchte ich - als dick gelesene Frau - so nicht stehen lassen!

ich bin es leid, dass sich 'Wohlmeinende' in die Brust werfen, ungefragt und ungebeten, und einen Zungenschlag in jedes Thema bringen, der in der Sache gar nichts bewirkt. Was mich daran wirklich stört, ist, dass diejenigen in meinen Augen nichts für die 'Beschützten' tun, sondern für ihr eigenes Ego!
Hast Du so tief graben müssen, bevor Du einen Text gefunden hast, bei dem noch etwas 'Beklagenswertes' zu finden war?

Vertrauen wir doch eher darauf, dass die Menschen besser wissen, welchen Schuh sie sich anziehen.
Der Mensch wird nicht resilienter, indem man ihn 'beschützt', sondern indem er es schafft, mit der Realität klar zu kommen. Wozu auch Honks gehören, die tatsächlich gemein auf Dicke reagieren. Macht es mich nicht-dick, wenn es keiner sagen darf?

Ganz abgesehen davon ist Bernd der Letzte, dem ich Unsensibilität mit dem Thema Body Shaming unterstellen würde.

Ich mag es nicht, wenn man Sprache als Kampfmittel betrachtet.

Liebe Grüße
Petra


Petra,


ich nehme zur Kenntnis, dass du für dich anders empfindest.
Was ich allerdings nicht akzeptiere, ist, dass meine persönliche Betroffenheit hier zu einer Art fehlgeleiteter Moralpose umgedeutet wird.


Ich habe weder „tief gegraben“, noch nachträglich etwas „Beklagenswertes“ gesucht.
Ich habe auf ein konkretes Beispiel reagiert, das im Rahmen einer Texterklärung benutzt wurde – und dieses Beispiel war, unabhängig von Intention oder Autor, durchzogen von einem Ton, der für mich eindeutig Bodyshaming transportiert.


Dass du dich als „dick gelesene Frau“ davon nicht berührt fühlst, ist dein gutes Recht.
Dass ich mich als Frau – mit eigenen Erfahrungen, eigener Geschichte, eigener Wahrnehmung – unangenehm berührt fühle, ist meines.


Hier geht es nicht um „Beschützen“, nicht um Sprachpolizei, nicht um Resilienztrainings für die Gesellschaft.
Es geht um Wirkung.
Und Wirkung entsteht nicht erst dort, wo jemand ausdrücklich beleidigen will, sondern dort, wo Sprache Bilder, Wertungen und Hierarchien reproduziert – oft beiläufig, oft unbedacht.


Resilienz bedeutet für mich nicht, alles stillschweigend auszuhalten.
Sie bedeutet auch, benennen zu dürfen, was einen trifft, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen oder in eine Ego-Ecke gestellt zu werden.


Und nein:
Es macht niemanden „nicht-dick“, wenn man es nicht sagt.
Aber es macht Sprache nicht harmlos, nur weil sie als Beispiel, Witz oder Stilübung daherkommt.


Dass du Bernd für sensibel hältst, glaube ich dir.
Ich habe ihm auch keine böse Absicht unterstellt.
Kritik an einem Beispiel ist keine Charakteranklage gegen einen Menschen.


Sprache ist für mich kein Kampfmittel.
Sie ist ein Werkzeug – und Werkzeuge sollte man sich anschauen dürfen, wenn sie schneiden.


Mehr wollte ich nicht sagen.
Und weniger auch nicht.


Gruß
Birgit aka Buddy
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Birgit,

gut, dass Du spontan geantwortet hast.

Wir werden in der Sache nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Nenner kommen, aber ich kann Deine Argumente alle nachvollziehen.

Vielleicht mit Ausnahme der Ansicht, dass Sprache nicht harmlos sei. Als sei sie ein eigener Akteur. Das ist sie nicht. Sie wird von Menschen benutzt, die damit entweder verletzen wollen - und da halte ich Wehrhaftigkeit für das Gebot der Stunde - oder sich dessen nicht bewusst sind, und dann bringt man den gewissen Zungenschlag in eine Kommunikation. Wer sich daran erinnert fühlt, er habe sich falscher Sprache bedient, bekommt dann vom Aufspürer ein Paket unangenehme Gefühle rübergereicht: Verunsicherung und Scham. Ist das dann nicht nur ein Weiterreichen der eigenen Empfindungen? Mir ginge es damit nicht besser.
Ja, an dem Punkt werden wir uneins bleiben.

Aber ich respektiere selbstverständlich Deine eigene Sicht auf das Thema - ich sehe da keine Notwendigkeit zur Rechtfertigung.

Liebe Grüße
Petra
 



 
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