Wer war Tante Erna T.?

Sie war mir völlig unbekannt bis zu dem Zeitpunkt, als ich sie auf Anweisung meiner Mutter einmal am Bodensee besuchte - ein bisschen deswegen, weil ich ihren Nach-Namen interessant fand, doch viel mehr deswegen, weil ich eine gehorsame Tochter war. Man solle Familienbande pflegen, so die Devise meiner Mutter. Also meldete ich mich eines Tages vor über 40 Jahren an und wurde zum Mittagessen eingeladen.

Diese schon sehr alte Tante Erna T. – sie muss fast 90 Jahre alt gewesen sein - wohnte allein in einem kleinen Häuschen mitten in einem verwunschenen Garten. Die Haustür stand offen, von drinnen rief sie mir mit dunkler, resoluter Stimme entgegen, ich solle ruhig hereinkommen. Sie hatte mich wohl kommen sehen. Ich fand sie in der Küche, eine große aufrechte Frau in schwarzem Kleid und weißem Spitzenkragen. Sie hatte eine grau-grüne Schürze umgebunden und stand vor dem Herd. Aus einer geöffneten Konserven-Dose ließ sie eine Pilzmischung in einen Topf hinausschlüpfen.
„Du magst doch Pilze? Das Haltbarkeitsdatum ist zwar abgelaufen, aber ich esse solche Sachen trotzdem immer. Man darf nichts umkommen lassen.“

Tante Erna und ich hatten uns bis dahin noch nie gesehen oder gesprochen, wir wussten also nicht recht, wer wir waren, ob wir Pilze essen oder nicht. Wir wussten nur, dass zwischen uns irgendwelche verwandtschaftlichen Beziehungen bestanden. Pilze mochte ich, aber diese so schleimig aussehenden Pilze? In meinen Augen war mit ziemlicher Sicherheit der Tod im Topf. *

„Ja“, antwortete ich trotzdem höflich und tapfer, war mir aber nicht sicher, ob ich diese Dosenpilze unbeschadet essen könnte. Ich fürchtete mich jedenfalls davor und beobachtete mich auf meiner Heimfahrt sorgfältig, ob sich neben einer unbestimmten Übelkeit nicht auch noch andere Vergiftungserscheinungen zeigten. Immerhin wusste ich durch mein Studium um die Gefahr, die z.B. von Bombagen in Konservendosen ausging – hier handelte es sich um eine alte Dose, die sicher deswegen schon mit Gift durchzogen war. Und obendrein handelte es sich um Pilze, die darin ebenso alt geworden waren! In meiner Phantasie sah ich mich schon mit lebensbedrohlichen Symptomen im Krankenhaus liegen oder am Steuer auf der Heimfahrt zusammenbrechen!
Zu meiner Erleichterung geschah nichts dergleichen: ich blieb gesund.

Tante Erna öffnete einen Küchenschrank, nahm zwei Teller heraus und gab sie mir.
„Das sind Ella und Marlies.“ Sie genoss offenbar meine Verwunderung und steigerte sie dadurch, dass sie auf ihre Kaffeekanne zeigte.
„Und die hier heißt Sophie, wie meine Mutter. Und dort unten stehen noch Margarethe und Friedrich und Karl, die Schüsseln.“
Sie lächelte, als sie meinen erstaunten Blick sah.
„Du musst wissen“, erklärte sie. „Ich lebe hier völlig vereinsamt und rede deshalb mit meinen Tassen und Kannen und Tellern. Verrückt, nicht wahr? Aber bevor ich völlig verstumme oder verblöde…“
Heute verstehe ich sie, damals sagte ich nur die Worte „ich verstehe“. Tante Erna T. hatte sich offensichtlich in einer anderen Welt eingerichtet.

Ich deckte den Tisch nebenan im Esszimmer, das sich an die Küche anschloss.
„In der Tischschublade liegt übrigens das Besteck“, rief Tante Erna mir aus der Küche zu.
Es fanden sich für das heutige Empfinden ungewöhnlich große Silbergabeln, -löffel und -messer darin. Solches Besteck kannte ich auch von meinen Großeltern. Ich mochte es.
Tante Erna trug das Essen auf und wir setzten uns. Was es zu den Pilzen dazu gab, hab ich vergessen. Blumenkohl? Kartoffeln? Streich-Mettwurst? Diese Generation von alten Mecklenburgern liebte herzhafte Speisen.

„Schön hast du es hier“, sagte ich anerkennend. „Mitten im Garten zu leben, das gefällt mir. Und jetzt darf ich mit dir tafeln, dein Silberbesteck benutzen, dazu die weiße Tischdecke, die Kerzenleuchter mit Kerze, dem Strauß Gartenblumen - alles sehr stilvoll.“
„Machst du das nie?“, wollte sie wissen. „Ich decke mir jeden Tag den Tisch mit frischen Blumen, einer Kerze und weißer Tischdecke. Das gehört sich so.“
Ich überlegte. „Für mich allein mache ich es nicht, aber wenn Besuch kommt, dann schon“, antwortete ich

Plötzlich flatterten ein Spatz und noch einer und eine Amsel durchs offene Fenster herein. Sie wollten sich frech auf den Tisch setzen. Tante Erna verjagte sie mit ihrer Stoffserviette.
„Heute gibt’s hier nichts“, schalt sie die Vögel. „Heute habe ich schon Besuch. Ihr könnt morgen wiederkommen.“ Sie schloss das Fenster.
Jetzt sah ich auch, dass die Stühle, der Boden und andere Möbelstücke mit Vogelhinterlassenschaften bekleckert waren.
„Sie sind meine Hausgenossen und Freunde. Das waren Fritz, August und Wilhelm. Die leisten mir immer Gesellschaft.“ Eine sonderbare Gesellschaft. Mir wurde leicht übel.
Der Vogeldreck und die schleimigen Pilze – ich wusste, dass ich kaum etwas essen würde, obwohl ich von der langen Anfahrt Hunger hatte.

Wie sie von Mecklenburg hierher an den Bodensee gekommen war und ob ihr Mann mit dem berühmten Goethe-Maler verwandt sei, wollte ich wissen.
„Weitläufig“, antwortete sie, ging aber nicht näher darauf ein. Stattdessen erzählte sie etwas anderes.
„Stell dir vor, eines Tages begegnete ich Adolf Hitler. Und er gab mir einen Handkuss.“
Diese Eröffnung war mir unangenehm – welche Richtung nahm jetzt das Gespräch? Ich schwieg. Keinesfalls wollte ich etwas Verletzendes oder Kritisches sagen – das stand mir bei einem ersten Besuch nicht zu, fand ich. Ich war auch noch so erzogen worden, dass man den Alten nicht widersprechen durfte.
„Ich habe mir dann eine Woche lang die Hand nicht gewaschen.“ Sie lächelte leicht selbstironisch.
„Ich dachte ja damals, dass er etwas für Deutschland tun könnte, und war stolz. Aber das änderte sich zusehends. Was man nicht alles so erlebt in einem langen Dasein…“

„Das mit dem Handkuss stimmt doch gar nicht“, protestierte meine Tochter, der ich gestern von meinem Vorhaben, etwas über Tante Erna zu schreiben, erzählte.
„Das war doch unsere Bekannte, Frau F.H. aus K., die von Hitler den Handkuss bekam.“
Ich bin inzwischen in dem Alter, wo man durchaus etwas verwechseln kann. Auch wäre es natürlich ein entlastender Gedanke, wenn Hitler meiner Tante Erna k e i n e n Handkuss gegeben hätte. Und außerdem: Etwas Kompromittierendes über die eigene Familie schreibt man nicht! Ich lass es trotzdem stehen. Ohne Kommentar.

Ich habe ihre Spur verloren und weiß daher immer noch nicht, wer Erna T. war, noch nicht einmal, wie wir zu einander verwandt sind. In den mir bekannten Stammbäumen fehlt sie. Mir bleiben ein paar dürftige Daten, die ich in den letzten Tagen im Internet fand, und die Frage, warum ich mich ausgerechnet an diese merkwürdigen Begegnungsfetzen erinnere. Und nach wie vor lebe ich mit der Ungewissheit über Dinge, die während der Nazizeit in unserer Familie wichtig oder unwichtig waren. Die noch lebenden „Alten“ erzählen zwar Erlebnisse, aber haben gelernt, über ihre Einstellung zu dem Ganzen zu schweigen.
„Es war eine andere Zeit“, sagte meine Mutter immer.
___________________
* Zitat aus 2.Koenige 4:40
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Mistralgitter,

selbst wenn man deinen Text wohlmeinend liest, kommt man nicht umhin, festzustellen: "Das ist keine Erzählung".

Der Begriff "Erzählung" mag ja suggerieren, dass man einfach nur etwas zu erzählen braucht, um in dieser Rubrik richtig aufgehoben zu sein. Dem ist aber nicht so.

Lies doch, falls es dich interessiert, einfach mal in Ruhe den Forentext durch.

Ich meine, deine Erinnerung an eine alte Frau, die dem Leser allerdings komplett fremd bleibt, ist in der Rubrik "Tagebuch" wesentlich besser aufgehoben. Ich werde dein Werk daher dorthin verschieben.

Gruß Ralph
 
Es fällt mir unendlich schwer, Texte, die weder eine Erzählung noch eine Kurzgeschichte, noch Kurzprosa sind, hier in der LL sinnvoll unterzubringen.
Tagebuch ist auch nicht richtig. Es ist kein Tagebucheintrag!
Und dass ich hier hingestellt werde, als würde ich einfach, weil ich etwas "erzähle" und dazu noch etwas, was NIEMANDEN interessiert, hochtrabend und unbedingt als "Erzählung" deklarieren möchte, ist komplett falsch und nicht gerade freundlich. Vielen Dank!
 

FrankK

Mitglied
Hallo Mistralgitter
Sehr – wirklich sehr – merkwürdiger Text.
Das ganze beginnt mit einer eigentümlichen, nicht näher deutbaren Begegnung, verwandelt sich zu einer Art „Berichterstattung“ und läuft schließlich mit Gedanken über Vergangenheitsbewältigung aus.
Ein durchgehender Plot? Erkenne ich nicht.
Potenzial für eine Geschichte mit Konflikt und dessen Bewältigung? Sehe ich nicht.

Insofern keine vollständige Geschichte. Es hätte eine werden können, wenn irgendwo am Ende mal im Familienkreis jemand auf den Tisch haut und brüllt:
„Wer zur Hölle ist diese Tante Erna?“
„Warum willst du das wissen?“
„Weil ich heute morgen einen Brief von einem Anwalt bekommen habe.“
„Und?“
„Tante Erna ist gestorben. Sie hat mich als einzigen Erben benannt.“


Dazu müsste das ganze aber ziemlich umfangreich umgebastelt werden.


Im Moment ist es weder Kurzgeschichte noch Erzählung – es ist überhaupt keine vollständige Geschichte im üblichen Sinn. Bestenfalls – ich nenne es mal vorsichtig so – ein paar Spotlights.
Für Kurzprosa ebenfalls nicht geeignet, auch hierin stimme ich mit Ralph überein. Es sind zu viele angeschnittene Themen: Tante Erna selbst, ihr Umgang mit dem Essen, die Heimfahrt mit Selbstbeobachtung, der Ansatz einen Text zu schreiben mit Kommentar der Tochter und schlussendlich die herangezogene Vergangenheitsbewältigung.

In der mir vorliegenden Form sehe ich bestenfalls verworrene Erinnerungsfragmente, die – so aufgeschrieben wie sie sind – am ehesten als Tagebucheintrag betrachtet werden könnten.


Ich bedaure, wenn Dich meine Einschätzung wenig begeistert.


Abendliche Grüße
Frank
 
Nein, ich wollte die Geschichte doch weder als Erzählung noch als Kurzgeschichte usw. bezeichnen - das geht doch aus meiner Antwort hervor.
Was mich störte war etwas anderes - der Ton, der die Musik macht. Der herablassende Umgangston - und anderes - lassen mich immer wieder stutzen und fragen, ob ich hier in der LL überhaupt noch bleiben will.

Und nein, es ist keine "Geschichte mit Plot" und wird auch keine werden. Das ist eine Sache, die mir in diesem Fall nicht in den Sinn gekommen ist und die mir auch sonst nicht liegt. Tut mir Leid.
Es ist auch kein Tagebucheintrag - aber ich wiederhole mich. So passt also der Text in kein Schema - ob er deswegen schlecht ist, sei dahingestellt.

Leider gefällt mir dein Vorschlag auch überhaupt nicht. Das ist so ein Allerweltsthema - das mit dem Erben. Das passt außerdem einfach nicht. Mit aller Gewalt nun eine Rahmengeschichte dazu zu stellen und einzelne Elemente aus dem "Wirrwarr" zu verwenden, das wollte ich im Moment nicht.

Das Ganze als "verworren" hinzustellen ist reichlich übertrieben. Vergangenheitsbewältigung? Wessen Vergangenheit wird da deiner Meinung nach bewältigt? Ich seh jedenfalls nichts davon.

Es ist schade, dass der Text nicht ankommt, dass er in den Augen der Leser hier durchgefallen ist und als Beispiel für mangelndes Können herhalten kann ... macht nichts. Es war ein Versuch.

Tut mir Leid, dass du mit deinen Anregungen und deiner Mühe um meinen Text bei mir auf Widerstand triffst.

Eine gute Nachtruhe
Mistralgitter
 

molly

Mitglied
Hallo Mistralgitter,

Deine T. Erna, erinnert mich sehr an meine 94jährige Nachbarin.
Auch bei ihr darf nichts umkommen. Auch sie führt manchmal Selbstgespräche, mit ihren Blumen.

Die Begegnung mit T. Erna ruft jetzt nach Jahren eine Erinerung aus, erinnert an das eigene Alter, man weiß nicht mehr alles, nur noch Bruchsstücke.

Mich hat Deine Geschichte erreicht.

Ich wünsche Dir eine gute Nacht und ein schönes Wochenende

molly
 
Hallo molly,

Erinnerungen sind so eine Sache - man kommt immer wieder an Grenzen. Manches brennt sich unverwüstlich ein, anderes geht verloren, wenn man es nicht aufgeschrieben hat. Und dann steht man vor Bruchstücken, wie du es auch beobachtet hast.
Das scheint es also doch immer wieder zu geben, dass alte Leute mit Dingen aus ihrer Umgebung reden, wie du jetzt bestätigst.
Ich finde es interessant, mit älteren und ganz alten Menschen umzugehen.

Wie schön, dass die Geschichte immerhin eine Leserin erreichen konnte. Danke für deine Rückmeldung.

Gute Nacht
Mistralgitter
 

FrankK

Mitglied
Hmm
Es gibt nunmal Rubriken auf der Leselupe. Es ist schade, dass es keine "Experimentelle Prosa" gibt.

Du hattest den Text unter "Erzählungen" platziert und bist nun (scheinbar) ein wenig verärgert dass dein Werk hierher verschoben wurde. Du pochst wehement darauf - dies sei kein Tagebucheintrag.


Aber - so frage ich dich jetzt - was dann?


Grüßend
Frank
 
Hallo FrankK,

dass du mir noch einmal schreibst, ehrt dich. Ich hatte es nicht erwartet.

Aber lies doch noch einmal meine vorausgehende Antwort:
Es fällt mir unendlich schwer, Texte, die weder eine Erzählung noch eine Kurzgeschichte, noch Kurzprosa sind, hier in der LL sinnvoll unterzubringen.
Tagebuch ist auch nicht richtig. Es ist kein Tagebucheintrag!
Und dass ich hier hingestellt werde, als würde ich einfach, weil ich etwas "erzähle" und dazu noch etwas, was NIEMANDEN interessiert, hochtrabend und unbedingt als "Erzählung" deklarieren möchte, ist komplett falsch und nicht gerade freundlich.
Wird denn nicht deutlich, dass die Eingruppierung in die "heilige" Rubrik "Erzählung" eine Verlegenheitslösung war?

Nein, ich bin nicht über die Verschiebung ärgerlich, sondern in erster Linie wegen des UMGANGSTONES und zum Zweiten wegen der Enge der Gruppierungen.

Nein, ich wollte die Geschichte doch weder als Erzählung noch als Kurzgeschichte usw. bezeichnen - das geht doch aus meiner Antwort hervor.
Was mich störte war etwas anderes - der Ton, der die Musik macht. Der herablassende Umgangston - und anderes - lassen mich immer wieder stutzen und fragen, ob ich hier in der LL überhaupt noch bleiben will.
Mein Text muss nicht als "Erzählung" daher kommen!! Alles Hochtrabende liegt mir fern! Aber ich finde hier oft keine passenden Rubriken. Also werden hier bestimmte Dinge ausgeklammert, sind wohl nicht erwünscht?

Anscheinend denkt man von mir, ich sei "beratungsresistent" oder blind auf beiden Ohren... ;-) und verteidigte die Miss-Qualität meiner Texte auf Biegen und Brechen entgegen aller (natürlich wohlmeinender) "sachlicher" Kritik, als sei ich darauf versessen, vor Textmängeln die Augen zu verschließen.
Dass ich mit dem Begriff "Textarbeit" etwas anfangen kann, hab ich doch wohl in all der Zeit, die ich hier in der LL bin, bewiesen.
Das alles ist also das Problem nicht. Ich möchte nur in angemessenem Ton angesprochen werden. Und des weiteren engen mich die Text-Kategorien hier oft ein.

Dass mein Text eine "experimentelle" Prosa sei, kann ich nicht erkennen. Dazu hat er ein viel zu einfaches Strickmuster. Da ich es hier offensichtlich mit Fachleuten zu tun habe, die sich in der realen Literaturwelt auskennen, muss ein Text wie dieser - weil nicht ordentlich einzuordnen - unter den Tisch fallen.

Ich komme mir oft vor, als sei ich hier der Depp vom Dienst und meine Texte gehören eigentlich in die Tonne. Diese Diskussion hier ist ein Beispiel dafür.

Vor drei Jahren riet mir ein "freier" (sehr scharfzüngiger, auch selbstkritischer) Schriftsteller, ich solle lieber einem Fahrradverein beitreten als mich mit anderen Autoren (z.B. auch in einer Literaturwerkstatt) austauschen zu wollen. Ich zitiere aus seiner Email an mich:

Bei allen Vorzügen lauert dort immer die Gefahr der unterschwelligen Anpassung, der Verletzung, der Einschüchterung, des Verzagens, des Verstummens. Die Meilensteine der Literatur erfolgen jedoch genau über das Gegenteil der Anpassung, über den Norm- und Formbruch. Über das Aufbegehren. Deshalb meine Distanz dazu. Aber jeder Autor, jede Autorin muss da seinen / ihren eigenen fragilen, verletzbaren, steinigen Weg suchen. Und manchmal findet man ihn auch. PS. Ich könnte Ihnen den T...... Radverein (RV Pfeil) empfehlen. Dort bin ich zu meiner großen Freude Mitglied. Und die Leute dort sind wesentlich freundlicher zueinander als Autoren.
Das hätte ich mir zu Herzen nehmen sollen.


Schönes Wochenende
MG
 
P.S. Mir fällt gerade noch etwas ein:
Wo hätte ich z.B. folgenden Text/Satz einordnen sollen?

Nein, diese Suppe ess ich nicht

Manch ein Kritiker kann anscheinend selbst in einem Teelöffel Suppe eine ganze Perücke finden.
Ich hab es im April 2015 unter "Humor" gepostet, empfand es aber auch nur als eine Verlegenheitslösung.

Und heute sehe ich, dass zwei anonyme Bewertungen dafür abgegeben wurden: eine 9 und eine 1.
Was soll mir das sagen? ;-)
 

FrankK

Mitglied
Ach weißt Du, Mistralgitter
dass du mir noch einmal schreibst, ehrt dich. Ich hatte es nicht erwartet.
Hältst Du mich für so empfindlich oder kurzsichtig?

Aber lies doch noch einmal meine vorausgehende Antwort:
...
Wird denn nicht deutlich, dass die Eingruppierung in die "heilige" Rubrik "Erzählung" eine Verlegenheitslösung war?

Nein, ich bin nicht über die Verschiebung ärgerlich, sondern in erster Linie wegen des UMGANGSTONES und zum Zweiten wegen der Enge der Gruppierungen.
Erlaube mir eine "freche" Antwort: "Dein Umgangston ist gerade auch nicht der entspannteste."

Mein Text muss nicht als "Erzählung" daher kommen[blue]!![/blue] Alles Hochtrabende liegt mir fern! Aber ich finde hier oft keine passenden Rubriken. Also werden hier bestimmte Dinge ausgeklammert, [blue]sind wohl nicht erwünscht[/blue]?
Beruhige Dich doch mal, Bitte.
Wir haben es hier auf der Leselupe nun einmal mit "Schubladen" zu tun. Oder lass es mich "Kategorien" nennen.
Hier finden so manche Dinge keinen rechten Platz: Western, Drehbücher ...
(Ich habe vor ein paar Jahren ein extra großes Pizza-Schneidrad aus Edelstahl bekommen, das passt auch in keine Küchenschublade vernünftig hinein und es gibt keine Möglichkeit, es irgendwo hinzuhängen ;) )

Dass mein Text eine "experimentelle" Prosa sei, kann ich nicht erkennen.
Gut, dann lass mich die passende Kategorie "Freie Form" nennen - ist das nicht egal?

... muss ein Text wie dieser - weil nicht ordentlich einzuordnen - unter den Tisch fallen.
Er ist doch nicht unter den Tisch gefallen. Er liegt hier in der Kategorie "Tagebuch".

Ich komme mir oft vor, als sei ich hier der Depp vom Dienst und meine Texte gehören eigentlich in die Tonne. [blue]Diese Diskussion hier ist ein Beispiel dafür.[/blue]
Ich glaube nicht, dass Deine Texte in die Tonne gehörten. Bis jetzt geht die Diskussion hier auch nicht darum (das Tagebuch ist keine(!) Mülltonne) sondern eher um mein Unverständnis, weshalb Du dich so dagegen sträubst, dass Dein Werk hier einen Platz gefunden hat.

Vor drei Jahren riet mir ein "freier" (sehr scharfzüngiger, auch selbstkritischer) Schriftsteller, ich solle lieber einem Fahrradverein beitreten als mich mit anderen Autoren (z.B. auch in einer Literaturwerkstatt) austauschen zu wollen.
Hihi - auf der Leselupe treibt sich jemand herum, der erteilt ähnliche Vorschläge. Ist das wirklich traurig-ernst gemeint? Oder versucht er nur, vermeintliche Konkurenz loszuwerden?
Wir sind hier doch alle nur "verkappte Genies".


Und heute sehe ich, dass zwei anonyme Bewertungen dafür abgegeben wurden: eine 9 und eine 1.
Was soll mir das sagen? ;-)
Das die Geschmäcker halt sehr verschieden sind.

Unter einem meiner Texte hatte ich mal darum gebettelt, möglichst verschiedene "Zensuren" zu bekommen. Glaubst Du, einer hätte mir dort eine "1" oder eine "2" gegönnt? Nö, dafür waren sich die anonymen Punktierer zu fein.
Also - trag es mit Fassung.


In der Kommunikation macht der Ton die Musik. Es ist nur schade, dass beim geschriebenen Wort die Intonation nicht mit übertagen wird. Ebensowenig wie die Mimik des Schreibenden.


Wollen wir uns hier - irgendwann einmal - mit Textarbeit beschäftigen?


Aufmunternde Grüße
Frank
 
Textarbeit - was ist das?
Mein Ton ist der Kontra-Bass (oder Kontertenor?) zu dieser Musik, die hier gespielt wird - du siehst ich bin anpassungsfähig!:p
 

FrankK

Mitglied
Hallo Mistralgitter
In der Musikschule habe ich manchmal - heimlich, weniger still und leise - an den Instrumenten "gefummelt".
Der Kontra-Bass hat immer so schön tief gebrummt ... klang gefährlich, war aber nie wirklich böse. ;)


Du schreibst "besondere" Texte, sie sind nicht immer leicht zugänglich, und manchmal - so scheint es mir - brodelt es unter der Oberfläche.


Du schreibst in einer Rückerinnerung (Rückblende) über Tante Erna, daher ist es möglich, dass Du dich bereits an die Heimfahrt erinnerst, während Du noch bei ihr bist.
Dies macht den Text nicht gerade leichter erfassbar. Es wirft die chronologische Reihenfolge durcheinander.

Ein gewisses Problem sind Füllwörter, ein anderes Problem sind Aussagedopplungen.
Sie war mir [blue][strike]völlig[/strike][/blue] unbekannt bis zu dem Zeitpunkt, als ich sie auf Anweisung meiner Mutter [blue][strike]einmal[/strike][/blue] am Bodensee besuchte - [blue]ein bisschen [strike]deswegen[/strike][/blue], weil ich ihren [red]Nach-Namen[/red] interessant fand, [blue]doch[/blue] viel mehr [blue][strike]deswegen[/strike][/blue], weil ich eine gehorsame Tochter war.
Blau markiert - Füllwörter
Durchgestrichen - könnte ohne Aussageverlust entfallen.
"Nachnamen" schreibt sich ohne Bindestrich, früher gängiger war "Familienname".

[strike]Diese[/strike] [blue][strike]schon sehr[/strike][/blue] [strike]alte[/strike] Tante Erna T. – sie muss fast 90 Jahre alt gewesen sein - wohnte allein in einem kleinen Häuschen mitten in einem verwunschenen Garten.
Blau markiert - Füllwörter
Durchgestrichen - könnte ohne Aussageverlust entfallen.
Unterstrichen - Aussagedopplung


Merkst Du etwas? Da kommt wohl einiges zusammen.
Im ganzen (relativ kurzen) Text 119 Füllwörter, davon die Highlights:

etwas - 7x
oder - 6x
schon - 5x

In wörtlicher Rede halten sie die Sprache "flüssig", sie wirken menschlich, sollten im Erzähltext aber möglichst knapp verwendet werden. Sie "blähen" den Text nur auf, ohne wirklich irgendwelche Informationen zu transportieren.


Soll ich weitermachen - mit der Erbsenzählerei?


Abendliche Grüße
Frank
 
Frank, du bist herrlich! Jetzt willst du auch noch meine Erbsen zählen! Und meinen Bass verstellen. Was aber hast du mit dem Kontertenor vor????
Eigentlich würde ich lieber vor den Erbsen die größeren Kartoffeln und Rüben bearbeiten. Hab aber gerade nicht so recht die Ruhe dazu.

Bist du dir sicher, dass die Füllwörter auf keinen Fall im Erzähltext vorkommen dürfen, außer in der wörtlichen Rede? Ich guck gleich mal bei meinem Referenzschriftsteller - der mit dem Fahrradverein - nach.

Ein Gegenargument kann ich schon mal anbringen: Ich habe diese Tante Erna T. wirklich nur "einmal" besucht - nicht "irgendwann einmal". Ich erzähle das Ganze als tatsächlich erlebt, als biografischen Text. Einzig diese erzählten Bruchstücke sind in Erinnerung geblieben. Es hat sich vor über 40 Jahren ereignet - siehe erstes Kapitel. Deshalb kann ich doch schon wissen, wie es mir auf der Rückfahrt ergangen ist. Die Chronologie von damals spielt doch jetzt in der Rückschau gar keine Rolle mehr.

Weiteres später - muss abbrechen und schnell weg

MG
 
So, nun kommt der Antwort zweiter Teil.
"erster Abschnitt" musste es vorhin heißen, nicht "Kapitel" - sonst fängst du wieder mit der Erbsenwerferei an.

Nach-Namen - könnte ich dir erklären, warum das so noch! dasteht ... will ich aber nicht. Bevor das Werk in den Druck geht ;-), werde ich den Bindestrich ganz bestimmt wegradieren. Versprochen.

Aufgebläht also ist der Text durch Füllwörter ... das passt doch zu mir, dem Deppen vom Dienst.
Dass du sie gezählt hast - Mannomann! Das ist mir ja noch nie passiert bei all den Hunderten von Kommentaren, die ich in meinem Leben schon bekommen hab! Du bist echt fleißig!

Bevor ich die Erbsen aussortiere, würde ich gerne ganz andere Dinge in dem Text überprüfen und verbessern. Ist dir sonst nix aufgefallen, was blöd ist daran?
 

FrankK

Mitglied
Och nöö - so "fleißig" nun auch wieder nicht.
Es gibt ein Suchprogramm für Füllwörter - da kopierst Du den Text hinein und schwups - bekommst Du Antwort.
Da wird aber "dumm" alles gezählt, wörtliche Rede ebenso wie Erzähltext. Ich bastel an einem Makro für Word, der dies vermeidet.


Bevor ich die Erbsen aussortiere, würde ich gerne ganz andere Dinge in dem Text überprüfen und verbessern. Ist dir sonst nix aufgefallen, was blöd ist daran?
Wie schon angesprochen - die kausale Reihenfolge:
Essen wird zubereitet - sie beobachtet sich selbst auf der Heimfahrt - dann wird der Tisch gedeckt und das Mahl eingenommen.
Kann man in Rückblenden so machen, erleichtert aber nicht das Verständnis für den Text.

Nein, auch nach dritter Lesung ist mir sonst nichts übergreifendes in Ablauf oder Logik aufgefallen.
Fragst Du nach etwas bestimmten?


Grüßend
Frank


PS: Ich zähle Erbsen, ich werfe Wattebällchen - die blauen, die sind härter.
 
Sie war mir völlig unbekannt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie auf Anweisung meiner Mutter ein einziges Mal am Bodensee besuchte. Man solle Familienbande pflegen, war die Devise meiner Mutter. Also meldete ich mich eines Tages vor über 40 Jahren bei Tante Erna an und wurde zum Mittagessen eingeladen.

Tante Erna wohnte allein in einem kleinen Häuschen mitten in einem verwunschenen Garten. Die Haustür stand offen, von drinnen rief sie mir mit dunkler, resoluter Stimme entgegen, ich solle ruhig hereinkommen. Sie hatte mich wohl kommen sehen. Ich fand sie in der Küche, eine große aufrechte Frau in schwarzem Kleid und weißem Spitzenkragen. Nachträglich schätze ich, dass sie damals fast 90 Jahre alt gewesen sein musste. Sie hatte eine Schürze umgebunden und stand vor dem Herd. Aus einer geöffneten Konserven-Dose ließ sie eine Pilzmischung in einen Topf hinausschlüpfen.

„Du magst doch Pilze? Das Haltbarkeitsdatum ist zwar abgelaufen, aber ich esse solche Sachen trotzdem immer. Man darf nichts umkommen lassen.“
Pilze mochte ich zwar, diese jedoch sahen so schleimig aus, dass mir der Appetit verging. Ich fürchtete mich jedenfalls davor. In meinen Augen war mit ziemlicher Sicherheit der "Tod im Topf". Eine alte Konservendose mit ebenso altem Inhalt – ich war mir nicht sicher, ob ich diese Dosenpilze unbeschadet würde essen können.
„Ja“, antwortete ich trotzdem höflich und tapfer.

Tante Erna öffnete einen Küchenschrank, nahm zwei Teller heraus und gab sie mir.
„Das sind Ella und Marlies.“
„Und die Kaffeekanne hier heißt Sophie, wie meine Mutter. Und dort unten stehen noch Margarethe und Friedrich und Karl, die Schüsseln.“
Sie lächelte, als sie meinen erstaunten Blick sah.
„Du musst wissen“, erklärte sie. „Ich lebe hier völlig vereinsamt und rede deshalb mit meinem Geschirr. Verrückt, nicht wahr? Aber bevor ich völlig verstumme oder verblöde…“

Tante Erna hatte sich offensichtlich in einer anderen Welt eingerichtet. Damals sagte ich nur die Worte „ich verstehe“, heute verstehe ich sie.

Ich deckte den Tisch nebenan im Esszimmer, das sich an die Küche anschloss.
„In der Tischschublade liegt übrigens das Besteck“, rief Tante Erna mir aus der Küche zu.
Es fanden sich für das heutige Empfinden ungewöhnlich große Silbergabeln, -löffel und -messer darin. Solches Besteck kannte ich auch von meinen Großeltern. Ich mochte es.
Tante Erna trug das Essen auf und wir setzten uns.
„Schön hast du es hier“, sagte ich anerkennend. „Mitten im Garten zu leben, das gefällt mir. Und dann die Kerze und die Blumen auf dem Tisch mit der weißen Tischdecke. Sehr festlich!“
„Machst du das nie?“, wollte sie wissen. „Ich decke mir jeden Tag den Tisch mit frischen Blumen, einer Kerze und weißer Tischdecke. Das gehört sich so.“
„Für mich allein mache ich es nicht, aber wenn Besuch kommt, dann schon“, antwortete ich.

Plötzlich flatterten ein Spatz und noch ein zweiter und dazu noch eine Amsel durchs offene Fenster herein. Sie wollten sich frech auf den Tisch setzen. Tante Erna verjagte sie mit ihrer Stoffserviette.
„Heute gibt’s hier nichts“, schalt sie die Vögel. „Heute habe ich schon Besuch. Ihr könnt morgen wiederkommen.“ Sie schloss das Fenster.

Jetzt sah ich auch, dass die Stühle, der Boden und andere Möbelstücke mit Vogelhinterlassenschaften bekleckert waren. Mir wurde leicht übel.
„Sie sind meine Hausgenossen und Freunde. Das waren Fritz, August und Wilhelm. Die leisten mir immer Gesellschaft.“
Eine sonderbare Gesellschaft, fand ich.

Wie sie von Mecklenburg hierher an den Bodensee gekommen war und ob ihr Mann mit dem berühmten Goethe-Maler verwandt sei, wollte ich wissen.
„Weitläufig“, antwortete sie, ging aber nicht näher darauf ein. Stattdessen erzählte sie unvermittelt etwas anderes.
„Stell dir vor, eines Tages begegnete ich Adolf Hitler. Und er gab mir einen Handkuss.“
Diese Eröffnung war mir unangenehm. Was sollte ich darauf antworten? Ratlos schwieg ich. Keinesfalls wollte ich etwas Verletzendes oder Kritisches sagen – das stand mir bei einem ersten Besuch nicht zu, fand ich.
„Ich habe mir dann eine Woche lang die rechte Hand nicht gewaschen.“ Sie lächelte leicht selbstironisch.
„Ich dachte ja damals, dass er etwas für Deutschland tun könnte, und war stolz. Aber das änderte sich zusehends. Was man nicht alles so erlebt in einem langen Dasein…“ –

„Das mit dem Handkuss stimmt doch gar nicht“, protestierte meine Tochter, der ich die Geschichte erzählte. „Das war doch unsere Bekannte aus K., die von Hitler den Handkuss bekam.“ –

Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem man durchaus etwas verwechseln kann. Auch wäre es ein entlastender Gedanke, wenn Hitler meiner Tante Erna k e i n e n Handkuss gegeben hätte. Wenn sie ihm aber doch begegnet ist? Wenn sie oder ihr Mann womöglich eine „Nazi-Vergangenheit“ hatten? Ich kann sie nicht mehr fragen. Und die noch lebenden „Alten" aus der Familie erzählen zwar von ihren damaligen Erlebnissen erzählen, haben aber anscheinend gelernt, über ihre Einstellung zu dem Ganzen zu schweigen.
„Es war eine andere Zeit“, antwortete meine Mutter immer, wenn ich bei ihr nachfragte.-

Ich bedaure heute, dass ich Tante Ernas Spur verloren habe. Nur diese merkwürdigen Erinnerungsfetzen aus diesem einzigen Besuch sind geblieben.
 
Ja, aber das verrate ich nicht :p
Während du mit Wattebällchen und Erbsen spielst und Word verschlimmerbessererst, hab ich mal am Text gebahaspelt.

Erklärung dazu:
Es ist das erste Mal, dass ich einen total autobiografischen Text schreibe.
Ergebnis:
Das ist überhaupt nicht leicht, wenn es kein dümmlicher, peinlicher, dünner Text werden soll!
Ich habe mit Absicht diese fremd gebliebene Tante Erna genommen - von der ich inzwischen vermute, dass sie eine "Nenntante", aber keine "echte" Verwandte ist - weil ich Angst hatte, ich würde mich sonst in zu vielen Details verlieren.

Während der Überarbeitung jetzt eben dachte ich, ich bin fürs biografische Schreiben nicht geeignet. (Obwohl man in meinem Alter anscheinend so etwas macht) Ich werde in Zukunft lieber aus einzelnen ehemals biografischen Modulen eine völlig neue Geschichte entwerfen, dazu würfle ich Personen und Ereignisse ganz neu und unabhängig von den ursprünglichen Gegebenheiten zusammen. So ein Projekt finde ich interessanter. Hab ja schon eines mal fertig bekommen...;-)

So, nun bin ich erst mal still.
Wenn sich wieder ein Text bei mir anmeldet, gebe ich ihn dir vorab zum Füllwörterüberprüfen. Oder kann ich das selbst auch?

Bis dahin eine gute Nacht
MG
 
Sie war mir völlig unbekannt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie auf Anweisung meiner Mutter ein einziges Mal am Bodensee besuchte. Man solle Familienbande pflegen, war die Devise meiner Mutter. Also meldete ich mich eines Tages vor über 40 Jahren bei Tante Erna an und wurde zum Mittagessen eingeladen.

Tante Erna wohnte allein in einem kleinen Häuschen mitten in einem verwunschenen Garten. Die Haustür stand offen, von drinnen rief sie mir mit dunkler, resoluter Stimme entgegen, ich solle ruhig hereinkommen. Sie hatte mich wohl kommen sehen. Ich fand sie in der Küche, eine große aufrechte Frau in schwarzem Kleid und weißem Spitzenkragen. Nachträglich schätze ich, dass sie damals fast 90 Jahre alt gewesen sein musste. Sie hatte eine Schürze umgebunden und stand vor dem Herd. Aus einer geöffneten Konserven-Dose ließ sie eine Pilzmischung in einen Topf hinausschlüpfen.

„Du magst doch Pilze? Das Haltbarkeitsdatum ist zwar abgelaufen, aber ich esse solche Sachen trotzdem immer. Man darf nichts umkommen lassen.“
Pilze mochte ich zwar, diese jedoch sahen so schleimig aus, dass mir der Appetit verging. Ich fürchtete mich jedenfalls davor. In meinen Augen war mit ziemlicher Sicherheit der "Tod im Topf". Eine alte Konservendose mit ebenso altem Inhalt – ich war mir nicht sicher, ob ich diese Dosenpilze unbeschadet würde essen können.
„Ja“, antwortete ich trotzdem höflich und tapfer.

Tante Erna öffnete einen Küchenschrank, nahm zwei Teller heraus und gab sie mir.
„Das sind Ella und Marlies.“
„Und die Kaffeekanne hier heißt Sophie, wie meine Mutter. Und dort unten stehen noch Margarethe und Friedrich und Karl, die Schüsseln.“
Sie lächelte, als sie meinen erstaunten Blick sah.
„Du musst wissen“, erklärte sie. „Ich lebe hier völlig vereinsamt und rede deshalb mit meinem Geschirr. Verrückt, nicht wahr? Aber bevor ich völlig verstumme oder verblöde…“

Tante Erna hatte sich offensichtlich in einer anderen Welt eingerichtet. Damals sagte ich nur die Worte „ich verstehe“, heute verstehe ich sie.

Ich deckte den Tisch nebenan im Esszimmer, das sich an die Küche anschloss.
„In der Tischschublade liegt übrigens das Besteck“, rief Tante Erna mir aus der Küche zu.
Es fanden sich für das heutige Empfinden ungewöhnlich große Silbergabeln, -löffel und -messer darin. Solches Besteck kannte ich auch von meinen Großeltern. Ich mochte es.
Tante Erna trug das Essen auf und wir setzten uns.
„Schön hast du es hier“, sagte ich anerkennend. „Mitten im Garten zu leben, das gefällt mir. Und dann die Kerze und die Blumen auf dem Tisch mit der weißen Tischdecke. Sehr festlich!“
„Machst du das nie?“, wollte sie wissen. „Ich decke mir jeden Tag den Tisch mit frischen Blumen, einer Kerze und weißer Tischdecke. Das gehört sich so.“
„Für mich allein mache ich es nicht, aber wenn Besuch kommt, dann schon“, antwortete ich.

Plötzlich flatterten ein Spatz und noch ein zweiter und dazu noch eine Amsel durchs offene Fenster herein. Sie wollten sich frech auf den Tisch setzen. Tante Erna verjagte sie mit ihrer Stoffserviette.
„Heute gibt’s hier nichts“, schalt sie die Vögel. „Heute habe ich schon Besuch. Ihr könnt morgen wiederkommen.“ Sie schloss das Fenster.

Jetzt sah ich auch, dass die Stühle, der Boden und andere Möbelstücke mit Vogelhinterlassenschaften bekleckert waren. Mir wurde leicht übel.
„Sie sind meine Hausgenossen und Freunde. Das waren Fritz, August und Wilhelm. Die leisten mir immer Gesellschaft.“
Eine sonderbare Gesellschaft, fand ich.

Wie sie von Mecklenburg hierher an den Bodensee gekommen war und ob ihr Mann mit dem berühmten Goethe-Maler verwandt sei, wollte ich wissen.
„Weitläufig“, antwortete sie, ging aber nicht näher darauf ein. Stattdessen erzählte sie unvermittelt etwas anderes.
„Stell dir vor, eines Tages begegnete ich Adolf Hitler. Und er gab mir einen Handkuss.“
Diese Eröffnung war mir unangenehm. Was sollte ich darauf antworten? Ratlos schwieg ich. Keinesfalls wollte ich etwas Verletzendes oder Kritisches sagen – das stand mir bei einem ersten Besuch nicht zu, fand ich.
„Ich habe mir dann eine Woche lang die rechte Hand nicht gewaschen.“ Sie lächelte leicht selbstironisch.
„Ich dachte ja damals, dass er etwas für Deutschland tun könnte, und war stolz. Aber das änderte sich zusehends. Was man nicht alles so erlebt in einem langen Dasein…“ –

„Das mit dem Handkuss stimmt doch gar nicht“, protestierte meine Tochter, der ich die Geschichte erzählte. „Das war doch unsere Bekannte aus K., die von Hitler den Handkuss bekam.“ –

Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem man durchaus etwas verwechseln kann. Auch wäre es ein entlastender Gedanke, wenn Hitler meiner Tante Erna k e i n e n Handkuss gegeben hätte. Wenn sie ihm aber doch begegnet ist? Wenn sie oder ihr Mann womöglich eine „Nazi-Vergangenheit“ hatten? Ich kann sie nicht mehr fragen. Und die noch lebenden „Alten" aus der Familie erzählen zwar von ihren damaligen Erlebnissen, haben aber anscheinend gelernt, über ihre Einstellung zu dem Ganzen zu schweigen.
„Es war eine andere Zeit“, antwortete meine Mutter immer, wenn ich bei ihr nachfragte.-

Ich bedaure heute, dass ich Tante Ernas Spur verloren habe. Nur diese merkwürdigen Erinnerungsfetzen aus diesem einzigen Besuch sind geblieben.
 

FrankK

Mitglied
Den Füllwörter-Test gibt es im Internet, er lässt sich auch lokal auf dem Rechner speichern. Ist eine Webseite, näheres habe ich Dir per PN geschickt.

Schau Dir mal den Berg an Füllwörtern an, dann kannst Du dich noch einmal selbst durch Deinen ganzen Text wühlen. ;)

Worin siehst Du den Unterschied?
Sie war mir völlig unbekannt ...
Sie war mir unbekannt ...​

Gibt es noch andere Steigerungsformen?
Total unbekannt? Absolut unbekannt?

Ist wie ein Glas mit Wasser.
Das Glas ist leer.
Das Glas ist völlig leer.

(Nimms mir nicht übel - aber Wörter wie "völlig" empfinde ich mittlerweile als fast völlig überflüssig.)


Angenehme Nachtruhe und viel Spaß mit den Füllwörtern ...
Frank
 

 
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