Werbung für das Eulenberg-Gymnasium

Werbung für das Eulenberg-Gymnasium
von Willi Corsten

Liebe Eltern, Sie überlegen, welches Gymnasium Ihr Kind nach der Grundschule besuchen soll. Bitte entscheiden Sie sich für das Eulenberg-Gymnasium. Zahlreiche Gründe sprechen dafür.
Da wir auch an Samstagen unterrichten, genießt Ihr Kind ein Privileg, das den meisten Arbeitern heute verwehrt ist. Es lernt schon im zarten Alter, den unnötigen Luxus der Freizeit zu meiden und wird bestens auf die Forderungen unserer Leistungsgesellschaft vorbereitet. Die kostspieligen Wochenendausflüge entfallen, die Haushaltskasse wird geschont.
Ein wichtiger Pluspunkt ist auch unser Schulbusverkehr. Auf Anraten von Professor Sparmann haben wir die Anzahl der Busse deutlich reduziert, weil beim Streit um die wenigen Plätze das Durchsetzungsvermögen der Kinder nachhaltig geschult wird. Die überfüllten Fahrzeuge gewährleisten den für die seelische Entwicklung so wichtigen Körperkontakt, vermitteln in spielerischer Form anatomische Kenntnisse vom anderen Geschlecht, bauen Berührungsängste ab und beseitigen frustrierende Unwissenheit.
Das Sichwohlfühlen in räumlicher Enge üben wir auch in den Klassenzimmern, die im Gegensatz zu weniger fortschrittlichen Schulen bewusst klein und düster gestaltet sind. Die Räume waren ursprünglich als Legebatterien für Hühner gedacht, doch das Vorhaben scheiterte am Einspruch der Tierschutzbehörde.
Die Gesundheit der Schüler liegt uns besonders am Herzen, darum werden defekte Wartehäuschen nicht mehr repariert. Nach verlassen der überheizten Räume sollen die Kinder auch im Winter unter freiem Himmel auf den Bus warten dürfen. Die heilsame Wirkung dieser Schocktherapie hat seinerzeit schon der gute Pfarrer Kneipp erkannt.
Zum Schluss möchte ich besonders die Mütter auf eine weitere segensreiche Gepflogenheit unserer Schule hinweisen: Um die Geduld Ihres Kindes zu fördern, fahren die Busse häufig mit erheblicher Verspätung zurück. Das ist für sie, meine Damen, von unschätzbarem Wert, denn gähnende Langeweile kommt erst gar nicht auf, und Ihr Selbstvertrauen erlebt einen ungeahnten Höhenflug. In kurzer Zeit lernen Sie nämlich, das Essen wieder und wieder aufzuwärmen, ohne mehr als zwei durchgebrannte Kochtöpfe pro Woche ersetzen zu müssen.
Folglich gibt es keine bessere Schule als das Eulenberg-Gymnasium.
 

urte

Mitglied
Danke für den Tip, lieber Willi. Sehr amüsant und böse. Man sieht die Profilierungsnot der heutigen Schulen sehr frech auf den Punkt gebracht.
Eine Winzigkeit nur. Die meisten "Themen" beziehen sich ja auf real Gegebenes, satirisch gewaltig überspitzt; nur die "räumliche Enge" mit Legebatterie usw. kommt mir bei den Schulräumen nicht so ganz treffend vor (beim Schulbus stimmt es). Die Zeit der (zu) "kleinen", "dunklen"(?) Schulräume ist so lange vorbei (wir waren in der 5. Klasse zu 62 in einem Raum), daß man hier vielleicht geradezu mit dem Kontrast zur Schulbus-Enge arbeiten könnte: Die Schulen werben ja deshalb um mehr Schüler, weil sie eher zu wenige haben. Wenn man nun z.B. die große Freiheit in "fast leeren" Klassenzimmern anpriese, mit einem eigenen Lehrer und Kontrolle (!) für jeden Schüler ... ??? Das könnte auch ganz schön satirisch werden, hieße aber nochmal umzuschreiben.
(Natürlich gibt es auch Klassen, in denen die sehr groß gewachsenen Jugendlichen die Räume zu überfüllen und zu sprengen scheinen, und nicht jedes Gymnasium hat zu wenige Schüler, aber das interessiert hier ja nicht so).
Das ging mir so durch den Kopf nach dem Lesen. Viel Spaß noch mit dieser und anderen Geschichten. Herzlich, Urte
 
Liebe urte,

danke für den guten Hinweis bezüglich der ...kleinen, dunklen Schulräume.
Eignet sich hervorragend als Kontrast zu den überfüllten Bussen.
Natürlich schreibe ich die Satire noch einmal neu, denn gerade wegen dieser Hinweise stelle ich meine Texte ja in die LL.
Es grüßt dich lieb
Willi
 

urte

Mitglied
Lieber Willi,
danke für Deine Mail, aber im übrigen: be independent! Trotzdem bin ich gespannt! Herzlich, Urte
 
Liebe urte, hier nun meine geplante Änderung. Findest du sie in Ordnung so?
Vielen Dank für deine Mühe.
Gruß Willi

Andere Schulen haben Klassenzimmer, die ursprünglich als Legebatterien für Hühner gedacht waren. Das Vorhaben scheiterte damals nur am Einspruch der Tierschutzbehörde. Wir aber verfügen über sonnendurchflutete, riesengroße Räume, in denen sich die wenigen Schüler fast verirren. Einsamkeit entsteht jedoch nicht, weil auf drei Kinder eine Lehrperson kommt, die peinlich genau Buch führt, und jeden Übermut in geordnete Bahnen lenkt.
 

urte

Mitglied
Ja, Willi,
Du hast es auf Deine Art witzig integriert. Jetzt mußte ich dabei auch sehr grinsen, - denn es paßt in den übrigen Tenor und ist glaubwürdiger. Grüße, Urte
 
R

Rote Socke

Gast
Mit Spannung...

...habe ich dieses Werk gelesen und zum erstenmal versucht das kleine Söckchen dem großen Willi eine Kritik nahe zu legen.

Der Inhalt ist vortrefflich, regt zum nachdenken an und lässt mich auch schmunzeln.

Beim durchlesen ist mir eine Sache durch den Kopf geschossen: Irgendwie vermisse ich etwas Pep. Ich hatte das Gefühl die Story schwankt etwas zwischen Zeitungsbericht und Satire. Ich finde einfach der gute Textinhalt könnte etwas deutlicher in ironischem/satirischem Schwung geschrieben werden. Weiß nicht richtig wie ich das ausdrücken soll. Vielleicht noch etwas bissiger schreiben. Kannst Du mit diesen Gedanken etwas anfangen?

Lieben Gruss
RS
 
Hallo Rote Socke,
vielen Dank für Deine Überlegungen.
Ich kündigte ja schon an, dass es hier Diskussionsstoff gibt, und lag richtig. Habe genau diese Reaktion erwartet, weil Du über eine Sache nachdenkst und aufmerksam liest. Nun denn, versuchen wir einmal aufzuklären.
Die Werbung wird in einem knochentrockenen Beamten-Deutsch vorgetragen, umständlich formuliert und um 3 Ecken verklausuliert. Mir blutete das Schreiberherz, als ich den Text verfasste, und die Lesbarkeits-Statistik zeigte einen Wert, der unter aller Würde ist. Scheinbar also ein total verkorkstes Werk.
Ist es aber nicht, wie Fachleute mir bestätigten. Genau diesen Stil brauchte die Satire nämlich, um glaubhaft zu wirken.

Bei dem Text habe ich viel gelernt, u. a. auch, dass schön und gefällig schreiben nicht immer richtig ist, kommt eben ganz auf die Stimmung an, die man erzeugen will.
Eine interessante Studie dazu findest Du in urtes Kurzgeschichte von der Parkplatzsuche. Der Text fließt über von....hätte....und....usw. Auch das ist beileibe kein Fehler unserer Schreibexpertin, sondern war stilistisch notwendig und ist so gewollt.

Liebe Grüße
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Ja willi,

Du hast absolut recht. Wenn ich mir den Text im trockenen Beamtendeutsch laut vorlese, kommt er ganz anders daher und wirkt wesentlich satirischer.
Du hast mir mal wieder die Augen für einen anderen Blickwinkel geöffnet.

urtes Parkplatzsuche hatte ich auch gelesen und meinen Senf dazu gegeben. So muss man halt lernen Dinge zu bewerten nicht nur aus dem eigenen Blickwinkel.
Ist doch schön mit willi und urte.

Gruss
RS
 
Lieber R S

ich war selbst überrascht davon, um wie viel größer die Wirkung gegenüber dem 'nur lesen' ist, wenn man den Text vorträgt.

Liebe Grüße
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Aber, aber...

...ist das denn nicht schon Pflicht, seine eigenen Texte nochmal laut zu lesen. Dachte Du würdest das immer machen???

Gruss
RS
 
Hallo R S,

fünf Minuten in die Ecke stellen wegen Unaufmerksamkeit. Lach, lach.
Nein im Ernst: Ich schrieb 'vortragen' und meinte damit natürlich das vortragen auf einer Lesung.
Dass ich beim Schreiben schon bei der Ausformung der Sätze halblaut mitlese, ist ja wohl selbstverständlich, denn das machst Du sicher genau so. Oder?

Es grüßt Dich lieb
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Hätt' mich auch gewundert!

Klar mache ich das auch. Jetzt hab ich's ja geschnallt was Du mit vortragen gemeint hast. Haste sicher schon viele Lacher gehabt in Deinem Publikum, gell!

Grus
RV (Der rote Vortrager) ;)
 
stimmt, Rote Socke,
gelacht wurde viel, doch noch erfreulicher war der Wunsch eines Schulleiters. Er bat um eine kleine Änderung. Statt Eulenberg-Gymnasium sollte ich den Namen ‘seiner‘ Schule eintragen. Dann veröffentlichte er die Satire in einer Festschrift, die zum 25jährigen Bestehen der Schule heraus gegeben wurde.
Hat also schon viel erlebt, der kleine Text, und fühlt sich jetzt pudelwohl in der LL.

Liebe Grüße
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Und verdient hat es...

...dieser Text. Weiter so Willi.

Gruß
ES (Die Eulen-Socke)
 
Hallo R S,

die Eulensocke ist gut.
Ich muss mir unbedingt deine erfundenen Namen notierten. Darfst dich aber nicht wundern, wenn einige davon später in meinen Satiren wieder auftauchen.

Lieb grüßt dich
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Aber Du wirst es doch nicht wagen?

Aber auch das trau ich Dir zu. Da muss ich wohl etwas vorsichtiger sein mit den Namen.

Liebe Grüße
 

La Luna

Mitglied
Lieber Willi,

komme zwar etwas später als gewöhnlich, was mich aber nicht davon abhält, hier meinen Senf dazuzugeben.

In dieser Story jagt ein Gag den anderen.
Es bleibt einem wirklich kaum Zeit, zwischen den Kicheranfällen Luft zu holen.
Das ist gemein, Willi! ;)

Jetzt, wo ich mir diese Klassenräume ansehe, wird mir übrigens klar, wie die ersten "Grufties" entstanden.


Liebe Grüße
Julia
 
Liebe Julia,
deine Zeilen haben auch mich zum Schmunzeln gebracht. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie lieb du deine Komplimente verteilst.
Wenn du zum Ausklang des Tages weiteres Schmunzelfutter suchst, dann klicke doch bitte einmal im Forum Ironie ‘Spiel mit dem Feuer‘ an. Ich besorge mir derweil Boxhandschuhe, damit ich deinen Angriff abwehren kann.
Es grüßt dich herzlich
Willi
 

La Luna

Mitglied
Ach Willi,

das sind doch keine Komplimente, es ist schlichtweg die Wahrheit.
Ich bin wirklich 'ne Kichererbse und nehme jede Gelegenheit wahr, das kannst du glauben.

Das "Spiel mit dem Feuer" hab' ich übrigens schon gelesen, doch ich ließ es unkommentiert, weil ich es in einem anderen Forum schon mal las.
Ich meine mal es war im "Erotik", kann mich aber auch täuschen.
Was ich nicht vergaß war jedenfalls, dass es mir Röte auf die Wangen zauberte.
Ich bin nämlich furchtbar schüchtern, musst du wissen. :)


Lieber Gruß
Julia
 


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