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    Viele Grüße
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Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand

Willibald

Mitglied
werther, manchmal dödelköpfig grimmer ali:

Weil willibald den Stephan in den eignen Kopf und das Kopfkino schickt und den aufmerksamen, geneigten, liebenswürdigen, empathiefähigen, immersionsliebenden Leser (sic) in die erschließbaren Leerstellen des Textes,deswegen ist das eine Themafindung eo ipso und per se und ???' ??????.

Merks ali, weil´s sonst Murks wird mit der Kommentarfindung.

Und was passiert sonst dann noch Übles in der Schole alles?

- beim Bockspringen total auf die Fresse fliegen
- Gerundium und Gerundivum
- Säuberungsdienst Schulhof ohne Handschuh
- sich an Fünfer gewöhnen
- Punktabzug wegen Unleserlichkeit ("Saupfote")
- so müde sein, dass man den Leerer doppelt sieht.

greetse

ww
 
A

aligaga

Gast
Ah - jetzt versteht @ali: Es handelt sich hier nicht um die plausible Schilderung des Hergangs eines Ereignisses, sondern um eine Gleichung nach Art einer Fachrechnung:

- In einem Leererzimmer sitzen 7 Pädagogen, essen Salzbrezeln und korrigieren Extemporalien

- Nach zehn Minuten tritt 1 Schöler hinzu und erregt Unmuth, worauf

- der Schöler und 13 Leerer nach 5 Minuten den Raum verlassen.

- Fragen:

1. Wie lautet der Titel der Facharbeit?

2. Wie viele Leerer müssen nach 10 Minuten wieder eintreten, damit keiner mehr in dem Zimmer sitzt?

Die Auflösung gibt's nächsten Donnerstag.

Merzlich

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Was hast du immer wieder mit dem Leererzimmer, verehrter ali?
Deine leicht verstockten und leicht abgehalfterten und ironisch gemeinten Standpauken wären in diesem Umfeld optime aufgehoben. Aber nicht in der Bibliothek.

allmählich serienreif
ww
 

Willibald

Mitglied
Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


https://up.picr.de/34833735ze.jpg

Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote

https://up.picr.de/34834625cc.jpg

Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

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Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Hier nochmal - ad usum delphini - der jetzt gültige Basistext:

Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Werk. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“[blue] und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:[/blue]

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.
Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler [blue]Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer.[/blue][blue] Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.[/blue]

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!
ferienreif
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Willibald

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Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 
A

aligaga

Gast
@Ali schließt die Augen und versucht, sich auszumalen, welches pädagogiale Sanctuarium denn das heil'gere gewesen wäre und von einem, der als Schöler schon so böhs war wie er jetzt, schlimmer hätte entweiht werden können.

Das Leererzimmer war ihm seinerzeit kein fremder Raum; kein Schöler suchte es freiwillig auf, sondern wurde dorthin bestellt - wenn es etwas abzuholen oder persönlich abzugeben galt, z. B. einen Arrestzettel. Es war eng dort in diesen Höhlen, stank nach lang auf dem Leib getragener Wäsche und nach Zigarettenqualm.

Eine Bibliothek gab es in den ihm bekannten, öffentlichen Gymnasien nicht, nur fensterlose Kellerräume, woselbst Restbestände eselsohriger, fettfleckiger und verschmierter Lehrmittel dem Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums entgegengilbten.

Wären (damals) spezielle Bibliotheken für Leerkräfte eingerichtet gewesen, hätte @ali diese niemals freiwillig betreten. Weder hätte er dazu eine Veranlassung gesehen, noch wäre ihm daran gelegen gewesen, dort einem Pädagogen und dessen Blicken zu begegnen.

Dieses Stefanle scheint @ali eine echte Ausnahme zu seyn. Wie du schreibst, geliebter @Willbald, konnte sich der Kleine nie ganz aus diesen Grüften erheben und geht bis heute darin um. Der Ärmste!

Was meinst du? Sollten wir ihn nicht endlich erlösen und ins Hofbräuhaus mitnehmen? Minne!!

Heiter, sehr heiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Äh, dieses dein Schreiben macht mich schmunzeln.
Lob für deine Feder. Trotz aller bockbeinigen Intransingenz, du hast was drauf, partiell petrefakter Wal du.

Ferienreif und levitiert
ww
 

Willibald

Mitglied
[align=right]Anekdote

Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8[/align]

Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen waren ihm nun ganz ohne besonderes Zutun Themenschwerpunkt und Gattung (Filmanalyse) seiner Facharbeit klar geworden, nämlich das Frustrationsmotiv - eben in Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal den Schüler Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen hatte er nun ganz ohne besonderes Zutun einen noch zu präzisierenden Zugang gefunden, Themenschwerpunkt sollte "Frustration" und Aggression" sein, die Gattung seiner Facharbeit eine Filmanalyse - Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Eingebung - ohne gezieltes Nachdenken ist dem Willibald einer der Gründe von Aligagas kritischer Würdigung der Stefangeschichte klar geworden.

In dem Satz "Stefan war Themenschwerpunkt und Gattung seiner Facharbeit klar geworden" kann man herauslesen, der Schöler habe den Durchblick über Frustrationsmotiv und Film gewonnen, er habe nun Klarheit.

Das "Klarwerden" bezieht sich aber im Kontext nur auf die Anfangsphase. Die geschilderte Situation einer "Fulguration" (Konrad Lorenz) oder "Emergenz" - hier übertragen auf mentale Prozesse - macht diese interpretation von "klar werden" plausibel. Außerdem heißt die Überschrift "Wie Stefan ... das Thema ... fand".

Dennoch hat Willibald nun den Einwurf alis angenommen und im Ausgangstext entsprechende sprachliche Hinweise eingebaut. So vor allem "gefunden" statt "klar werden".

Bei allem Rumgeplautze: Es lohnt sich in Serendipity-Aura Gedanken aligagas weiterwirken zu lassen.

Dann: Trainees wohlwollende Kritik am bräsigen Kanzleistil des Anekdoteschreibens erzeugte einen Zusatz bei den Anekdoten. Es wird ihnen als Motto eine Kurzanekdote (Henscheid) vorangestellt. Das erzeugt dann - hoffentlich den "sound", in dem es weitergeht.
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal den Schüler Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckt hatte, dass er ihn dreimal auf einer Videokassette ansah. Zum anderen hatte er nun ganz ohne besonderes Zutun einen noch zu präzisierenden Zugang gefunden, Themenschwerpunkt sollte "Frustration" und "Aggression" sein, die Gattung seiner Facharbeit eine Filmanalyse - Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal den Schüler Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckte, dass er ihn vor kurzem zum dritten Mal auf einer Videokassette angesehen hatte. Zum anderen war nun ganz ohne besonderes Zutun einen noch zu präzisierender Zugang gefunden, Themenschwerpunkt sollte "Frustration" und "Aggression" sein, die Gattung seiner Facharbeit eine Filmanalyse - Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal den Schüler Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckte, dass er ihn vor kurzem zum dritten Mal auf einer Videokassette angesehen hatte. Zum anderen war nun ganz ohne besonderes Zutun ein noch zu präzisierender Zugang gefunden: Themenschwerpunkt sollte "Frustration" und "Aggression" sein, die Gattung seiner Facharbeit eine Filmanalyse - Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8

Wir kennen den oft überfrachteten narrativen Habitus des Erzählers bei Thomas Mann, die scheinbar beiläufig ausgestellte gelehrte Quellenkenntnis, den archaisierenden Sprach-Sound, nicht selten mit deutlichem ironischen Unterton. Und die daraus resultierende Freude beim Lesen. Warum sollte ich also nicht einen Mönch wie Adson von Melk als Erzähler installieren, der seine Feder oder seinen Pinsel im 14. Jahrhundert über das Pergament führt?
Umberto Eco


Wie Stefan einst sein Facharbeitsthema fand.
Anekdote


Als es einmal den Schüler Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit fertigen könnte, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Band. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckte, dass er ihn vor kurzem zum dritten Mal auf einer Videokassette angesehen hatte. Zum anderen war nun ganz ohne besonderes Zutun ein noch zu präzisierender Zugang gefunden: Themenschwerpunkt sollte "Frustration" und "Aggression" sein, die Gattung seiner Facharbeit eine Filmanalyse - Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

*​

Anmerkungen:

(1) Stefan D.

Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinen Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem mag er - das mag ein wenig abseitig erscheinen - die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt Stephan D. gern diese Anekdote, unter anderem dem wissenschaftlich und poetisch interessierten Aligaga. Als ein Beispiel für das Unwägbare, dafür, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu "verstehen".

Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalitäts"-Verherrlichung - so D. - setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.
"Unmöglich", sagt Aligaga.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:

"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten: 'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.' 'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!' 'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!' 'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"

Ist das was oder ist das was?

(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"

Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)
 

Willibald

Mitglied
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Wir kennen den oft überfrachteten narrativen Habitus des Erzählers bei Thomas Mann, die scheinbar beiläufig ausgestellte gelehrte Quellenkenntnis, den archaisierenden Sprach-Sound, nicht selten mit deutlichem ironischen Unterton. Und die daraus resultierende Freude beim Lesen. Der Autor schafft eine Art von "pseudowissenschaftlich-humoristischer Fundamentlegung", lässt seinen Erzähler in die Rolle des Forschers schlüpfen und eine Zeitreise unternehmen. Warum also nicht einen Mönch wie Adson von Melk als Erzähler installieren, der Feder oder Kiel oder Pinsel oder Federkiel im 14. Jahrhundert über das Pergament führt?
Umberto Eco

Popular culture is that part of a culture system
which encompasses the everyday life of most people in a given society.
Humor is but one expression of the intangible yet somehow very real entity we call culture.
Humor in popular culture is a gateway to understanding the culture-at-large,
because it so infiltrates the population’s daily lives.
It provides a commentary on cultural values, concerns, and events.
Ben Urish: “Humor in Popular Culture.” In: A Companion to Popular Culture , edited by Gary Burns. Chichester: Wiley-Blackwell 2006, S. 304.

Auf meinem Schreibtisch steht ´ne Lampe, die hat ´nen schweren Marmorfuß.
Willibald W.


Als es einmal den Schüler Stefan D. um die Jahrtausendwende in die wenig einladende Bibliothek im ersten Stocke seines Gymnasiums in Gersthofen verschlagen hatte, weil er noch nicht recht wusste, was für ein Thema ihn interessieren könne und in welchem LK er seine Facharbeit am besten fertige, schweifte sein Blick in dem etwas muffig riechenden Raum umher und fasste wie von ungefähr das gut gefüllte Regal "Germanistik".

Unschlüssig, welchen Band er näher betrachten sollte, griff er nach einem schmalen Buch. Es war die „Geschichte der deutschen Literatur“ des Professors Fritz Martini. Nun, ein Überblick, was es so gab, mochte ganz nützlich sein? D. schlug wahllos einige Seiten auf, fand das Kapitel „Roman des 20. Jahrhunderts“ und las mit abnehmender Aufmerksamkeit und zunehmender Frustration einen Abschnitt über einen gewissen Reinhold Schneider:

Ein beachtlicher Vertreter der Roman-Gattung ist auch Reinhold Schneider. Er lebte von 1903 bis 1958 und bewegte sich lange zwischen geschichtlichem Essay und dichterischer Prosa. Es entstanden dabei die Werke »Die Leiden des Camoes« (1930), »Die Hohenzollern« (1933), »Das Inselreich« (1936) und »Macht und Gnade« (1940). Dieser Schneider sah tief und schwermütig in das Dunkel des Seins, in die Verknüpfungen von Macht und Sünde; aber in diesem Manne lebte zugleich auch das Wissen um eine göttliche Barmherzigkeit und gläubige Verantwortung (»Las Casas vor Karl V.«, 1938). Sein christliches Bewusstsein führte ihn in die politische Opposition. Es sprach aus seinen Sonetten um Gott im Gericht der Zeit (»Die letzten Tage« und »Die neuen Türme«, 1946). Aber der gläubige Schriftsteller wusste auch um die Hilfe aus »verborgen glaubensreichem Sinn«. Daneben trat die Stimme der humanen, vom Ethos der Aufklärung getragenen Vernunft.

Dann betrat ein Lehrer den Bibliotheksraum und machte sich im Kindler-Literatur-Lexikon kundig, nicht ohne den Kollegiaten etwas unwillig, aber doppeldeutig zu fragen, was er hier suche. Denn eigentlich kamen fast nur Lehrer hierher. Vor allem um in Ruhe vor dem Nachhauseweg zu arbeiten. Aber auch, um in bibliophiler Umgebung eine Butterbreze oder eine Wurstsemmel zu genießen. Nicht selten auch ein Heißgetränk aus dem etwas störanfälligen Kaffeeautomaten von nebenan im Lehrerzimmer. Stefan war weder von der Rede des Lehrers noch von dem Buche des Professors angetan.

Zweierlei Frucht trug diese Bibliotheksbegegnung für unseren suchenden Kollegiaten. Zum einen tauchte in seinem Bewusstsein plötzlich eine Zeile auf (“You´re talking to me?“), die er nach einiger Gedächtnisanstrengung in dem Film „Taxidriver“ von Scorsese einzuordnen wusste. Ein Film, der ihn so beeindruckte, dass er ihn vor kurzem zum dritten Mal auf einer Videokassette angesehen hatte. Zum anderen war nun ganz ohne besonderes Zutun ein noch zu präzisierender Zugang gefunden: Themenschwerpunkt sollte "Frustration" und "Aggression" sein, die Gattung seiner Facharbeit eine Filmanalyse, zentraler Text Scorseses Film „Taxidriver“. Den konnte er eigentlich nur in seinem LK Deutsch behandeln oder im LK Englisch. Da er aber den Leistungskurs Englisch nicht besuchte, war es müßig, in diese Richtung Schritte zu unternehmen.

Nicht lange danach träumte dem Stefan D. von einer kleinen Ente namens Travis, der es schlechter erging als dem "hässlichen Entlein" in der Geschichte des dänischen Dichters Hans Christian Andersen.

Mit seiner Facharbeit aber räumte D. mächtig Punkte ab - potz Blitz, Erdstoß und alle Wetter!

***


Anmerkungen:

(1) Er - Stefan - unterrichtet jetzt an einem Gymnasium in der Nähe von München und empfindet seinem Beruf durchaus als stupendes Faszinosum. Außerdem führt er im Ethikunterricht der Oberstufe - das mag ein wenig abseitig erscheinen - anspruchsvoll und erfolgreich Diskurse über die logischen Ansprüche von Gottesbeweisen (Anselm von Canterbury, Kurt Gödel, Thomas von Aquin, Pascal) und deren oft recht maue und angreifbare Struktur, die etwa David Hume oder Immanuel Kant oder John Leslie Mackie oder Richard Dawkins aufzuzeigen versuch(t)en.

Auch erzählt er gern diese Anekdote. Als ein Beispiel, wie das Vertrauen in nicht letztgültig durchdachtes Agieren oft mittels des hilfreichen Zufalls und spontaner Prozesse eine Entwicklung anstößt, die gar nicht zu verachten ist. Wir suchen uns gern, so meint D., im Rückblick die Illusion zu verschaffen, Erfolge dank nachträglich erstellter Narrative zu verstehen. Nun, diese Anekdote, ein andersgeartetes Narrativ, lässt uns dagegen Entitäten oder Faktoren oder Dispositionen wertschätzen, deren Auftreten unvorhersehbar und unprognostizierbar ist. "Rationalität"-Verherrlichung setzt die Abwesenheit von Zufälligkeit oder aber eine vereinfachte Zufallsstruktur unserer Welt voraus. Und natürlich kommen darin keine Interaktionen mit der Welt vor, wie sie etwa in dem Bibliotheksraum möglich waren und stattgefunden haben.

(2) "potzblitz" oder "potz Blitz" ist auch ziemlich faszinierend:

In alten Zeiten, als die zehn Gebote noch sehr intensive Geltung besaßen, richtete man sich nach ihnen, gerade auch nach dem zweiten Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.« 2. Buch Moses 20 Vers 7. Den heiligen Namen durfte man also nicht in paganen Kontexten aussprechen, wie das Fluchen einer ist oder auch einfach das vom Donner gerührte Staunen. Um dennoch nicht ohne dazustehen, verkürzte man wahrscheinlich "Gott(es)" zu "potz" - so wurde aus "Gottes Blitz" "potz Blitz".

In Grimmelshausens "Simplicissimus" findet sich 1669 eine feine, belebende Passage:
"Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, daß sie sagten:
'Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen!' 'Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.'
'Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!'
'Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!'
'Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!'"
Ist das was oder ist das was?


(3) Serendipity

In recht schwierigen Dialogversuchen mit aligaga verwies D. auf das Phänomen der Serendipität: „In der Endphase des Bibliothekaufenthaltes und beim Auftauchen des Taxidriver-Satzes sah ich etwas, das für einen Moment durch eine Dunkelheit aus Wolken bricht und glitzert und schimmert, es hält eine Art Tageslicht im Kopf aufrecht und füllt dich mit einer stetigen und langdauernden Gelassenheit.

Später - im Studium - begegnete mir ein interessanter Begriff: Serendipity. Serendipity lässt sich formelhaft definieren als Quotient. Sein Dividend ist die Anzahl (halbwegs) brauchbarer Dokumente bei einer Suche a. Sein Divisor ist die Anzahl der für die Suche a nicht relevanten Dokumente.

Beispiele für solche eher zufällige Funde sind etwa: Amerikas Entdeckung, Röntgenstrahlen, Sekundenkleber, Benzolring, Klettverschluss, Teflon, Nylonstrümpfe, Weißwurst. Natürlich gilt bei aller Vagheit solcher Fundgeschichte doch, dass der Zufall nur einem vorbereiteten, sensiblem Geist Erfolge beschert. Das sollte man auch in der Schule als Schüler beherzigen.“

Aligaga: "Ja, eben!"


Additum und Bonustrack:

https://www.youtube.com/watch?v=ak3ma7wtE_0
Robert de Niro: You talking to me (1975)

https://www.youtube.com/watch?v=YjfwjqFhlWs
Disney: Das hässliche Entlein (1931)​
 


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