Zu zweit allein

3,00 Stern(e) 1 Stimme

seelenstimme

Mitglied
Er steht da und schaut aus dem Fenster. Die Zigarette in seiner Hand glüht auf, als er an ihr zieht. Genüsslich atmet er den Rauch wieder aus. Sein Gesicht ist starr. Ausdruckslos sieht er dem nächsten Zug entgegen. Das donnernde Geräusch kommt näher und wird immer lauter.
Sie hasst den Lärm einer Eisenbahn, aber er hatte auf dieses Hotel bestanden. Es sei das billigste, meinte er nur, als sie ihre Bedenken wegen des Lärms äußerte. Sie solle sich mal nicht so anstellen.
Nun sitzt sie hier. Das gemeinsame Wochenende mit Charlotte ist eigentlich ganz schön gewesen. Sie haben sich mit ihrer Tochter die Stadt angesehen und ist mit ihr einkaufen gegangen. „Frauentage“ nennen sie diese Tage ohne ihn. Er hat sich in eine Bar gesetzt und gewartet.
Aber nun ist sie wieder weg. Sie hat ihr nachgewunken, bis der Zug hinter der Kurve verschwunden ist, dann sind sie und ihr Mann zurück gefahren, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Er ist gefahren und sie hat neben ihm gesessen und auf ihre Hände geschaut.
Sie sitzt in dem alten Sessel des Hotelzimmers und versucht zu lesen. Der Sessel riecht muffig, wenn man auf die Lehnen klopft wirbelt Staub auf. Aber es ist die einzige Sitzmöglichkeit in diesem Zimmer. Sie schaut wieder auf ihr Buch. Die Buchstaben verschwimmen und sie wischt sich schnell mit der Hand über die Augen.
Worüber handelt das Buch noch mal?
Im Zimmer ist es still. Noch nicht mal der Lärm eines Zuges durchbricht die gespannte Stimmung. Totenstille, denkt sie und ihr läuft ein Schauer über den Rücken.
Er schaut immer noch aus dem Fenster und raucht.
Ob er es merken würde wenn sie einfach aufstehen und rausgehen würde?
Sie macht den Mund auf, will etwas sagen, doch dann schließt sie ihn wieder.
Was soll sie schon sagen?
Seine Zigarette ist zu Ende geraucht und er schnipst sie aus dem Fester. Er dreht sich um, geht zu dem kleinem Kühlschrank in der Ecke und nimmt sich ein Bier.
Er geht an ihr vorbei, als wäre sie gar nicht da. So macht er es immer und sie fragt sich jedes Mal ob er sie wirklich nicht sieht, oder ob er nur so tut.
Als ihr Handy klingelt, erschrickt sie. Es ist die Tochter. Sie sagt die habe ihren Pullover vergessen, ob sie ihn ihr schicken könnten.
Sie reden nicht viel. Es ist offensichtlich, dass er jedes Wort aufsaugt, was sie sagt, auch wenn er es sich nicht anmerken lässt.
„Wer war das?“, fragt er mit gleichgültiger Stimme, kaum hat sie aufgelegt.
„Charlotte“, antwortet sie.
Er brummt. Das tut er immer, wenn es um die gemeinsame Tochter geht.
Sie sieht ihn an. Der Mann den sie vor 15 Jahren geheiratet hat, ist einem verschwiegenem und egoistischem Menschen gewichen, den sie nicht kennt.
Vielleicht sollte sie wirklich einfach ihre Koffer packen und Charlottes Rat befolgen...
Sie sieht ihn wieder an. Das Fenster scheint sein Lieblingsplatz zu sein, nur dass er mittlerweile die Zigarette gegen eine Flasche Bier eingetauscht hat. Er trinkt langsam und als die Flasche leer ist, stellt er sie einfach auf die Fensterbank.
Es ist selbstverständlich, dass sie sich nachher wegräumen würde, während er sich in dem kleinen Fernseher irgend einen Film ansehen wird.
 

Melchior

Mitglied
Manchmal ist Einsamkeit nur ein Gefühl

Hallo seelenstimme,

Ich will ehrlich sein, aber was du hier beschrieben hast erinnert mich fatal an fünfzig bis siebzig Prozent der Ehepaare die ich kenne. Das ist jedoch kein Problem, was mich richtig irritiert ist folgendes: warum ist alles so eine Belastung für die Frau, den Mann, oder beide?
Beziehungen verändern sich, weil sich Menschen verändern. Ich weiß nicht wie ich das sagen soll, das Thema des Textes ist nicht gerade neu, das ist kein Problem. Ich verstehe die Motivation des Textes nicht. Die Frau fühlt sich unbeachtet, jedoch tut sich auch nichts Beachtenswertes. Ich bin sicher, es sind Dinge im Laufe der Ehe vorgefallen, welche die Figuren zu dem werden ließen, was sie jetzt sind, allerdings muss ich mir das als Leser selber ausmalen. Das ist als gebe ich ein Thema für einen Roman vor, schreibe das Ende und sagte dann zum Leser er/sie solle den Rest dazwischen selber füllen. Der Text ist nicht prägnant genug, vielleicht kannst du ihn noch einmal dergestalt bearbeiten, dass du dem Leser die Möglichkeit gibst die Motivation für das Verhalten der Figuren zu verstehen, selbst wenn es schwer sein dürfte diesem Thema etwas Originelles abzugewinnen. Man kann das aber positiv wenden und als Herausforderung verstehen.
 

seelenstimme

Mitglied
Hallo Melchior!
Ehrlich gesagt verstehe ich das Problem nicht so ganz, dass du schilderst... sorry!
Der Text erzählt doch genau von dem, was du gesagt hast. Die Eheparter haben sich verändert und finden nun keine Verbindung mehr zueinander. Die Frau fühlt sich unbeachtet, tut jedoch nichts.
Vielleicht könntest du mir noch mal erklähren was genau du meinst? Bitte?
Meinst du, du verstehst nicht warum es eine Belastung für die beiden ist? Nun ja... fändest du so eine Situation schön, wenn man einfach aneinander vorbei lebt?
Was deine Kritik angeht, dass der Text zu viel offen lässt: Das ist wahrscheinlich eine persönlich MEinung, aber ich mag es, wenn Texte nicht alles auf dem Silbertablett servieren. Wenn der Leser sich selber seinen Teil dazu denken muss...
Ich hoffe das verstehts du?
Außderdem wäre die KURZgeschichte nicht viel zu weitgreifend, wenn ich auch noch die Ursachen aufzälen würde??
Viele liebe Grüße
Anna
 

Melchior

Mitglied
vielleicht

Mein Problem mit dem Text ist, dass alles was du beschreibst schon öffters da war und besser. Du behauptest das Auseinanderleben eher, als es zu beschreiben. Die Figuren bleiben Pappkammeraden, die sich in einer allzu typischen "schau wie die sich entfremdet haben" Versuchsanordnung befinden. Ich habe nichts gegen offene Texte, die dem Leser die Möglichkeit geben Leerstellen zu füllen. Aber was in deinem Text geschied ist etwas anderes - du gibst das Ende vor, sie haben sich entfremdet - du zeigst das Ergebnis einer Entwicklung, ohne dem Leser den Anhaltspunkte zu liefern, wie das so vor sich gegangen sein könnte.
Vielleicht habe ich mich beim ersten Mal missverständlich ausgedrückt und vielleicht verstehst du jetzt was ich meine.

MfG
 
B

bluefin

Gast
hallo @seelenstimme,

gott, was bin ich froh, dass nicht 50 bis 70 prozent der ehepaare, die ich kenne, nach 15 jahren bereits solche käfigsyndrome aufweisen!

ich finde zwar nicht, dass wichtig wäre, gesagt zu bekommen, was die frau wohl einst dazu bewegt haben könnte, diesen deppen zu ehelichen, aber im übrigen hat @melchior schon recht: wir bekommen plattes ziemlich platt geschildert - da ist nichts, was vom üblichen, ziemlich langweiligen bilder- oder sprachklischee abweichen würde.

ein wenig belustigt hat mich
Im Zimmer ist es still. Noch nicht mal der Lärm eines Zuges durchbricht die gespannte Stimmung. Totenstille, denkt sie und ihr läuft ein Schauer über den Rücken.
wo soll denn die spannung plötzlich herkommen, wenn man sich dergestalt fadisiert?

ich geh mal davon aus, dass dieser text nur der teil von einem größeren ganzen ist oder wird ("im hotelzimmer" trifft man die beiden ja wieder, und da scheint's auf einen lover hinauszulaufen, der anklopft und wieder geht oder so).

bisschen mehr auf die bezüge achten, liebe @seelenstimme, bisschen weniger umständlich sein, sich noch ein bisschen was dazu ausdenken und, vor allem, in deiner signatur (den 1982 bereits verstorbenen) curd jürgens angeben, dem das besagte zitat nämlich zugeschrieben wird.

liebe grüße aus dem geburtsort des normannischen kleinderschrankes

bluefin
 

Rumpelsstilzchen

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ojeh – jetzt bist Du aus dem Fenster gefallen, Bluefin!

Das von Dir für Curd Jürgens reklamierte Zitat mag wohl auch ihm als Lebensmotto gedient haben, aber auf seinem Mist gewachsen ist der Spruch nicht. Hat ihn vielleicht von seiner Oma aufgeschnappt oder sonst gehört und sich zu eigen gemacht.
Sein gutes Recht, was wir bitte auch Seelenstimme zugestehen wollen, immerhin handelt es sich dabei um Volksgut mit unbekanntem Verfasser.

So geht's, wenn man sich zu weit heraus lehnt.

Vielleicht magst Du Dich bei Seelenstimme nett entschuldigen für Deinen unbedachten Furz. Es stinkt nämlich in der Hütte.

Hat mehr gewedelt als gewunken, so hat ihm das gestunken
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
also

langweilig ist die geschichte nun mal nicht.
wir haben da ein paar, das seit 15 jahren verheiratet ist und in eine andere stadt fuhr, um sich mit der gemeinsamen tochter zu treffen. wie alt mag sie sein? ist sie 15, dann hat sie sich verdammt früh von den eltern getrennt, aber warum?
ist sie älter, dann haben sich die beiden lange geprüft, ehe sie sich zur heirat entschlossen. umso betrüblicher, dass sie sich nun so völlig auseinandergelebt haben.
am ende räumt die frau sich selber weg - das sollte uns doch stark zu denken geben. oder liegt nur ein tippfehler vor?
fragen über fragen, das ist doch nicht langweilig!
lg
 
B

bluefin

Gast
warum du so ausfallend wirst mir gegenüber, @rumpelstilz, weiß ich nicht recht. es mag ja sein, dass dich ergötzt, wenn walfische aus dem fenster fallen, aber ich darf dir versichern: das kommt höchst selten vor. und das furzen, mein lieber (jedenfalls hier drin) überlassen sie gern anderen.

curd jürgens kam eigentlich vom schreiben her und hat ein paar sachen verfasst (nicht nur seine memoiren). er wurde zu lebzeiten ziemlich unterschätzt, weil man ihn in die besagte schublade gesteckt hatte und sich nicht wirklich für seinen werdegang interessierte.

wenn ihm namhafte zeitzeugen dieses zitat zuschreiben (und nichts anderes habe ich mitgeteilt), dann sollte man's so stehen lassen, bis man das gegenteil wirklich beweisen kann.

falls werner herzog und andere gelogen haben und nicht der olle jürgens das sprücherl schon vor olims zeiten erfunden hat, müsste @seelenstimme drunterschreiben "unbekannt". so macht man das nämlich immer, wenn man etwas fremdes zitiert oder spielt, ohne zu wissen, von wem. sonst glaubt am ende noch einer, man wär selber der komponist.

und jetzt, @rumpelstilz, mach das fenster auf und lass den dunst raus, der in deiner bude herrscht - von mir stammt der nachweislich nicht.

liebe grüße aus münchen

bluefin
 

Retep

Mitglied
Hallo bluefin,
wunderbare Antwort. Ich hatte ja schon gesagt, dass ich deine Kommentare oft lieber lese als die Texte.

Gruß

Retep
 

seelenstimme

Mitglied
Er steht da und schaut aus dem Fenster. Die Zigarette in seiner Hand glüht auf, als er an ihr zieht. Genüsslich atmet er den Rauch wieder aus. Sein Gesicht ist starr. Ausdruckslos sieht er dem nächsten Zug entgegen. Das donnernde Geräusch kommt näher und wird immer lauter.
Sie hasst den Lärm einer Eisenbahn, aber er hatte auf dieses Hotel bestanden. Es sei das billigste, meinte er nur, als sie ihre Bedenken wegen des Lärms äußerte. Sie solle sich mal nicht so anstellen.
Nun sitzt sie hier. Das gemeinsame Wochenende mit Charlotte ist eigentlich ganz schön gewesen. Sie haben sich mit ihrer Tochter die Stadt angesehen und ist mit ihr einkaufen gegangen. „Frauentage“ nennen sie diese Tage ohne ihn. Er hat sich in eine Bar gesetzt und gewartet.
Aber nun ist sie wieder weg. Sie hat ihr nachgewunken, bis der Zug hinter der Kurve verschwunden ist, dann sind sie und ihr Mann zurück gefahren, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Er ist gefahren und sie hat neben ihm gesessen und auf ihre Hände geschaut.
Sie sitzt in dem alten Sessel des Hotelzimmers und versucht zu lesen. Der Sessel riecht muffig, wenn man auf die Lehnen klopft wirbelt Staub auf. Aber es ist die einzige Sitzmöglichkeit in diesem Zimmer. Sie schaut wieder auf ihr Buch. Die Buchstaben verschwimmen und sie wischt sich schnell mit der Hand über die Augen.
Worüber handelt das Buch noch mal?
Im Zimmer ist es still. Noch nicht mal der Lärm eines Zuges durchbricht die gespannte Stimmung. Totenstille, denkt sie und ihr läuft ein Schauer über den Rücken.
Er schaut immer noch aus dem Fenster und raucht.
Ob er es merken würde wenn sie einfach aufstehen und rausgehen würde?
Sie macht den Mund auf, will etwas sagen, doch dann schließt sie ihn wieder.
Was soll sie schon sagen?
Seine Zigarette ist zu Ende geraucht und er schnipst sie aus dem Fester. Er dreht sich um, geht zu dem kleinem Kühlschrank in der Ecke und nimmt sich ein Bier.
Er geht an ihr vorbei, als wäre sie gar nicht da. So macht er es immer und sie fragt sich jedes Mal ob er sie wirklich nicht sieht, oder ob er nur so tut.
Als ihr Handy klingelt, erschrickt sie. Es ist die Tochter. Sie sagt die habe ihren Pullover vergessen, ob sie ihn ihr schicken könnten.
Sie reden nicht viel. Es ist offensichtlich, dass er jedes Wort aufsaugt, was sie sagt, auch wenn er es sich nicht anmerken lässt.
„Wer war das?“, fragt er mit gleichgültiger Stimme, kaum hat sie aufgelegt.
„Charlotte“, antwortet sie.
Er brummt. Das tut er immer, wenn es um die gemeinsame Tochter geht.
Sie sieht ihn an. Der Mann den sie vor 15 Jahren geheiratet hat, ist einem verschwiegenem und egoistischem Menschen gewichen, den sie nicht kennt.
Vielleicht sollte sie wirklich einfach ihre Koffer packen und Charlottes Rat befolgen...
Sie sieht ihn wieder an. Das Fenster scheint sein Lieblingsplatz zu sein, nur dass er mittlerweile die Zigarette gegen eine Flasche Bier eingetauscht hat. Er trinkt langsam und als die Flasche leer ist, stellt er sie einfach auf die Fensterbank.
Es ist selbstverständlich, dass sie sie nachher wegräumen würde, während er sich in dem kleinen Fernseher irgend einen Film ansehen wird.
 

seelenstimme

Mitglied
Lieber Melchior!
Vielen Dank für deine zweite Antwort! Jetzt verstehe ich auch, was du meinst! :) Allerdingst fürchte ich, es wird sehr schwer, den Text daruaf noch einmal zu überarbeiten, denn dann müsste man ihn ganz neu schreiben, oder?

Liebe(r) bluefin!
Ja, im "Im Hotelzimmer" findet man die beiden wieder. Schön, dass du den Zusammenhang hergestellt hast :)
LIeber MElchior, vielleicht könntest du dir den Text auch durchlesen? Und es als die Vorgeschite sehen...

Hallo Flammario!
Schön, dass du die Geschichte nicht langweilig findest. Am Ende deines Kommentares musste ich schmunzeln. Ja, es ist ein Tippfehler und ich habe ihn schon berichtigt, danke! ;)

Hallo Rumpelstilzchen!
Ich werde Unbekannter Verfaser hinzufügen, okay? :)

Liebe Grüße an alle
Anna
 
B

bluefin

Gast
schon besser, liebe @seelenstimme.

und jetzt noch http://www.gilthserano.de/bio/e/eichinger.html und bis zum letzten absatz runterscrollen.

wenn dir das als bezugsquelle zu dünn ist, dann am besten gleich ganz "back to the roots" und http://www.youtube.com/watch?v=SfVc4azawoo..

die rocky horror show mit dem schlusslied "don't dream it - be it" wurde 1973 uraufgeführt. vielleicht hat der große curd abgekupfert, vielleicht ist er selber draufgekommen - who knows; es kommt auch gar nicht drauf an.

also sei so gut und tu ihnen bescheid - tim curry hätt's ebenso verdient wie der normanne aus münchen.

liebe grüße von ebendort

bluefin
 


Oben Unten