Zugvögel

kwge

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Von früher

„Schön, dass du zurück bist“, sagt Britta, die sich aufgeräumt zu ihr gesellt. Neben ihr schmiegt sich eine Vertrautheit aus der Kindheit. „Sicherlich ist es eine mutige Entscheidung, nach so vielen Jahren wieder dorthin zurückzukehren, wo einen wenig erwartet. Doch ich denke, es ist genau das Richtige. Sieh dich nur auf deinem Fest um. Schon lange hat sich das Dorf nicht mehr derart zusammengefunden.“
„Nicht jeder scheint aber überzeugt zu sein.“
„Lass dich von den alten Griesgramen nicht entmutigen.“
„Und die Jungen?“
„Es ist hier nicht anders wie an anderen Orten“, meint Britta. „Sieh mal. Viele von euch sind weggegangen, damit sie es zu etwas bringen. Und freilich habt nicht nur ihr euch inzwischen verändert. Alles verändert sich, die Menschen, mancher ihrer Ansichten, auch wenn das nicht jeder wahrhaben will. Du bist nicht mehr das kleine Mädchen und sogar ich bin nicht mehr die Gleiche. Jetzt bin ich älter und auch meine Meinungen haben sich ein wenig geändert.“
„Und unsere Gewohnheiten? Jeder hängt doch daran … oder sie hängen an einem.“
„Ach, die Gewohnheiten … davon lass ich mir meine gute Laune doch nicht verdrießen.“

Brittas Zuversicht scheint sich nicht gewandelt zu haben. Der fast unbekümmerte Optimismus hatte schon die Zeit vor ihrer Abfahrt begleitet, er tröstete und ermunterte. Mit ein wenig Wehmut denkt sie daran zurück. Damals konnte sie es kaum erwarten, mit ihrer Ausbildung zu beginnen, die Wochen davor waren jedoch ein langes Abschiednehmen von den Freunden und Bekannten gewesen, mit kleinen Feiern dazwischen und es wurden gute Ratschläge mitgereicht. In der Aufbruchsstimmung rührten sich gemischte Gefühle, denn das Zusammensein mit ihrer Gemeinschaft, das lustig, aber auch eng sein konnte, würde es so bald nicht mehr geben. Es war ihr bewusst gewesen und dieses Aufgehobensein hatte ihr bereits gefehlt.

Scheinbar ist vieles im Ort gleichgeblieben, die Eigenheiten, die Menschen, und nur wenig hat sich in der langen Zeit ihrer Abwesenheit verändert, diesen Eindruck hatte sie jedenfalls zu Beginn. Im Dorf gab es bei ihrer Rückkehr immer noch keine Einkaufsmöglichkeiten und keinen Arzt. Schon zuvor hatte sich die in der Umgebung verstreut lebende Verwandtschaft über die schlechter werdenden Lebensbedingungen auf dem Land hinreichend ausgelassen. Das nächstgelegene Krankenhaus wurde vor Jahren geschlossen, eine eingestellte Busverbindung und manche Nebenstraße, die wie damals, als sie wegging, sieht nach wie vor löchrig aus. Auch haben andere Bekannte beim Wiedersehen von der Gleichgültigkeit höherer Stellen gesprochen. Nun treffen sich regelmäßig die Beschwerden bei ihr, aber es stört sie nicht. Sie hat ja gewusst, worauf sie sich einlässt und ihre Freude wurde dadurch nicht getrübt. Vielmehr hat es ihren Willen, hier neu zu beginnen und etwas aufzubauen, bestärkt.

„Es wird langsam dunkel, ich geh mal und mach die Lichter an“, entschuldigt sie sich bei Britta. In der fröhlich plaudernden Menge bedankt sich der eine oder andere sich für die von ihr auf die Beine gestellte Feier, es sind vor allem ältere Leute. Wie in den vorangegangenen Monaten gibt man ihr Zuspruch. Es sei schön, wieder einmal zusammenkommen zu können, sagt jemand anerkennend, während sie an ihm gut gelaunt vorbeiläuft.

Über allen verlischt gemächlich der Tag. Fast zufrieden betrachtet sie den weiten, stillen Abendhimmel, der in roten Streifen versinkt. Bald zieht heimlich frische Luft heran, niemand scheint sich aber daran zu stören, immerhin wärmt eine flackernde Feuerstelle. Endlich erstrahlt der Platz gegenüber ihrem Laden so, wie sie sich es vorgestellt hat. Die Lichterketten verleihen Glanz, dazwischen hängen Luftballons und in der Nähe reichen die Straßenlaternen ihr schummriges Licht dazu. Ein bisschen erinnert sie die Stimmung an früher, an das Zusammensein mit den Dorfbewohnern und ihren Freunden, und dennoch kommt ihr manches nun unähnlicher vor. Sie merkt ein Hadern in sich.

Neben ihr tratschen Leute wie zu den Öffnungszeiten, als sie letzte Handgriffe vornimmt. Ihre Angestellte, die sich bereiterklärt hat, diesen Abend mitzuhelfen, ist im Augenblick auch beschäftigt. Es sei schrecklich, heißt es. Die Enkel würden mit all den Nachzüglern in der Schule auf der Strecke bleiben. Um das System sei es schlecht bestellt, wie lange man das noch hinnehmen soll. Sie hört kaum zu. In ihren Gedanken eilen die Jahre, in denen sie nur gelegentlich auf Besuche vorbeikam, vorüber. Ein Gefühl hatte während dieser Zeit in ihr nicht verstummen wollen. So sehr sie es genoss Verantwortung zu tragen und so sehr ihr die Annehmlichkeiten, die sie sich endlich leisten konnte, schmeichelten – sie vermisste immer häufiger ihr eigentliches Zuhause. Die überfüllten Straßen, der Lärm, das hektische Durcheinander, das aufgewühlte Hin- und Her in der Stadt, in das die Menschen eintauchen, dann auftauchen, und die bunt gemischten Plätze wollten ihr einfach nicht vertraut werden. Obwohl sie inzwischen gute Freunde gefunden hatte, mit denen sie gesellige Abende verbrachte, blieb da ein unsichtbarer Abstand.

„Weißt du noch, wie wir als Kinder über den Weg dort drüben fortgesprungen sind?“ redet sie jemand unerwartet von hinten an. Unverzüglich dreht sie sich um und erkennt ihn gleich. Es ist Markus, ein ehemaliger Schulkamerad, der nach ihrem Wissen längst nicht mehr im Dorf wohnt und wohl nur aus reiner Neugier auf einen Sprung vorbeigekommen ist. Doch sie ist nickt bloß. Ihr Bekannter erzählt über sich und davon, dass er irgendwo im Umkreis als Manager arbeitet. Man könne es auch in diesem Landstrich zu etwas bringen. Für einen kurzen Moment sieht sie unterdessen zum dunkel liegenden Weg hinüber. Damals ist sie zusammen mit anderen Kindern die Strecke hinaus zum Sumpf und den zwischen bewirtschafteten Flächen eingezwängten Tümpeln gelaufen. An solchen Plätzen wirbelte eine ungebändigte Schar umher, durch die Gräben und mitten durch die Gebüsche, zu jeder Jahreszeit. Manchmal war sie sogar dann unterwegs, wenn man ihr noch Bettruhe auferlegt hatte. Gern denkt sie daran zurück.

„Ach, unser Weg in die vermeintliche Wildnis. Kinderkram“, spricht sie schließlich. „Für die meisten ist es dort draußen eine einsame Gegend. Viele Fremde würden sie als gottverlassenen bezeichnen.“
„Seit Jahrzehnten treibt sich dort draußen im Schutzgebiet regelmäßig ein seltsames Völkchen herum, das ganz begeistert auf das flatternde Spektakel starrt“, findet Markus.
„Wir haben uns schon damals über die lustig gemacht und so getan, als würden wir auch durch Feldstecher glotzen. Wenigstens beleben die Gäste unser Dorf.“
Ihr einstiger Schulkamerad lacht. „Bloß im Frühling und Herbst. Geld bringen diese Weltverbesserer sowieso nicht, sondern nur Ärger. Wegen denen hat sich bei uns sogar ein Bauprojekt verzögert.“
„Schade.“
„Wie ich gehört habe, hast du eine gute Stelle für deinen Laden aufgegeben“, fragt Markus darauf neugierig.
„Na und?“
„Doch, der Einfall mit dem Dorfladen ist ganz gut. Für den Ort bestimmt“, sagt er schnell. Es klingt für sie wie eine Verteidigung. „Was hast du eigentlich in der Zwischenzeit gemacht?“
„Über Bücher gesessen, auf Prüfungen gefiebert, in einer Wohngemeinschaft gelebt, meinen Master gemacht und vor allem meine Karriere vorangebracht. Willst du mehr erfahren?“ Auf ihre Antwort hin steht Markus sprachlos neben ihr, so als hätte ihn die kühle Abendluft trotzdem überrascht.

Gerade als sie sich von ihm abwenden will, schreckt ein leichtes Knallen die umherstehenden Leute auf. Fast alle blicken in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Für einen flüchtigen Augenblick breitet sich Ruhe in dem heiteren Beisammensein aus. Ein alter, ein wenig verwirrter Mann hat mit einem spitzigen Gegenstand auf einen prall aufgeblasenen Ballon eingestochen, um dann lange auf den verschrumpelt herunterhängenden Rest zu starren. Letztlich sagt er gut hörbar: „Vorbei.“
 
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Anders Tell

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Wahrscheinlich bin ich etwas begriffsstutzig, aber ich habe keine Ahnung, worum es in dieser Geschichte geht, obwohl ich sie zweimal gelesen habe.
Anders
 

Shallow

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Hallo @kwge,

ein paar Leseeindrücke:

Scheinbar hat sich in der Zeit ihrer Abwesenheit wenig verändert. Bei ihrer Rückkehr hat sie ein Dorf vorgefunden, in dem es immer noch keine Einkaufsmöglichkeiten und keinen Arzt gibt. Aus der Verwandtschaft, die verstreut in der Umgebung lebt, kommen regelmäßig Beschwerden über die schlechter werdenden Lebensbedingungen auf dem Land. Die Sorgen vor Ort kennt sie, so wurden das nächstgelegene Krankenhaus vor Jahren geschlossen und eine Busverbindung eingestellt, manche Nebenstraße sieht wie damals löchrig aus. Es finden sich genügend Umstände, die die Leute verdrossener gemacht haben. Gleich geblieben ist auch gefühlte die Gleichgültigkeit, mit denen man von höheren Stellen ihrer Ortschaft begegnet.

Da geht einiges durcheinander: Bei ihrer Rückkehr findet sie ein Dorf vor, dass dies und das nicht, aus der Verwandschaft kommen regelmäßig Beschwerden über schlechter werdende Lebensbedingungen. Der zeitliche Bezug macht keinen Sinn, geschlossene Krankenhäuser und eingestellte Busverbindungen, manche Straßen sehen löchrig aus. Das ist nicht wirklich gut erzählt. Eigentlich gar nicht erzählt, gefühlte Gleichgültigkeit, (wobei der letzte Satz völlig falsch ist), naja, erzähl das doch, zeig irgendwas!
Der folgende Dialog ist keiner, dem Leser werden Gegebenheiten mitgeteilt.

„Es ist hier nicht anders, wie an anderen Orten“, meint Britta. „Wir haben euch gehen lassen müssen, damit ihr es zu etwas bringt. Und freilich habt nicht nur ihr euch verändert.“

So spricht niemand. Obwohl: "... anders wie ..." Ok, würde ich vielleicht kaufen, wenn der Rest nicht wäre.

„Schön, dass du zurück bist“; sagt Britta zu ihr, eine Frau, mit der sich bereits ihre Eltern gut verstanden haben und es immer noch tun. „Gewiss ist es mutig, nach so vielen Jahren wieder dorthin zurückzukehren, wo einen wenig erwartet.

Das musst du anders machen, das Semikolon muss weg, die Erklärung muss weg und die wörtliche Rede "Gewiss ist es mutig ..." muss anders!

„Es wird langsam dunkel, ich mach mal die Lichter an“,

Irgendwas muss man dem Leser anbieten, ihn bei der Stange halten, ihn unterhalten, authentisch sein.

Ich möchte dich keinesfalls entmutigen, mach weiter, mir hilft es manchmal, Dialoge laut vorzulesen. Dann fällt einem einiges auf. So geht es noch nicht, denke ich, aber das ist natürlich völlig subjektiv, andere werden das anders einschätzen.

Schönen Gruß von

Shallow
 
He kwge, mir gefällt die Story. Kein Wunder, erinnert sie mich doch an meine Dorf, dass ich vor Jahrzehnten verlassen habe.
Meine Mutter hielt mich immer auf dem Laufenden über die Geschehnisse. Dieses Dorf in Mecklenburg-Vorpommern liegt zwanzig Kilometer von Grimmen entfernt.
Nach der Wende sind dort Umwälzungen eingetreten. Die LPG - Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft - machte dicht. Viele Leute suchten Arbeit in Schleswig Holstein. Meist in Hamburg, wo heute wohl die Hälfte der Dorfbevölkerung wohnt. Von einem winzigen Dorf in die Großstadt. Die meisten wollten aber lieber in der Heimat bleiben.
Nun habe ich mal nach der alten Gegend gegoogelt und erfahren, dass es bei uns keine Einkaufsmöglichkeit mehr gibt. Der Dorfkonsum hat aufgegeben. Für mich unvorstellbar. Ohne diesen Konsum hätte ich mir meine Kindheit nicht vorstellen können. Tausende Male bin ich mit zwei Einkaufstaschen beladen von dort gekommen. Auf dem Wege anderen potentiellen Einkäufern begegnet und Grüße ausgetauscht. Ohne diesen Konsum kein Dorf. Er war der Mittelpunkt des Lebens.
Und nun lese ich, dass es ihn nicht mehr gibt. Eventuell will vier Kilometer weiter, in Glewitz, ein Laden aufmachen. Es ist aber noch nichts raus und die Entfernung ist auch nicht ohne.
Es wurden Dorfbewohner interviewt, die sich alle den Laden zurückwünschten. "Selber schuld", dachte ich. Sie haben mit dem Auto ihre Einkäufe in den Supermärkten gemacht, die auf der grünen Wiese entstanden sind. So konnte sich der kleine Konsum nicht halten.

Und wenn ein neuer Laden aufmacht, wird das Gleiche geschehen. Die Leute sind geizig und begreifen nicht, dass sie um den Konsum zu erhalten, dort auch regelmäßig einkaufen müssen. Sonst geht er wieder pleite.
Die Bevölkerung, die keine Autos hat oder zu alt ist, um dieses zu fahren, wird mit fahrenden Läden versorgt. Sie kommen aber nur zu bestimmten Zeiten. Da kann man nicht einfach mal spontan einkaufen.
Ich wollte damit bloß sagen: "Ich sehe den neuen Laden, falls er irgendwann mal kommt, auch in die Insolvenz reinrutschen. Die Leute denken nicht mit. Lieber ein bisschen mehr Geld ausgeben und dafür eine Einkaufsmöglichkeit in der Nähe haben.

Deiner Ich-Erzählerin wird es vielleicht nicht anders ergehen. Sie probiert es aber.

Die AfD hat bei uns Zweiundfünfzig Prozent. Aus der zehnklassigen Oberschule, ich wohnte gegenüber, wurde eine Grundschule. Die Älteren müssen nach Triebsees mit dem Bus. Immerhin zwölf Kilometer. Kann ich mir gar nicht vorstellen. Eventuell soll die Schule bei uns im Dorf völlig abgewickelt werden.

Gruß Friedrichshainerin
 



 
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