Zurückblättern

4,00 Stern(e) 4 Bewertungen
(24) Januar 2026, im Blick Juli 1974: Töte mich, töte mich ...!

Es sind diese zwei Wörter, die mich ihn nie vergessen ließen: Töte mich, töte mich …! Ob es nur ein Spiel war oder dahinter doch Ernst? Ob er so später einmal an den Richtigen geraten sein konnte - und das heißt tatsächlich: an den Falschen? Diese Fragen beschäftigten mich immer wieder.

Jetzt endlich blättere ich einmal Jahrzehnte zurück in den alten Aufzeichnungen und finde die Details über ihn. Ich werde einiges umschreiben, man soll ihn nicht leicht wiedererkennen können.

Wir waren noch sehr jung damals und begegneten uns zufällig in einer Frankfurter Bar. Beide verbrachten wir nur ein Wochenende in der Stadt, ich von Berlin eingeflogen, er aus Übersee. Erst jetzt wird mir wieder bewusst, dass er Europäer war, Nordwesteuropäer, und zum Studium den Kontinent gewechselt hatte. Er sagte, er sei da neuerdings auch schon Dozent. Ich fand ihn unkompliziert, mir imponierten ein freundlich zugewandtes Wesen, Heiterkeit, Lebensfreude, das richtige Maß an Selbstbewusstsein, Höflichkeit, die fast schon Herzlichkeit war, energisches Auftreten …

Er hatte einen Wagen dabei und fuhr uns in den Stadtwald. Rasch stellte sich heraus, womit ich nicht gerechnet hatte: Er war sadomasochistisch und überließ mir die Wahl der Rolle; schon schlüpfte er in die passive. Töte mich, töte mich, schallte es in den Wald hinein. Ich bemühte mich, für irgendein Echo zu sorgen. (Die Theorien des späten Foucault noch nicht kennen, sie aber schon anwenden?) Nachher brachte er mich zu meiner Unterkunft, wieder freundlich plaudernd. Wir tauschten unsere Adressen aus, aber ich sah ihn nie mehr, erhielt keine Nachricht von ihm.

Heute gebe ich seinen Namen am Computer ein und finde ihn mühelos im Netz wieder. Die Daten bestätigen, was der Mann damals über sich mitteilte. Und es war ihm seitdem gut ergangen, er hatte Karriere gemacht, war drüben Hochschulprofessor geworden auf einem selten beackerten Spezialgebiet. In mittleren Jahren heimgekehrt, zierte er noch lange den Lehrkörper einer altbekannten Universität. Ich sehe ein Foto von ihm als Emeritus und, kaum zu glauben, erkenne ihn gleich wieder, so wie seinerzeit beschrieben. Ich muss mir nur die Brille fort- und den kleinen, wie aufgemalten Schnurrbart hinzudenken, dann ist da wieder das naiv-dreiste Bubengesicht …

Wohl keiner wollte ihn töten - wie denn auch.
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Arno,

das ist ein höchst interessantes, fast lehrstückartiges Aufblitzen von der wahrnehmbaren Oberfläche einerseits und den Abgründen einer Persönlichkeit. Merkwürdig, dass sich diese Abgründe häufig in der Sexualität manifestieren. Als läge da auch ein Schlüssel zu uns verborgen. Vielleicht durch den Drang des Stammhirns können wir gar nicht verbergen, wer wir sind, was uns ausmacht, zumindest komplettiert. Darüber habe ich schon öfter nachgedacht.

Aber es verrät natürlich auch etwas über den Autor - was diese Reminiszenz um so liebenswürdiger macht.

Sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße
Petra
 
Danke, liebe Petra, für den verständnisvollen Kommentar. Da bin ich schon mal erleichtert, dass das Sujet keinen Anstoß erregt hat. Ja, die Diskrepanz zwischen einzelnen Teilen von Persönlichkeit ist manchmal wahrnehmbar und im Extremfall kann sie auch befremden oder sogar schockieren.

Liebe Grüße
Arno
 
(25) 25. April 1967

Herr B. sah sich heute überraschend gezwungen, eine Konrad-Adenauer-Gedenkstunde zu halten, und kam auf den unglücklichen Einfall, eine „Diskussion“ zu veranstalten. (1) W. und ich nutzten die Gelegenheit, der allgemeinen Lobhudelei eins auszuwischen. Ich fuhr besonders starkes Geschütz auf gegen die Ansicht, es sei Adenauers Verdienst gewesen, den größten Teil Deutschlands vor dem ach so blöden Kommunismus gerettet zu haben, und dass die Spaltung Deutschlands so ganz und gar auf den Osten zurückzuführen sei. Ich erinnerte an Molotows Vorschlag aus dem Jahre 1954 (2), die Weimarer Verfassung wiedereinzuführen und gesamtdeutsche Wahlen nach dieser Verfassung abzuhalten, an die Beispiele Österreich und Finnland, an die Tatsache, dass die Einführung der Westmark der der Ostmark, die Gründung der „BRD“ der der „DDR“ und die Aufnahme Deutschlands in die NATO der Ostdeutschlands in den Warschauer Pakt vorausgegangen seien, und schloss mit dem Fazit, dass jetzt wohl das Bild etwas anders aussehe und man Ulbricht wohl kaum allein für die Spaltung Deutschlands verantwortlich machen könne. Dies war starker Tobak für den zwar gutwilligen, aber ein großes Brett vor dem Kopf tragenden B. gewesen. Er versuchte mit einem großen Aufwand, meine Argumente zu widerlegen, was ihm aber nicht gelang. So beruht nach ihm die österreichische Lösung auf der österreichischen Mentalität („Charme“). O je! Im Übrigen geriet er vom Hundertsten ins Tausendste und schweifte gänzlich vom Thema ab. Er war sichtlich bemüht, mich nicht zu Wort kommen zu lassen. Als ich später die Schule verließ, unterhielt sich Herr B. gerade mit seinen Kollegen. Wie ich aufschnappte, ersuchte er sie wegen meiner Molotow-Information um Rat.

(1) Tod des Ex-Kanzlers am 19.4.67. Herr B, war Klassenlehrer an einer Oberschule im Saarland.

(2) Molotow-Plan, vorgelegt auf der Berliner Außenministerkonferenz 1954
 

John Wein

Mitglied
Hallo Arno,
Wenn man jung ist, neigt man zu Veränderung, will heißen, man ist grundsätzlich gegen das Bewahrende, also übertragend progressiv gegen konservativ. Deine Haltung dem Lehrer gegenüber ist für mich durchaus nachfühlbar. Hab ich alles auch schon durch.
Was die Geschichte damals mit dem Angebot der Sowjetz, - Adenauer "Der Alte" sagte immer die Soffjets- bezüglich der Vereinigung der besetzten Gebiete im damaligen Deuschland betrifft, ist in der heutigen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Als ich vor fast hundert Jahren davon gehört habe, ging mir das genau so. Es war der Westen, der das Angebot damals abgeleht hat, denn man wollte ja den Machtblock des Ostens auf die Gebiete jenseits der Elbe begrenzen und man wollte natürlich Einfluss behalten. Das Land war viel zu wichtig um es als wie Österreich in die Neutralität zu verpfichten. Man muss sich vorstellen das Gebiet war nach der Niederlage politisch ein Vakuum, das im Falle einer vollständigen Vereinigung, bei der Übermacht der Sowjetz in Europa, in den Einflussbereich des Ostblocks hätte abdriften können. Adenauer war als Transatlantiker für den Westen der Garant eines neuen prosperitierenden Staatswesens, von dem in der Zukunft keine Gefahr mehr ausgehen sollte und das als Verbündeter Mitspieler in einer westlich geprägten Demokratie, ein Gegengewicht zum sozialistischen Osten bilden sollte. Ein neutraler Staat wäre in Mitteleuropa deshalb auch keine Option gewesen.
Schließlich, wenn auch 40 kummervolle Jahre später, hat es am Ende ja doch noch geklappt.
Gruß, John
 
Gewiss kann man die damalige Nachkriegssituation auch heute noch aus unterschiedlicher Perspektive betrachten, geschätzter John. Eine davon ist für mich der Rückblick auf die Zeit unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg, d.h. darauf, wie die Westmächte seinerzeit mit Russland bzw. der Sowjetunion umgingen. Ihre Kriegführung auf russischem Boden - zwischen Napoleon und Hitler - wird gern übersprungen in unserer historischen Erinnerung.

Heute bin ich mir auch nicht mehr so sicher, ob die Entwicklung ab 1989 wirklich ein so großes Glück für uns war. Sie hat schließlich dazu geführt, dass die Kriegsgefahr für uns jetzt mindestens so hoch ist wie um 1980. Langfristig bekommt uns die Einordnung in Machtblöcke, die von außerhalb dominiert werden, nicht, fürchte ich.

Abendliche Grüße
Arno
 



 
Oben Unten