Zwei

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Das Wesen, das wie ein Hund aussah, stand ganz oben auf dem Berg, der aus Schnee bestand und wirbelte mit den Hinterpfoten weiße Fontänen aus Eiskristallen in die Luft. Er schien etwas zu suchen.
Darunter lag ich. Das Übliche. Skianfänger. Lawinengefahr unterschätzt. Leichtsinn. Jedenfalls war es mir noch gelungen, als die Lawine über mich hinwegfegte, im letzten Moment einen kleinen Hohlraum um mich herum zu formen, wie ich es mal im Fernsehen gesehen hatte.

Das Tier hielt inne. Der vermeintliche Hund schien etwas gefunden zu haben. Er kratzte mit den Vorderpfoten mein bärtiges Gesicht frei. Es war blau angelaufen, und ich weilte schon in anderen Sphären. Irgendwie musste aber doch noch Leben in mir gewesen sein, denn das Tier gab nicht auf.

Er leckte und leckte wieder und wieder mit seiner rauen Zunge über mein kaltes Gesicht. So ging das lange Zeit. Endlich zeigte sich etwas Röte auf meinen Wangen. Ich schlug die Augen auf . Das Erste, was ich erblickte, waren die braunen Augen meines Retters. Seine feuchte Nase stupste gegen meine. Es war Liebe. Nie wieder würden wir uns trennen, war mir klar.

Wo waren eigentlich die tüchtigen Männer von der Bergrettung, die im Fernsehen immer so´n Harten machen und sich halsbrecherisch im Dienste der Menschheit zu denen, die in der Klemme steckten, abseilten? Und warum setze der Bergdoktor nicht eigenhändig seinen Spaten an, um mich auszubuddeln?
Im Gegenteil. Anstatt nach Lawinenopfern zu graben, nahm er sich lieber seine Sekretärin vor.
Im Eifer des Gefechts passierte ein Missgeschick. Ein Penisbruch. Damit Schlimmeres verhindert wurde, flog man ihn mit dem einzigen Hubschrauber, der zur Verfügung stand, der andere war defekt, zur Behandlung in die nächste Stadt. Da stand für mich kein Heli mehr zur Verfügung, und zu Fuß konnte die Bergrettung mich nicht erreichen.

Ich klopfte den Schnee von meinen Sachen, und mein vierbeiniger Retter, der mir nicht mehr von der Seite wich, und ich machten uns zu Fuß auf ins Tal. Ich besah ihn mir näher und stellte fest, dass ich keinen Hund, sondern einen Wolf vor mir hatte. Seine Hingewandtheit zu den Menschen konnte ich mir nur so erklären, dass er wahrscheinlich als junger Wolf in einer Tierauffangstation aufwuchs und ausgewildert wurde. Ich beschloss, ihn mit in meine Wohnung zu nehmen.

Das war schwieriger als gedacht. Meine Freundin zog aus. Aber viel schlimmer waren die Leute auf der Straße. Jemand muss mich angezeigt haben, da es verboten war, Wildtiere zu halten. Ich bekam eine Aufforderung, meinen grauen Freund im Tierheim abzuliefern.
Von da würde er in einen Zoo kommen. „Vielleicht war das das Beste“, dachte ich. Als ich die Formalitäten besprach, winkte mich das junge Mädchen, dass im Büro vom Tierheim nebenan am Schreibtisch gesessen hatte, und aufmerksam dem Gespräch mit ihrer Chefin gelauscht hatte, beiseite. „Glauben sie ihr nicht. Es gibt keinen Zoo, der Wölfe aufnimmt. Sie wollen ihn einschläfern.“ Sie war bei einer Organisation, die Tiere rettete und gab mir einen Zettel mit einer Adresse.

Jetzt war mir alles egal. Ich ließ mir das gesamte Geld von meinem Konto auszahlen. Man sollte meinen Weg nicht nachverfolgen können. Mein grauer Freund und ich stiegen ins Auto. Es sollte erst mal nach Spanien gehen. Das hatte ich mit den Leuten von der Organisation vereinbart.
Über die Grenzübergänge durfte ich nur zu bestimmten Zeiten, wenn welche von uns dort Dienst taten. Es ging auch glatt. Bloß bei der Einreise nach Spanien gab es Probleme. „Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm KO-Tropfen in seinen Café con leche zu tun“, sagte mir der Grenzbeamte, ebenfalls einer von uns, als ich mich darüber wunderte, dass sein Kollege fest schlief. „Hoffentlich hat er die richtige Dosierung genommen“, dachte ich.
Als nächstes landeten wir auf einem iberischen Filmset. Der dortige Regisseur gehörte auch zu uns. Er hatte vier Kinder von drei Frauen, von denen noch keins je einen Pfennig Unterhalt von ihm gesehen hatte. Sein Herz schlug einzig und allein für einen weißen Tiger, der ebenfalls eingeschläfert werden sollte wie mein Wolf.
Er wollte ihn zurück nach Afrika bringen. „Das ist aber nicht das größte Problem“, sagte er zu mir. „Wenn er in Afrika angekommen ist, muss man ihn auch in einem Gehege halten. Er kann nicht ausgewildert werden, da er zu sehr an Menschen gewöhnt ist.“ Das hörte sich nach sehr viel Geld an.
„Wie machst du das mit dem Unterhalt für deinen Nachwuchs?“, fragte ich ihn, der als Leiter der Filmcrew Geld scheffelte. „Ganz einfach. Ich bin in Privatinsolvenz.“ Er hatte einen Offenbarungseid geleistet. „Meine Kohle geht auf das Konto von jemandem, der auch zu uns gehört.“

Genau das, was er vor seinen Exen zu verstecken trachtete, ging mir langsam aus. Ich musste Bares verdienen. „Ich habe eine Idee“, sagte der Regisseur. „Die eine aus unser Kuppelshow ist wegen Schwangerschaft ausgefallen. Nimm du doch ihren Platz ein.“ „Aber ich bin doch ein Mann und werde außerdem gesucht“, erwiderte ich ihm. „Das kriegen wir schon hin. Wir stecken dich einfach in Frauenkleider. Keiner bei Interpol vermutet dich in Frauenklamotten in einer Kuppelshow im Fernsehen.

Es kam mir zu pass, dass ich klein und zierlich war. Die Maskenbildnerin, auch sie eine von uns, die ein Krokodil im Keller versteckte, machte aus mir eine ganz akzeptable Frau. Sie färbte auch den Grauen um, der jetzt eher ins Hellbraune tendierte. Ich verdiente bombig.
So hätte erst mal alles gut gehen können. Bis zu diesem einen Tag. Sie verlangten ernsthaft von den Teilnehmern, dass sie sich unten rum entblößt ihren vermeintlichen Interessenten präsentierten. Der Oberkörper dagegen wurde verhüllt, „Und so was machst du mit?“, frage ich meinen Freund, den Regisseur. „Mir wäre das peinlich“.
Er erwiderte darauf: „Was bleibt mir. Der Unterhalt für den Löwen kostet mich monatlich zehntausend Euro. Ich darf nicht wählerisch sein beim Geldverdienen.“
Eine Lösung für das Problem mit der halbseitigen Nacktheit war schnell gefunden. Die Kollegin, die ich ersetzte, und die ihre Schwangerschaft bei der Bewerbung verborgen hatte, stellte sich einfach für mich mit den anderen Kandidatinnen hinter die Trennwand. Sie befand sich auch bei uns im Team und arbeitete jetzt statt als Darstellerin im Catering, da man sie als eine werdende Mutter nicht kündigen konnte.
So hatte ich auch diese Klippe umschifft. Mir wurde aber klar, dass ich und seine graue Eminenz weiterziehen mussten. Besonders, als mir Jelena, ein gutgewachsenes Mädchen, dessen Bikiniunterteil hinten nur aus einem Streifchen bestand, erzählte, was der schöne Willi, ein tätowierter Muskelprotz, der meist, nur mit Badehose bekleidet und ein Cocktailglas in der Hand haltend, am Pool stand, und dessen Hand schon mal leicht zu zittern begann, wenn er Jelenas wohlgeformte Rückseite betrachtete, wobei sein Getränk überschwappte, zu ihr gesagt hatte.
Man muss erwähnen, dass Jelena auch eine von uns war. Ihr Schützling war ein Delphin. „In meiner Kindheit in Dnepropetrowsk war eine Aqua Show bei uns zu Gast. Abends überredeten die anderen Kinder mich, über den Zaun auf das Gelände zu steigen und die Delphine zu streicheln.“ Seit dem Moment, als sie die dicke Fischhaut an den Händen fühlte, war sie diesen Tieren verfallen. So beteiligte sie sich auch an der Rettung eines von ihnen aus einem zu engen Bassin.
Jelena erzählte mir: „Obacht vor Willi. Er hat eine Meldung im Netz gefunden, dass ein Mann mit einem Wolf verschwunden ist. „Die Beschreibung trifft auf den Neuen zu. Außerdem kommt mir das Tier, das er als afghanischen Hirtenhund verkauft, merkwürdig vor“, sagte er zu ihr, denn Willi wusste natürlich, dass ich ein Mann war, da ich außerhalb des Drehs ungeschminkt rumlief
Auf abenteuerlichen Wegen, bei denen uns die Organisation half, gelangten der Graue und ich in einen Waggon der Transsib. Wir fuhren durch tiefverschneite Wälder. Das Mädchen, das Schaffnerin war, rüttelte mich, der fest eingeschlafen war. „Hier müsst ihr raus.“ Es war abgesprochen mit dem Lokführer, der genau wie das Mädchen zur Organisation gehörte, dass er hier die Fahrt verlangsamte, so dass wir bequem rausspringen konnten.

Sie öffnete die Tür, und wir fielen in den tiefen Schnee. „Macht`s gut ihr Beiden“, hörte ich noch rufen, dann wurde die Zugtür geschlossen. Der Graue und ich stapften Seite an Seite durch den Schnee einer ungewissen Zukunft entgegen. Ich hatte eine Flinte und ein Proviantpaket bei mir. Beides hatte die Schaffnerin mir gegeben. Welches Tier sie wohl versteckte. Ich tippte auf einen Eisbären.
Im Wald trafen wir auf Verwandte meines Freundes. Ein Rudel Wölfe. Ich kletterte auf einen Baum, wobei mir die Flinte aus der Hand glitt. Dorthin konnten sie mir nicht folgen. Aber was war, wenn ich einschlief. Dann würden ich runter fallen. Das wussten sie und warteten unten.

Plötzlich entstand Tumult im Rudel. Mein Grauer kämpfte für mich. Nach einiger Zeit gaben die Anderen auf. Als ich vom Baum runterkletterte, stand nur noch er allein da. Überall waren Blutspuren im Schnee. Auch er hatte Bisse abbekommen. Aber wir Beide lebten. „Hat hier einer zu viel Jack London gelesen“, werden jetzt manche denken.

Asche auf mein Haupt. Ich geb´s ja zu. Ich habe mich beim Meister bedient. In meiner Kindheit gab es bei uns an den Zeitungskiosken auf dem Bahnhof immer diese billigen Hefte mit einem bunten Bild auf der Vorderseite. Sie trugen den Aufdruck: "Spannend erzählt". Darin waren Auszüge aus berühmten Abenteuergeschichen. Sie endeten meist mittendrin, wenn es gerade am spannendsten war. So auch die Wolfsgeschichte, so dass ich nicht erfuhr, ob der Held den Wölfen, die ihm schon bedenklich nahe waren, entkommen konnte. Erst als mir Jahre später "Wolfsblut" von Jack London in die Hände fiel, erkannte ich die Handlung wieder und erfuhr endlich mal, wie die Geschichte ausging.
Unsere nächste Station war ein Floß auf der Wolga. Naturschützer, die sich besonders um wilde Tiere kümmerten, hatten mir dabei geholfen, die Stämme zusammenzufügen. Es war herrlich. Besonders die Nächte. Über mir und dem Grauen, die auf dem Floß dahintrieben, erstreckte sich der Sternenhimmel. Wir lagen nebeneinander und waren eins mit der Welt, während an uns riesige Lastkähne vorbeifuhren. Wir mussten bloß aufpassen, dass wir nicht in ihr Fahrwasser gerieten, da wir uns nicht trauten eine Laterne zu entzünden. Eventuell hätte sonst der Gewässerschutz auf uns aufmerksam werden können. Am Tage versteckten wir unser Floß im Schilf.

Langsam gingen uns die Nahrungsmittel aus. Ich musste ins nächste Dorf und dort etwas kaufen. Da ich wusste, dass nach einem Mann mit einem Wolf gefandet wurde, zog ich mir die Frauenkleider an, die ich seit dem Dreh auf dem spanischen Filmset bei mir trug. Jetzt kam mir zu pass, dass ich früher Russischlehrer war. Ich hatte sogar ein Jahr in Moskau studiert. „Chleb i Moloko“, sagte ich zu der Verkäuferin im Laden. Dann nahm ich noch ein paar von diesen haltbaren, russischen Knoblauchwürsten mit.
Die Verkäuferin fragte mich, woher ich käme.
Sie hörte natürlich an meiner Aussprache, dass ich kein Biorusse war. „Ich bin ein deutscher Tourist und schiffe auf der Wolga“, sagte ich. „Dann werdet ihr bald meinem Mann begegnen. Der wartet mit ein paar Kumpanen auf ein Floß, auf dem sich ein Mann und ein Wolf befinden sollen. Für die ist ein hohes Lösegeld ausgesetzt worden. Der Wolf soll ja hier in der Nähe zwölf Pferde gerissen haben und auf einer anderen Weide fünf Kühe.
Wenn mein Mann, den alle Wladimir den Schrecklichen nennen, die beiden fängt und die Kopfprämie erhält, fährt er in die nächst Stadt in den Puff und versäuft alles. Dann kommt er nach Hause und schlägt mich und den kleinen Wladimir grün und blau.“ Jetzt wurde mir klar, woher die blauen Flecken herrührten mit denen sie bedeckt war. Ich begriff, dass die Frau mich durchschaut hatte und uns warnen wollte. Aber was sollte ich machen?
Sie hatte wohl meine Gedanken gelesen und kam mir zur Hilfe. „Gehen sie zu Wladimir, dem Verrückten. So nennen ihn die Leute, seitdem er im Krieg in der Ukraine im brennenden Panzer eingeschlossen war. Als er aus der Psychiatrie, in die sie ihn gesteckt hatten,
wiederkam, war er nicht mehr derselbe und sprach kein Wort. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Fischen auf der Wolga und hat ein großes Boot. „Hier scheint keine große Auswahl zu herrschen, was männliche Vornamen anbelangt“, ging mir durch den Kopf.

Der verrückte Wladimir erwiderte nichts auf meine Bitte, aber ging mit mir zu seinem Boot. Dort luden wir das Floß rauf und deckten es mit Netzen ab. Er warf den Motor an. An der nächsten Flussenge wurden wir von vier Männern auf einem Schnellboot angerufen. Es waren Wladimir der Schreckliche und seine Kumpane. „Lasst ihn ziehen, dass ist nur der verrückte Wladimir, der nach seinen Reusen sehen will.“ Nach der nächsten Flussbiegung ließ Wladimir, der gar nicht so verrückt war, das Floß zu Wasser und fuhr fort. Er hatte die ganze Zeit kein einziges Wort mit uns geredet.

Eines Tages, ich war gerade dabei, unser Gefährt nach Einbruch der Dunkelheit wieder flottzumachen, rannten zwei Personen auf uns zu. „Helft uns. Sie sind hinter uns her.“ Und wirklich hörte man aus der Ferne Hundegebell. Da ich wusste, wie Verfolgten zumute ist, ließ ich sie aufspringen. „Wer seid ihr?“, fragte ich den Mann und die Frau. „Ich bin Anastasia, die Urenkelin der jüngsten Romanow und das ist Fürst Potemkin, ein Verwandter des Potemkin, der ebendiese Dörfer errichtete.“

Ich staunte Bauklötze. Zehn Meilen flussabwärts wollten die beiden, die ich mit IhroGnaden anreden musste, an Land gehen. „Komm doch mit. Den Grauen lassen wir auf dem Floß.“

Wir klebten Zettel, auf denen stand: „Morgen spricht die Urenkelin der Zaren zu euch. Kommt alle in die Kirche!“
Am Abend gingen wir zu der Kirche. Anastasia, die Jüngere, erzählte die traurige Geschichte ihre Familie und die abenteuerliche Flucht ihrer Urgroßmutter, die diese ihr noch selber berichtet hatte. Ich sah viele Frauen weinen. „Fürst Potemkin und ich haben beschlossen, eine Kapelle zum Andenken an die Zarenfamilie zu errichteten. Wir bitten um Spenden!“ Ich ging mit einem Hut rum, der bald reichlich gefüllt war.“

Da betrat ein Mann die Kirche. „Das sind nicht Anastasia und Fürst Romanow. Das sind Polina, genannt die Mollige, die früher in Swerdlowsk auf den Strich gegangen ist und der da ist der verurteilte Trickbetrüger und Räuber Dimitri.“ Die Menge wollte sich auf uns stürzen. Zum Glück hatte Fürst Potemkin schon vorher den Seitenausgang erkundet. Es gelang uns das Floß zu erreichen, wo der Graue schon auf uns wartete. Unverdrossen stachen wir in See bzw. in die Wolga.

Wir zählten das Geld. Ein schöner Batzen. Endlich erreichten wir eine Republik, die nicht zu Russland gehörte und wo Wölfe als Haustiere erlaubt waren. Wir vier beschlossen, dass Floß zu verlassen. Wir stellten uns an die Straße und sofort hielt ein Planwagen. „Lasst euch nicht verdrießen. Spring einfach auf“, rief ein fröhliche Stimme.

Es stellte sich raus, dass die Insassen des Wagens Schauspieler des Mariinskitheaters in Moskau waren. Sie waren vor der Mobilmachung ins Nachbarland geflüchtet und verdienten sich ihren Unterhalt mit Straßentheateraufführungen. „Ihr könnt bei uns mitspielen. Wir führen Heinrich der IV auf von Shakespeare. Wir brachen noch Darsteller.“ „Warum gerade Heinrich der IV?“, fragte ich sie. „Weil das in meinen Augen ein Anti-Kriegsstück ist. Die Leute wollten leben und nicht im Schlachtengetümmel sterben. Ich trage lieber ein Flasche in meiner Tasche, und damit zog er eine aus seiner Manteltasche und nahm einen kräftigen Schluck, als eine Pistole. Das wusste schon Falstaff.“ Nach diesen Worten kniff er Polina, der er offenkundig zu gefallen schien.

Am nächsten Halt übten wir unsere Rollen. Ich sollte Falstaff sein.
Falstaff. He, Hal,Harry und Hal, sind abgekürzte Namen, statt Heinrich, so in vertraulichem Umgang gebraucht worden. was für Zeit ists am Tage, Junge?

Prinz Heinrich. Deine löbliche Gewohnheit, dich in altem Sect zu besauffen, zu fressen, bis du alle Knöpfe aufthun must, und den ganzen Nachmittag auf Bänken zu schnarchen, wikelt deinen Wiz in soviel Fett und Schmeer ein, daß du so gar verlernst, recht zu fragen, was du recht wissen möchtest. Was, zum Teufel, hast du mit der Zeit am Tag zu thun? Ja, wenn die Stunden Becher voll Sect wären, die Minuten Capaunen, die Gloken Zungen von Kupplerinnen, die Uhren Schilde von H**häusern, und die schöne Sonne selbst ein hübsches roßiges Mensch in feuerfarbem Taft, dann liesse sich noch begreiffen, warum du nach der Zeit fragtest.
Falstaff. Mein Treu, ihr geht mir nah' zu Leibe, Hal; denn wir andern, die vom Beutelschneiden Handwerk machen, und beym Mond und dem Silbergestirn herumgehen, und nicht beym Phöbus,

Hier bei der Schauspieltruppe war es auch, dass der Graue seinen Namen bekam. Zeit wurde es ja auch. Sie benannten ihn Henry, nach Heinrich dem IV. So hieß das Stück, das wir aufführten.
Nachdem wir eine Weile mit der Truppe getourt haben, kam eines Tages Fürst Potemkin eilig auf mich zugelaufen. „Polizisten haben sich nach dir um dem Grauen erkundigt. Ihr müsst fliehen.“

Was wir dann auch taten. Wir gelangten bis zum Fuß des Altaigebirges. An einer Serpentinenstraße trafen wir auf ein paar Männer, die neben einem umgestürzten Wagen standen. Zum Glück beachteten sie den Grauen nicht.
Die hatten andere Sorgen. „Wir sind Wächter aus einer Irrenanstalt. Wir suchen einen Entflohenen. Er hält sich für Don Quichotte und nennt sich Iwan Kichototowski oder so ähnlich, obwohl er Iwan Makarow heißt. Hätten wir ihm doch bloß nie dieses Buch von Miguel Cervantes in die Hand gegeben.
Einmal denkt er, dass er gegen die Kreuzritter auf dem Peipusee kämpft, dann wieder ist er General Bersarin in der Schlacht auf den Seelower Höhen. Wenn du ihn siehst, gib uns Bescheid.“ Wir verabredeten, dass ich Frauenkleider anlegen sollte und ihn unter einem Vorwand in ihre Arme führen sollte. „Einer Frau kann ein Ritter wir er keine Bitte abschlagen. Das ist er seiner Ritterehre schuldig.“

Henry und ich schlugen uns weiter ins unwegsame Gebirge hinein. Nach ein paar strammen Tagesmärschen, an denen Henry der Graue eine Bergziege erlegte, die ich briet, kamen wir an eine Schlucht. Schon von weitem hörten wir Rufe: „Ich Armer. Warum habe ich meine Dunja verlassen?“ Wir gingen näher und sahen einen zerzausten Mann in einem weißen Kittel, der mit dem Kopf gegen die Felsen schlug.
Als er mich in meinen Frauenklamotten sah, wurde er freundlicher. „Was führt dich in diese Einöde holde Maid?“ Ich: „Bin vom Weg abgekommen. Wo geht es hier zur Mongolei?“ Iwan Kichotinski, denn er war der Gesuchte, darauf: „Ich habe den selben Weg und begleite euch.“

Er zeigte auf den Grauen. Und wer ist das hier.“ Da ich mich mit der Schlacht auf dem Peipusee auskannte und von den Wärtern erfahren hatte, dass er sich für einen derjenigen hielt, die 1242 auf dem Eis für ein freies Rußland gekämpft hatten, anwortete ich schlagfertig: Das ist ein Wolf, in den der Geist von Hermann I. von Buxthoeven, dem Anführer der Kreuzritter, gefahren ist.“
Mit dieser Erklärung war Iwan Kichotinski zufrieden. „Waren das noch Zeiten als Fürst Newski und ich dort Seite an Seite in der Schlacht gestanden haben“, sagte er zu uns.
„Sagen sie einmal Herr Kichotinski, wie sind sie eigentlich hier hergekommen?“ „Natürlich mit meinem Wolga“, antwortete er mir. Eine Welle der Freude überrieselte mich. Endlich würden ich und der pelzige Henry nicht mehr zu Fuß gehen müssen. Das Auto war gleich in der Nähe geparkt. Ich dachte nicht mehr im Traum daran, unseren Iwan Kichotowski den Wärtern auszuliefern. Da konnten sie lange warten. Der Graue, ich und Kichotowski stiegen ein und los ging es.

Iwan drehte sich um zu mir: „Ich will offen zu euch sein. Ich mime den Verrückten, weil ich dem Wehrdienst entgehen will. Deshalb habe ich mir in der Klapse ein anderes Ich ausgedacht. Angelehnt an ein Buch, das ich aus der Bibliothek hatte. Kichotowski, den fahrenden Ritter.
Nach Monaten in der Anstalt wurde mir klar, dass das mit meiner Wehrdienstuntauglichkeitsbescheinigung noch dauern konnte. Ich brach aus und schlug mich bis hierher durch. Als ich merkte, dass sich der Schlucht, wo mein Versteck war, jemand näherte, habe ich mein Show abgezogen. Ich dachte, euch haben sie vorgeschickt, um mich zu testen.

An einer Straße stand ein winkender Mann. Fürst Potemkin. Wie kam der hier her? Wir hielten an, und er stieg ein. „Wo ist deine bessere Hälfte?“, fragte ich ihn. „Anastasia ist in Workuta, wegen Betrugsvorwürfen. Wir müssen ihr helfen und sie befreien.“ Also auf nach Workuta. Dort finden wir raus, dass Anastasia zu einem Gefangenentrupp eingeteilt ist, der Außenarbeiten verrichtet. Sie reinigen eine Einkaufspassage. Über einen bestochenen Wärter teilen wir ihr in einem Kassiber mit, dass in einem Papierkorb für sie Zivilkleidung versteckt ist. Alles klappt. Sie kann sich umziehen und sich unauffällig unter die Passanten mischen. Bald sitzen wir alle wieder zusammen im Auto.

Jetzt waren wir alle wieder komplett. Fürst Potemkin und Anastasia bestimmten unsere Fahrroute. Ich hatte keine Ahnung, wo es hinging. Mit einem mal nachts hielten wir vor einem verlassenen Kloster. Die Schlösser waren schnell geknackt. Unsere beiden Durchlauchten stahlen eine Ikone. Wieder im Auto lösten sie vorsichtig die Rückseite davon ab. Es stellte sich raus, dass dahinter ein vergilbter Plan versteckt war. Wir hielten vor einem Baumarkt und kauften drei Spaten und außerdem noch einen Kompaß. Auf ging es zurück in die Wälder. Karte und Kompaß führten uns zu einem Tal. Nirgendwo gab es Menschen.

Wir begannen zu graben. Ich wusste zwar nicht wonach aber beteiligte mich. Nach Tagen hatten wir schon das halbe Tal durchwühlt. Da stieß mein Spaten auf etwas Hartes. Eine Kiste. Anastasia und Fürst Potemkin öffneten sie. Ich traute meinen Augen nicht. Kam doch tatsächlich neben vielen Diamanten und Goldketten tatsächlich eine Krone zum Vorschein.
Anastasia erzählte: „Das hat die Kinderfrau im Wald vergraben, ehe wir geflohen sind. Den Plan mit dem genauen Standort hat sie hinter eine Ikone geklebt.
Meine Urgroßmutter hat mir den Auftrag erteilt, den Schatz zu bergen. Ich staune. Also stimmte ihre Geschichte doch. Ich muss zugeben, dass ich daran schon meine Zweifel gehegt hatte und sie und den Fürsten für liebenswerte Schwindler gehalten hatte.

Eigentlich war mir klar, dass mein Grauer nur in der Verbotenen Zone frei sein könnte. Das Gelände rund um das explodierte Atomkraftwerk in der Ukraine. Dort gab es fast keine Menschen, und die Wölfe hatten keine Feinde.
Die drei, Anastassia, Fürst Potemkin und der fahrende Ritter Iwan Kichotowski, setzen den grauen Henry und mich dort ab. Wir winkten ihnen hinterher. Sie hatten einen Grenzbeamten bestochen, der sie nach Polen rüber lassen würde. Von dort wollten sie erst mal nach Deutschland und dann nach Amerika.
Auf Anraten der Leute von der Organisation hatte ich reichlich Wodka für die Bewacher der Verbotenen Zone mitgebracht. Igor und Wladimir, mit denen ich kurz vorher noch: "Durch die Wiesen kam hurtig Katjuscha", gesungen hatte, sie auf Russisch, ich auf Deutsch, schliefen im Gras. Und ich schwöre euch: "Hier waren keine KO-Tropfen dran schuld."
So bekam keiner mit, dass ich und mein grauer Freund die Grenze überschritten und uns in ein Gebiet mit hoher Strahlenbelastung begaben. Was scheinbar den Tieren nichts ausmachte.
Nach einer Weile wollte ich umkehren. Henry der Graue stand da und sah mich an. Was sollte ich machen. Ich wendete mich ihm wieder zu und wir beide gingen tiefer in die Verbotene Zone hinein. Ich hatte mal von jemandem gehört, dem eine fünffach tödliche Dosis nichts ausgemacht hatte. Das war übrigens der, der später das ganze Atomkraftwerk in die Luft gejagt hat.
Es gab anscheinend Leute, die dagegen resistent waren.


Ein paar Tage später. Über uns kreist ein Hubschrauber. Erst bin ich in Panik, dann erkenne ich den fahrenden Ritter Tschischikowski am Steuerknüppel. Neben ihm winken mir Anastassia und der Fürst zu. Sie landen. "Steig schnell ein, wir haben die Russen bestochen, und sie schicken für eine Stunde keine Drohnen.
Wir fliegen nach Hamburg, dort wartet ein Segelschiff auf uns. Wir wollen damit nach Amerika. Ein erfahrener Drogenkurier, der weiß, wie man an der Küstenwache vorbeikommt, ist unser Kapitän."

Ich frage den fahrenden Ritter: "Wo hast du gelernt, einen Helikopter zu fliegen?"
"Das haben sie mir bei der Army beigebracht, bevor ich getürmt bin."
Henry und ich steigen ein. Ade Europa. Auf uns warten die Wälder Kansas.


Ein paar Tage später. Henry der Wolf stupst mich vorwurfsvoll an. So, als wollte er sagen: „Wo hast du mich hier hingeschleppt“. Ich kann ihn verstehen. Er ist sauer, weil sein Pelz langsam nass wird. Kein Wunder, sitzen wir beide doch in einer Lache von Meerwasser in einer Rettungsinsel, die auf dem Atlantik treibt.
Wie konnte das geschehen? Wir sind aber nicht allein. Mit uns treiben Anastasia, der fahrende Ritter Iwan Tschischikowsi und Fürst Potemkin auf dem Atlantischen Ozean.
In Hamburg gingen wir alle planmäßig an Bord einer Segelyacht. Unser Kapitän war ein mürrisch dreinschauender einbeiniger Herr mit Namen Johann Silbergestirn. Er sollte ein erfahrener Schmuggler sein. Warum kam mir der Name jetzt bekannt vor? Da war doch irgendwas.

Mitten auf dem Meer kam ein Schnellboot auf uns zu. Männer sprangen an Bord und zwangen uns mit vorgehaltener Waffe in eine aufblasbare Rettungsinsel. Unser Kapitän unternahm nichts. Uns wurde klar, dass er mit den Räubern unter einer Decke steckte. Eine abgekartete Angelegenheit. Was blieb uns anderes übrig? Wir gehorchten. Und jetzt treiben wir hier.

Doch was ist das? „Land in Sicht“, ruft der fahrende Ritter. Vor uns liegt ein Eiland. Die Meeresströmung treibt uns genau zu dem Strand. Durchs Wasser watend, ziehen wir das aufblasbare Floß an Land und verstecken es im Gestrüpp.
Die Insel entspricht jedwedem Klischee, das man von solchen Inseln im Atlantik hat. Palmen, Papagein, Wasserfälle. Jede Menge Kokosnüsse, von denen wir einige mit einem Stein öffnen und die gesunde Milch trinken. Man liest schließlich Abenteuerromane.

Im Dickicht stoßen wir natürlich auf eine Hütte. Überall hängen Spinnweben rum. Auf einem Tisch liegt ein Tagebuch, dessen letzte Eintragung lautet: „Heute am 8. April
1887 begann die Erde zu beben...“ Dann brechen die Aufzeichnungen plötzlich ab. Wir machen es uns in der Hütte gemütlich und machen auf dem Herd, der sich ganz einfach wieder entfachen ließ, eine Büchse aus der Notfallausrüstung der Rettungsinsel warm. Henry der Graue schnappt sich währenddessen einen Papagei.
Fortsetzung folgt
Wer sich jetzt an den Film „Leuchte mein Stern leuchte“ und an Huckleberry Finn erinnert fühlt, liegt nicht so ganz falsch.
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Das ist witzig. werte Friedrichhainerin, sowohl in der Grundidee wie auch in den meisten Details. Den Titel finde ich nicht ganz so mitreißend. Der Text weist hier und da kleine Fehler auf, die leicht auszumerzen wären. Beispiele: Die erwähnte Stadt im Osten schreibt sich Dnepropetrowsk oder ukrainisch Dnipropetrowsk. Die Transsib hat korrekt zwei "s". Im allerletzten Satz halte ich anstelle von "scheinbar" "anscheinend" für eher zutreffend.

Schönen Abend
Arno
 
Hallo Arno,
Dank für Deine Meinung zu meiner Nonsensstory. Der Gedanke, so was zu verfassen, ist mir während meiner vergeblichen Bemühungen, irgendwas Sinnvolles im Fernsehen zu finden, gekommen. Ständig haben sie für den "Bergdoktor" geworben und Ausschnitte aus der Serie gezeigt. Was für ein Oberschleimi.
Und immer diese merkwürdigen Sendungen bei RTL, wo alle ständig in Badezeug am Pool stehen, Getränke in der Hand halten und Quatsch reden.
Sogar, wenn man auf der Suche nach Zerstreuung, seine Ansprüche nicht allzu hoch hängt, kann man nur abkotzen bei soviel Sinnlosigkeit auf einmal.
Ich habe sogar eine Show gesehen, wo die Kandidaten sich tatsächlich unten ohne präsentieren mussten. Ihr Oberkörper war durch einen Vorhang verdeckt. Wer denkt sich soviel Sch... aus. Mir fällt kein anderes Wort dafür ein. Ist sowas nicht sittenwidrig?
Der Titel soll die Zusammengehörigkeit zwischen dem Wolf und mir hervorheben. Er ist zwar unattraktiv aber doch passend.
Gruß Friedrichshainerin
 



 
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