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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bilder im Kopf
Eingestellt am 02. 05. 2016 13:40


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Blumenberg
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Bilder im Kopf



Nun hatten sie ihn doch gekriegt. Werner FĂ€ĂŸler saß wie zur SalzsĂ€ule erstarrt auf seinem standardisierten BĂŒrostuhl und blickte auf das kleine Kofferradio, das in der Mitte der beiden aneinandergeschobenen Schreibtische stand. Außerstande sich zu rĂŒhren, lauschte er der Stimme, die ihn ĂŒber die Einzelheiten der spektakulĂ€ren Ergreifung in einem nĂŒchtern-sachlichen Ton informierte.
Sie hatten ihn also gekriegt. Aber nicht irgendwie gekriegt, nicht ĂŒber den offiziellen Dienstweg, ĂŒber eine von Diplomaten in irgendeinem argentinischen Hinterzimmer arrangierte Vereinbarung zur Auslieferung, obwohl kein offizielles Auslieferungsabkommen bestand. Am 11. Mai war er in einem Stadtteil von Buenos Aires heimlich verhaftet und neun Tage spĂ€ter nach Israel verschleppt worden. An sich nichts Unerwartetes, war es doch ein offenes Geheimnis, dass sich ehemalige Nazi-Kader in SĂŒdamerika verbargen und Israel alles daran setzte, diese ausfindig zu machen. Am 3. Juni schrieb der israelische Premierminister Ben Gurion an den argentinischen PrĂ€sidenten. Keine Entschuldigung, sondern eine Rechtfertigung. Man habe zwar argentinisches Recht verletzt, es handele sich aber schließlich um jenen Mann, der „den Massenmord in gigantischem und beispiellosem Maßstab ĂŒber ganz Europa organsiert hat“.
Bei jedem anderen der untergetauchten Parteimitglieder wĂ€re FĂ€ĂŸlers Leben wohl in den geordneten Bahnen weiterverlaufen, die es nach dem plötzlichen Ende des tausendjĂ€hrigen Reiches gerade einmal 12 Jahre nach seinem Beginn und der anschließenden Entnazifizierung eingeschlagen hatte. Doch als der Name Eichmann fiel, spĂŒrte FĂ€ĂŸler, dass etwas in seinem Inneren begann, an die OberflĂ€che zu drĂ€ngen, etwas, das er zusammen mit diesen unrĂŒhmlichen Jahren durch die Weigerung, sich zu erinnern, mĂŒhsam ganz tief nach unten in sein Bewusstsein geschoben hatte.
„Ist dir nicht gut, Werner? Du siehst aus, als hĂ€ttest du einen Geist gesehen.“ Wie aus weiter Ferne drang die Stimme seines BĂŒrokollegen zu ihm. Nur zögerlich breiteten sich die Worte in seinem auf einmal wie leergefegten Verstand aus. „Gehört!“, stieß er nach einem Moment der Stille hervor und ergĂ€nzte, als er das verdutzte Gesicht sah: „Ich habe von einem Geist gehört.“
„Ach, du meinst den Eichmann 
 War doch klar, dass sie den, sollte er den Krieg ĂŒberlebt haben, irgendwann bekommen. Immerhin hat er es geschafft, sich fĂŒnfzehn Jahre lang dĂŒnne zu machen. Wenn du mich fragst, wird es Zeit, dass wir mit dem finsteren Kapitel abschließen. Sollen sie ihn doch ruhig vor Gericht stellen, dann wird man schon sehen, dass wir in der BRD dieses Kapitel endgĂŒltig ĂŒberwunden haben und die alten Poltergeister nur noch in SĂŒdamerika herumspuken. Meinst du nicht auch?“ FĂ€ĂŸlers Kollege hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er wĂ€hrend der NS-Zeit im niederen Beamtenrang im Verwaltungsarchiv des Ministeriums gearbeitet hatte. NatĂŒrlich hatte er ein Parteibuch gehabt, das hatte schließlich jeder in der Verwaltung. Nazi sei er aber nie gewesen.
Auch wenn er damit dem im Nachkriegsdeutschland so gĂ€ngigen Klischee des MitlĂ€ufers ohne tiefere ideologische Bindung entsprach, glaubte FĂ€ĂŸler ihm seine Geschichte. Er hatte ihn in den letzten zehn Jahren gemeinsamer Arbeit als völlig desinteressiert gegenĂŒber der TĂ€tigkeit, die er verrichtete, kennengelernt, ebenso zeigte er sich gegenĂŒber dem politischen Tagesgeschehen vollstĂ€ndig interesselos.
Insgeheim hatte er ihn sich sogar zum Vorbild fĂŒr seine eigene Rolle genommen, in die er mittlerweile so hineingewachsen war, dass sie wie eine zweite Haut seinen ursprĂŒnglichen Lebensgang ĂŒberlagerte. Die Zeit zwischen dreiunddreißig und fĂŒnfundvierzig hatte er auf diese Weise in den letzten Jahren dem Zugriff seines eigenen Bewusstseins entzogen. Er war vollstĂ€ndig zu Werner FĂ€ĂŸler, dem Archivar im Bundesministerium des Inneren, geworden, der an fĂŒnf Tagen in der Woche von acht bis siebzehn Uhr mit einer einstĂŒndigen Mittagspause seiner Arbeit nachging und in seiner eigenen Erinnerung nie etwas anderes als das gemacht hatte. Sonst gab es nur das Kind FĂ€ĂŸler, ein frĂŒheres, ihm fremd gewordenes Ich, das seine Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik der 1920er-Jahre verlebt hatte. Was dazwischen lag, war eine Geschichte, die in seinen ErzĂ€hlungen der seines Berufskollegen wie ein Ei dem anderen glich. Niedere Beamtenstelle ohne grĂ¶ĂŸere eigene Verantwortung und Mitglied der NSDAP. Als einer der letzten sei er, wie er damals auf Nachfrage den US-Beamten mitgeteilt hatte, in die Partei hineingerutscht. Er hatte darauf bestanden, dass ins Protokoll aufgenommen wurde, dass das DrĂ€ngen seines Vorgesetzten und anderer Kollegen bei der Entscheidung eine Rolle gespielt habe, und daran glaubte er irgendwie auch. Freud hat dieses PhĂ€nomen in seinem Aufsatz zur Verneinung beschrieben. Im psychoanalytischen Verfahren wird die Verneinung als Methode der VerdrĂ€ngung von traumatischen oder unliebsamen Ereignissen aus dem Bewusstsein erlĂ€utert; sie werden schlicht negiert. Er gibt uns dafĂŒr folgendes Beispiel: Ein Patient wird nach den in seinen TrĂ€umen auftauchenden Personen befragt und antwortet mit Nachdruck: „Bestimmt nicht die Mutter!“, womit er nichts anderes sagt als: „NatĂŒrlich ist es die Mutter.“ Bei dem klassischen Rechtfertigungsgang der ehemaligen NSDAP-Mitglieder war in den meisten FĂ€llen ein Ă€hnliches PhĂ€nomen zu beobachten. Wenn man die Frage danach stellt, warum der Betreffende Mitglied in der Partei geworden ist, wird die Antwort lauten: „Bestimmt nicht, weil ich ein Nazi war!“ Was das eigentlich aussagen soll, wissen wir, Freud sei Dank, ja nun. Es besteht sogar Hoffnung auf Heilung in Form einer Negation der Negation. Davon wusste Werner FĂ€ĂŸler freilich nichts, aber er spĂŒrte sehr wohl, dass die oberflĂ€chliche Fassade des kleinen unwissenden Beamten einen Riss bekommen hatte, als der Name Eichmann so unvermittelt in den Raum hineingeklungen war. Ein Frösteln ĂŒberlief ihn und gleichzeitig spĂŒrte er, dass er begann zu schwitzen.
„Werner! Verflucht! Was ist denn heute bloß los mit dir?“ Sein Arbeitskollege riss ihn wieder aus seinen Gedanken.
FĂ€ĂŸler sah ihn einen Augenblick lang gehetzt an, gewann aber schließlich seine Fassung wieder. „Entschuldige! 
 Ich 
 Ich weiß selbst nicht, was los ist.“
„Kanntest du den Eichmann etwa?“, hakte sein Kollege nach. „Den habe ich bestimmt nicht gekannt [s.o.]. Ein kleiner Beamter wie ich hatte doch mit den Oberen nichts zu tun“, sagte FĂ€ĂŸler und spĂŒrte zum ersten Mal seit Jahren wieder das Unbehagen, welches damit einherging, dass sich der Satz in seinen Ohren wieder wie eine LĂŒge anhörte.
„Ich frag ja bloß 
 und auch nur, weil du dich so sonderbar auffĂŒhrst“, sagte Winkelmann und sah ihn etwas verlegen und entschuldigend an. Das Thema war gesellschaftlich dĂŒnnes Eis und Winkelmann achtete offensichtlich darauf, nicht gegen den bei seiner Generation allgemein geltenden Grundsatz zu verstoßen, nicht genauer nachzufragen, wenn das jeweilige GegenĂŒber nichts von sich aus ĂŒber diese unselige Zeit preisgeben wollte.
„Ich meine, das ist doch jetzt sowieso Vergangenheit. Die wirklich Schuldigen haben sie erwischt und was wussten wir denn damals schon.“
„Ja, 
 da hast du wohl recht“, antwortete FĂ€ĂŸler ohne Überzeugung und spĂŒrte, dass tief in ihm die verschĂŒtteten Erinnerungen ihre ganze Kraft zusammengenommen hatten und wĂŒtend danach verlangten, aus einem bloß schemenhaften Etwas auf dem Grund wieder zu einem scharfen Bild zu werden.
Er musste raus aus dem engen BĂŒro und das möglichst, bevor die Bilder wieder ĂŒber ihn hereinbrachen. Er kannte sie, aber Ă€hnlich seinen Jugenderinnerungen waren es in den letzten Jahren die Gedanken eines frĂŒheren, anderen Ich geworden und in die Köpfe anderer Leute konnte - in FĂ€ĂŸlers Fall wollte - man bekanntlich nicht hineinsehen.
FĂ€ĂŸler sah auf die Uhr. Es war zwar erst halb fĂŒnf, aber er entschloss sich dennoch zu handeln. „Karl-Heinz, mir langt‘s fĂŒr heute, ich geh heim!“, verkĂŒndete FĂ€ĂŸler und erhob sich von seinem Stuhl.
„Ist wohl besser so, du siehst grauenhaft aus!“, stellte sein Kollege nach einer kurzen visuellen PrĂŒfung fest und zwinkerte ihm dann verschwörerisch zu. „Wenn mich bis fĂŒnf einer nach dir fragt, bist du irgendwo im Haus unterwegs.“
„Dank dir Karl-Heinz, du hast was gut bei mir.“ Kaum gesagt, war FĂ€ĂŸler auch schon zur TĂŒr heraus und eine Minute spĂ€ter passierte er die Pforte des Verwaltungsarchivs. Die Erinnerungen brachen hervor, kaum dass er die Pforte passiert hatte. Ziellos lief er durch die Straßen Bonns, ohne wahrzunehmen, wo er sich gerade befand, bis er schließlich vor einer Polizeiwache stehenblieb. Er rang einen Augenblick mit sich, dann trat er durch die TĂŒr in den Eingangsbereich der Wache ein. Ein Beamter in Uniform sah, als er eintrat, von seinen Papieren auf und bedachte ihn mit einem gelangweilten Blick. Zielstrebig marschierte er auf den Mann mittleren Alters zu. „Ich möchte mich selbst anzeigen“, kam FĂ€ĂŸler, ohne zu grĂŒĂŸen, direkt zu dem Anliegen, das ihn in die Wache hingetrieben hatte. Der Beamte musterte ihn einen Augenblick. „Wegen was fĂŒr einem Delikt wollen Sie sich denn anzeigen?“, fragte er ohne sonderliches Interesse. „Beihilfe zum Völkermord“, entfuhr es FĂ€ĂŸler, „glaube ich“, fĂŒgte er dann kleinlaut an.
Von einem Augenblick auf den anderen wechselte der Gesichtsausdruck des Wachtmeisters von Desinteresse zu professioneller Aufmerksamkeit. „Dann schildern Sie mir doch einmal genauer, worum es geht“, forderte er FĂ€ĂŸler auf, der schon wieder in die plötzliche Bilderflut versunken war, die sich in sein Bewusstsein drĂ€ngte.
„Es muss 1942 gewesen sein, kurz bevor wir nach Lemberg kamen, Eichmann und ich.“ Er sah sie vor sich, die Bahnhofshalle von Lemberg. Ein prachtvolles, großes GebĂ€ude, erbaut zum sechzigjĂ€hrigen RegierungsjubilĂ€um des kaiserlich-königlichen Monarchen des Habsburgerreiches Franz Josef. Dies hatte ihm die neben ihm stehende, kleine und etwas unscheinbare Gestalt, deren Augen durch die dicken GlĂ€ser der Brille hindurch groß aussahen, ein paar Minuten zuvor erklĂ€rt. „Wir waren davor in Minsk gewesen zu einer Inspektion. Eichmann sollte einen Bericht schreiben.“ FĂ€ĂŸler beugte sich vor und bedeutete auch dem Beamten nĂ€herzukommen: „Über die Juden dort und wie sie erschossen werden. Wir wurden wegen irgendetwas aufgehalten und deshalb fuhr ich ihn direkt an den Platz, direkt an die Grube heran. Als wir ankamen, war die Sache schon vorbei, fast vorbei – worĂŒber ich selbst heilfroh gewesen bin. Als ich hinkam, sah ich aber gerade noch, wie junge SchĂŒtzen 
 mit dem Totenkopf auf den Spiegeln hier in die Grube schossen 
 Schossen hinein und ich sehe noch eine Frau. Arme rĂŒckwĂ€rts - und dann sind auch mir die Knie abgewankt und ich bin weg. Dann sind wir auf der RĂŒckreise nach Lemberg gefahren und haben uns den Bahnhof angeschaut. Das FĂŒrchterliche durch ein freundliches Bild vertreiben, hat Eichmann gesagt, also sind wir zum Bahnhof gegangen. Dann weiter zur örtlichen SS-Kommandantur und dabei gleich in die nĂ€chste FĂŒrchterlichkeit gekommen. Obwohl man, wie der Kommandant Eichmann stolz versicherte, das Judenproblem bereits befriedigend gelöst hatte, habe ich eine andere, furchtbare Sache gesehen. Da war eine Grube gewesen, die war aber schon zu. Da quoll wie ein Geiser 
 ein Blutstrahl heraus. Eichmann hat‘s damit auch gereicht, also sind wir wieder nach Berlin zurĂŒckgefahren.“ Der Beamte hatte FĂ€ĂŸlers Schilderungen aufmerksam und staunend gelauscht. „Was haben Sie denn mit Eichmann zu tun gehabt?“, erkundigte er sich dann. „Ich war sein Fahrer bei dieser Reise“, gab FĂ€ĂŸler zu. „Haben Sie dort denn auch wen erschossen?“ fragte der Beamte streng und FĂ€ĂŸler erbleichte. „Um Himmels willen! Niemals! 
 Ich war doch bloß der Fahrer.“
„Sind Sie entnazifiziert worden?“, kam die nĂ€chste Frage des Wachtmeisters. „Ja, aber das hat doch nichts mit dem, was ich Ihnen erzĂ€hlt habe, zu tun.“
„Doch, hat es, Sie sind entnazifiziert und damit in den Schoß der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland zurĂŒckgekehrt. Alles andere geht mich nichts an. Sie haben ja niemanden umgebracht. Das mĂŒssen Sie dann schon mit Ihrem Gewissen ausmachen“, sagte der Wachtmeister und wies auf die TĂŒr.
Grußlos ließ Werner FĂ€ĂŸler den Wachtmeister stehen und ging nach Hause.

Version vom 02. 05. 2016 13:40
Version vom 06. 05. 2016 18:22
Version vom 09. 05. 2016 16:41

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DocSchneider
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Ein interessanter Text, der so viele Themen berĂŒhrt, dass einem fast schwindelig wird. Trotzdem kommt fĂŒr mich zum Ausdruck, dass die Naziverbrecher normale Menschen waren. Eichmann war kein Ungeheuer. Das war ja gerade das Fatale, was vieles andere erst ermöglichte. Und bis zum Schluss hat er bekrĂ€ftigt, dass er nur die ZĂŒge bereit gestellt hat. Dein Prot haut in dieselbe Kerbe, ohne es zu begreifen.

Bei "Geiser" meintest Du "Geysir", bitte Àndern.


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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Blumenberg
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Doc Schneider

Hallöchen,

vielen Dank fĂŒr das nette Willkommen!

Der Geiser ist Absicht, da ich diesen Satz meinem Protagonisten in den Mund gelegt habe. Das Original ist eine Aussage Eichmanns aus dem Prozess in Israel und dort heißt es Geiser.
Ich freue mich auf weitere Anmerkungen und Kommentare.

Beste GrĂŒĂŸe!

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Blumenberg
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Hallo Ji Rina, Hallo Petra(smiles),

vielen Dank, dass ihr euch die MĂŒhe gemacht habt nach dem Lesen sogar noch ein paar hilfreiche Anmerkungen dazulassen. Ich freue mich, dass mein Text scheinbar gut angekommen ist.

@Ji Rina: BezĂŒglich des letzten Abschnittes hast du mit deiner Anmerkung recht, er kommt mir bei nochmaligem Lesen ein wenig gestelzt daher.

@petrasmiles: Die historische EinfĂŒhrung habe ich bewusst so lange gehalten. Vielleicht ging da ein wenig zu sehr der Didaktiker mit mir durch, da ich auch Leuten, die sich in der Thematik nicht gut auskennen (und wer tut das heute noch...schnief)einen verstĂ€ndlichen Denkanstoss geben wollte.


Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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Hyazinthe
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Hallo Blumenberg!

Ich habe deinen Text aufmerksam gelesen, und ich muss sagen, ich bin zwiespÀltig, sowohl was die Form als auch was den Inhalt betrifft.
Zum Inhalt: Du hast dir fĂŒr deinen Einstand bei der LL ein schweres Thema ausgesucht, von dem du einen bestimmten Aspekt beleuchtest: Die nach dem Ende des sog. 3. Reiches einsetzende VerdrĂ€ngung des Schrecklichen bei vielen Deutschen, fĂŒr die dein Protagonist ein Beispiel ist. Das ist mutig und interessant. Nicht ganz ĂŒberzeugend finde ich FĂ€ĂŸlers plötzlichen Entschluss, sich der Justiz zu stellen, wobei die Festnahme Eichmanns als Auslöser dient. Dazu ist der VerdrĂ€ngungsprozess, der ja schon ĂŒber fĂŒnfzehn Jahre anhielt, zu tiefgreifend.
Zur Form: Du gestaltest deinen Text im Wesentlichen in der personalen ErzĂ€hlweise in der dritten Person, also aus der subjektiven Perspektive des Wenrer FĂ€ĂŸler. Das gibt dem Leser die Möglichkeit, mitzudenken und mitzufĂŒhlen. Dazu passt aber nicht die distanzierte Reflexion des Begriffs der VerdrĂ€ngung (nach Freud); dein Protagonist kennt diesen Prozess ja, wie du schreibst, gar nicht. Auch die geschichtlichen Daten wollen nicht so recht passen zur personalen ErzĂ€hlweise.

Gruß, Hyazinthe



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Blumenberg
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Liebe Hyazinthe,

nun finde ich endlich die Muße dir zu antworten. ZunĂ€chst einmal vielen Dank, dass dich die "schwere Kost" des Themas nicht abgeschreckt hat.
Deine Textkritik ist fĂŒr mich sehr hilfreich und gerade bei deinem zweiten Punkt, dem Wechsel der personalen ErzĂ€hlweise und der distanzierten Reflexion, hast du absolut Recht. Ich versuche bereits eine Lösung zu finden, die den Text auf dieser Ebene ein wenig runder macht.
Den inhaltlichen Punkt sehe ich etwas anders. Bei einem lĂ€ngeren Text wĂŒrde ich dir recht geben, dort mĂŒsste der Übergang zurĂŒck zu den verdrĂ€ngten Erlebnissen tatsĂ€chlich ausfĂŒhrlicher und kleinteiliger gestaltet werden. Mir ging es darum in aller KĂŒrze zu zeigen, dass ein grĂŒndlicher VerdrĂ€ngungsprozess, auch ĂŒber einen langen Zeitraum, immer fĂŒr eine brĂŒchige Sache darstellt und dass die errichtete Schutzmauer um eine traumatische Erinnerung auch bei einem kleinen unscheinbar wirkenden Auslöser zu brechen vermag. FĂ€ĂŸlers Gang zur Justiz habe ich gewĂ€lt, weil in unserer Gesellschaft die Justiz die Instanz darstellt, die Fehlverhalten und Schuld letztlich feststellen und betrafen soll. In einer Zeit, in der die eigene Vergangenheit einen tabuisierten Bereich darstellt ĂŒber den zwischen Kollegen, aber auch zwischen Freunden und innerhalb der Familie nicht geredet wird, erschien mir fĂŒr FĂ€ĂŸlers inneres BedĂŒrfnis nach einem Zuhörer und letztlich auch nach Strafe und Absolution der neugegrĂŒndete Staat als die richtige Instanz. Vor allem um ein Schlaglicht auf den Unterschied zwischen dem eigenem subjektiven Schuldempfinden und jurstistisch sanktionierbarer Schuld zu werfen. Gleichzeitig ging es mir darum zu zeigen, dass auch innerhalb der staatlichen Ordnung der Wunsch nach einem endgĂŒltigen Abschließen mit der Vergangenheit zu einer Tabuisierung fĂŒhren kann und damit dazu, dass sich der Staat bzw. die Behörden einer weiteren Aufarbeitung entziehen. (Hier ließe sich beispielsweise auch das Nichtreagieren der BRD auf Hinweise zu Eichmanns Aufenthaltsort in Argentinien denken.)

Da aber auch diese Antwort wieder in den Bereich "schwerer Kost" abzudriften droht, schließe ich noch einmal mit einem ehrlich empfundenen Dank fĂŒr die hilfreichen Anmerkungen.

Beste GrĂŒĂŸe,

Blumenberg

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