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Leselupe.de > Feste Formen
Das flüstern ist ein leises
Eingestellt am 25. 07. 2013 18:27


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Walther
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Registriert: Sep 2004

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Das flüstern ist ein leises / der ton klingt wie aus stahl
& jenseits des geleises / hat niemand eine wahl
ich spreche ein versprechen / doch klug ists sicher nicht
die heilung der gebrechen / ist nirgends mehr in sicht

Denn um uns fallen bomben / die städte sind im krieg
das sein in katakomben / ein unglück wird nicht sieg
weil man es dazu betet / ein schrei ist manchmal stumm
Denn wenn die sprache tötet / kommt alles darin um

Du stehst dort auf dem hügel / & schaust ins tal das brennt
ach wüchsen uns nur flügel / gebein das schneller rennt
& blühten unsre gärten / wie einst in unsrer jugend
ach heilten die versehrten / & sprösse neue tugend

Doch bei uns lebt das morden / & tod & schmerz & hass
im süden wie im norden / auf rachsucht ist verlass
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Bernd
Foren-Redakteur
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Registriert: Aug 2000

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Ein Sonett in der heute seltenen Alexandriner-Form.
Diese gibt dem Gedicht zugleich eine historische Dimension.
Die geschilderten Ereignisse sind (leider) in Wiederholung begriffen und immer tragisch. Der tragische Ton wird durch den Alexandriner verstärkt.

"ach heilten die versehrten / & sprösse neue tugend"

Hier habe ich zunächst falsch einen Fehler vermutet:

"ach heilten die versehrten / & sprösse neuer tugend"

Jedoch ist "sprösse" als Verb viel stärker, ein Verlangen nach Hoffnung.
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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HerbertH
???
Registriert: May 2007

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Ich bin mir nicht ganz klar, ob diese Spaltvers-Sonett-Variante auch ein klassischer Alexandriner ist, weil jeweils in der "Mitte" der Verse - vor und nach der Zäsur - zwei unbetonte Silben auf einander folgen. Normalerweise ist beim Alexandriner die letzte Silbe vor der Zäsur eine Hebung.

Das Spaltvers-Sonett bietet aber letztlich 3 Sonette in einem, ein Kunststück, das man doch selten sieht. Man sollte "links", "rechts" und "ganzzeilig" je ein für sich lesbares Sonett lesen können. Hier ist dies nicht durchgängig der Fall. Wahrscheinlich hast Du, lieber Walther, es auch nicht so angelegt.

Liebe Grüße

Herbert
__________________
© herberth - all rights reserved

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Walther
Routinierter Autor
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hallo ihr lieben,

schön, daß dieser versuch, spaltvers, alexandriner und sonett in ein neues kleid zu gießen, das deutliche anleihen, sowohl in form, bilderwahl als auch sprache und tenor an das 15. - 17. jahrhundert verwendet, so intensive debatten auslöst. genau das sollte es ja, denn der text ist ein politischer.

bernd hat mit dem finger bereits in die richtung gezeigt, die das gedicht aufnimmt. letztlich greift der text das motiv vieler sonette aus den religionskriegen auf, die nach dem anschlag von luthers thesen bis 1648 zentraleuropa und besonders deutschland verheerten. für historisch interessierte ist der aktuelle kampf im islam zwischen säkularisierten modernisierern und gestrigen islamisten in erschreckender parallelität zu der damaligen auseinandersetzung in europa zu sehen.

ich habe auch an anderer stelle den vorwurf der seelenlosigkeit erhalten. diesen weise ich bewußt deutlich von mir. dieser text ist nicht seelenlos, wenn man sich näher mit den bildern und ihren bezügen auseinandersetzt. das muß man aber tun, um ihn zu entschlüsseln.

dafür, daß er einfach wie aus einem guß schwingt, kann ich nicht. er ist in einem rutsch entstanden, und man wird sich sehr schwer tun, einen echten handwerklichen fehler zu finden. wer ihn laut vorträgt, wird bemerken, daß er sofort eine eigene melodie entwickelt, sich quasi sprechsingt. auch dafür kann ich nur insofern etwas, daß das am ende so geworden ist, ohne es zu planen.

ich hoffe, einige der aspekte, die hier angeschnitten wurden, behandelt und die eine oder andere frage geklärt zu haben. wenn der wunsch besteht, werde ich zu architektur und bilderbezügen anhand der 1. strophe ein paar überlegungen einstellen. den rest des texts möchte ich nicht erläutern, weil dann sein geheimnis verloren ginge.

lg w.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

Werke: 2273
Kommentare: 11236
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Über solche Überlegungen würde ich mich sehr freuen.

Das flüstern ist ein leises / der ton klingt wie aus stahl

vor dem Kampf herrscht stille, man hat die Kanonenrohre erfunden, heute sind die meisten Waffen aus Stahl
Aber wir wissen noch nicht ob es Krieg ist.
es herrscht auch der Wiederspruch von Flüsten und schneidendem Befehlston, selbst das Flüstern, selbst ein lautloser Befehl kann wirken.

& jenseits des geleises / hat niemand eine wahl

Wir bewegen uns auf vorgeschriebenen Bahnen, eine alte philosophische Richtung. Was wir tun, ist fatalistisch vorbestimmt durch phyikalische Gesetze der Kausalität.
Und diese gelten selbst außerhalb der Geleise.
Selbst dort kann man sein Schicksal nicht bestimmen.

ich spreche ein versprechen / doch klug ists sicher nicht

Natürlich kann man ein Versprechen sprechen, aber halten kann man es nur, wenn es sich auf der Bahn befindet.
Klug oder nicht? "Klug" widerspricht diesem Fatalismus, denn sonst wäre es nicht klug, sondern einfach da, wie die Klugheit selbst.

die heilung der gebrechen / ist nirgends mehr in sicht

Es ist sehr viel schiefgelaufen, man kann es kaum ins Reine bringen.


Das flüstern ist ein leises
& jenseits des geleises
ich spreche ein versprechen
die heilung der gebrechen

Hier entfällt der Fatalismus, er wird negiert, Ich bin außerhalb des Geleises, habe einen freien Willen und bin verantwortlich. Ich will mit dafür sorgen, dass es besser wird.


der ton klingt wie aus stahl
hat niemand eine wahl
doch klug ists sicher nicht
ist nirgends mehr in sicht

Hier ist es jetzt der unzweifelhafte und pure Fatalismus.
Die Zukunft ist vorbereitet und kann nicht verändert werden, auch wenn es nicht klug ist.

Keine Änderung zu sehen ... die Katastrophe unausweichlich.
Obwohl das so auch nicht steht. Denn wir wissen nicht, was daraus folgt.
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Walther
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lb bernd,

das schöne ist, das metaphern durchaus unterschiedliche bilderwelten anstoßen können. das ist seit einiger zeit durchaus meine absicht.

meine hinweise zu meinen überlegungen:

(1) dialogische form: ich-du-wir
(2) syrien, naher osten
(3) s1
s1v1 ist das klassische bild einer drohung, die in v2 verstärkt wird. hier wird nämlich unter der umkehr der metapher "die angestammten g(e)leise" verlassen unbedingter gehorsam eingefordert. "ich", hier der prediger, "verspreche etwas, was ich nicht halten kann, nämlich die heilung der gebrechen". ein klarer verweis wiederum auf eine handlung, die am enden nicht geschieht, weil das versprechen nicht eingehalten kann, auch wenn das buch der bücher davon spricht.

das stichwort "syrien" soll nicht überhöhen - es ist der anlaß für eine verdichtetete betrachtung in einer antiken form mit bildern, die aus der brachialen zeit des 14. - 16. jahrhunderts stammen und fast mühelos, dein einwurf dokumentiert das ja, in die istzeit transportierbar sind. vorausgesetzt, man kennt die sprache und deren bilder und weiß, was sie wirklich bedeuten.

die modernität: "ein schrei ist manchmal stumm // Denn wenn die sprache tötet / kommt alles darin um". das ist nicht mehr mittelalter oder barock, das ist heute. der glaube ist zerbrochen, weil man weiß, daß der herrgott nichts richtet (und auch nicht richtet [im sinne von ganzmachen]). das müssen wir schon selbst.

ich hoffe, diese überlegungen helfen weiter.

lg w.
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Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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