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Leselupe.de > Feste Formen
Der Trauerwinter kommt und frisst das Grün - Sonett
Eingestellt am 25. 04. 2016 11:26


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Walther
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Der Trauerwinter kommt und frisst das Grün


Der Krug, der brach, ging nicht zur Neige, nein,
Er ließ den Brunnen linkswärts lässig liegen.
Die Scherben selbst, man glaubt es kaum, sie siegen,
In Krieg und Liebe: Ja, so muss es sein.

Erschöpft der Brunnen, nach den vielen Kriegen
Der Quell versiegt: Der Mensch kriegt alles klein
Und kurz, was lang war, und er stirbt allein.
Was irden ist, geerdet, wird nicht lange fliegen.

Die Tropfen sammeln sich im Kelch der Blüten.
Wo gestern sich die Hummeln laut bemühten,
Wird heute nur ein letztes Glitzern glühn.

Wer fängt es auf, das Blut, das fließt und rötet,
Wenn Jugend sich und alle Hoffnung tötet:
Der Trauerwinter kommt und frisst das Grün.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Bernd
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Der Schlüsselvers in diesem Gedicht ist "Was irden ist, geerdet, wird nicht lange fliegen.", besonders hervorgehoben durch einen extra Takt.
Damit klingt er anders, als die restlichen, eher lakonischen Verse.

"Fliegen": wenn Irdenes in dieser Umgebung fliegt, fliegt es im Sinne des Fluges nach einem Wurf, es entstehen Scherben. Eine Warnung und Drehpunkt des Sonetts.

__________________
Copy-Left, samisdada, Träger des Wikiläums-Verdienstordens in Rubin

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Walther
Routinierter Autor
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Lieber Bernd,

danke, das hast du genau erkannt. ich habe dort 6 hebungen verwendet, das fällt aber wegen der rhythmik des verses kaum auf. es kann nichts gestrichen werden, da sonst die brechung der bilder davor nicht funktioniert.

das ist ein experiment, aber bei dir und Label scheint es funktioniert zu haben.

lieber gruß W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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petrasmiles
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Hallo Walther,

ich finde diesen Text auch sehr anrührend.
Einzig das 'lässig' will mir nicht recht gefallen, es klingt für mich flapsig - und es hat keine Entsprechung im Rest des Textes. Damit wirkt es umso dominanter. Eigentlich könnte es auch ein anderes zweisilbiges Wort sein wie 'dunkel' oder 'achtlos'.

Gruß
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug für Gutwerter!

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Walther
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lb. Petrasmiles,

danke für deinen eintrag und den berechtigten hinweis. das "lässig" kann man in der tat diskutieren. allerdings habe ich zwei, wie ich meine, gute gründe, warum ich es nach vielem hin und her dann doch genommen habe.

der eine ist der stabreim im vers:

quote:
Er ließ den Brunnen linkswärts lässig liegen.
der zweite liegt darin, daß das verb "lassen" (hier in der vergangenheit: "ließ") sich in "lässig" verzerrt reflektiert, vom wortstamm her, aber auch in der bedeutung.

lieber gruß W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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