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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Frau mit der Pflanze
Eingestellt am 28. 10. 2014 19:05


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sonah
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2013

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Die Cafeteria ist ein freundlicher Raum. Trotz Neonbeleuchtung wirkt das Licht fast natĂŒrlich. Vielleicht liegt es an den gepflegten GrĂŒnpflanzen, die jeweils mittig auf den Tischen angeordnet sind. Es sind sehr saubere Tische. Ein paar kleine ZierkĂŒrbisse stehen in einem Korb am Tresen. Durch die großen Fenster kann ich direkt nach draußen schauen. Dort ist es grau und bedeckt, typisches Novemberwetter im Oktober. Der Morgen begann mit einer gedĂ€mpften Helligkeit, die sich auch bis zum Mittag nicht Ă€ndern wĂŒrde. Aber in dem Raum kann man sich wohlfĂŒhlen, wenn man nicht nach draußen schaut. Es liegt ein leichter Geruch von frischen Brötchen und Kaffee in der Luft, der sĂ€mtliche EindrĂŒcke ĂŒberlagert. Es sind nur noch wenige GĂ€ste an den Tischen, die Stoßzeit scheint gerade vorbei zu sein.

Die Nacht war wenig erholsam verlaufen, mit einigen Wachperioden. Ich bin mĂŒde und weiß nicht, was heute auf mich zukommen wird. Ich wĂŒrde jetzt gerne einen Kaffee trinken, etwas warmes GebĂ€ck dazu. Oder besser noch unsichtbar sein und die Leute beobachten, mich dem MĂŒĂŸiggang hingeben, einfach treiben lassen. Die Gedanken wandern ohne Ziel, springen vom Eindruck zur Idee zur Empfindung.

Ich sitze hier mit meinen Kollegen und einem anderen Teilnehmer der offiziellen Besprechung und versuche, einen guten Eindruck zu machen. Wie macht man einen guten Eindruck? Macht man einen schlechten Eindruck, wenn man keinen guten Eindruck macht?

Ich beobachte die Bedienstete in der Cafeteria, die auf einem Stuhl sitzt, sorgfĂ€ltig mit einem Blick fĂŒr jedes Detail eine Zimmerpflanze mit einer Schere stutzt, die toten BlĂ€tter abschneidet, Blatt fĂŒr Blatt, eins nach dem anderen. Ihr scheint die TĂ€tigkeit zu gefallen, sie ist bei der Sache.

Die Gedanken wollen sich nicht steuern lassen, sie spielen mit den fallenden BlĂ€ttern draußen vor dem Fenster, wirbeln im Oktoberwind. Das GesprĂ€ch ist nicht anspruchsvoll, ein paar Fragen, etwas Small Talk: Wie ist Dortmund als Stadt ... FußgĂ€ngerzone nachts tot ... Junkies in Frankfurt ... Berlin interessant ... ĂŒberall anders ... Stadtspaziergang in Darmstadt ... KĂŒnstlerkolonie. Das GesprĂ€ch weist LĂŒcken auf, weil meine Gedanken mir immer wieder entgleiten.

Ich schaue mich in der hellen Cafeteria um, sehe die Pflanzen, die appetitlichen Brötchen am Tresen, die Dekoration. Es erscheint so, als wĂ€re die Frau mit der Pflanze hier zu Hause und wĂŒrde nicht nur dieser TĂ€tigkeit nachgehen, weil es zu ihrer Arbeit gehört. Ich stelle mir vor, dass sie gerade eben ihr Buch beiseitegelegt hat und nun in ihrem Wintergarten die Pflanzen stutzt.

Ich mache mir VorwĂŒrfe, dass ich mich so wenig am GesprĂ€ch beteilige. Dabei strenge ich mich normalerweise an, die ganze Zeit. Nicht heute Morgen, aber gestern, versuche mich zu beteiligen, zuzuhören, zu verstehen, intelligente VorschlĂ€ge zu machen. Und doch wirken die anderen immer sicherer. Wissen sie auch besser Bescheid? Es scheint alles umsonst zu sein und abends bin ich nur noch ausgelaugt, will allein sein, aber kann nicht, da es noch ein gemeinsames Essen gibt. Ich hoffe, dass die TrĂ€nen nicht mehr kommen, die roten Augen nicht mehr auffallen, wenn ich zum Treffen gehe. Die Spuren werden rasch weggewischt, aber der Schmerz bleibt, das sich allein fĂŒhlen, hilflos, fremd. Das lĂ€sst sich nicht eliminieren, ist aber zu privat, das soll niemand sehen. Ich muss funktionieren, souverĂ€n sein, unangreifbar.

Und ich stehe den Abend auch noch durch und den nÀchsten Morgen und versuche weiterhin, einen guten Eindruck zu machen oder denke mir zumindest, ich sollte es tun. Ich versuche es, versuche es vielleicht zu sehr.

Ich wĂ€re jetzt gerne diese Frau. Ich wĂŒrde einfach die BlĂ€tter abschneiden und dann ein Brötchen verkaufen.

Sicher, es ist eintönig, Tag fĂŒr Tag, schlechter bezahlt, vielleicht sind die Leute auch unfreundlich, von oben herab. Es hat Tradition, auf die hinabzusehen, die fĂŒr einen sorgen. DafĂŒr habe ich nicht studiert. Aber die Frau mit der Pflanze sitzt einfach da und macht ihre Arbeit, als gĂ€be es nichts anderes auf der Welt. Sie scheint nicht voller Zweifel zu sein. So friedlich wirkt es, wie eine andere Welt, eine heilere Welt.

Wie eine Katze wirkt die Frau mit der Pflanze, die aus freien StĂŒcken etwas tut. Die Katze denkt sich auch nicht, wenn sie vor dem Kamin liegt und schnurrt: "So ein Ärger, jetzt liege ich schon wieder vor dem Kamin. Ich sollte an der frischen Luft sein." Oder tut sie es vielleicht doch? Dann wĂŒrde sie nicht schnurren. Dann wĂŒrde sie MagengeschwĂŒre bekommen, fĂŒr ein Eigenheim sparen und einen Mittelklassewagen fahren. Sie wĂŒrde ihr Handy tagsĂŒber nie abschalten und nachts vom Kamin trĂ€umen.

28.10.2024 : Ablauf geĂ€ndert, Ich-ErzĂ€hlerin, Stellen gekĂŒrzt
29.10.2014 : Tippfehler korrigiert
02.11.2014 : hierarchische Doppelpunkte ersetzt
04.11.2014 : Korrekturen





Version vom 28. 10. 2014 19:05
Version vom 29. 10. 2014 06:57
Version vom 29. 10. 2014 16:24
Version vom 02. 11. 2014 19:05
Version vom 04. 11. 2014 07:19

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cellllo
Guest
Registriert: Not Yet

"Sie versucht es, versucht es vielleicht zu sehr, und beobachtet die Bedienstete in der Cafeteria, die sich auf einen Stuhl gehockt hat, mit angezogenen Beinen, gemĂŒtlich hineingekuschelt und ganz in Ruhe, sorgfĂ€ltig mit einem Blick fĂŒr jedes Detail, eine Zimmerpflanze mit einer Schere stutzt, die toten BlĂ€tter abschneidet, Blatt fĂŒr Blatt, eins nach dem anderen."
Hab ich das richtig verstanden ?
Die Bedienstete kuschelt mit angezogenen Beinen (???) auf einem Stuhl und in dieser Haltung beschneidet sie die Zimmerpflanze ???

Egal wie, aber diese Bedienstete, dieses beneidete Gegenbild der Ich-ErzĂ€hlerin, sollte irgendwie schon frĂŒher im Text eingefĂŒhrt werden und die langen vielen Abschnitte, die nur vom Befinden der Ich-ErzĂ€hlerin handeln, sollten immer wieder von kleinen gelassen-entspannten Handlungen der Bediensteten konterkariert werden, bis diese schließlich anfĂ€ngt, geruhsam die Pflanze zu beschneiden und dann schließlich zutiefst beneidet wird...

Die Idee der Geschichte finde ich sehr gut und symptomatisch !
Auch ich hab mich Jahrzehnte permanent ĂŒberfordert gefĂŒhlt im Beruf und mich soooo oft ganz Ă€hnlich nach einer bescheiden-schlichten TĂ€tigkeit gesehnt...
Mein Sohn hat als typischer Leistungsverweigerer diesen Weg realisiert, hat nun endlich einen "bescheidenen Job" und wird da total bis auf die Knochen ausgebeutet !!!
So kann man sich leider gewaltig irren.... :-(
cellllo

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo sonah,
ich schließe mich Arnos EinschĂ€tzung voll an:

quote:
Dein Text, sonah, hat mich sprachlich wie auch inhaltlich angesprochen, wohl da ich selbst zu dieser Art von psychologischem Realismus tendiere.
Eine sehr einfĂŒhlsame und nachvollziehbar lebensechte kleine ErzĂ€hlung. Den hier ĂŒblichen Kriterien der Form einer Kurzgeschichte (Plot) entspricht der Text wohl nicht, aber was sollÂŽs mit dieser sklavischen Genreeinordnung. Das tut der QualitĂ€t des Textes keinen Abbruch. Kannst ihn ja verschieben lassen.

Die Doppelpunkte im ersten Satz wĂŒrde ich durch Kammata ersetzen. Doppelpunkt hierarchisch unter Doppelpunkt ist etwas befremdlich.

quote:
Die Gedanken wollen sich nicht steuern lassen, sie spielen mit den fallenden BlĂ€ttern draußen vor dem Fenster, wirbeln im Oktoberwind.
Ein wundervoller Satz, wie ich das liebe.
LG USch

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DocSchneider
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Vielleicht keine KG im klassischen Sinne, weil ja nur innere VorgÀnge und Gedanken beschrieben werden, aber die so gekonnt, als ginge die Prot dabei spazieren. Insofern gefÀllt mir der Text.
Vor allem auch, weil er thematisiert, ob man immer das haben will, was anderen haben - und ob das wirklich gut ist. Und wer hat keine Zweifel an dem, was er tut? Die Frau mit der Pflanze eventuell auch. Bleibt ja offen, was wiederum ein Nachdenken fördert, also insofern - Text gelungen.

Ein Fehler:

quote:
Vielleicht liegt es an den gepflegten GrĂŒnplanzen

Schenk der Pflanze noch ein f.


Die Nacht war wenig erholsam gewesen,

Besser: Die Nacht war wenig erholsam verlaufen.


quote:
Ich beobachte die Bedienstete in der Cafeteria, die auf einem Stuhl sitzt, ganz in Ruhe, sorgfĂ€ltig mit einem Blick fĂŒr jedes Detail eine Zimmerpflanze mit einer Schere stutzt, die toten BlĂ€tter abschneidet,


Hier könntest Du das "ganz in Ruhe" streichen, da es eigentlich klar ist, dass sie das in Ruhe tut, wenn sie so sorgfÀltig eine Pflanze bearbeitet.


LG Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Die Frau mit der Pflanze

Hallo sonah,
dein Text hat mir außerordentlich gut gefallen!
Der Pro (Frau oder Mann?) ich bleib mal bei Mann, ist einsam und allein; er muss aber funktionieren und darf keine SchwÀche zeigen (TrÀnen bei MÀnnern werden ja noch schwerer bestraft als bei Frauen), um nicht als "Weichei" auf die "Abschussliste" zu kommen.
Die Themen der Besprechung hĂ€lt er fĂŒr banal; muss sich aber daran beteiligen, sich interessiert zeigen, vielleicht sogar etwas in den Raum stellen, was er gar nicht vertreten kann oder möchte, nur um prĂ€sent zu sein!
(Kollegen sind ja die grĂ¶ĂŸten Feinde!)

Er sieht seine TĂ€tigkeit als Job und nicht als Beruf.
Die Frau, die die Pflanze beschneidet, macht es nicht nur akkurat, sondern wohl auch mit Liebe.
Deshalb beneidet er sie und möchte mit ihr tauschen.
Wahrscheinlich nicht real (weniger Geld, weniger Ansehen) nur
von der Einstellung, vom Kopf und GefĂŒhl her.
Ich meine, es ist eine Art "Sinnfrage" - Wie auch immer, ich
halte diesen Text fĂŒr literarisch!
Lieben Gruß Maribu


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