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Leselupe.de > Humor und Satire
Eltern, eine unbeliebte Spezies
Eingestellt am 10. 04. 2019 09:46


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enderman
Hobbydichter
Registriert: Apr 2019

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Von der Klassenlehrerin organisiertes Eltern-Kind-Picknick im Park.
Ende Oktober.
Juhu.
Als wenn die inflationĂ€r auftretenden Elternabende nicht schon genug wĂ€ren. ZusĂ€tzlich noch fĂŒr die nĂ€chsten drei Jahre, jeweils sechs Abende pro Jahr Vorbereitung der „Lebenswende“. Nicht zu vergessen, der gemeinsame Besuch der „HĂ€nsel und Gretel“ Oper kurz vor Weihnachten. Die Eltern hĂ€tten ja mal auf den Weihnachtsmarkt gehen können, mit GlĂŒhwein und so. Nein, es soll was Gemeinsames sein. Als wenn meine Kinder nach der Schule nicht nach Hause kommen.
Vier Personen in die MĂ€rchenoper. Das macht zweiundneunzig Euro bitte. Ich bin nicht geizig, aber da musste ich dann doch zweimal schlucken, um den trockenen Brocken hinunter zu wĂŒrgen. Als Krönung der ganzen Aktion, kommt die Anstifterin des Events gar nicht mit. Lehrer haben auch nicht immer Zeit. Ähnlich wie Rentner.

Den ganzen Tag ĂŒber warte ich auf den versprochenen Regen. Dicke Wolken lassen mich hoffen, aber kurz vor 17:00 Uhr ist noch kein Tropfen vom Himmel gefallen. Also schnappe ich das Kind und mache mich auf den Weg zum Park. Dies erfordert eine Totaldurchquerung des Stadtzentrums. Um diese Zeit mit dem Auto durch den Berufsverkehr. Der Wunschtraum eines jeden unentspannten Familiengestressten.
Nachdem auch dafĂŒr wieder ein paar meiner Nerven ihr Leben lassen mussten, kommen wir endlich im Park an. Voller Freude fĂ€llt mir auf, dass nun auch die letzte Freiparkoase mit zwei Parkuhren verschönert wurde. Leider stehen hier keine „FĂŒttern verboten!“ Schildern.

Ich liege gut im Mittelfeld bezĂŒglich der Ankunftszeit. Bin nicht der Erste aber auch nicht zu spĂ€t. Also vorbildlich wie man mich halt kennt. Das Kind ist sofort verschwunden und streunt mit den anderen freilaufenden Nachwuchsrambos im Buschwerk herum. WĂ€hrenddessen werfe ich die mitgebrachten Snacks auf den großen Haufen, der ein provisorisches Buffet darstellen soll.
Es sind scheinbar nur MĂŒtter anwesend, die heftig ĂŒber Abwesende diskutieren. Ich fĂŒhlte mich so fehl am Platz wie ein Gartenzwerg im Guggenheim.

Jetzt kommt die große Überraschung: Es beginnt zu regnen.
Alle drĂ€ngen sich unter dem grĂ¶ĂŸten Baum zusammen. Schöne Vorbilder. Das erleichtert aber das Kennenlernen von Erst-teilnehmern am Eltern-Kind-Event. Auf- bzw. Abbruch kommt nicht in Frage, weil dieser Termin bereits dreimal verschoben wurde. Also heißt es durchhalten. Ein verzweifelter Vater will sich gerade eine Kippe anzĂŒnden. Grober Fehler. Er wird verbal zusammengefaltet und insgeheim zum Assi abgestempelt. Aus den noch vorwurfsvollen Blicken werden aber schon bald mitleidige. Der arme Kerl, abhĂ€ngig und zu Hause wohl nur geduldet wie eine Zecke im Pelz des Hundes.
Notgedrungen stelle ich mich zu der mir nĂ€chstgelegenen Gruppe und lausche aufmerksam dem GesprĂ€ch. Wie sich herausstellt, beklagen sich die MĂŒtter ĂŒber unmögliche Hausaufgaben. Es reicht wohl nicht, dass sie gerade mit der PrĂ€sentation ĂŒber das Leben im Mittelalter fertig geworden sind. Recherchieren, malen, drucken, aufkleben und dem Kind noch erklĂ€ren was es da eigentlich gemacht hat. Nein, jetzt auch noch ein Herbarium anfertigen. Da die Sprösslinge es eh nicht richtig gemacht hĂ€tten, wurde in die umliegenden WĂ€lder ausgeschwĂ€rmt und alles Gesammelte, penibel aufbereitet. Und dann muss ja bis nĂ€chste Woche auch noch die Wandzeitung zum Thema Vivaldi fertig sein. Vielleicht könne man sich ja zu einem Eltern-Brain-Storming beim Griechen treffen. Das mit dem Griechen klingt gut. Allerdings verstehe ich erst nicht ganz, was das Problem ist.
„Wieso habt IHR das denn gemacht?“
Erstaunte, teils ratlose Blicke lasten auf mir.
„Wie jetzt? Hast du etwa nichts gemacht?“, schallt es schon mehr als vorwurfsvoll, aus der sich nun gegen mich formierenden Front zurĂŒck.
NatĂŒrlich habe ich geholfen. Habe mehrere A4 BlĂ€tter zusammengeklebt, beim Trocknen der BlĂ€tter geholfen und Pflanzennamen gegoogelt. Das Kind ist mit dem Rad im Park umhergedĂŒst und hat mit Spaß das GrĂŒnzeug geerntet. Das muss ich ja wohl nicht machen. Das Aufkleben und Beschriften hat es auch ganz allein geschafft.
Nachdem ich dies im lockeren Smalltalk Ton zum GesprĂ€ch beigetragen habe, kippt die Stimmung. Ich kann Verachtung in hasserfĂŒllten Augen sehen. Man beginnt mich zu meiden.
Bin ich ein Rabenvater, weil ich das Kind nicht jeden Morgen bis vor die TĂŒr des Klassenzimmers fahre? Ist es unverantwortlich, dass mein Kind abends um 21:00 Uhr nicht mehr ans Handy darf um Klassen-Chat-Nachrichten der Lehrerin zu bekommen? Ich bin vielleicht konservativ aber einen Pilotenschein fĂŒr Helikoptereltern brauche ich nicht.
Drei andere VĂ€ter wurden zum Grasen oder Auswildern am Rast-platzrand von Ihren Frauen ausgesetzt. Ich schlendere so unauffĂ€llig wie möglich hinĂŒber. Sie scheinen gut domestiziert worden zu sein. Keiner uriniert ins Gras oder beschnĂŒffelt das Hinterteil seines Nachbarn. Zur BegrĂŒĂŸung nickt man mir zu. Sofort sind wir solidarisch auf einer WellenlĂ€nge. Um das Eis zu brechen, erkundige ich mich, wer denn die dĂŒnne Blonde mit dem selbstgestrickten Rock ist. "Das ist die Mutter von Krawall-Mattes. Die ist aber Dozentin und außerdem ein bisschen komisch." Ich erwidere: "FigĂŒrlich ist die doch top."
"Naja, so was nutzt sich aber schnell ab."
Auf diesen Kommentar habe ich nichts zu erwidern. So unschön die Erkenntnisse des Lebens manchmal sind, so wahr sind sie oft leider auch. Zur nachfolgenden Diskussion ĂŒber Fußball kann ich nichts beisteuern. Ich nicke ein paarmal, trotz völliger Unkenntnis und denke mir, dass ich gern mal wieder Billard spielen wĂŒrde. Eine besorgte Mutter löst sich aus der Gruppe der heftig ĂŒber die Klassenleiterin herziehenden Frauen und ruft herĂŒber: "Schatz, wo ist denn Eric? Ich kann ihn gar nicht mehr sehen. Such doch mal bitte. Gleich gibt es Essen."
Meine drei Mitstreiter reagieren nicht. Ich bin gespannt welcher von ihnen das SchĂ€tzchen ist. Schließlich gibt sich das Opfer doch widerwillig zu erkennen. HĂ€nde in den Hosentaschen ruft er zurĂŒck: "Lass mal. Die sind da hinten irgendwo in den BĂŒschen. Die haben jetzt keine Zeit zum Essen." Mutig, denke ich mir. Die anderen Beiden wirken jetzt auch gleich drei Zentimeter grĂ¶ĂŸer. Sie stehen aufrecht und drĂŒcken das Kreuz durch. Stolz, rebelliert zu haben, beziehungsweise dabei gewesen zu sein.

Wortlos aber zielstrebig bewegen wir uns in Richtung des provisorisch aufgebauten Buffets. Irgendetwas scheint bei der vorherigen Absprache, trotz dreimaligen Treffens zur Vorbereitung dieses Nachmittags, aber doch schiefgelaufen zu sein. Ich sehe sieben SchĂŒsseln Nudelsalat und mindestens fĂŒnfzehn Baguettes. Dazu gibt es fĂŒnf Flaschen Salatdressing und drei ganze Pakete Zucker. Da niemand Kaffee mitgebracht hat, ist es auch nicht schlimm, dass nur vier Plastiktassen da sind. DafĂŒr können wir mit dreißig Plastikmessern dienen. Keiner verliert ein Wort ĂŒber irgendetwas davon. Teller gibt es auch keine, aber wenigstens eine Schachtel voll Kaffeelöffel. Gott sei Dank hatte ich ein ausgiebiges Mittagessen. Meine Lust auf Nudelsalat mit Zucker und Salatdressing hĂ€lt sich in Grenzen. Eine clevere Mutter hat eine Zweikilobox Gummitiere dabei. Als sie diese Schatztruhe öffnet, geschieht etwas Erstaunliches. Wie aus dem Nichts, plötzlich und völlig unerwartet, kommen die Kinder aus allen Himmelsrichtungen herbeigeströmt. Von oben bis unten verdreckt, schnaufend und hechelnd, scharen sie sich um das Gummigetier. FĂŒr sie ist die Welt in Ordnung.

Aus Richtung Parkcafe kommt uns eine Gruppe marodierender Rentner entgegen. Schlager grölend, humpeln sie am nahegelegenen Parkplatz vorbei. Ein rĂŒstiger DraufgĂ€nger schlĂ€gt mit seinem Gehstock nach einer leeren Bierdose. Er wankt leicht, bleibt aber aufrecht. Die Dose fliegt mit erstaunlicher Energie versehen gefĂ€hrlich nah an meinem Auto vorbei. Die Rentner rufen uns hustend und spuckend kaum verstĂ€ndliche Parolen zu und trollen sich in Richtung Bushaltestelle davon.
Ich atme auf und suche eine Strategie, mittels derer ich mich ohne großes Aufsehen, von der Party verabschieden kann. Die Baguettes sind mittlerweile durch den Nieselregen aufgeweicht und taugen nur noch als Teigköder fĂŒrs Angeln. Aus Nudelsalat wurde Nudelsuppe und langsam bricht die AbenddĂ€mmerung an. Bevor die Untoten im Wald erwachen, möchte ich in meinem warmen, hellen und trockenen Wohnbunker sein.
Ich zupfe mein Kind am Ärmel: „Wir mĂŒssen jetzt los.“
Das Kind antwortet entrĂŒstet: „Nö. Es ist gerade so cool.“
„Du bist völlig durchnĂ€sst und sollst dich nicht erkĂ€lten. Denk daran, ĂŒbermorgen schreibt ihr einen wichtigen Test. Außerdem mĂŒssen wir noch Oma abholen.“
Dies habe ich extra etwas lauter in die Abendstimmung gesprochen, damit auch jeder mitbekommt, warum wir jetzt aufbrechen mĂŒssen und auch niemanden mitnehmen können. Bevor ich noch weiterfĂŒhrend angesprochen werden kann, greife ich mir das Kind und bin auf dem Weg zum Auto. Wir machen einen großen Bogen um die Bushaltestelle und sind recht schnell im Stadtverkehr verschwunden, auf direktem Weg nach Haus.

Noch wÀhrend ich aussteige, summt mein Handy.
Blöderweise gibt es eine Eltern-Gruppe in der Social-Media-App. „Lieber Sebastian, du warst jetzt leider schon so schnell weg. Deshalb haben wir dein EinverstĂ€ndnis vorausgesetzt und beschlossen, dass ihr fĂŒr die Organisation des nĂ€chsten Eltern-Kind-Nachmittags verantwortlich seid. Danke und liebe GrĂŒĂŸe, Doris.“

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Rumpelsstilzchen
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