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Fieber
Eingestellt am 14. 10. 2012 15:13


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Ralf Langer
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Fieber

Seit den ersten Fiebersch├╝ben sehe ich klarer.
Es ist, als ob mit jeder Hitzewelle etwas in mir schwindet, abstirbt, sich wandelt.
Etwas, das meine Wahrnehmung, wie mir nun deutlich wird, beeinflu├čt hat.
Ich l├Ąchle viel. Trotz der Schmerzen, die mich mein K├Ârper empfinden l├Ąsst.
Soma. Nicht mehr als eine Form, eine H├╝lle f├╝r kausale Schlacke, die sich im Laufe des Lebens abgelagert hat, die ich nun beginne herauszuschwitzen.
Was ├╝brig bleibt ist Essenz. Ich sp├╝re es immer deutlicher.
Noch st├Ârt der K├Ârper. Noch dringen seine Signale irritierend auf mich ein.
Hunger am h├Ąufigsten.
Aber kein Gro├čer mehr. Nichts was wirklich schmerzt.
Nur noch Appetit. Eine Erinnerung an eine Gewohnheit. Der kleinste Anspruch den das Fleisch erhebt.
Aber ich gebe mich diesem Wegelagerer nicht hin.
Fleisch! Der gordische Knoten l├Âst sich auf.
Bald nur noch Garn, das der Sch├Âpfer, wie ein Koch, um eine Roulade wickelte um das Fleisch in einer Form zu halten, das seiner Natur nicht entspricht.
E = mc2 .
Das Fieber l├Âst diese Gleichung nach E hin auf.

Ich habe den Fernseher gestern endg├╝ltig ausgeschaltet. Die Ger├Ąusche st├Âren meine Konzentration.
Jetzt, da meine Sinne sich sch├Ąrfen, reicht mir der Blick von der Couch zum Fenster hinaus um die Welt zu begreifen.
Ich h├Âre wie Nachts die Ratten auf dem Hinterhof die M├╝lltonnen des Discounters durchw├╝hlen. H├Âre ihre tapsenden Schritte. Sie reden. Erst hielt ich es f├╝r Einbildung. Aber ein heftiger Fieberschub sch├Ąrfte auch diesen Sinn.
Sorgte f├╝r Klarheit:
Ja, sie reden.
Und sie lachen. Man wei├č ja, das Ratten viel zu lachen haben. Und wie sie lachen.Vor allen Dingen ├╝ber Haltbarkeitsdaten auf Verpackungen.
ÔÇ×Nie war das Leben so einfach.ÔÇť Sie johlen. ÔÇ×Werft nur alles weg.ÔÇť So spricht der Rattenk├Ânig.
ÔÇ×Unser Tisch ist reichlich gedeckt.ÔÇť
Das wiederum freut die streunenden Katzen. Alle werden satt.
Essen! Banalit├Ąten.
Von mir nur Kopfsch├╝tteln.
Aber die Ratten k├Ânnen es nicht wissen. Wei├č es ├╝berhaupt jemand au├čer mir:
Der Geist wird st├Ąrker, wenn der K├Ârper schwach ist.

Schritte im Hausflur lenken mich ab. Ich kenne den Rhythmus dieser Schritte;
Zwei Stufen gleichzeitig. Inne halten. Dann eine Stufe und wieder von vorn.
F├╝├če auf dem Weg zur Arbeit.
Mein Nachbar. Ingenieur. Verfahrenstechniker. Was ihn vorantreibt?
Auch Hunger. Aber ein Anderer. Hunger nach Wochenende. Bis Freitags erh├Âht sich das Tempo. Dann, ab 16.00 Uhr, wenn er geduscht ist, wenn die Seife die Monotonie der Woche von der Haut gesp├╝lt hat, ├Ąndert sich das Muster.
M├╝├čiggang.
Die Treppenstufen hinab werden die n├Ąchsten zwei Tage einzeln genommen. Nichts tun. Ich sehe ihn.
Sehe den Tresen. H├Âre das Bier seine Kehle hinunterrauschen. Wochenende.
Ich bleibe liegen. R├Ątsle ├╝ber Haltbarkeitsdaten von gezapftem Bier.
Der Rattenk├Ânig w├╝sste es. Aber Ratten trinken kein Bier. Biojoghurt reicht als Fl├╝ssigkeit.

Mein Urin hat seine Farbe ge├Ąndert. Der Himmel auch. Von meinem Lager aus sehe ich ihn nur zwischen dem Parkhaus und der Hinterwand des Schauburg Kinos hervorluken. Ein St├╝ck, das mit zusammengekniffenenen Augen zwischen Daumen und Ringfinger passt.
Der Himmel schiebt sich ins Violette, der Harn ins Dunkelgelbe. Der Harn riecht intensiver. Der Himmel hat keinen Geruch. Er ist Farbe. Die Stare be├Ąugen ihn argw├Âhnisch vom Dachsims
des Kinos aus. Die Farbe gef├Ąllt ihnen nicht. Das Violette scheucht sie auf.
Nicht so die Drossel.
In den ersten Tagen hatte ich sie gar nicht bemerkt. Ganz unscheinbar sitzt sie zwischen den welkenden Bl├Ąttern meiner Balkonpflanzen und singt.
Es ist eine Bachfuge, wie ich mittlerweile festgestellt habe.
ÔÇ×Toccata und Fuge in D minorÔÇť
Nat├╝rlich ist es eine eigenwillige Interpretation. Eine Drosselversion.
Aber es passt, passt zu den Starenschw├Ąrmen, die sich sammeln, passt zu der Farbe des Himmels.
Auf eine eigent├╝mliche Art und Weise bringt die Drossel mein Fleisch zur Resonanz.
W├Ąhrend ich liege, vibriere ich, schwinge. Vor allem vom Basslauf. Er sorgt daf├╝r, dass ich zu schweben beginne.
Leichtigkeit ist eine der letzten Stufen des Fiebers.


Ich bin aufgestanden,ganz langsam auf den Balkon gegangen. Es hat die Drossel nicht verscheucht.
Sie sitzt weiterhin zwischen den Pflanzen und singt.
Ich sp├╝re mittelmeerisches auf meiner Haut. Mu├č das Salz sein, denke ich. Ja, Salz ist Essenz.
Wie leicht alles geworden ist.
Dann brechen die Stare auf.




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__________________
RL

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ralf,

noch ein paar Ideen (und Hinweise auf fehlende Kommata, die ich zwar blau markiert habe, die aber nur bei versch├Ąrfter Betrachtung ins Auge fallen)
Vielleicht kannst das Eine oder Andere gebrauchen. Ein toller Text!

___________________________________________________________

Seit den Tagen der den ersten Fiebersch├╝ben sehe ich klarer.
Es ist, als ob mit jeder Hitzewelle etwas in mir schwindet, abstirbt, sich wandelt.
Etwas, das meine Wahrnehmung, wie mir nun deutlich wird, beeinflu├čt hat.
Ich l├Ąchle viel. Trotz der Schmerzen, die mich mein K├Ârper empfinden lassen will l├Ąsst.
Soma. Nicht mehr als eine Form, eine H├╝lle f├╝r kausale Schlacke, die sich im Laufe des Lebens abgelagert hat, die ich nun beginne herauszuschwitzen.
Was ├╝brig bleibt, ist Essenz. Ich sp├╝re es immer deutlicher.
Noch st├Ârt der K├Ârper. Noch dringen seine Signale irritierend auf mich ein.
Hunger am h├Ąufigsten. Am h├Ąufigsten Hunger (wei├č auch nicht, aber i-wie klingt es so - f├╝r mich - runder)
Aber kein Gro├čer mehr. Nichts, was wirklich schmerzt.
Nur noch Appetit. Eine Erinnerung an eine Gewohnheit. Der diminuativste (auf dieses Wort w├╝rde ich verzichten!) Anspruch, den das Fleisch erhebt.
Aber ich gebe mich diesem Wegelagerer nicht hin.
Fleisch! Der gordische Knoten l├Âst sich auf.
Bald nur noch Garn, das der Sch├Âpfer, wie ein Koch, um eine Roulade wickelte, um das Fleisch in einer Form zu halten, die ihrer Natur nicht entspricht.
E = mc2 .
Das Fieber l├Âst diese Gleichung nach E hin auf. (Hier w├╝rde ich die Formel noch mal in Worten stellen)

Ich habe den Fernseher gestern endg├╝ltig ausgeschaltet. Die Ger├Ąusche st├Âren meine Konzentration.
Jetzt, da meine Sinne sich sch├Ąrfen, reicht mir der Blick von der Couch zum Fenster hinaus, um die Welt zu begreifen.
Ich h├Âre, wie Nachts die Ratten auf dem Hinterhof die M├╝lltonnen des Discounters durchw├╝hlen. Die tapsenden Kl├Ąnge ihrer Schritte Ihre tapsenden Schritte. Und dann reden sie miteinander Sie reden miteinander. Erst hielt ich es f├╝r Einbildung. Aber ein heftiger Fieberschub lies mich die Dinge anders vernehmen sorgte f├╝r Klarheit.
Ja, sie reden.
Und sie lachen viel. Vielmehr als ich wahrhaben wollte. Man wei├č ja, das Ratten viel zu lachen haben.
Und wie sie lachen.Vor allen Dingen ├╝ber Haltbarkeitsdaten auf Verpackungen.

quote:
ÔÇ×Nie war das Leben so einfach.ÔÇť Sie johlen. ÔÇ×Werft nur alles weg.ÔÇť So spricht der Rattenk├Ânig.
ÔÇ×Unser Tisch ist reichlich gedeckt.ÔÇť

Vielleicht pr├Ągnanter so:
"Nie war das Leben einfacher", johlen sie, "werft nur alles weg", meint der Rattenk├Ânig, "unser Tisch ist reich gedeckt."

Das wiederum freut die streunenden Katzen. Alle werden satt.
Essen! Banalit├Ąten.
Von mir nur Kopfsch├╝tteln.
Aber die Ratten k├Ânnen es nicht wissen. Wei├č es ├╝berhaupt jemand au├čer mir:

quote:
Der Geist wird st├Ąrker, wenn der K├Ârper schwach ist.

Vielleicht: Der Geist wird st├Ąrker, je schw├Ącher der K├Ârper.

quote:
Schritte im Hausflur lenken mich ab. Ich kenne den Rhythmus dieser Schritte;
Zwei Stufen gleichzeitig. Inne halten. Dann eine Stufe und wieder von vorn.
F├╝├če auf dem Weg zur Arbeit.
Mein Nachbar. Ingenieur. Verfahrenstechniker. Was ihn vorantreibt?

"Schritte" wiederholt sich im 2. Satz, vielleicht sowas wie:

Schritte im Hausflur lenken mich ab, ich kenne den Rhythmus: zwei Stufen zugleich, innehalten, dann eine, dann wieder von vorn. F├╝├če auf dem Weg zur Arbeit - mein Nachbar, Ingenieur, Verfahrenstechniker. Was ihn vorantreibt?

Auch Hunger. Aber ein Anderer. Hunger nach Wochenende. Schon Montags beschleunigen sich seine Schritte. Bis Freitags erh├Âht sich das Tempo. Dann, ab 16.00 Uhr, wenn er geduscht ist, wenn die Seife die Monotonie der F├╝nf Tage Woche von der Haut gesp├╝lt hat, ├Ąndert sich das Muster.
M├╝├čiggang.
Die Treppenstufen hinab werden die n├Ąchsten zwei Tage einzeln genommen. Nichts tun. Ich sehe ihn.
Sehe den Tresen. H├Âre das Bier seine Kehle hinunterrauschen. Wochenende. Bierdurst. Das Bild mit der Kehle reicht (mir) v├Âllig aus ...
Ich bleibe liegen. R├Ątsle ├╝ber Haltbarkeitsdaten von gezapftem Bier.
Der Rattenk├Ânig w├╝├čsste es. Aber Ratten trinken kein Bier. Lieber Biojoghurt reicht als Fl├╝ssigkeit.

Mein Urin hat seine Farbe ge├Ąndert. Wie der Himmel Der Himmel auch. Von meinem Lager aus sehe ich ihn nur zwischen dem Parkhaus und der Hinterwand des Schauburg Kinos hervorluken. Ein St├╝ck, das mit zusammengekniffenenen Augen zwischen Daumen und Ringfinger passt.
Der Himmel schiebt sich ins Violette, der Harn ins Dunkelgelbe. Der Harn riecht intensiver. Auch ein Akt der Befreiung. Der Himmel hat keinen Geruch. Er ist Farbe. Die Stare be├Ąugen ihn argw├Âhnisch vom Dachsims
des Kinos aus. Die Farbe gef├Ąllt ihnen nicht. Das Violette scheucht sie auf.

quote:
Nicht so die Drossel.
In den ersten Tagen hatte ich sie gar nicht bemerkt. Ganz unscheinbar sitzt sie zwischen den welkenden Bl├Ąttern meiner Balkonpflanzen und singt.
Es ist eine Bachfuge, wie ich mittlerweile festgestellt habe.
ÔÇ×Toccata und Fuge in D minorÔÇť
Nat├╝rlich ist es eine eigenwillige Interpretation. Eine Drosselversion.
Aber es passt, passt zu den Starenschw├Ąrmen, die sich sammeln, passt zu der Farbe des Himmels.
Auf eine eigent├╝mliche Art und Weise bringt die Drossel mein Fleisch zur Resonanz.
W├Ąhrend ich liege, vibriere ich, schwinge. Vor allem vom Basslauf. Er sorgt daf├╝r, dass ich zu schweben beginne.
Leichtigkeit ist eine der letzten Stufen des Fiebers.

GENIAL!!!


quote:
Ich bin aufgestanden,ganz langsam auf den Balkon gegangen. Es hat die Drossel nicht verscheucht.
Sie sitzt weiterhin zwischen den Pflanzen und singt.
Ich sp├╝re mittelmeerisches auf meiner Haut. Mu├č das Salz sein, denke ich. Ja, Salz ist Essenz.
Wie leicht alles geworden ist.
Dann brechen die Stare auf.

UND DAS AUCH!!!

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Wirklich klasse geschrieben!!!!

Liebe Gr├╝├če



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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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Hallo inky,
hallo kageb,

zu
"Der Geist wird st├Ąrker, wenn der K├Ârper schwach ist".

habe jetzt ein paar tage immer mal wieder ├╝ber eure vorschl├Ąge bet├╝glich dieses satzes nachgedacht.
ich kann┬┤s nicht genau sagen, aber so wie ich ihn schrieb "f├╝hlt" er sich f├╝r mich richtig an.

dank an euch

ralf
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RL

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