Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5538
Themen:   94793
Momentan online:
399 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Polaris
Eingestellt am 09. 02. 2018 04:10


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
VEI
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2018

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um VEI eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich stand am Bahnhof und blickte auf die Uhr. Sie zeigte mir eine Minute vor zwölf Uhr an. Das konnte ich gerade so erkennen. Ein Zug rauschte an mir vorbei und warf mir meine Haare ins Gesicht. Ich drehte meinen Kopf langsam zur Seite und sah Facetten von beleuchtenden SitzplÀtzen und verwaschenen Gesichtern. Der Zug war so laut, dass nicht einmal die Ansagen des Lautsprechers oder die GesprÀche von Menschen zu hören waren. Ich stand sowieso Abseits von Allen unter freien Himmel. Da hatte man eine gute Aussicht auf die kahlen BÀume vom Stadtpark und auf den Fluss, der sich seine Bahnen ebnete.

Ich streifte mir die Haare aus dem Gesicht und griff mit meiner Hand in meine Jackentasche, um mir eine Zigarette aus der Packung zu holen. Ich nahm sie in die Hand und steckte sie in den Mund. Meine Hand fing an zu zittern, als ich versuchte mir die Zigarette anzuzĂŒnden und meine Augen sich in dem grauen Meer verloren. Meine Hand erhob sich leicht, winkte den Ästen zu, als diese versuchten im Wind nach mir zu greife und schloss meine Augen.

FrĂŒher war es uns erlaubt zu trĂ€umen. Die Menschheit hatte schon immer die FĂ€higkeit das Geschenkte wegzuwerfen. TrĂ€umen durften die, die etwas mehr waren als eine Ansammlung aus Fleisch, Blut und Knochen. Weder schĂ€tzte noch wollte ich das. Ich trĂ€umte nie.

Ich erinnerte mich, wie ich damals auf einer Schaukel saß. Ich war vierzehn Jahre alt und die Sonne tauchte die Felder vor mir in ein strahlendes Gold ein. Ich saß dort öfters allein. Es war gar nicht so weit weg von zu Hause. Ich hatte diese Schaukel irgendwann gefunden. Hier war es still und man konnte das GlĂ€nzen der Sonne und den Himmel beobachten. Ich wollte eh nirgendswo hin.

Es war schwer dort aufzuwachsen, wo ich herkam. Ich war nicht grad sehr sozial. Ich glaube, sie haben mich mit Absicht gemieden. Kinder riechen es, wie Hunde. Sie merken, wenn etwas mit einem nicht stimmte. Aber ich saß hier und lĂ€chelte. Es war mein Platz.

Man muss sich schon fĂŒr jemanden interessieren, damit man Interessant fĂŒr andere wird. Nur darauf hatte ich keine Lust. Ich habe das nicht als Defizit empfunden oder war traurig. Es war mir einfach egal. Ich musste mit keinem reden. Ich saß einfach nur gern auf dieser Schaukel.

Das hatte sich irgendwann geĂ€ndert. Irgendwann stand ein Junge vor meiner HaustĂŒr. Er war ein bisschen Ă€lter. Seine HĂ€nde waren zittrig als er mich anlĂ€chelte und er schaute auf den Boden, als er versuchte Worte hinaus zu stammeln. Wie ein Prinz, dacht ich damals.
Wir gingen ein Eis essen und es wurde der beste Tag in meinem Leben. Ich habe gar nicht mehr aufgehört zu reden und zu lachen. Er brachte mich zum lĂ€cheln ohne etwas zu tun. Er saß da nur und hörte mir zu. Ich war wie im Rausch. Und er zu schĂŒchtern um etwas zu sagen. Es wollte eh keiner mit mir reden, also war das fĂŒr mich auch nicht von Belang. Ich wĂŒrde ihn wohl nie wiedersehen.

Aber er kam mich von da an jeden Tag besuchen Er war auch gar nicht mehr nervös. Eines Tages nahm er mich bei der Hand und flĂŒsterte mir ins Ohr: „Komm ich zeig dir eine neue Welt, deine Welt“.

Wir gingen zu ihm nach Hause. Er schloss eine TĂŒr auf, die uns in den Keller fĂŒhren sollte. Es war schmutzig und dreckig. Unten angekommen sah ich viele Musikinstrumente stehen. Meine Augen wanderten ĂŒber Synthesizer. Schlagzeuge, Synthesizer, Drum-Computer. Einige Modelle waren alt. andere neu, einige verstaubt und andere blank geputzt. Wir hörten die ganze Zeit Musik. Er zeigte mir alles was er hatte. Er nannte den Ort “Polaris“.

Er brachte mir so viel bei. Hören sei nicht gut. Der nĂ€chste Schritt sei verstehen, interpretieren und dann anwenden. Er meinte alles habe einen tieferen Sinn. Jede einzelne Note hat eine Bedeutung. Sie seien vernetzt und wenn man aufmerksam zuhöre, erkenne man die tiefere Ordnung. Kein wahrer KĂŒnstler wĂŒrde auch nur eine Sekunde mit einer Aktion verschwenden, die Bedeutungslos wĂ€re. Und wenn man sich diese Ordnung erschließt, entdeckt man etwas, etwas was tief verborgen war in der Menschheit. 0,03% die keiner zu entschlĂŒsseln vermag. Ich war glĂŒcklich. Das warme Licht wĂ€rmte mein Gesicht durch das kleine Kellerfenster.

Eines Tages wollte ich ihm meinen Ort zeigen. Ich musste es tun. Ich war nervös. Ich nahm ihn schnell bei der Hand und fĂŒhrte ihn zu meiner Schaukel. Als wir ankamen, sah er die Felder und die Sonne strahlte. Ich setze mich auf die Schaukel und beobachtete ihn. Er sah sich die Sonne an und sagte: „Zeig es mir.“ Ich zeigte mit dem Finger auf die untergehende Sonne und die Felder begannen Gold zu schimmern.

Er schaute sich kurz um und kam auf mich zu. Er stellte sich vor die Sonne und ich hielt mir eine Hand oberhalb vor die Augen, um nicht geblendet zu werden. Er kniete sich vor mich hin mit TrĂ€nen im Gesicht und meinte: „Du weißt, was das hier ist oder?“
„Polaris“ sagte ich. Er nickte, stand auf und schaute gegen die Sonne. „Du darfst jetzt trĂ€umen“. Von da an trĂ€umte ich. Er kam nie wieder vorbei.

Was haben wir nur daraus gemacht?
Wir haben verlernt zu trÀumen. Wir haben diese FÀhigkeit verloren, als wir begannen unserer Selbst bewusst zu werden.
Jeder glaubt heute ein Held in irgendeiner Geschichte, etwas Besonderes zu sein. Dabei ist jeder Niemand.

Wir ertrĂ€nken uns in dem Wohlgefallen uns der Völlerei hinzugeben. Wir schlingen alles konsumerable in uns rein. Jeder Einzelne glaubt Experte auf seinem Gebiet zu sein. Wir reden ĂŒber Essen, Trinken, oder wie das nĂ€chste Selfie wohl aussehen solle. Hohles GelĂ€chter erfĂŒllt die Hallen und die Instrumente verstummten. Wir fressen alles in uns rein wie Schweine am Masttrog bis wir ersticken an uns selbst.

Wir verstecken uns hinter Meinungen, um uns selbst zu schĂŒtzen. Es sind ja bloß Meinungen Wenn man leise dem Grauen zuhört, hört man Leute reden, dass sie weder mĂ€nnlich noch weiblich sein, sondern ihr Geschlecht Bi-sternchen-genderqueer ist, oder irgendein anderes Wort, welches ich nicht mehr vernehmen konnte in dem lauten Schmatzen von Belanglosigkeiten.

Ich habe mich frĂŒher nicht fĂŒr andere interessiert und jetzt komme ich zu spĂ€t, denn jeder interessiert sich nur noch fĂŒr sich selbst. Mein Telefon vibrierte in der Tasche. Es wurde mir mitgeteilt, dass wir uns heute treffen wollten, um einen Wunschbrunnen zu besichtigen, der mitten im Wald stehen sollte. Meine Augen wurden kalt und verblassten, aber ich entgegnete mit einem „JA, coole Idee“, um nicht ganz aus der Rolle zu fallen.

Die BĂ€ume reckten sich wie schreckliche Geister ĂŒber meinen Kopf. Der Himmel war grau und eisig. Wir schlĂ€ngelten uns um die BĂ€ume herum und sahen in der Ferne ein abgeschlossenes Haus stehen. Es sah alt und verwildert aus. Wir brachen mit Gewalt die HolztĂŒr auf und gingen in dem Raum hinein, indem sich in der Mitte ein Brunnen befand. Alle lachten um mich herum, als ob wir gerade etwas unglaubliches Wundervolles gefunden hĂ€tte und schon begann der erste darĂŒber zu reden, was er doch alles ĂŒber Brunnen wĂŒsste und wieso das gebaut wurde. Ich nahm eine MĂŒnze, schaute ihn an und sagte: „Hier ist nichts“. Ich warf eine MĂŒnze in den Brunnen und alle verstummten und beobachteten mich. Ich verstand und ging.

Ich wollte einen anderen Weg zurĂŒcknehmen, aber sie folgten mir.
Ich war besser und beschleunigte meinen Schritt. Ihre Stimmen wurden leiser und leiser. Vielleicht bin ich gerannt. Ich kann mich nicht erinnern. Der Wind pfiff mir um die Ohren. Es war kalt. Ich war allein.
Ich lief schneller und schneller.
Ich drehte langsam meinen Kopf zur Seite und blickte auf eine Lichtung. An zwei BĂ€umen links und rechts von mir waren Seile befestigt. Ich weitete meine Augen
An den Stricken war eine Schaukel befestigt, die im Wind sich bewegte. Ich ging langsam auf sie zu.
Dann blieb ich stehen.

Irgendetwas stimmte nicht. An den Stricken war eine Rosaschleife mit einem lĂ€chelnden Gesicht befestigt. Ich wurde das GefĂŒhl nicht los, das sich nicht allein war in diesem Moment. Ich wollte mich so gern auf sie setzen, aber irgendwas flĂŒsterte mir. Ich schloss meine Augen, wĂ€hrend die Schaukel von meiner Kamera gefilmt wurde. Der Wind blies mir ums Gesicht. Er wurde stĂ€rker und stĂ€rker. Ich fĂŒhlte wie etwas auf mich zukam Ich konnte es fĂŒhlen im raschelnden Laub.
Ich öffnete die Augen, drehte mich um. Nichts. Nur der Wind. Ich blickte zurĂŒck und sah dieses schon fast grinsende Smiley. Ich schaltete mein Handy aus und ging langsam.

Ich schaute mir noch den ganzen Tag das Video an, um etwas zu sehen, was nicht leicht zu sehen war. Dann schlief ich ein.
In meinem Traum erwachte ich in einer Stadt voller Menschen. Sie war mir bekannt und ich mĂŒsste mich auskennen, aber ich war verloren und allein.
Dann fasste mich jemand an die Hand und sagte zu mir, dass ich ihm folgen solle. Wir rannten durch die Seitengassen, der Sonne entgegen.
Wir erreichten eine Anhöhe mit HĂ€user und man konnte ĂŒber die Stadt blicken. Ich drehte mich zu ihm und wusste wer es war. Er fasste mein Gesicht an und flĂŒsterte zu mir: „Das wollte ich dir eigentlichen zeigen. Hier gehörst du hin und du darfst deine Freunde mitbringen. Du weißt, dass wir hier auf dich warten. Du bist bald da.“ Ich nickte zögerlich und war geblendet von der WĂ€rme der Sonne.
Ich versuchte auf die Stadt hinabzublicken, aber irgendwas versperrte mir die Sicht und ich sagte zu ihm, dass ich nichts sehen könne, egal wie ich mich anstrengte. Ich sprang, dreht mich in möglichen Winkel. Ich konnte nichts sehen. „Wieso sehe ich nichts?“, schrie ich.

Er sah mich an, lÀchelte und nickte.

Es war mein letzter Traum. Ich senkte meine Hand, öffnete meine Augen, nahm einen Zug von der Zigarette und ging nach Hause.
Ich wollte eh nirgendswohin.


__________________
VEI

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 136
Kommentare: 2448
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo VEI, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung