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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Stolz und Leere
Eingestellt am 24. 04. 2009 22:10


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Kafkarules
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Stolz und Leere

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, dachte der Br├Ąutigam, als er in den Arm der Braut verschlungen aus der Kirche kam und gedankenverloren in die tiefstehende Sonne blinzelte. W├Ąhrend der Messe glaubte er wieder an schwarze Katzen oder den ung├╝nstigen Einflu├č des Mondes auf den Fortgang der Heirat.

Beim Hochzeitsessen wippten die G├Ąste ungeduldig mit dem K├Ârper, sobald die gef├╝llte Kuchenplatte aus ihrer Reichweite verschwand. Einige wischten sich unabl├Ąssig die Stirn oder kontrollierten mit einem verstohlenen Blick ihre Achselh├Âhlen. In das best├Ąndige Klappern zur├╝ckgesetzter Kaffeetassen mischte sich das hastige Abkratzen der letzten Reste von kostbaren Porzellantellern. ÔÇ×Jetzt gibt`s bestimmt gutes Wetter!ÔÇť schrie ein Onkel vom anderen Ende des Tisches und schlug selbst die H├Ąnde zusammen, da ihm niemand applaudieren wollte.

Der Br├Ąutigam sa├č eingeklemmt in die Gespr├Ąche zweier ├Ąlterer Frauen, die sich ├╝ber seinen Scho├č hinweg unterhielten, ohne ihn zu beachten. Die K├Ârper der neuen Verwandten rochen nach Alkohol und zu fettem Essen. Viele lange Finger zeigten in seine Richtung, H├Ąnde wurden ihm ├╝ber den Tisch entgegengeschleudert, Arme auf seinen Schultern abgelegt, Zigarren tauchten pl├Âtzlich neben seinem Teller auf. Irgendjemand wollte ihn von seinem Stuhl zerren und ihn mit wichtiger Miene und anz├╝glichen Gesten in einen Nebenraum zu einer M├Ąnnerrunde locken. ÔÇ×Was mein Junge?ÔÇť schrie ihm der Brautvater aus kurzer Entfernung ins Ohr.
Als die ersten K├Âpfe vor Ersch├Âpfung auf die leeren Teller gesunken waren, wurde es Zeit, neu aufzutragen. Etliche wurden an den Haaren gezogen, damit ihre K├Âpfe wieder perfekt auf ihren H├Ąlsen sa├čen. Mit einer Zwanglosigkeit, die der Br├Ąutigam nicht von ihr kannte, rupfte die Braut dem Hasen das letzte Fleisch von den Knochen und hielt das leere Silbertablett einem Kellner als stumme Aufforderung entgegen.
Als erste zaghafte W├╝nsche nach Schnaps ge├Ąu├čert wurden, brach die ganze Gesellschaft in Beifall aus.
Aus dem Nebenzimmer war Zigarettenqualm her├╝bergeweht und hatte die Luft in eine stickige Mischung aus unverdauten Essensresten und verschiedenen Schwei├čabsonderungen verwandelt. Angesichts der Schwere ihrer eigenen Existenz begannen einige G├Ąste wehm├╝tig zu werden, sie rieben sich die H├Ąnde ├╝ber dem Bauch und entschuldigten sich, wenn sie die polierten Messingkn├Âpfe des gest├Ąrkten Hemdes oder des schwarzen Jacketts ├Âffneten. Wenn ich ein Dichter w├Ąre, w├╝rde ich jetzt sagen, das ist der Weltschmerz, meinte ein junger Mann, von dem der Br├Ąutigam angenommen hatte, da├č ihn niemand kannte.

In einer Ecke des Ballsaals schoben sich Kellner verstohlen ein paar Mandarinenfilets in den Mund und augenblicklich entspannte sich ihre unabl├Ąssig-steinerne Servier-Miene.
Eine entfernte Gro├čtante der Braut kroch zwischen den Tischen umher und sammelte alle Essensreste vom Boden auf.
Die Braut stand permanent lachend in einer Gruppe hochgewachsener Cousins und Cousinen.

Beim Verdauungsspaziergang hatte der Br├Ąutigam den Blick fest auf den Hut des Brautvaters gerichtet. Wolkent├╝rme waren ├╝ber das Meer hergefallen, von See her blies ein kalter Nieselregen und Windst├Â├če fuhren den Spazierg├Ąngern ins Genick. Der Ballsaal stand als pomp├Âse Verwerfung unersch├╝tterlich und entv├Âlkert in den zerrissenen Wolkenschleiern. Das grelle Licht des Kronleuchters war auf den absch├╝ssigen Hang gefallen. Standesgem├Ą├č hatten sich die Kellner in Reih und Glied am gro├čen Fenster aufgereiht und beobachteten den Spaziergang mit ausdruckslosen Gesichtern. Sie sind ebenso unbeweglich wie wir, dachte der Br├Ąutigam, nur mit dem Unterschied, da├č sie daf├╝r Geld bekommen und nach Feierabend ganz anders sein k├Ânnen.

Die Gesellschaft ging knirschenden Schrittes im Kies, einige lenkten ihre Blicke aufs Meer, wo sie etwas entdecken wollten, was ihnen mitteilenswert erschien, andere beobachteten beim Gehen Form und Gr├Â├če der Steine oder sahen sich suchend nach einer anderen Person um, wobei sie Gelegenheit fanden, ihre Krawatte zurechtzur├╝cken und den Kopf f├╝r einen kurzen Moment zu verdrehen. Der Brautvater hatte sich von seinem Jackett befreit und es l├Ąssig ├╝ber die rechte Schulter geschleudert. Die Braut t├Ąnzelte einige Meter neben der Gesellschaft am Arm des Br├Ąutigams ├╝ber ein paar gro├če Steine, die die Flut angeschwemmt hatte. Sie entfernte, ganz gegen ihre Gewohnheit, eine ihrer Haarnadeln, brachte ihren Haarknoten zur Aufl├Âsung und stach dem Br├Ąutigam grundlos in die Seite.

Abends schaffte der Br├Ąutigam die Braut ├╝ber die Schwelle, aber schon am n├Ąchsten Morgen, als er den steinernen Atem aus dem Schlafzimmer h├Ârte, stand er unausgeschlafen vor dem Badezimmerspiegel und starrte minutenlang in sein jugendliches Gesicht, aus dem jedes Leben verschwunden schien.
Die Wege des hoteleigenen Parks wurden von d├╝nnen Nebelschlieren beleuchtet, hier ist noch Nacht, dachte der Br├Ąutigam, als er von der Dunkelheit verlockt, aus dem Schlafzimmerfenster auf das Dach der Garage gesprungen war und sich von dort in den noch nassen Rauhreif der mit Verbotsschildern abgesperrten Wiese hatte fallen lassen.
Als er die Frau auf der Bank sah, erschrak er dar├╝ber, da├č er nicht der einzige Mensch im Gel├Ąnde war. Die Wolldecke ├╝ber ihren Knien war l├Âchrig, ihre H├Ąnde schienen frisch vernarbt und das Haar stand ihr stachelbreit vom Kopf ab. Der Br├Ąutigam r├Ąumte die halbleere Schnapsflache aus dem Weg, r├╝ckte an ihre Seite und zog ihren Kopf zu sich her├╝ber. Inst├Ąndig bat er die Frau, einmal tief ein- und auszuatmen, um nur f├╝r einen Moment in den hei├čen Atem der Fremden einzutauchen.


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Rumpelsstilzchen
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Zugegeben, ich tat mich schwer mit der Freischaltung, brauchte drei Anl├Ąufe, um meine innere H├╝rde zu ├╝berwinden. Weil ich ÔÇô durch Deinen Nick irre gef├╝hrt ÔÇô die Kafkaeske in der Geschichte gesucht habe. Ohne sie unter der grellen Schminke der Mitwirkenden zu finden.

Erst eben gelang es mir, den ollen Franz gedanklich auszublenden. Und sah eine Filmsequenz, wie ihn Federico Fellini aus dem Stoff gemacht haben k├Ânnte; skurrile Figuren, die aus schriller Maske ihre Exaltiertheiten heraus schreien. Da passten pl├Âtzlich auch die sprachlichen Manierismen als ├╝berzeichnendes Stilmittel ins Bild.

Mag sein, ich liege v├Âllig daneben. Immerhin bist Du drin. Vor allem, weil mich jetzt die Auffassungen der Mitlupinen interessieren... ;-)

Gebogen, gespannt und davon gerannt

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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Kafkarules
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Verschiedene Antworten

Danke an Euch alle f├╝r Eure Antworten, die mich sehr gefreut haben. Nat├╝rlich ist es legitim, dass der ein oder andere auch Probleme mit dem Text hat oder Stolpersteine sieht. Daher w├╝rden mich die Stellen, die Du Nachts, als Stolpersteine siehst, schon sehr interessieren.
Freue mich sehr ├╝ber die sehr positiven Kommentare, wo einige ja wirklich begeistert waren ├╝ber den Text. Allerdings kommt so ein Text nicht von selbst, sondern ich arbeite sehr viel an den Formulierungen und feile an fast jedem Wort. "Kratzb├╝rstig" finde ich ein sehr sch├Ânes Wort f├╝r die Atmosph├Ąre, denn irgendwo geht es ja auch um die Erstarrung von Leuten in ihrer Welt und einer bestimmten Vornehmheit.
Nein, als Sozialromantik hatte ich mir die Pennerin nicht gedacht, es nur eine Art Gegenwelt oder Gegenmoment f├╝r den gerade verheirateten Mann, der nach der Hochzeitsnacht flieht. Man kann diese Frau absolut auch als Halbtote sehen.
Soviel erst mal
Bin gespannt auf weitere Reaktionen
Gru├č
Kafkarules

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nachts
???
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so denn

Hallo Kafkarules,

dass ich bei n paar Formulierungen kurz gez├Âgert hab beim Lesen ├Ąndert nichts am Einduck ne tolle Geschichte vor mir zu haben
Aber du kriegst sie:

Aus dem Nebenzimmer war Zigarettenqualm her├╝bergeweht und hatte die Luft in eine stickige Mischung aus unverdauten Essensresten und verschiedenen Schwei├čabsonderungen verwandelt.
Wehen bring ich immer mit Wind in Verbindung und Qualm verwandelt sich nicht in eine Mischung aus Essensresten und Schwei├č - er vermischt sich vielleicht damit

Hemden mit Messingkn├Âpfen sind eher selten, denk ich mal oder okay - vielleicht Tracht

Bei den Kellnern bin ich mir nicht sicher ob sie zusammen eine Miene haben k├Ânnen

der steinerne Atem - hm - schnarcht sie? Ich wei├č wirklich nicht wie sich steinerner Atem anh├Âren k├Ânnte (kenn den "steinernen Atem de Geschichte" = Bauwerk)

Wenn ich mir die Szene mit der Frau auf der Bank vorstelle, ist "erschrak" vielleicht etwas zu dick, "wundern" w├Ąre, denk ich glaubw├╝rdiger

Rauhreif ist immer "noch nass" - zumindest gef├╝hlt :-)


Wenn du was mit anfangen kannst, okay, ansonsten brauchts dich nicht zu k├╝mmern

Liebe Gr├╝├če Nachts
__________________
Heute ist nicht manchmal

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

um dem neuenak├Âmmling ein wenig unter die arme zu greifen, kommentiere ich deine einw├Ąnde als aussenstehender leser, lieber @nachts. zu

quote:
Aus dem Nebenzimmer war Zigarettenqualm her├╝bergeweht und hatte die Luft in eine stickige Mischung aus unverdauten Essensresten und verschiedenen Schwei├čabsonderungen verwandelt.
f├Ąllt mir ein, dass au├čer qualm z. b. auch gespr├Ąchsfetzen, gedanken oder ger├╝che durch die gegend oder durchs gem├╝t wehen (oder ziehen) k├Ânnen - auch ohne wind von au├čen: es gen├╝gt der atem eines menschen oder dessen fantasie. und von letzterer, zeigt uns die geschichte, hat @kafkarules eine ganze menge. er stellt sich sogar vor, dass zigarettenrauch katalysator sein kann, der aus einem geruchsgemisch ein amalgam bildet, das im raum steht wie ein leibhaftiger hecht.
quote:
sie rieben sich die H├Ąnde ├╝ber dem Bauch und entschuldigten sich, wenn sie die polierten Messingkn├Âpfe des gest├Ąrkten Hemdes oder des schwarzen Jacketts ├Âffneten.
das polierte messing will mir wie die st├Ąrke im hemd sagen, dass es sich um puppen handelt, die so steif sind wie marionetten oder wie soldaten im glied (sie tun ja alle das gleiche). vielleicht hatte der autor aber auch jene leinenhemden (levis!) im sinn, die tats├Ąchlich messingkn├Âpfe aufweisen.
quote:
In einer Ecke des Ballsaals schoben sich Kellner verstohlen ein paar Mandarinenfilets in den Mund und augenblicklich entspannte sich ihre unabl├Ąssig-steinerne Servier-Miene.
die kellner sind wie die ganze gesellschaft so gesichtslos, dass sie alle miteinander mit einer einzigen maske auskommen - der sog. "servier-miene". gro├čartig gesagt.
quote:
Abends schaffte der Br├Ąutigam die Braut ├╝ber die Schwelle, aber schon am n├Ąchsten Morgen, als er den steinernen Atem aus dem Schlafzimmer h├Ârte, stand er unausgeschlafen vor dem Badezimmerspiegel und starrte minutenlang in sein jugendliches Gesicht, aus dem jedes Leben verschwunden schien.
das "steinern" kann nat├╝rlich auch als "rasselnd" interpretiert werden - f├╝r mich ist es aber eher ein synonym f├╝r "uralt", um das junge gesicht des br├Ąutigams deutlicher zu machen. falls das @kafkarules hinterganke gewesen sein sollte, m├╝sste er allein f├╝r diesen satz elf punkte kriegen.
quote:
Die Wege des hoteleigenen Parks wurden von d├╝nnen Nebelschlieren beleuchtet, hier ist noch Nacht, dachte der Br├Ąutigam, als er von der Dunkelheit verlockt, aus dem Schlafzimmerfenster auf das Dach der Garage gesprungen war und sich von dort in den noch nassen Rauhreif der mit Verbotsschildern abgesperrten Wiese hatte fallen lassen.
hier klemmt's tats├Ąchlich ein bisschen. raureif ist nie "nass", sondern zu kristall sublimierter wasserdampf. erst wenn reif taute, w├╝rde er zu tau. oder er sublimierte wieder. ich w├╝rde das unverst├Ąndliche "noch nassen" weglassen. au├čerdem w├╝rd ich vor den gedanken des br├Ąutigams einen punkt machen und sie in 'halbe' g├Ąnsef├╝├čchen setzen.

liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin





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Kafkarules
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Danke an bluefin und nachts f├╝r die Kommentare. Ich finde sie beide sehr gut, weil Ihr beide sehr professionell mit der Sprache des Textes umgeht (eben wie es ein Lektor bei einem Verlag auch tun w├╝rde). Zu einer Konfrontation oder einer Gegeneinanderstellung der verschiedenen Meinungen besteht kein Grund. Ich werde mir den Text auf jeden Fall noch einmal ansehen und vermutlich auch das ein oder andere Detail ├Ąndern. Exkommuniziert wird hier niemand.
Viele Gr├╝├če aus Duisburg

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