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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zucker
Eingestellt am 28. 03. 2018 11:32


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Plejadus
???
Registriert: Jan 2018

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Das Caf├ę liegt an einer Ecke zweier sich kreuzender Gassen der Altstadt, drau├čen Tische, ich sitze jedoch stets im Caf├ę.
Schrieb ich 'das Caf├ę'?
Es ist 'mein Caf├ę'; ich halte mich hier beinahe jeden Tag auf, au├čer sonntags, denn dann hat es geschlossen.
Ich habe keinen Hund, keine Zimmerpflanzen und meine Frau liegt l├Ąngst auf dem Hauptfriedhof, ein nat├╝rlicher Tod, Sie verstehen.
Hunde d├╝rfen nicht ins Caf├ę, Frauen schon. Eine vern├╝nftige Anordnung, man sollte nicht nur die Kirche im Dorf lassen, sondern auch Tier und Ungetier vor den Toren.
Es d├╝rfte Ihnen nicht entgangen sein, dass ich ein recht unterhaltsamer Zeitgenosse bin.

Obwohl ich Zimmerpflanzen nicht sonderlich sch├Ątze, pflege ich im Caf├ę neben einer solchen zu sitzen, genauer, neben einem Gummibaum aus Echtblatt. Die Pflanze sieht derma├čen k├╝nstlich aus, dass ich Mal um Mal mit meinem Fingernagel Kerben in ihre dicken Bl├Ątter ritze, mich immer wieder aufs Neue zu vergewissern, ob sie tats├Ąchlich nat├╝rlichen Wuchses ist. Sie hat unterdessen schon jede Menge br├Ąunlich verf├Ąrbte Narben im Gr├╝n. Ich kann nicht sagen, dass ich das bedaure, im Gegenteil, es ist wie eine Art Signatur, mit der ich meinen Stammplatz oder ├╝berhaupt das Caf├ę markiere.
Aber wirklich m├Âgen tue ich den kargen Baum nicht.
Eigentlich ist mir das ganze Caf├ę ziemlich zuwider, seine brave Bestuhlung, die teilnahmslose Bedienung, die albernen Tiffanylampen, der Ausblick, der nach f├╝nf Metern an einer Betonwand zerschellt - ja sogar der Kaffee, der weder flau noch stark ist, sondern, wie ich es nennen w├╝rde: feige.
Nichts ├Ąndert sich hier von einem auf den anderen Tag, kaum etwas, alles bleibt und ich habe keine Ahnung, was mich stets und wieder in diesen m├Ą├čigen Stillstand verschl├Ągt. Ich ertappe mich dabei, die h├Âlzernen Beine der Tische und St├╝hle nach neuen Ansto├čungen oder Ratschern hin abzusuchen.
Jede neue Herpeskruste der von h├Ąsslicher Routine gegerbten Bedienungen kenne ich aus dem Effeff. Den Existenzekel dieser Alleinerziehenden schmeckt man bis tief in den Mokka.

Manchmal habe ich dunkle Absichten, nat├╝rlich theoretischer Natur, nachts an diesen Ort zu schleichen, Benzin zu versch├╝tten, eine Feuersbrunst zu entfesseln und abzuhauen.
Gut, dann w├Ąre erstmal eine Weile Feierabend, die Versicherung w├╝rde irgendwann ├╝berweisen, das Caf├ę komplett renoviert, neue W├Ąnde, B├Âden, St├╝hle, Tische, Tresen und Zierpflanzen.
Ein Spa├č, nat├╝rlich - ich halte mich an die Regeln.
Eines, ein einziges, vielleicht genau das, weswegen ich immer wieder einkehre, das ist ...
der Zuckerstreuer. Er hat eine unglaubliche Form und Grazie, sanfte Rillen im weichen Glas, eine silberne Krone, sich keck verj├╝ngend - der s├╝├česte Traum von einem Streuer!
Ich habe sinnliche Fantasien. Ich m├Âchte ihn packen, in meinen beiden H├Ąnden halten, z├Ąrtlich, hart, ihn liebkosen, f├╝hlen, ├╝berall belecken, vom Schaft bis zur Streuauslassung, in wilder Lust den tropenhei├čen Tanz der Liebe tanzen, ihn einf├╝hren, mich mit ihm vereinigen, verschmelzen, f├╝r immer - auf dass das nie ende!
Der Knackpunkt: Es ist eine weibliche Fantasie, und ich bin ein Mann, ein Exporteur. Ich sollte mich, Sie lachen bestimmt schon, sollte mich f├╝r die Vase mit den authentischen PVC-Blumen begeistern.
Sie steht genau neben dem Streuer. Aber sie l├Ąsst mich mehr als kalt; stets schiebe ich sie so weit weg, wie es mir m├Âglich ist, ans andere Tischende. Gern w├╝rfe ich sie diesem Mittdrei├čiger und Caf├ęinhaber an den Sch├Ądel, einem brillentragenden Schleimbeutel mit, worauf ich wette, BWL-Vergangenheit. Oft stelle ich mir vor, wie er im Hinterzimmer vor seiner gelangweilten Belegschaft herum doziert; Sachen wie:

'Ich bin der festen Ansicht, dass wir davon absehen k├Ânnen, Investitionen in das Interieur zu t├Ątigen. Das macht nach wie vor einen guten Job.'

Gestern trug sich etwas zu, das mich davon ferngehalten hat, heute mein Caf├ę zu besuchen. Und ich f├╝rchte, dass ich auch nicht morgen und ├╝bermorgen und jemals wiederkehren werde.
Ich trank meinen Kaffee, hatte bereits den Baum gekerbt und untersuchte die Tischdecke auf Gewebsverschlei├čspuren, als die Bedienung kam, 'Ich darf doch?' mehr sagte als fragte und im Begriff war, mir den Zuckerstreuer abzur├Ąumen. Unsere H├Ąnde erreichten ihn zur gleichen Zeit.
Zur gleichen Zeit wurde er gehalten und an ihm gezogen.
"Ich ... ", sagte ich, obwohl ich 'nein' dachte.
"Sie nehmen doch keinen Zucker zum Kaffee?", sagte die scheinbar verbl├╝ffte Sch├╝rzenfrau.
"Das ist nur die halbe Wahrheit", sagte ich, worauf sie mir hart den Streuer entwand und entgegnete: "Das ist mir bekannt, mein Herr. Und die andere H├Ąlfte habe ich."

Es waren nicht ihre Worte, nicht nur. Es war das Gesicht, das diese Worte sprach, der Blick, der in mich drang.
Er ist in mir. Er kerbt mir mein Hirn.

Version vom 28. 03. 2018 11:32
Version vom 28. 03. 2018 13:13
Version vom 29. 03. 2018 07:15
Version vom 10. 04. 2018 12:02
Version vom 20. 04. 2018 15:21

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Ungew├Âhnlich gut.

(dass-das)
__________________
alis nil gravius

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Plejadus
???
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Vielen Dank - auch f├╝r den Hinweis.
Gru├č
Plej.
__________________
Und hier nun m├Âgen Erwartungen erbl├╝hn, die zu erf├╝llen mich heut die Lust nicht umfing.

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Weltenwandler
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Hallo Plejadus,

Die Protagonisten deiner letzten beiden Geschichten sind wirklich sehr authentisch! F├╝r mich ist die Geschichte sehr sch├Ân zu lesen und erfrischend ern├╝chternd im Abgang. Die Wiederaufnahme der Kerben ist am Schluss sehr gelungen. Was mich etwas irritiert, ist die scheinbare Wichtigkeit der Erz├Ąhlung f├╝r den Protagonist - vielleicht bin ich dazu zu wenig in Caf├ęs unterwegs. Vielleicht ist das aber auch der Grund, wieso das Ganze interessant ist - man bekommt einen Einblick in (zumindest f├╝r mich) sehr befremdliche Verhaltensweisen. insgesamt etwas verwirrend, aber genau deswegen auch lesenswert!

Eine kurze Anmerkung:

quote:
Es war das Gesicht, das sie sprach,

F├╝r mich w├╝rde hier "Das Gesicht, aus dem sie sprach" verst├Ąndlicher sein.

Liebe Gr├╝├če
Tobid








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Plejadus
???
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Jaha,der Mensch ist kein leicht zu fassendes Zuckerw├╝rfelchen des Caf├ęs in der Milchstra├če. Aber gottlob n├Ąhert sich ja der Andromeda-Nebel ...
Vielen Dank f├╝r die Anregung, Ich hatte diese Stelle auch schon auf dem Nachbetrachtungsschirm, war mir jedoch nicht sicher, ob es irritiert oder wegen seiner
Schlichtheit vllt nicht doch passte.
Ersteres scheint der Fall, so dass ich den Text nun bedokterte.
Gru├č
Plej.

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Etma
???
Registriert: Jan 2016

Werke: 34
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Wie, Plejadus,

machst du das nur? Der Text hat mich in seinen Bann gezogen und nicht losgelassen bis ich jedes einzelne Wort aufgesaugt habe. Das ist echte Literatur, wenn auch irgendwie an Stellen komisch, aber je komischer die Geschichte wurde, desto st├Ąrker und intensiver passte ich auf, damit mir auch ja kein Wort entwischt.

Fabelhaft

Gr├č,
Ptr

PS:

quote:
[...] man sollte nicht nur die Kirche im Dorf lassen [...]
sollte man das? soso ...

quote:
Es d├╝rfte Ihnen nicht allzu schwerfallen, zu ermessen, dass ich ein recht unterhaltsamer Zeitgenosse bin.
Ja, das sehe ich schon!

quote:
Schuster bleib bei deinen Leisten
den Teil verstehe ich nicht. Wer ist Schuster und welche Leisten sind gemeint?

quote:
Die Pflanze sieht derma├čen k├╝nstlich aus, dass ich Mal um Mal mit meinem Fingernagel Kerben in ihre dicken Bl├Ątter ritze, mich immer wieder aufs Neue zu vergewissern, ob sie tats├Ąchlich nat├╝rlichen Wuchses ist.
in diesem Fall sieht die Pflanze jedoch nicht k├╝nstlich aus sondern eben genau nicht. Der erste Satzteil w├Ąre somit falsch - oder nicht? Au├čerdem: fehlt dort nicht ein "um" vor "mich"?

quote:
Ich kann nicht sagen, dass ich das bedaure, im Gegenteil, es ist wie eine Art Signatur, mit der ich meinen Stammplatz oder ├╝berhaupt das Caf├ę markiere.
Und wirklich m├Âgen tue ich den kargen Baum nicht.
Zuerst zu sagen, dass man etwas NICHT bedauert und dann das Gegenteil zu behaupten, die beiden S├Ątze jedoch mit einem "Und" zu verbinden ist unlogisch. Ein "Aber" w├Ąre hier passender.

quote:
ja sogar der Kaffee, der weder flau noch stark ist, sondern, wie ich es nennen w├╝rde: feige.
Das "feige" war ├╝berraschend ausdrucksschwach - ich habe etwas anderes, nicht so mildes, erwartet. Meine Erwartung durchbrochen habe ich aber, wie oben erw├Ąhnt, mich noch deutlicher konzentriert.

quote:
Jede neue Herpeskruste der von h├Ąsslicher Routine gegerbten Bedienungen kenne ich aus dem Effeff.
musste ich sehr oft lesen bis ich es verstanden habe endlich

quote:
Den Existenzekel dieser Alleinerziehenden schmeckt man bis tief in den Mokka.
wunderbar gemacht!

quote:
Manchmal habe ich dunkle Absichten, nat├╝rlich theoretischer Natur, nachts an diesen Ort zu schleichen, Benzin zu versch├╝tten, eine Feuersbrunst zu entfesseln und abzuhauen.
sehr sch├Ân!

quote:
der Zuckerstreuer
diese ganze Zuckerstreuer-Passage ist sehr albern - ich liebe sie.

quote:
"Das ist mir bekannt, mein Herr. Und die andere H├Ąlfte habe ich."
wie meinst du das? welche H├Ąlfte hat die Bedienung? Die andere H├Ąlfte des Zuckerstreuers oder die andere H├Ąlfte der Wahrheit?

quote:
Es waren nicht ihre Worte, nicht nur. Es war das Gesicht, das diese Worte sprach, der Blick, der in mich drang.
Er ist in mir. Er kerbt mir mein Hirn.
Ein spannendes Ende! Jedes einzelne Wort ist wichtig - erz├Ąhlt.

Das ist ein St├╝cklein, das man immer wieder lesen kann und aufgrund der entz├╝ckenden Sprache wird es nicht langweilig.

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