John Goodman
Mitglied
Prolog - Aetheria Academia
In der dunklen kugelförmigen Kabine herrschte Stille, nur das leise Summen des Bordcomputers war zu hören. Einige schwebende Kleinutensilien zogen in gelegentlichen Kreisbahnen langsam an Hanna vorbei. Darunter war auch ein Buch mit abgegriffenem Einband, seine vergilbten Seiten leicht aufgefächert wogten sie in der Schwerelosigkeit. Entgegen der Anweisung ihres Flugoffiziers, persönliche Gegenstände nur in den Crewräumen zu verstauen und schon gar nichts unbefestigt liegenzulassen, war sie so in ihren Vorbereitungen vertieft, dass sie alles andere um sich herum vergaß.
»Zulassungsunterlagen, Check. Schuluniform, Check.« Das schwache Licht des Tablets beschien Hannas Gesicht und gepaart mit der gelben Farbe ihres Raumanzuges verlieh es ihren feuerroten Haaren einen goldenen Schimmer. Sie fuhr mit dem Finger über die Punktetabelle. Mit jedem Tippen sprang ein Häkchen in die Zeile. »Schulordnung, Check. Cockpit-Vorschriften, Check.« Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. All die aufreibenden Monate, der erbarmungslose Lehrstoff, den sie nächtelang durchgekaut hatte. Sie hatte vermutlich das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen erfahren. Von tiefster Verzweiflung und Verlustangst, nachdem sie erneut bei einem Test durchgefallen war und die Prüfer sie unentwegt an ihr Unvermögen erinnert hatten. Bis hin zu hemmungslosen Glücksgefühlen, als sie endlich die Abschlussprüfung bestand. Sie konnte es noch immer kaum glauben. Es war ein Privileg hier zu sein und das wusste sie.
Plipp-Plopp Plipp-Plopp. Das Geräusch einzelner Wassertropfen lenkte ihren Blick von dem Tablet auf den dunklen Bereich zu ihrer linken. Wo sich jetzt eine holografische Animation aus vielen bläulichen Dreiecken formte, die sich zu den Seiten der Kabine in Wellen auflösten. Der Klang war Hanna vertraut. Sie war mit Einheit 10-7 S aufgewachsen, aber diese Bezeichnung hatte sie nie gemocht. Für Hanna war sie mehr als nur eine Maschine. Sie war ein eigenes Individuum, mit richtigem Namen, Gefühlen und Gedanken. Auch wenn die Leute das nicht verstanden. Sie gehörte zu ihrer Familie. So hatte Hanna gelernt darauf zu achten, wenn sie was auf dem Herzen trug oder sie etwas beunruhigte. »Keine Sorge Ava, ich habe schon ein Gesuch deinetwegen eingereicht.«
Im selben Augenblick meldete sich aus der Com eine Stimme. »Wir erreichen in Kürze die technische Bildungsanstalt Aetheria Academia im zweiundachtzigsten Bezirk«, die Com verstummte, dann fuhr der Sprecher der Kommandobrücke fort. »Warteposition für den Andockvorgang wird eingenommen.«
Mit einer Hand drückte sich Hanna von ihrem Sitz ab und neigte ihren schwebenden Körper nach vorne, um an der glatten, dunklen Oberfläche ihre Vorwärtsbewegung mit den Fingerspitzen abzupassen. Rote Haarsträhnen tänzelten schwerelos an ihrem Gesicht entlang. Die Akademie hatte sie bisher nur in Form von Fotos und Aufnahmen im Datenstream gesehen. Dass es sich um ein gewaltiges Konstrukt handelte und selbst den Mond ihres Heimatplaneten winzig erscheinen ließ, war ihr ebenfalls bekannt. Aber die Aetheria mit eigenen Augen zu sehen, war dann doch ein ganz anderes Erlebnis. Ungeduldig tippte sie ihren Sicherheitscode für die Bildfreigabe ins Tablet und löste im Bordcomputer eine leise, melodische Klangabfolge aus. Die dunkle Kabine erhellte sich langsam. Ihr Abbild spiegelte sich fast unsichtbar auf der virtuellen Fläche, die sie wie eine gläserne Kugel umschloss. Als sich ihr die freie Sicht auf den ehrfurchtgebietenden Pferdekopfnebel eröffnete, klappte ihr die Kinnlade auf. Majestätisch ragte sein schwarzes Haupt aus den rot glühenden Wasserstoffwolken empor. Er schien Hannas Ankunft regelrecht zu begrüßen.
Inmitten dieses galaktischen Ozeans glich die Raumakademie einem strahlenden Juwel. Ihr Atem stockte. »Das ist also ... die Schule ..., ich habe es endlich geschafft. Mom!« Gigantische ringförmige Strukturen erstreckten sich weit im All, die das Sonnenlicht in bunten Farben reflektierten. Nach unten hin zog sich das Konstrukt wie ein Kegel in immer kleiner werdenden Ringen zusammen. Angetrieben durch einen inneren Kern, der sich in steter Rotation um die eigene Achse befand, wurde daraus eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle gewonnen und ein stabiles Magnetfeld erzeugt. Sie vermochte das Ausmaß dieser Akademie nur erahnen. Dagegen war ihr Transportfrachter, der sie nach Aetheria flog, wie ein einsames Staubkorn.
In weiter Ferne entdeckte sie etwas, das sich zwischen ihr und die Aussicht schob. Vermutlich ein Wartungsbot, der sich im Reparatureinsatz befand. Sie tippte auf ihr Tablet und öffnete auf der Bildfläche vor sich ein Fenster, mit dem sie den kleinen grauen Fleck stufenweise vergrößerte, bis sie seine Form deutlich erkannte. »Das ist aber ..., jemand in einem Raumanzug?« Sie betrachtete ihn eine Weile kritisch und bemerkte dann erst, dass er regungslos umhertrieb. Als Hanna begriff, was sie dort sah, fing ihr Herz panisch an zu rasen.
»Nein, nein, nein, das darf nicht sein.« War er bewusstlos? Hatte er Sauerstoffmangel? Konnte sie überhaupt noch helfen? Verzweifelt tippte sie mehrfach auf den Kommunikationskanal ihres Tablets, als ginge der Verbindungsaufbau dadurch schneller.
»Hier spricht die Brücke«, meldete sich nach einigen Sekunden der Bordoffizier.
»Der ... der machts nicht mehr lang.« Sie schrie ungewollt in die Com, ihre Stimme bebte und überschlug sich dabei.
»Was?«
»D-D-Da ... da ist«, sie sendete der Brücke ihren Videofeed. »Der überlebt nicht mehr lange!«
Für einen Moment war es am anderen Ende der Leitung unerträglich still, als ein plötzliches Warnsignal ertönte. »Rettungsteam benachrichtigen und für externen Einsatz vorbereiten«, drang es aus der Com. »Person in Not entdeckt.«
Ihr Tablet steckte sie in die Ladestation. In einer fließenden Bewegung pickte sie die Kleinutensilien und das Buch aus der Luft, verstaute diese in ihrer Brusttasche und schwang sie sich zurück auf ihren Sitz. Sie glitt erst in den einen Handschuh und dann in den anderen, die sich links und rechts an ihrer Steuerkonsole befanden. Deren beiden Enden verbunden sich über einen mechanischen Verschluss automatisch mit ihrem Raumanzug. Dann schnappte sie nach ihrem Helm, der über ihr schwebte und setzte ihn sich auf. Über den Druckring an ihrem Hals rastete er klickend ein und versiegelte sie luftdicht. Die Magnethalterung an der Rückenlehne zog ihren Körper sanft in optimale Sitzposition, die sie zusätzlich sicherte. Im Hintergrund hörte sie die Einsatzbesprechung zwischen der Brücke und der medizinischen Versorgungsstation.
»Wie ist die aktuelle Lage des in Not geratenen?«
»Wahrscheinlich kritisch.«
»Gibt es Anzeichen einer Kollision mit Wrackteilen oder Ähnlichem?«
»Unbekannt.«
Das musste alles sehr viel schneller gehen! Bis sie das ausdiskutiert hätten, wäre das Einsatzteam nicht rechtzeitig vor Ort. Zu beiden Seiten ihres Sitzes fuhren Steuerknüppel nach oben, die sie mit ihren Händen ergriff. Vor ihr öffneten sich leuchtende Fenster, in denen komplexe Berechnungen durchliefen. Nacheinander reihten sie sich dann in einem Halbkreis auf und bildeten ein Nutzerinterface. Nachdem die Ladesequenz beendet war und die Bordsysteme erwacht waren, erschien auf der holografischen Bildfläche ein transparentes Fadenkreuz.
»Wer voranschreitet, gewinnt zweifach«, murmelte sie mehr zu sich selbst, in Erinnerung an die Worte ihrer Mutter.
»Wie bitte?«
»I-I-Ich rette ihn!«
Ihren Entschluss hatte sie bereits gefasst. Auch wenn sie am ganzen Körper zitterte und ihr Herz aus der Brust zu springen drohte. Sie deaktivierte die Verankerung.
»Hey! Was soll das werden?!«, schlug ihr die strenge Stimme des Bordoffiziers aus der Com entgegen. »Wir kümmern uns um den Rettungseinsatz!«
Ein lautes Vibrieren erfüllte die Frachthalle, das von weit oben über den Köpfen der Lagerarbeiter zu kommen schien. Die waren gerade damit beschäftigt, Kisten auf den Schwebetransporter zu verladen. Allesamt hielten sie inne und schauten überrascht hinauf zu dem stählernen Riesen, der völlig unvermittelt aus seinem Schlaf erwachte. Als das Ungetüm seine Augen aufschlug, die in einem unheilvollen Rot zu leuchten begannen, lösten sich von seinem gepanzerten Rücken mehrere Versorgungsschläuche. Weißer Dampf zischte, hüllte ihn ein und ließ ihn wie einen zornigen Kriegsgott erscheinen, bereit herabzusteigen, um sie wie Insekten unter sich zu begraben. Bei diesem Anblick stoben die Arbeiter wie aufgeschrecktes Getier in alle Richtungen auseinander und verkrochen sich in jede freie Nische, die sie finden konnten.
Die massive Verankerung hob sich zögerlich von Avas breiten Schultern, als sich das an der Bordwand befestigte Zahnradgewinde kreischend verkantete und ihr den Weg versperrte.
»Will sie mit dem Ding wirklich starten?«, hörte Hanna den Bordoffizier aus der Com seinen Kollegen skeptisch fragen. Hanna bemerkte ihren Fehler zu spät. Ein einziger Vorwärtsschub reichte. Die Steuerdüsen an Avas hydraulischen Armen und Beinen heulten auf und sie krachte mit ihrem eisernen Schädel gegen einen der Ankerhaken. Das klemmende Zahnradgetriebe knackte und ächzte unter dem harten Aufprall, bevor es schlagartig nachgab und die Verankerung rücklings gegen die Bordwand donnerte.
»Verflucht nochmal ... Pilotin der mobilen Einheit!«
»T-T-Tu ... Tut mir leid.«
Dem Bordoffizier war bereits klar, dass es keinen Sinn hatte, Hanna von ihrem Vorhaben abzubringen. Zumal er im Dienst ihrer Familie stand und nicht umgekehrt. So betrachtet war sie seine Vorgesetzte. Im Laufe der Jahre lernte er sich anzupassen und ihr ein Stück weit zu vertrauen, auch wenn ihm das immer noch schwerfiel. Immerhin war er auch dafür verantwortlich, sie sicher nach Aetheria zu geleiten, was ihm seine Entscheidung nicht leichter machte. Die Com verstummte flüchtig, dann meldete er sich resigniert zurück. »Wir öffnen die Außenluke. Halte dich so lange im Zaum.«
Fortsetzung folgt.
Zuletzt bearbeitet: