John Goodman
Mitglied
Prolog - Aetheria Academia
In der dunklen kugelförmigen Kabine herrschte Stille, nur das leise Summen des Bordcomputers war zu hören. Einige schwebende Kleinutensilien zogen in gelegentlichen Kreisbahnen langsam an Hanna vorbei. Darunter war auch ein Buch mit abgegriffenem Einband, seine vergilbten Seiten leicht aufgefächert, wogten sie in der Schwerelosigkeit. Entgegen der Anweisung ihres Flugoffiziers, persönliche Gegenstände nur in den Crewräumen zu verstauen und schon gar nichts unbefestigt liegenzulassen, war sie so in ihren Vorbereitungen vertieft, dass sie alles andere um sich herum vergaß.
»Zulassungsunterlagen, Check. Schuluniform, Check.« Das schwache Licht des Tablets beschien Hannas Gesicht und gepaart mit der gelben Farbe ihres Raumanzuges verlieh es ihren feuerroten Haaren einen goldenen Schimmer. Sie fuhr mit dem Finger über die Punktetabelle. Mit jedem Tippen sprang ein Häkchen in die Zeile. »Schulordnung, Check. Cockpit-Vorschriften, Check.«
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. All die aufreibenden Monate, der erbarmungslose Lehrstoff, den sie nächtelang durchgekaut hatte. Sie hatte vermutlich nicht das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen erfahren. Doch sie war gefährlich nah dran gewesen. Von tiefster Verzweiflung und Verlustangst, die ihr den Schlaf raubten, nachdem sie erneut bei einem Test durchgefallen war und die Prüfer sie unentwegt an ihr Unvermögen erinnert hatten. Einem der Prüfer war sogar der Geduldsfaden gerissen. Wäre er Arzt gewesen, meinte er, hätte er ihr unlängst eine Hirnunterfunktion attestiert, so oft wie sie versuchte, unbeirrt mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Sie hatte fast Mitleid mit ihm. Und dann war da noch ein ihr bis dato unbekanntes, unter der Oberfläche lauerndes Glücksgefühl, das sämtliche negative Emotionen aus ihrem Inneren verbannte. Freudestrahlend hatte sie ihrer Mutter das Abschlusszeugnis präsentiert und gerufen: »Ich bin jetzt eine waschechte Pilotin!« Obwohl sie es kaum glauben konnte, die Prüfer waren genauso überrascht gewesen. Aber der stolzerfüllte Ausdruck ihrer Mutter war für Hanna der endgültige Beweis. »Meine furchtlose Pilotin«, sagte sie und schloss Hanna in ihre Umarmung. So furchtlos war sie doch gar nicht. Hanna war in dem Moment peinlich berührt, aber eine Sache war ihr bewusst, sie wollte ihre Mutter stolz machen. Um dann irgendwann in ihre Fußstapfen zu treten und das Unternehmen zu erben, das sie später mal leiten würde.
Plipp-Plopp Plipp-Plopp. Das Geräusch einzelner Wassertropfen weckte sie aus den Erinnerungen und lenkte ihren Blick von dem Tablet auf den dunklen Bereich zu ihrer linken. Wo sich eine holografische Animation aus vielen bläulichen Dreiecken formte, die sich zu den Seiten der Kabine in Wellen auflösten. Der Klang war Hanna vertraut. Sie war mit Einheit 10-7 S aufgewachsen, aber diese Bezeichnung hatte sie nie gemocht. Für Hanna war sie mehr als nur eine Maschine. Sie war ein eigenes Individuum, mit richtigem Namen, Gefühlen und Gedanken. Auch wenn die Leute das nicht verstanden. Sie gehörte zu ihrer Familie. So hatte Hanna gelernt darauf zu achten, wenn sie was auf dem Herzen trug oder sie etwas beunruhigte. »Keine Sorge Ava, ich habe schon ein Gesuch deinetwegen eingereicht.«
Im selben Augenblick meldete sich aus der Com eine Stimme: »Wir erreichen in Kürze die technische Bildungsanstalt Aetheria Academia im zweiundachtzigsten Bezirk.« Die Com verstummte, dann fuhr der Sprecher der Kommandobrücke fort: »Warteposition für den Andockvorgang wird eingenommen.«
Mit einer Hand drückte sich Hanna von ihrem Sitz ab und neigte ihren schwebenden Körper nach vorne, um an der glatten, dunklen Oberfläche ihre Vorwärtsbewegung mit den Fingerspitzen abzupassen. Rote Haarsträhnen tänzelten schwerelos an ihrem Gesicht entlang. Die Akademie hatte sie bisher nur in Form von Fotos und Aufnahmen im Datenstream gesehen. Dass es sich um ein gewaltiges Konstrukt handelte und selbst den Mond ihres Heimatplaneten winzig erscheinen ließ, war ihr ebenfalls bekannt. Aber die Aetheria mit eigenen Augen zu sehen, war dann doch ein ganz anderes Erlebnis. Ungeduldig tippte sie ihren Sicherheitscode für die Bildfreigabe ins Tablet und löste im Bordcomputer eine leise, melodische Klangabfolge aus. Die Dunkelheit wich der leuchtenden Fläche, die sich membranartig um die Kabine spannte und Hanna wie eine gläserne Kugel umschloss. Als sich ihr die freie Sicht auf den ehrfurchtgebietenden Pferdekopfnebel eröffnete, klappte ihr die Kinnlade auf. Majestätisch ragte sein schwarzes Haupt aus den rot glühenden Wasserstoffwolken empor. Er schien Hannas Ankunft regelrecht zu begrüßen.
Inmitten dieses galaktischen Ozeans glich die Raumakademie einem strahlenden Juwel. Ihr Atem stockte. »Das ist also ... die Schule ..., ich habe es endlich geschafft. Mom!« Weit im All erstreckten sich gigantische ringförmige Strukturen, die das Sonnenlicht in bunten Farben reflektierten. Nach unten hin zog sich das Konstrukt wie ein Kegel in immer kleiner werdenden Ringen zusammen. Angetrieben durch einen inneren Kern von der Größe eines Zwergplaneten, diente seine gewaltige Masse als nahezu unerschöpfliche Energiequelle und erzeugte zugleich ein stabiles Magnetfeld. Sie vermochte das Ausmaß dieser Akademie nur erahnen. Dagegen war ihr Transportfrachter, der sie nach Aetheria flog, wie ein einsames Staubkorn.
In weiter Ferne entdeckte sie etwas, das sich wie ein Einschluss in einem sonst lupenreinen Diamanten zwischen sie und die Aussicht schob. Vermutlich ein Wartungsbot, der sich im Reparatureinsatz befand. Sie tippte auf ihr Tablet und öffnete auf der Bildfläche vor sich ein Fenster, mit dem sie den kleinen grauen Fleck stufenweise vergrößerte, bis sie seine Form deutlich erkannte. »Das ist aber ..., jemand in einem Raumanzug?« Sie betrachtete ihn eine Weile kritisch. Irgendwas war an der Person seltsam. Dann erst bemerkte sie, dass er regungslos umhertrieb. Als Hanna begriff, was sie dort sah, fing ihr Herz panisch an zu rasen.
»Nein, nein, nein, das darf nicht sein.« Ist er bewusstlos? Hat er Sauerstoffmangel? Kann sie überhaupt noch helfen? Verzweifelt tippte sie mehrfach auf den Kommunikationskanal ihres Tablets, als ginge der Verbindungsaufbau dadurch schneller.
»Hier spricht die Brücke«, meldete sich nach einigen Sekunden der Bordoffizier.
»Der ... der machts nicht mehr lang.« Sie schrie ungewollt in die Com, ihre Stimme bebte und überschlug sich dabei.
»Was?«
»D-D-Da ... da ist«, sie sendete der Brücke ihren Videofeed. »Der überlebt nicht mehr lange!«
Für einen Moment war es am anderen Ende der Leitung unerträglich still, als ein plötzliches Warnsignal ertönte.
»Rettungsteam benachrichtigen und für externen Einsatz vorbereiten«, drang es aus der Com. »Person in Not entdeckt.«
Ihr Tablet steckte sie in die Ladestation. In einer fließenden Bewegung pickte sie die Kleinutensilien und das Buch aus der Luft, verstaute diese in ihrer Brusttasche und schwang sich zurück auf ihren Sitz. Anhand des Zoom-Fensters behielt Hanna die Person weiterhin im Blick und versuchte am Körper irgendwelche Regungen auszumachen, aber da war nichts. Bitte sei einfach nur am Leben. Die Vorstellung eine Leiche zu bergen und ihr in die kalten Augen zu blicken, ließ sie erschaudern. Hastig glitt sie in ihre Handschuhe, die sich links und rechts an ihrer Steuerkonsole befanden. Deren beiden Enden verbunden sich über einen mechanischen Verschluss automatisch mit den Armsegmenten ihres Raumanzugs. Dann schnappte sie nach ihrem Helm, der über ihr schwebte und setzte ihn sich auf. Über den Druckring an ihrem Hals rastete er klickend ein und versiegelte sie luftdicht. Die Magnethalterung an der Rückenlehne zog ihren Körper sanft in optimale Sitzposition, die sie zusätzlich sicherte. Im Hintergrund verfolgte sie die Einsatzbesprechung zwischen der Brücke und der medizinischen Versorgungsstation.
»Wie ist die aktuelle Lage des in Not geratenen?«
»Wahrscheinlich kritisch.«
»Gibt es Anzeichen einer Kollision mit Wrackteilen oder Ähnlichem?«
»Unbekannt.«
Das muss alles sehr viel schneller gehen! Bis sie das ausdiskutieren, wird das Einsatzteam nicht rechtzeitig vor Ort sein. Zu beiden Seiten ihres Sitzes fuhren Steuerknüppel nach oben, die sie mit ihren Händen ergriff. Vor ihr öffneten sich leuchtende Fenster, in denen komplexe Berechnungen durchliefen. Nacheinander reihten sie sich dann in einem Halbkreis auf und bildeten ein Bedienfeld. Nachdem die Ladesequenz beendet war und die Bordsysteme erwacht waren, erschien auf der Bildfläche ein transparentes Fadenkreuz.
»Wer voranschreitet, gewinnt zweifach«, murmelte sie mehr zu sich selbst, in Erinnerung an die Worte ihrer Mutter.
»Wie bitte?«
»I-I-Ich rette ihn!« Ihren Entschluss hatte sie bereits gefasst. Auch wenn sie am ganzen Körper zitterte und ihr Herz aus der Brust zu springen drohte. Sie deaktivierte die Verankerung.
»Hey! Was soll das werden?!«, schlug ihr die strenge Stimme des Bordoffiziers aus der Com entgegen. »Wir kümmern uns um den Rettungseinsatz!«
Ein lautes Vibrieren, das von weit oben über den Köpfen der Lagerarbeiter zu kommen schien, erfüllte die Frachthalle. Die waren gerade damit beschäftigt, Kisten auf den Schwebetransporter zu verladen. Allesamt hielten sie inne und schauten überrascht hinauf zu dem stählernen Riesen, der völlig unvermittelt aus seinem Schlaf erwachte. Als das Ungetüm seine Augen aufschlug, die in einem unheilvollen Rot zu leuchten begannen, lösten sich von seinem gepanzerten Rücken mehrere Versorgungsschläuche. Weißer Dampf zischte, hüllte ihn ein und ließ ihn wie einen zornigen Kriegsgott erscheinen, bereit herabzusteigen, um sie wie Insekten unter sich zu begraben. Bei diesem Anblick stoben die Arbeiter wie aufgeschrecktes Getier in alle Richtungen auseinander und verkrochen sich in jede freie Nische, die sie finden konnten.
Die massive Verankerung, die von dem Zahnstangenantrieb bewegt wurde, hob sich zögerlich von Avas breiten Schultern.
»Will sie mit dem Ding wirklich starten?«, hörte Hanna den Bordoffizier aus der Com seinen Kollegen skeptisch fragen. Sie ist kein Ding! Hanna war fast gewillt, das laut auszusprechen und riss zu früh ihre Steuerknüppel nach oben. Das war ein Fehler. Ein einziger Aufwärtsschub reichte. Die Steuerdüsen an Avas hydraulischen Armen und Beinen heulten auf und sie krachte mit ihrem eisernen Schädel gegen die Ankerhaken. Die Zahnflanken pressten sich tief in die Zahnlücken des Stangenantriebs. Ein Knacken und Ächzen durchfuhr das Getriebe unter dem harten Aufprall, bevor es schlagartig nachgab und die Verankerung rücklings gegen die Bordwand donnerte. Die Sitzvorrichtung federte ihren Rückstoß ab, der mit dem missglückten Start einherging, während die Magnethalterung sie fest in Position fixierte und Hanna davor bewahrte, unkontrolliert durch die Kabine geschleudert zu werden.
»Verflucht nochmal ... Pilotin der mobilen Kampfeinheit!«
»T-T-Tu ... Tut mir leid.«
Hanna sah förmlich die Zornesfalte auf seiner Stirn und die Halsschlagader, die pulsierend hervortrat. Unwillkürlich musste sie an ihre Prüfer denken, die Hanna zur Weißglut getrieben hatte. Ihr war bewusst, dass sie äußerst hartnäckig sein konnte, wenn sie einmal einen Plan gefasst hatte. Diese Hartnäckigkeit hatte sie wohl von ihrer Mutter geerbt, wenngleich sie nicht stolz darauf war, und irgendwie auch doch. Denn da war dieses brennende Verlangen, sich selbst und allen anderen zu beweisen, dass sie mehr war als nur die verwöhnte Tochter einer Tech-Mogulin. Sie würde sich später beim Bordoffizier ausgiebig entschuldigen und ihn notfalls in Schutz nehmen, sollte er von seinem ersten Offizier eine Abmahnung kassieren. Immerhin standen er und alle anderen hier auf dem Transportfrachter im Dienst ihrer Familie. Das auferlegte Hanna eine gewisse Verantwortung ihren Angestellten gegenüber, besonders in Hinblick darauf, dass sie einmal die Firma übernehmen würde. Aber jetzt blieb keine Zeit für Diskussionen. Sie sammelte ihre Gedanken, atmete tief ein, bis ihre Lungen keine Luft mehr aufnehmen konnten, atmete wieder aus, um ihren Körper zu beruhigen und ihr Stottern zu unterbinden.
»Bitte, lass mich das machen. Ava ist die schnellste Einheit, die wir haben.« Beschwichtigend versuchte sie zu argumentieren und hoffte inbrünstig, dass er ihr keinen ellenlangen Vortrag hielt. Ein zustimmender Klang ertönte aus dem Bordcomputer. Hanna konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und legte ihre Hand auf die blinkende Steuerkonsole. Du bist die Beste. Durch den dichten Stoff ihres Handschuhs spürte sie sanfte Vibrationen. Erst schien es ihr, als sei der Kommunikationskanal unterbrochen, weil von ihm keine Reaktion kam, aber der grüne Punkt oben rechts auf der Bildfläche leuchtete, er musste Hanna also gehört haben. Ein nachgiebiges Seufzen drang aus der Com. Die Leitung verstummte, vermutlich beriet er sich mit seinen Kollegen.
Nach wenigen Augenblicken meldete er sich dann resigniert zurück: »Wir öffnen die Außenluke. Halte dich so lange im Zaum.«
Fortsetzung folgt.
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