Angestellt

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Blumenberg

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Angestellt​

Ich war in Eile, um pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt in der Arbeitsagentur bei meiner Betreuerin zu sein. So heißt das heute. Vor ein paar Jahren wären es noch ein Amt und eine Sachbearbeiterin gewesen. Aber sei´s drum, eine Effizienzoffensive besteht eben zu nicht unwesentlichen Teilen aus einer bloßen Umetikettierung.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich forsch ausschritt, als mich aus heiterem Himmel ein älterer Mann ansprach. Überrascht sah ich auf, als mich seine Stimme so unverhofft aus der Vorbereitung des anstehenden Gespräches riss. Ich hatte meinen eloquenten Auftritt vor der Betreuerin mehr als ein Dutzend Mal vor meinem geistigen Auge durchgespielt und war sicher, dass er überzeugend werden, mich in ihren Augen über den Pöbel, der ansonsten hier verkehrte, erheben musste. Er nannte mich beim Namen, was mir eigenartig erschien, hatte ich doch diesen Menschen noch nie zuvor im Leben erblickt.
„Ja bitte, Sie wünschen?“, entgegnete ich immer noch abwesend.
„Sie sind reichlich knapp zu einem so wichtigen Gespräch. Finden Sie nicht?“ Der Mann sah mir direkt ins Gesicht und erzwang sich regelrecht meine Aufmerksamkeit.
Ich sah ihn entgeistert an. Woher wusste er vom Zeitpunkt meines Termins? Warum maßte er sich überhaupt an, mich hier so einfach anzusprechen und mir vorzuwerfen, knapp bei meinem Termin zu sein? Ich wollte schon auffahren, als mir plötzlich ein Gedanke in den Kopf schoss. Wenn ich ihn nun zurechtwiese und er sich dann als ein Mitarbeiter des Amtes, gar als ein neuer Betreuer herausstellen sollte. Sonst konnte er ja nicht wissen, dass und wann ich hier ins Amt bestellt war.
„Nun? Schließlich habe ich Sie etwas gefragt“, unterbrach er meine Überlegungen.
„Ich … Bitte entschuldigen Sie, ich habe mich bereits eingehend auf das kommende Gespräch vorbereitet, daher bin ich im eigentlichen Sinne nicht zu spät. Es sind noch fünf Minuten bis zu meinem Termin“, entgegnete ich, nicht unzufrieden über die schlagfertige und doch inhaltlich korrekte Aussage.
Er sah auf die Uhr und schien meine Angaben zu prüfen. „Sie haben Recht, aber es ist ohnehin belanglos, da Sie Ihren Termin nicht mehr wahrnehmen werden. Es wurde bereits alles geregelt. Sie fangen unverzüglich an.“
Wieder spürte ich, wie mir ein Schauer über den Rücken lief. „Was soll das heißen? Wo fange ich an?“, stieß ich um Beherrschung ringend hervor.
„Sie werden eine äußerst wichtige Maschine bedienen. Mehr brauchen Sie im Moment noch nicht zu wissen“, entgegnete er, ohne eine Regung erkennen zu lassen.
Dieser sonderbare Mann schien mich auf den Arm nehmen zu wollen. Seine kryptischen Andeutungen ergaben für mich kaum einen Sinn und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass die Zeit drängte, wollte ich nicht tatsächlich zu spät zu meinem Termin kommen. Ich entschloss mich zu handeln.
„Bitte entschuldigen Sie, aber ich habe einen Termin. Ich bin sicher, dass Sie mich mit jemandem verwechseln, der zufällig denselben Namen und einen Termin zur gleichen Zeit hat.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, wollte ich meinen Weg zum Aufzug fortsetzen. Zu meiner Überraschung machte der Mann einen schnellen Schritt nach links, versperrte mir den Weg und nötigte mich, mit nach wie vor ausdrucksloser Miene, zum Anhalten.
„Was erlauben Sie sich!“ fuhr ich auf, endgültig außer Fasson geraten.
„Ich sagte doch bereits, Ihr Termin wurde abgesagt. Es besteht also keine Notwendigkeit, dass Sie das Büro von Frau Maschke aufsuchen.“
„Oh, diese Notwendigkeit besteht unbedingt. Wenn mein Termin tatsächlich abgesagt worden sein sollte, habe ich wohl das Recht, das von einer offiziellen Mitarbeiterin dieser Einrichtung zu erfahren“, erwiderte ich und merkte an meiner bei der Antwort erhobenen Stimme, dass ich langsam wütend wurde. Wie sich dieser Mann aufführte, seine auf reine Sachlichkeit beschränkte Sprache und Kühle, all das weckte eine mir rational unerklärliche Abneigung gegen ihn.
„Ich sagte Ihnen bereits, dass das nicht notwendig ist. Außerdem ist es Zeit, aufzubrechen. Sie haben schließlich eine Maschine zu bedienen. Ich würde eine weitere Verzögerung nur sehr ungern in Kauf nehmen. Um ehrlich zu sein, scheint mir eine weitere Verzögerung genauer betrachtet ausgeschlossen“, erwiderte er, ohne dass seine Stimme auch nur bei einer Silbe aus dem geschäftsmäßig neutralen Ton, der seiner Rede zu eigen war, ausbrach.
Panik begann langsam in mir aufzusteigen und ich sah ihn mit großen Augen an, nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Wir standen uns vielleicht eine halbe Minute gegenüber, während ich hilflos nach einem Weg fahndete, wie ich mich diesem sonderbaren Mann gegenüber verhalten, wie ich mit ihm in ein Verhältnis treten sollte. Ich fühlte mich seiner geschäftsmäßigen Bestimmtheit vollkommen ausgeliefert, während alles in mir danach schrie, mich gegen eben diese Fremdbestimmung aufzulehnen. Hatte ich mich bisher immer als selbstbestimmtes Wesen bürgerlicher Herkunft empfunden, spürte ich mit einem Mal, wie dieses Selbstverständnis brüchig zu werden begann. Es war, das wurde mir schlagartiges bewusst, kein plötzliches Zerbrechen. Die feinen Risse hatten angefangen sich zu bilden, als ich entlassen wurde und meine Arbeitslosigkeit begann. Die Mühlen der Bürokratie, das Aufenthaltsgebot, das Bewerbungsgebot, die regelmäßigen Visiten und Termine, die Kontooffenlegung vertieften sie ebenso wie das ständige Hinterfragen der eigenen Person, deren wesentlich durch Arbeit determiniertes Selbstverständnis mit dem Satz „Ihre Dienste werden in unserem Unternehmen nicht länger benötigt“ gründlich infrage gestellt war. Zeit genug, darüber nachzudenken, hatte ich als Arbeitsloser ja ohnehin.
Was war ich doch für ein Narr gewesen, tatsächlich anzunehmen, ich unterschiede mich in irgendeiner Hinsicht von den traurigen Gestalten, über die ich vorgehabt hatte, mich in einer Art personaler Allmachtsphantasie zu erheben. Aber noch stand schließlich das Urteil meiner Beraterin, der Richterin über mein Schicksal, aus. Noch war ich entschlossen zum Widerstand. Ohne meinem Gegenüber in die Augen zu sehen - ich schämte mich wohl meines Vorhabens -, machte ich einen plötzlichen Satz nach links und rannte an dem sonderbaren Mann vorbei auf die Treppe zu. Noch waren es ungefähr zwei Minuten bis zu meinem Termin, noch konnte ich es schaffen, konnte alles in die Bahnen lenken, die ich mir wieder und wieder ausgemalt hatte.
Ich hastete hinauf in den zweiten Stock, bog, ohne langsamer zu werden, in den langen Gang ein, an dessen Ende (linke Seite) das Ziel meiner Flucht lag. Ein kurzes Innehalten (ich bin kein guter Läufer und war außer Atem) und ein Blick auf die Uhr verrieten mir, dass ich es rechtzeitig schaffen würde und ein triumphierendes Gefühl überkam mich. Ich ordnete meinen Anzug, straffte mich und klopfte an die Tür.

Es kam keine Antwort, nichts deutete darauf hin, dass mein Klopfen auf der anderen Seite registriert worden wäre. Ich ließ noch eine kurze Zeitspanne verstreichen, bevor ich erneut meine Hand hob. Sollte die Tür so dick sein, dass ich die ersehnten Worte nicht verstand, fragte ich mich, als mein erneutes, diesmal lauteres Klopfen unbeantwortet blieb. Ich drückte die Klinke nach unten und wollte die Tür öffnen, stieß aber auf einen unerwarteten Widerstand. Sie war verschlossen. Schweiß brach mir aus, ob vom Laufen oder aus Furcht, ich wusste es nicht zu sagen. Gleichzeitig überkam mich die Wut. Ich rüttelte an der Tür. Es fehlte nicht viel und ich hätte mich mit der Schulter dagegen geworfen, um dieser so entsetzlich hilflosen Wut einen Ableiter zu verschaffen. Wie zum Hohn schlug in diesem Moment der Gong einer Uhr, die mir verkündete, dass die Zeit abgelaufen war. Regungslos verharrte ich noch einen Moment vor der Tür, dann machte ich auf dem Absatz kehrt und schlich geschlagen den Gang zurück zum Aufzug, während mir die hölzernen Zwillingsschwestern der Tür, die mich abgewiesen hatte, rechts und links in perfekter Ausrichtung Spalier standen.
Als der Aufzug im Erdgeschoss seine Türen öffnete und mich entließ, stand der sonderbare Mann immer noch unverändert an dem Platz in der Vorhalle. Neben ihm stand das Ziel meiner Flucht und sah mich durch die Gläser einer Brille hindurch an. In dem Moment, als ich beide sah, schämte ich mich für meine lächerliche Flucht ein paar Minuten zuvor. Von meinem schwungvollen Schritt war nichts mehr übrig, als ich ihnen entgegenlief, um meinen Urteilsspruch zu empfangen.
„Guten Tag, Herr Müller“, empfing mich meine Betreuerin kühl und ich glaubte einen leichten Tadel in ihrer Stimme zu hören. „Mir wurde berichtet, dass Sie plötzlich Reißaus genommen haben, obwohl Ihnen versichert worden war, dass Ihr Termin bei mir bereits abgesagt wurde. Sie können von Glück sagen, dass Sie so vernünftig waren, zurückzukommen. Das gibt uns die Möglichkeit, in Ihrer Angelegenheit doch noch zu einem guten Ende zu gelangen, obwohl ich gezwungen bin, einen Aktenvermerk zu machen.“
Ich sah sie an und muss dabei vollkommen verständnislos gewirkt haben, denn sie ergänzte, als ob sie es mit einem unverständigen Kind zu tun habe: „Vielleicht sollten sie sich zunächst einmal für Ihr Verhalten entschuldigen und sich, da der Herr so großzügig ist, weiterhin auf Ihre Verwendung zu bestehen, bei ihm bedanken.“
Bevor ich die Möglichkeit hatte, der Aufforderung nachzukommen oder zu der ganzen Angelegenheit Stellung zu nehmen, winkte er ab. „Eine Entschuldigung oder ein Dank sind unnötig. Herr Müller hat eine Maschine zu bedienen. Jede weitere Verzögerung hält ihn nur davon ab“, sagte er zu meiner Betreuerin gewandt, ohne mich weiter zu beachten. Diese nickte heftig.
„Sie sehen es, Herr Müller, unsere Agentur bringt sogar einen schwierigen Fall wie Ihren zu einem guten Abschluss. Ich freue mich, dass wir Ihnen zu einer Anschlussverwendung verhelfen konnten, und hoffe, Sie werden diese Chance für einen Wiedereinstieg in die produktive Gesellschaft nutzen.“ Sie streckte mir die Hand entgegen. Ich nahm sie kraftlos, unfähig, mich weiter zu wehren. „Leben Sie wohl, Herr Müller.“ Sie gab auch dem ominösen Herrn die Hand, machte auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung des Aufzugs davon.

Ich wurde von dem Herrn aus dem Amt geleitet und zu einem Wagen geführt. Ohne aufzubegehren, stieg ich ein und der Wagen fuhr, kaum hatte ich die Tür geschlossen, los, um mich zu meiner neuen Stelle zu bringen.
Nach etwa zehn Minuten kamen wir an unserem Zielort, einer unscheinbar wirkenden Industriehalle, an. „Hier werden Sie tätig sein. Sie werden sehen, unser Betrieb ist absolut auf dem neuesten Stand der Technik.“ Er führte mich durch den Eingang und eine Schleuse hindurch in einen großen Raum, der eher einer wissenschaftlichen Einrichtung ähnelte als dem, was ich mir unter einer Industriestätte vorgestellt hatte. Der ganze Raum war in einem blendenden Weiß gestrichen, den größten Teil nahmen mehrere riesige Maschinen ein, die durch ein Gewirr von Kabeln und Laufbändern miteinander verbunden waren. Kaum hatten wir den Raum betreten, erwachte die Anlage und nahm ihren Betrieb auf. Was genau die einzelnen Abschnitte dieser gigantischen Produktionsstraße für eine Funktion hatten, blieb mir verschlossen, da die Tätigkeit, die die Maschinen ausübten, sich ausschließlich in ihrem Inneren abspielte. Dass sie aber tätig sein mussten, bewies das in unzähligen Stadien der Fertigstellung befindliche Produkt, das auf den Produktionsstraßen zwischen den Maschinen hin- und herlief, in seiner Bewegung einer festen, mir aber unbekannten Logik folgend. Trotz der regen Betriebsamkeit herrschte eine schon beunruhigende Stille. Ich sah mich mit großen Augen um, vermochte aber in der ganzen Halle nicht einen einzigen anderen Menschen auszumachen.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, sagte der Herr lächelnd: „Der ganze Betrieb ist völlig automatisiert, nicht nur die Produktion, die Sie hier beobachten können. Auch die Wartung und Kontrolle werden von einem zentralen Rechner aus gesteuert. Es wird Sie vielleicht überraschen, aber Sie sind unser einziger Angestellter aus Fleisch und Blut.“ Er sah mich eindringlich an. „Aber gerade deshalb kommt Ihnen eine Aufgabe zu, die für den gesamten Ablauf von entscheidender Bedeutung ist, auch wenn Ihnen die Ausführung vielleicht trivial erscheinen mag. Kommen Sie! Ich führe Sie an Ihren Arbeitsplatz.“

Ich folgte ihm weiter durch die Halle und staunte über die lautlose Betriebsamkeit um mich herum. Am anderen Ende angekommen durchschritten wir eine Tür, eine weitere Schleuse und betraten einen zweiten, kaum kleiner wirkenden Raum, der im Gegensatz zu dem vorigen geradezu leer wirkte. Den Raum durchmaß der gesamten Länge nach ein Fließband, auf dem in regelmäßigen Abständen das fertige Produkt, ein kleiner weißer Kasten mit abgerundeten Ecken und mir gänzlich unbekannter Funktion, lag und sich gleichmäßig auf einen Ausgang am anderen Ende des Raumes zubewegte. Genau in der Mitte des Raumes stand neben dem Fließband ein Pult, vor dem ein Bürostuhl aufgestellt war.
„Ihr Arbeitsplatz“, erklärte mir der Herr und wies auf den Stuhl. „Setzen Sie sich! Ich werde Sie mit Ihrer Aufgabe vertraut machen. Dabei ist es von größter Wichtigkeit, dass Sie mir genau zuhören. Ihr Beitrag, ich kann es nur wiederholen, ist für das Funktionieren der gesamten Produktion von entscheidender Bedeutung. Nun aber endlich zu Ihrer Aufgabe: In regelmäßigen Abständen werden Sie einen Signalton hören. Wenn dieser ertönt - und nur dann -, drücken Sie den Knopf auf Ihrem Pult, der aufleuchtet, halten ihn ungefähr drei Sekunden gedrückt, dann lassen Sie ihn los und warten auf den nächsten Signalton. Haben Sie das verstanden?“
Ich nickte. „Mir ist aber nicht recht klar, warum diese Tätigkeit nicht auch von einer Maschine gesteuert werden kann? Das scheint mir irgendwie unlogisch“, bemühte ich mich zu verstehen, warum ich überhaupt an diesem Ort war.
„Das ist bedauerlicherweise als Teil unserer technischen Ausstattung einem strengen Betriebsgeheimnis unterworfen. Sie verstehen sicher, dass wir die sensiblen technischen Daten unserer Produktionsmethode, soweit sie nicht für die Ausübung Ihrer Tätigkeit von Belang sind, nicht mit Ihnen teilen können. Was Sie interessieren sollte, ist, dass Ihre Anwesenheit hier aus unserer Sicht eine Notwendigkeit ist und Ihnen zu Lohn und Brot verhilft“, tadelte er mich. „Ihre Schicht beginnt pünktlich um 9:00 Uhr und nicht einen Augenblick später und endet um 18:00 Uhr. Um 12:00 haben Sie eine Stunde Mittagspause.“ Er hielt mir einem Stift und einen dünnen Vertrag hin, der auf der letzten Seite aufgeschlagen war. „Unterzeichnen Sie nun bitte hier“, forderte er mich auf. Ich unterzeichnete. Warum, konnte ich nicht sagen, in diesem Augenblick schien es mir das einzig Mögliche zu sein.
Mein Gegenüber blickte auf seine Uhr. „Wir haben bereits 9:30 Uhr. Da die entstandene Verzögerung durch Sie verschuldet ist, endet Ihre Schicht heute folglich um 18:30 Uhr. Alles Weitere entnehmen Sie bitte dem Arbeitsvertrag, den wir ihnen zusenden. Ich muss mich nun verabschieden und wünsche Ihnen einen guten Start in unserem Unternehmen.“
Er ließ mir keine Zeit zu einer Antwort, sondern nahm mir Stift und Vertrag aus der Hand, drehte sich um und war kurze Zeit später durch die Tür verschwunden, durch die wir den Raum zuvor betreten hatten.

Ich saß vor dem Pult und fühlte mich wie in einem schlechten Film. Ich war schlicht die gänzlich falsche Person. Ein anderer Max Müller musste gemeint gewesen sein. Ich wollte aufstehen und ihm nachgehen. Ihm sagen, dass es sich hier doch nur um irgendeine perverse Form von Missverständnis handeln konnte, ja, handeln musste. Aber hatte ich nicht gerade einen Vertrag unterschrieben? Mit meiner eigenen Unterschrift klargestellt, dass ich der richtige war. Ich kam mir in diesem Augenblick wie ein Betrüger vor. Was, wenn sich der richtige, der Max Müller, für den diese Arbeit bestimmt war, meldete und man mich zur Rede stellte? Sollte ich dann sagen „Ich bin Max Müller, eigentlich der falsche, aber durch meine Unterschrift habe ich vorgegeben, der richtige zu sein.“? Verwechslungen passierten, aber diese dann auszunutzen …? Hatte ich wirklich alles getan, um klarzustellen, dass ich der falsche bin? Sollte ich einen letzten Versuch wagen, es jetzt, nach geleisteter Unterschrift, noch klarstellen oder war es dafür schon zu spät?
Es schien mir unmöglich, hierzubleiben, vielleicht sollte ich einfach sagen, ich hätte es mir anders überlegt und kein Interesse. Aber was wäre, wenn sich dann herausstellen sollte, dass ich doch der Richtige wäre. Dann wäre ich einer, der die ihm gebotene Chance ausgeschlagen hatte, der widerspenstig war und sich gegen die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt sträubte. Meine Betreuerin hatte mich schließlich in der Sache bereits vermerkt und ein weiterer Vermerk würde mich wohl endgültig zu einem Unwilligen abstempeln, zu jemandem, dem nur mit Sanktionen beizukommen wäre. Es war einfach vertrackt.
In diesem Augenblick riss mich ein lauter Pfeifton aus meinen Gedanken und einer der Knöpfe begann in einem wilden Stakkato zu blinken. Wie automatisch drückte ich den Knopf und das Pfeifen endete. Ich zählte innerlich bis drei und ließ los.
Vor mir rauschten auf der Produktionsstraße die kleinen weißen Quadrate vorbei. Immer in gleichem Abstand und ohne Unterlass kamen sie zur einen Seite des Raumes herein und verschwanden auf der anderen Seite wieder. Waren genug Quadrate an mir vorbeigezogen, ertönte das Pfeifen und ich drückte auf den Knopf, der mich mit heftigem Blinken dazu aufforderte.
Wieder und wieder und wieder.
 

Homosapiens

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Ich finde mich in einer Welt wie bei Kafka wieder, für Millionen von Menschen, die aus dem Arbeitssystem gefallen sind, dauerhafte Realität. Du beschreibst die Lage des Betroffenen durchgängig und konsequent aus seiner Sicht, was Beklemmung auslöst, aber notwendig ist zum Nacherleben einer Situation, die für viele den Alltag bedeutet.
Als Leser teile ich das völlige Unverständnis des Protagonisten, Zusammenhänge bleiben auf wohltuend vertraute Weise im Dunkeln.
Besonders eingängig thematisierst Du das Bröckeln der Selbstbestimmung, das durch systematische Ignoranz verursacht erscheint.
Leider werden die Verantwortlichen für diesen Verlust an Würde Deinen Text wohl nicht lesen.
Gruß Homosapiens
 

Galaxius

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Hallo Blumenberg
deine Kurzgeschichte habe ich gerade gelesen. Und muss sagen, sie lässt mich recht ratlos zurück.
Du beschreibst sehr detailliert, wie Herr Müller seine neue Anstellung erhält. Allerdings erfährt der Leser nicht, um welche Arbeit es sich handelt. Daher rate ich jetzt einfach mal, dass der Herr, der die Arbeit vergibt, Gott sein soll. Und die Produkte, die auf dem Band vorbeilaufen sind die "Seelen" der Verstorbenen, die in neue "Erdenbürger"eingebaut werden. Aber wozu der ganze Aufwand.
Vielleicht denkst du dir noch ein Ende aus?
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo onivido,

grausig und bedrückend sollte es sein. Es freut mich, wenn es mir gelungen ist das in der Geschichte herüberzubringen.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo homosapiens,

zunächst einmal vielen Dank für die Beschäftigung mit meinem Text. Es freut mich, wenn das Kafkaeske der Erzählung wie vom Autor beabsichtigt seine Wirkung tut. Mir war es wichtig, dass die Zusammenhänge dem Protagonisten der Geschichte verborgen bleiben, um seine Situation auf diese Weise noch weiter zuzuspitzen. Nicht nur wird über seinen Kopf hinweg entschieden, er hat nicht nicht einmal die Chance aus dem völligen Unverständnis gegenüber der Situation zu entfliehen, was seine Hilflosigkeit noch steigert.

Ich freue mich, dass du die Geschichte trotz der bewussten Überzeichnung als konsequent erzählt empfindest und der Text trotz seiner Idee als nicht unbedingt leichte Kost gefallen konnte.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Galaxius,

ein wenig ratlos zurückzubleiben ist durchaus etwas was die Geschichte auslösen soll.
Du hast recht, wenn du bemerkst das die Verwendung von der Herr an manchen stellen eine Assoziation zum Gottesbegriff weckt, das ist beabsichtigt. Trotzdem geht es, wenn mir die Korrektur des Eindrucks gestattet ist, nicht um die die Seelen verstorbener sondern vielmehr um eine seelenlose Bürokratie in der sich der Protagonist gefangen sieht, unfähig aus ihr auszubrechen (s. die Anmerkung von homosapiens). Der Leser erfährt dabei so wenig wie der Autor was genau das für eine Arbeit sein soll und worin ihr eigentlicher Sinn liegt, bzw. ob es überhaupt einen darin gibt. Dies habe ich bewusst offen gelassen.
Ebenso das Ende, das in seiner Plötzlichkeit den unvermittelten Anfang einholt. Ob der Protagonist sich fügt, oder gegen das was mit ihm geschehen ist doch in irgendeiner Weise aufbegehrt überlasse ich der Interpreatation des Lesers.

Ich hoffe meine Anmerkung hilft dir ein wenig.

Beste Grüße

Blumenberg
 
Lieber Blumenberg,

dein Text kommt mir vor wie eine unbekömmliche Mischung aus Kafka und Günter Wallraff, abgeschmeckt mit einer Prise Blumenberg. Dass die inhaltliche Kritik dahinter gut nachzuvollziehen ist, rettet den Text nicht. Die drei Stilelemente passen überhaupt nicht zueinander. Außerdem ist der Text viel zu lang und ermüdend in seinen Wiederholungen und seiner Umständlichkeit. Sprachlich irritiert mich auch der ungeschickte Wechsel von banalem Alltagston zu hoher Sprache, z.B.: " ... fühlte mich wie in einem falschen Film. Ich war schlicht die gänzlich falsche Person." Empfindest du nicht, wie sich das beißt, der falsche Film und das gänzlich? Da wird auch forsch ausgeschritten und nach einem Weg gefahndet - und andererseits laufen Schauer den Rücken hinunter und es wird auf den Arm genommen ... Für mich liest sich das alles auch wie eine wenig geglückte Thomas Mann-Persiflage, die im Ton nicht durchgehalten wird.

Mal ein klares Wort von mir: Deine Texte über Sachthemen sind durchweg gut lesbar und die Lektüre ist meist lohnend. Aber die belletristischen Versuche überzeugen mich überwiegend nicht. Das scheint, höflich ausgedrückt, nicht dein Begabungsschwerpunkt zu sein. Ob du da nicht Zeit und Kraft verschwendest?

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Kassandro

Mitglied
Lieber Blumenberg,

lass Dich nicht ins Bockshorn jagen! Dir gelingt etwas gar nicht Einfaches: Mit einem Text eine intensive (beklemmende) Stimmung zu erzeugen, die sich auf den Leser überträgt. Oder auch: In einer Ich-Erzählung das Innenleben nach außen zu spiegeln. Aktuell ist Deine Geschichte darin, dass sie kafkaeske Züge unserer sozialen Wirklichkeit aufnimmt. Mit dem Genre Sozialreportage hat das m. E. überhaupt nichts zu tun. Ich habe mir durch den Sprachgebrauch Deinen Protagonisten gut als einen konservativen Menschen vorstellen können, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Hier gilt es einfach, ein paar stilistische Unebenheiten zu beseitigen – wozu, wenn nicht zu konstruktiver Kritik und Tipps, ist dieses Forum sonst da. Aber auch ich hätte Schwierigkeiten, von jemandem noch etwas anzunehmen, der mich gleichzeitig mit ausgesuchter Höflichkeit öffentlich wissen lässt, dass er mich gern vom Hof gejagt hätte.

Du hast mit deinen Geschichten viele Leser angesprochen. Ich freue mich auf weitere Werke von Dir.

Kassandro
 
Kassandro, du entstellst und verzerrst meine Äußerungen von gestern. Es ist unwahr, dass ich Blumenberg vertreiben möchte, abgesehen davon, dass mir das ohnehin nicht zusteht. Ich habe ihm lediglich am Schluss eine Frage gestellt, die ihn zum Nachdenken über seine Stärken und Schwächen als Autor und mögliche eigene Schlussfolgerungen anregen könnte.

Ich sehe bei Blumenberg eine große Diskrepanz bezüglich der Qualität seiner Essays auf der einen Seite und der mich viel weniger überzeugenden Erzähltexte andererseits. Woran kann das liegen? Ich vermisse bei ihm einen eigenen entwickelten Erzählprosastil. Stattdessen finde ich intensive Nachahmung toter literarischer Größen. Vielleicht ist er sich dessen nicht einmal immer bewusst. Doch fast jeder Kommentator hier hat sofort die enge strukturelle Anlehnung an Kafkas Alptraumsituationen bemerkt. Überwiegend ist das in einem betulichen Thomas Mann-Stil erzählt. Schon das passt überhaupt nicht zusammen, ist ein krasser Stilbruch, noch verschlimmmert durch gelegentliches Abgleiten in banale Alltagssprache von heute.

Du irrst, wenn du annimmst, ein solcher Mangel ließe sich durch das Befolgen einiger stilistischer Tipps beheben. Das Manko liegt hier tiefer. Es ist von der Art, die, wenn überhaupt, nur durch jahrelange stille Arbeit an eigenen Texten überwunden werden kann. Auch das ist Textarbeit und hat mit individueller Reife zu tun. Blumenbergs Problem ist übrigens gar nicht so singulär. Wer lange in Literaturforen unterwegs ist, stößt gelegentlich auf diesen Typ des gescheiten, gebildeten, belesenen Autors, der sich mit viel Fleiß an eine selbst gestellte Aufgabe macht und dessen Werk (erzählerischer Art!) doch gewöhnlich das nicht erreicht, was erzählende Prosa sein will: ein Sprachkunstwerk. Für einen solchen Autor bedeutet es leider keine Förderung, wenn ihn Kollegen mit ähnlicher Problematik oder andere mit ungenügend ausgebildeten Kriterien für sein Werk loben, im Gegenteil.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Homosapiens

Mitglied
Was eigentlich an Kafka denken läßt, ist weniger der Schreibstil als das Aufgreifen eines inneren Erlebens, das mir zeitübergreifend menschlich erscheint. Die Geschichte spielt eindeutig in der Gegenwart, aber heute wie vor 100 Jahren gibt es Autoren, die diesen inneren Zustand erkennen, aufgreifen und jeweils in eigene Worte kleiden. Wenn die Worte den Leser anrühren, waren sie treffend gewählt.
Franz Kafka beschrieb sein Erleben in der Welt auf seine Art, aber er hatte keineswegs das Anrecht auf diese allgemein menschlichen Erfahrungen gepachtet.
Auch ein Jahrhundert später gibt es Menschen, die genau hinsehen und so empfinden. Die Einzelnen und die Gesellschaft neigen dazu, sich eine heile Welt zu illusionieren, auf Kosten eigener ungeliebter, ausgegrenzter Anteile bzw. Mitglieder. Diese Anteile gehören aber zum Ganzen genauso dazu wie die erwünschten.
Gut, wenn ab und zu ein Autor sie erkennt, beleuchtet und sie in die Herzen der Leser zurückschreibt! Wenn er doch dazu befähigt ist?
 

Kassandro

Mitglied
Lieber Arno Abendschön,

auch ich habe Schopenhauers Büchlein „Die Kunst, Recht zu behalten“ gelesen.

1. Ich mache eine Unterscheidung. Auf leselupe werden Texte der Kritik ausgesetzt, meinethalben auch bis zum Verriss. Etwas anderes ist es, auf den Autor als Person zu zielen. Das halte ich Dir vor, und zwar, dass Du das öffentlich tust. Für den Drang, Anderen ungefragte Lebensberatung zukommen zu lassen, stünde auf leselupe die interne Mailfunktion zur Verfügung, aber die benutzt Du nicht. So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt. Und jetzt die Einlassung: Aber ich habe ja nur gefragt…? Nein, was da oben geschrieben steht, ist nichts anderes als die Pose, mit der der Direktor des humanistischen Gymnasiums vor Zeiten einem Schüler das consilium abeundi erteilte (banale Alltagssprache: Rausschmiss).

2. Noch einmal zu Blumenbergs Geschichte. Ich empfinde es als misslich, sich im von Vielen gelesenen öffentlichen Kommentar auf interne Kommentare zu beziehen, die nur Wenigen zugänglich sind. Im aktuellen Fall attestieren diese Kommentare Blumenbergs Geschichte durch die Bank, dass sie es versteht, eine beklemmende Atmosphäre zu erzeugen und zwar tun sie das anerkennend, wie ich es in meiner Rezension oben auch gemacht habe. Kein einziger Kommentar hat eine Tendenz, auf die sich Dein Vorwurf einer „Nachahmung toter literarischer Größen“ stützen könnte. Insofern ist Deine Bezugnahme irreführend.

3. Du sprichst mich direkt an und offerierst mir im letzten Satz also die Auswahl, ein Kollege „mit ähnlicher Problematik“ oder „mit ungenügend ausgebildeten Kriterien“ zu sein, weil ich ein anderes Urteil habe als Du. Ich weise das zurück. Ich bin seit drei Tagen bei der leselupe und stelle in der Rubrik Essay Glossen zur Sprachkritik ein. Du darfst gewiss sein, dass ich die hohe Kunst des Insinuierens kenne. Eine neuerliche Einlassung: Das habe ich nicht so gemeint… erübrigt sich.

Kollegiale Grüße
Kassandro
 
Kassandro, es liegt mir fern, meinen Ansichten allgemeine Geltung oder Anerkennung verschaffen zu wollen. Meine kritischen Ausführungen zum Text waren für den Verfasser bestimmt. Er kann damit umgehen, wie ihm beliebt.

Und: Meinerseits habe ich nicht die geringste Lust, mich auf persönlich gefärbte Auseinandersetzungen mit dir einzulassen. Such dir dafür einen anderen Trainingspartner, es gibt - mit oder ohne Schopenhauer - genügend, die dafür in Frage kommen.

Schönen Abend
Arno
 

Ilona B

Mitglied
Hallo Blumenberg,
mir gefällt Deine Geschichte gut. Beklemmung und Grausen sind auch bei mir angekommen, wie Du beabsichtigt hast. Ich war gespannt und wollte wissen wie es weitergeht. Das Ende fand ich passend, was mir jedoch gefehlt hat, war der Grund, weshalb der Herr unbedingt Herrn Müller für diesen Job wollte. Bei so vielen Arbeitslosen schien sich der Herr doch sehr auf Herrn Müller zu versteifen.

Noch eine kleine Anmerkung. Die beiden folgenden Sätze lassen den Schluss zu, dass Herr Müller eine neue, ihm unbekannte, Betreuerin bekommt, wie kann es dann sein, dass er sie in der Frau neben dem Unbekannten wieder erkennt?
Ich war in Eile, um pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt in der Arbeitsagentur bei meiner Betreuerin zu sein.
Wenn ich ihn nun zurechtwiese und er sich dann als ein Mitarbeiter des Amtes, gar als ein neuer Betreuer herausstellen sollte.
Neben ihm stand das Ziel meiner Flucht und sah mich durch die Gläser einer Brille hindurch an.
 

Blumenberg

Mitglied
Liebe Ilona B,

zunächst einmal vielen Dank für die Beschäftigung mit meinem Text. Wenn er gefallen hat und die von mir erhoffte Wirkung entfaltet hat freut mich das.
Das fehlen einer Begründung für das Aussuchen von Herrn Müller ist schnell erklärt. Dies leigt an der von mir gewählten Perspektive des Ich-Erzählers, der nicht über den Grund aufgeklärt wird warum die Wahl ausgerechnet auf ihn gefallen ist, sondern sich vielmehr im Laufe des Geschehens die (berechtigte?!) Frage stellt, ja stellen muss, ob er überhaupt die gemeinte und damit richtige Person ist. Das ist aber eine Frage, die er dem Herrn nicht stellt und die somit, wie ich fand, folgerichtig unbeantwortet bleiben muss.

Zu deiner Anmerkung zur Betreuerin. Hier hat sich ein kleines Missverständnis eingestellt, dass ich gerne aufkläre. Das erste und das letzte der von dir zitierten Stellen bezieht sich auf die tatsächliche Betreuerin. Das zweite Zitat nennt keine Betreuerin sondern einen Betreuer und bezieht sich darauf, dass Herr Müller sich die Frage stellt, ob es sich bei dem unbekannten Herrn der ja den Termin und Herrn Müller genau zu kennen scheint eventuell um seinen neuen Betreuer handeln könnte, wobei er einen Wechsel des Betreuers vermutet, um sich die Informiertheit des Herrn erklären zu können. Eine Vermutung, die sich aber im weiteren Dialog als falsch herausstellt und auch vom Protagonisten wieder verworfen wird. Sollte sich bei nochmaliger Lektüre diese Stelle immer noch als nicht nachvollziehbar herausstellen, wäre ich für einen Hinweis dankbar, damit ich diesen Gedanken gegenbenenfalls noch klarer machen kann.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Arno Abendschön,

was anwortet man als Autor auf einen solchen Verriss des eigenen Werkes? Zunächst einmal, so habe ich mir überlegt, gar nichts. Einerseits um zu verhindern, dass die Antwort emotional wird und damit ins Unfundierte und Unsachliche abgleitet. Andererseits um zu sehen, ob ein solches Daumensenken über den Text geteilt wird, oder ob es sich dabei um eine Einzelmeinung handelt. Hier scheint mir tatsächlich letzteres der Fall zu sein, da die anderen Reaktionen auf den Text ausschließlich positiv ausgefallen sind und der Text augenscheinlich überzeugt hat.
Nun möchte ich inhaltlich auf deine Anmerkungen eingehen.

Ich gehöre weder zum Team Walraff, noch wird in meinem Text irgendeine investigative Reportage über die Zustände in den hiesigen Jobcentern unternommen. Nichts läge mir ferner, hier wird eine Geschichte erzählt und nur darum geht es.

Zu deinen Kafkaanmerkungen hat Homosapiens eigentlich bereits alles Wesentliche gesagt. Es handelt sich nicht um das Wiederkauen eines toten Autors oder gar den Versuch einer Nachahmung seines Schreibstils. Ich halte, hier ließe sich tatsächlich eine Ähnlichkeit zu Kafka herstellen und das ist auch das von mir an dieser Geschichte als kafkaesk Empfundene, die Vereinzelung des Menschen und sein radikales Geworfen-sein in eine über ihn verfügende ihn dabei in seiner je einzelnen Besonderheit aber ignorierende Welt, die auch Kafka beschreibt, heute noch genauso aktuell wie damals Jahren. Ich wage sogar die These das dies ein Thema ist, welches so alt ist wie die menschliche Kultur selbst.

Das es sich bei diesem Text auch nicht um eine strukturelle Kopie von Kafkas Alptraumvisionen handeln soll wird an einem entscheidenden Punkt klar: Kafkas Protagonisten zeichnen sich durch ihr Scheitern und das Zerbrechen an dieser Welt aus (das auch in ihrem unweigerlichen Tod die radikalste Zuspitzung erfährt). Einer griechischen Tragödie ähnlich, vermögen die Protagonisten ihrem Schicksal nicht zu entgehen, egal wie sehr sie sich auch dagegen auflehnen, wobei sie es durch ihr Auflehnen sogar erst heraufbeschwören. Herr Müller dagegen fügt sich dem Lauf der Dinge, wie das für ihn ausgeht wird in der Geschichte nicht verhandelt und soll es auch gar nicht. (Vielleicht arbeitet er ja dort auch zufrieden bis zum Eintritt in die Rente, wer vermag das schon zu sagen.)

Auch deine Einschätzung einer allzu betulichen Erzählung, vermag ich diesen nicht so recht nachzuvollziehen, ich habe die Geschichte als spannend und recht rasant erzählt empfunden, ebenso ein beträchtlicher Teil der Leute die mir dazu Rückmeldung gegeben haben. Ich möchte darauf inhaltich nicht weiter eingehen, da es mir unsinnig erscheint einen subjektiv beim Lesen entstandenen Eindruck widerlegen zu wollen. Mal ein klares Wort von mir (Plagiat Ende) dazu: Das man seinen subjektiven Eindruck nachher mit dem Satz "Außerdem ist der Text viel zu lang und ermüdend in seinen Wiederholungen und seiner Umständlichkeit" als objektives Urteil auszugeben versucht, halte ich ebenso wie Bezugname auf den Stil Thomas Manns bei der du mir wieder die Kopie eines Autors und damit gewissermaßen ein Plagiat unterstellst, für reichlich unlauter.

Nun habe ich viel widersprochen und ein bisschen geätzt, möchte aber doch einen Hinweis deinerseits annehmen für den ich dankbar bin. Die Kritik an den sich teilweise etwas beißenden Wechseln in den von dir angeführten Formulierungen kann ich nachvollziehen(das z.B. hättest du weglassen können, da mir dies die einzigen Stellen zu sein scheinen, wo sich neumodische und etwas altertümliche Formulierungen beißen). Hier werde ich sehen, dass ich den Text noch einmal durchgehe und gegenbenenfalls vereinheitliche.

Beste Grüße

Blumenberg
 
Lieber Blumenberg, du lieferst jetzt, wie zu erwarten, eine seriöse Verteidigungsrede ab. Dafür dass sie nicht in persönliche Angriffe übergeht, bin ich dankbar.

Du argumentierst so gut wie nur möglich - von deinem Standpunkt aus. Nun könnte ich im Detail dagegenhalten, z.B. mit Bezug auf Kafka (und wie er die Welt sah). Ich werde das nicht tun. Ich nehme einfach hin, dass du den Kern meiner ästhetischen Kritik nicht annehmen kannst. Sie richtete sich ja nicht nur gegen diesen einen Text, sondern generell gegen deine Art, Literatur aufzufassen und selbst zu produzieren. Um einen Vergleich aus der Kunstgeschichte zu bemühen: Du verhältst dich beim Schreiben so ähnlich wie jene malten, denen um 1900 Akademismus vorgeworfen wurde. Oder musikalisch gesprochen: Du verfertigst Programmmusik, indem du eine abstrakte Idee auf konventionelle Weise und mit tradierten Stilmitteln illustrierst. Was dabei herauskommt, empfinde ich weder als lebenswahr noch als Kunstprosa von nennenswertem ästhetischem Wert. Der Held dieser Geschichte ist ein Bildungsbürger, bei dem alles sogleich Kafka ruft - heute ein sicheres Indiz für das Unoriginelle - und bei dem ich mich frage, wie einer wie er ausgerechnet in die Arbeitsagentur geraten konnte.

Ein bisschen zu sehr verlässt du dich auf den Chor deiner Unterstützer. (Der Akademismus war zu seiner Zeit auch sehr erfolgreich, bis in Allerhöchste Kreise.) Frage dich mal, wer sich ferngehalten hat.

Wir sollten die Diskussion nicht fortsetzen. Die Grundauffassungen zwischen uns sind zu verschieden. Du wird so weitermachen wie bisher - Gysi verwendete mal das schöne auch hier passende Wort "mittig", nur ist Kunst nie mittig - und ich bin nicht neugierig darauf.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ilona B

Mitglied
Hallo Blumberg,
beim erneuten lesen des Textes hat es klick gemacht.
Man sollte immer genau lesen. :)
Danke für den Hinweis.
Liebe Grüße Ilona
 

Blumenberg

Mitglied
Angestellt​

Ich war in Eile, um pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt in der Arbeitsagentur bei meiner Betreuerin zu sein. So heißt das heute. Vor ein paar Jahren wären es noch ein Amt und eine Sachbearbeiterin gewesen. Aber sei´s drum, eine Effizienzoffensive besteht eben zu nicht unwesentlichen Teilen aus einer bloßen Umetikettierung.

Ich war gerade durch die Eingangstür in das Foyer getreten, als mich aus heiterem Himmel ein älterer Mann ansprach. Überrascht sah ich auf, als mich seine Stimme so unverhofft aus der Vorbereitung des anstehenden Gespräches riss. Ich hatte meinen eloquenten Auftritt vor der Betreuerin mehr als ein Dutzend Mal vor meinem geistigen Auge durchgespielt und war sicher, dass er überzeugend werden, mich in ihren Augen über den Pöbel, der ansonsten hier verkehrte, erheben musste. Er nannte mich beim Namen, was mir eigenartig erschien, hatte ich doch diesen Menschen noch nie zuvor im Leben erblickt.
„Ja bitte, Sie wünschen?“, entgegnete ich immer noch abwesend.
„Sie sind reichlich knapp zu einem so wichtigen Gespräch. Finden Sie nicht?“ Der Mann sah mir direkt ins Gesicht und erzwang sich regelrecht meine Aufmerksamkeit.
Ich sah ihn entgeistert an. Woher wusste er vom Zeitpunkt meines Termins? Warum maßte er sich überhaupt an, mich hier so einfach anzusprechen und mir vorzuwerfen, knapp bei meinem Termin zu sein? Ich wollte schon auffahren, als mir plötzlich ein Gedanke in den Kopf schoss. Wenn ich ihn nun zurechtwiese und er sich dann als ein Mitarbeiter des Amtes, gar als ein neuer Betreuer herausstellen sollte. Sonst konnte er ja nicht wissen, dass und wann ich hier ins Amt bestellt war.
„Nun? Schließlich habe ich Sie etwas gefragt“, unterbrach er meine Überlegungen.
„Ich … Bitte entschuldigen Sie, ich habe mich bereits eingehend auf das kommende Gespräch vorbereitet, daher bin ich im eigentlichen Sinne nicht zu spät. Es sind noch fünf Minuten bis zu meinem Termin“, entgegnete ich, nicht unzufrieden über die schlagfertige und doch inhaltlich korrekte Aussage.
Er sah auf die Uhr und schien meine Angaben zu prüfen. „Sie haben Recht, aber es ist ohnehin belanglos, da Sie Ihren Termin nicht mehr wahrnehmen werden. Es wurde bereits alles geregelt. Sie fangen unverzüglich an.“
Wieder spürte ich, wie mir ein Schauer über den Rücken lief. „Was soll das heißen? Wo fange ich an?“, stieß ich um Beherrschung ringend hervor.
„Sie werden eine äußerst wichtige Maschine bedienen. Mehr brauchen Sie im Moment noch nicht zu wissen“, entgegnete er, ohne eine Regung erkennen zu lassen.
Dieser sonderbare Mann schien mich auf den Arm nehmen zu wollen. Seine kryptischen Andeutungen ergaben für mich kaum einen Sinn und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass die Zeit drängte, wollte ich nicht tatsächlich zu spät bei meiner Betreuerin erscheinen. Ich entschloss mich zu handeln.
„Bitte entschuldigen Sie, aber ich habe einen Termin. Ich bin sicher, dass Sie mich mit jemandem verwechseln, der zufällig denselben Namen und einen Termin zur gleichen Zeit hat.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, wollte ich meinen Weg zum Aufzug fortsetzen. Zu meiner Überraschung machte der Mann einen schnellen Schritt nach links, versperrte mir den Weg und nötigte mich, mit nach wie vor ausdrucksloser Miene, zum Anhalten.
„Was erlauben Sie sich!“ fuhr ich auf, endgültig außer Fasson geraten.
„Ich sagte doch bereits, Ihr Gesrpäch wurde abgesagt. Es besteht keine Notwendigkeit, dass Sie das Büro von Frau Maschke aufsuchen.“
„Oh, diese Notwendigkeit besteht unbedingt. Wenn mein Termin tatsächlich abgesagt worden sein sollte, habe ich wohl das Recht, das von einer offiziellen Mitarbeiterin dieser Einrichtung zu erfahren“, erwiderte ich und merkte dass ich langsam wütend wurde. Wie sich dieser Mann aufführte, seine auf reine Sachlichkeit beschränkte Sprache und Kühle, all das weckte eine mir rational unerklärliche Abneigung gegen ihn.
„Ich sagte Ihnen bereits, dass das nicht notwendig ist. Außerdem ist es Zeit, aufzubrechen. Ich würde eine weitere Verspätung nur sehr ungern in Kauf nehmen. Um ehrlich zu sein, scheint mir eine weitere Verzögerung ihres Dienstantritts genauer betrachtet ausgeschlossen“, erwiderte er, ohne dass seine Stimme auch nur bei einer Silbe aus dem geschäftsmäßig neutralen Ton, der seiner Rede zu eigen war, ausbrach.
Panik begann langsam in mir aufzusteigen und ich sah ihn mit großen Augen an, nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Wir standen uns vielleicht eine halbe Minute gegenüber, während ich hilflos nach einem Weg fahndete, wie ich mich diesem sonderbaren Mann gegenüber verhalten, wie ich mit ihm in ein Verhältnis treten sollte. Ich fühlte mich seiner geschäftsmäßigen Bestimmtheit vollkommen ausgeliefert, während alles in mir danach schrie, mich gegen eben diese Fremdbestimmung aufzulehnen. Hatte ich mich bisher immer als selbstbestimmtes Wesen bürgerlicher Herkunft empfunden, spürte ich mit einem Mal, wie dieses Selbstverständnis brüchig zu werden begann. Es war, das wurde mir schlagartiges bewusst, kein plötzliches Zerbrechen. Die feinen Risse hatten angefangen sich zu bilden, als ich entlassen wurde und meine Arbeitslosigkeit begann. Die Mühlen der Bürokratie, das Aufenthaltsgebot, das Bewerbungsgebot, die regelmäßigen Visiten und Termine, die Kontooffenlegung vertieften sie ebenso wie das ständige Hinterfragen der eigenen Person, deren wesentlich durch Arbeit determiniertes Selbstverständnis mit dem Satz „Ihre Dienste werden in unserem Unternehmen nicht länger benötigt“ gründlich infrage gestellt war. Zeit genug, darüber nachzudenken, hatte ich als Arbeitsloser ja ohnehin.
Was war ich doch für ein Narr gewesen, tatsächlich anzunehmen, ich unterschiede mich in irgendeiner Hinsicht von den traurigen Gestalten, über die ich vorgehabt hatte, mich in einer Art personaler Allmachtsphantasie zu erheben. Aber noch stand schließlich das Urteil meiner Beraterin, der Richterin über mein Schicksal, aus. Noch war ich entschlossen zum Widerstand. Ohne meinem Gegenüber in die Augen zu sehen - ich schämte mich wohl meines Vorhabens -, machte ich einen plötzlichen Satz nach links und rannte an dem sonderbaren Mann vorbei auf die Treppe zu. Noch waren es ungefähr zwei Minuten bis zu meinem Termin, noch konnte ich es schaffen, konnte alles in die Bahnen lenken, die ich mir wieder und wieder ausgemalt hatte.
Ich hastete hinauf in den zweiten Stock, bog, ohne langsamer zu werden, in den langen Gang ein, an dessen Ende (linke Seite) das Ziel meiner Flucht lag. Ein kurzes Innehalten (ich bin kein guter Läufer und war außer Atem) und ein Blick auf die Uhr verrieten mir, dass ich es rechtzeitig schaffen würde und ein triumphierendes Gefühl überkam mich. Ich ordnete meinen Anzug, straffte mich und klopfte an die Tür.

Es kam keine Antwort, nichts deutete darauf hin, dass mein Klopfen auf der anderen Seite registriert worden wäre. Ich ließ noch eine kurze Zeitspanne verstreichen, bevor ich erneut meine Hand hob. Sollte die Tür so dick sein, dass ich die ersehnten Worte nicht verstand, fragte ich mich, als mein erneutes, diesmal lauteres Klopfen unbeantwortet blieb. Ich drückte die Klinke nach unten und wollte die Tür öffnen, stieß aber auf einen unerwarteten Widerstand. Sie war verschlossen. Schweiß brach mir aus, ob vom Laufen oder aus Furcht, ich wusste es nicht zu sagen. Gleichzeitig überkam mich die Wut. Ich rüttelte an der Tür. Es fehlte nicht viel und ich hätte mich mit der Schulter dagegen geworfen, um dieser so entsetzlich hilflosen Wut einen Ableiter zu verschaffen. Wie zum Hohn schlug in diesem Moment der Gong einer Uhr, die mir verkündete, dass die Zeit abgelaufen war. Regungslos verharrte ich noch einen Moment vor der Tür, dann machte ich auf dem Absatz kehrt und schlich geschlagen den Gang zurück zum Aufzug, während mir die hölzernen Zwillingsschwestern der Tür, die mich abgewiesen hatte, rechts und links in perfekter Ausrichtung Spalier standen.
Als der Aufzug im Erdgeschoss seine Türen öffnete und mich entließ, stand der sonderbare Mann immer noch unverändert an dem Platz in der Vorhalle. Neben ihm standn nun allerdings das Ziel meiner Flucht und sah mich durch die Gläser einer Brille hindurch an. In dem Moment, als ich beide sah, schämte ich mich für meine lächerliche Flucht ein paar Minuten zuvor. Von meinem schwungvollen Schritt war nichts mehr übrig, als ich ihnen entgegenlief, um meinen Urteilsspruch zu empfangen.
„Guten Tag, Herr Müller“, empfing mich meine Betreuerin kühl und ich glaubte einen leichten Tadel in ihrer Stimme zu hören. „Mir wurde berichtet, dass Sie plötzlich Reißaus genommen haben, obwohl Ihnen versichert worden war, dass Ihr Gespräch mit mir bereits abgesagt wurde. Sie können von Glück sagen, dass Sie so vernünftig waren, zurückzukommen. Das gibt uns die Möglichkeit, in Ihrer Angelegenheit doch noch zu einem guten Ende zu gelangen, obwohl ich gezwungen bin, einen Aktenvermerk zu machen.“
Ich sah sie an und muss dabei vollkommen verständnislos gewirkt haben, denn sie ergänzte, als ob sie es mit einem unverständigen Kind zu tun habe: „Vielleicht sollten sie sich zunächst einmal für Ihr Verhalten entschuldigen und sich, da der Herr so großzügig ist, weiterhin auf Ihre Verwendung zu bestehen, bei ihm bedanken.“
Bevor ich die Möglichkeit hatte, der Aufforderung nachzukommen oder zu der ganzen Angelegenheit Stellung zu nehmen, winkte er ab. „Eine Entschuldigung oder ein Dank sind unnötig. Herr Müller hat eine Maschine zu bedienen. Jede weitere Verzögerung hält ihn nur davon ab“, sagte er zu meiner Betreuerin gewandt, ohne mich weiter zu beachten. Diese nickte heftig.
„Sie sehen es, Herr Müller, unsere Agentur bringt sogar einen schwierigen Fall wie Ihren zu einem guten Abschluss. Ich freue mich, dass wir Ihnen zu einer Anschlussverwendung verhelfen konnten, und hoffe, Sie werden diese Chance für einen Wiedereinstieg in die produktive Gesellschaft nutzen.“ Sie streckte mir die Hand entgegen. Ich nahm sie kraftlos, unfähig, mich weiter zu wehren. „Leben Sie wohl, Herr Müller.“ Sie gab auch dem ominösen Herrn die Hand, machte auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung des Aufzugs davon.

Ich wurde aus dem Amt geleitet und zu einem Wagen geführt. Ohne aufzubegehren, stieg ich ein und der Wagen fuhr, kaum hatte ich die Tür geschlossen, los, um mich zu meiner neuen Stelle zu bringen.
Nach etwa zehn Minuten kamen wir an unserem Zielort, einer unscheinbar wirkenden Industriehalle, an. „Hier werden Sie tätig sein. Sie werden sehen, unser Betrieb ist absolut auf dem neuesten Stand der Technik.“ Er führte mich durch den Eingang und eine Schleuse hindurch in einen großen Raum, der eher einer wissenschaftlichen Einrichtung ähnelte als dem, was ich mir unter einer Industriestätte vorgestellt hatte. Der ganze Raum war in einem blendenden Weiß gestrichen, den größten Teil nahmen mehrere riesige Maschinen ein, die durch ein Gewirr von Kabeln und Laufbändern miteinander verbunden waren. Kaum hatten wir den Raum betreten, erwachte die Anlage und nahm ihren Betrieb auf. Was genau die einzelnen Abschnitte dieser gigantischen Produktionsstraße für eine Funktion hatten, blieb mir verschlossen, da die Tätigkeit, die die Maschinen ausübten, sich ausschließlich in ihrem Inneren abspielte. Dass sie aber tätig sein mussten, bewies das in unzähligen Stadien der Fertigstellung befindliche Produkt, das auf den Produktionsstraßen zwischen den Maschinen hin- und herlief, in seiner Bewegung einer festen, mir aber unbekannten Logik folgend. Trotz der regen Betriebsamkeit herrschte eine beunruhigende Stille. Ich sah mich mit großen Augen um, vermochte aber in der ganzen Halle nicht einen einzigen anderen Menschen auszumachen.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, sagte der Herr lächelnd: „Der ganze Betrieb ist völlig automatisiert, nicht nur die Produktion, die Sie hier beobachten können. Auch die Wartung und Kontrolle werden von einem zentralen Rechner aus gesteuert. Es wird Sie vielleicht überraschen, aber Sie sind unser einziger Angestellter aus Fleisch und Blut.“ Er sah mich eindringlich an. „Aber gerade deshalb kommt Ihnen eine Aufgabe zu, die für den gesamten Ablauf von entscheidender Bedeutung ist, auch wenn Ihnen die Ausführung vielleicht trivial erscheinen mag. Kommen Sie! Ich führe Sie an Ihren Arbeitsplatz.“

Ich folgte ihm weiter durch die Halle und staunte über die lautlose Geschäftigkeit um mich herum. Am anderen Ende angekommen durchschritten wir eine Tür, eine weitere Schleuse und betraten einen zweiten, kaum kleiner wirkenden Raum, der im Gegensatz zu dem vorigen geradezu leer wirkte. Den Raum durchmaß der gesamten Länge nach ein Fließband, auf dem in regelmäßigen Abständen das fertige Produkt, ein kleiner weißer Kasten mit abgerundeten Ecken und mir gänzlich unbekannter Funktion, lag und sich gleichmäßig auf einen Ausgang am anderen Ende des Raumes zubewegte. Genau in der Mitte des Raumes stand neben dem Fließband ein Pult, vor dem ein Bürostuhl aufgestellt war.
„Ihr Arbeitsplatz“, erklärte mir der Herr und wies auf den Stuhl. „Setzen Sie sich! Ich werde Sie mit Ihrer Aufgabe vertraut machen. Dabei ist es von größter Wichtigkeit, dass Sie mir genau zuhören. Ihr Beitrag, ich kann es nur wiederholen, ist für das Funktionieren der gesamten Produktion von entscheidender Bedeutung. Nun aber endlich zu Ihrer Aufgabe: In regelmäßigen Abständen werden Sie einen Signalton hören. Wenn dieser ertönt - und nur dann -, drücken Sie den Knopf auf Ihrem Pult, der aufleuchtet, halten ihn ungefähr drei Sekunden gedrückt, dann lassen Sie ihn los und warten auf den nächsten Signalton. Haben Sie das verstanden?“
Ich nickte. „Mir ist aber nicht recht klar, warum diese Tätigkeit nicht auch von einer Maschine gesteuert werden kann? Das scheint mir irgendwie unlogisch“, bemühte ich mich zu verstehen, warum ich überhaupt an diesem Ort war.
„Das ist bedauerlicherweise als Teil unserer technischen Ausstattung einem strengen Betriebsgeheimnis unterworfen. Sie verstehen sicher, dass wir die sensiblen technischen Daten unserer Produktionsmethode, soweit sie nicht für die Ausübung Ihrer Tätigkeit von Belang sind, nicht mit Ihnen teilen können. Was Sie interessieren sollte, ist, dass Ihre Anwesenheit hier aus unserer Sicht eine Notwendigkeit ist und Ihnen zu Lohn und Brot verhilft“, tadelte er mich. „Ihre Schicht beginnt pünktlich um 9:00 Uhr und nicht einen Augenblick später und endet um 18:00 Uhr. Um 12:00 haben Sie eine Stunde Mittagspause.“ Er hielt mir einem Stift und einen dünnen Vertrag hin, der auf der letzten Seite aufgeschlagen war. „Unterzeichnen Sie nun bitte hier“, forderte er mich auf. Ich unterzeichnete. Warum, konnte ich nicht sagen, in diesem Augenblick schien es mir das einzig Mögliche zu sein.
Mein Gegenüber blickte auf seine Uhr. „Wir haben bereits 9:30 Uhr. Da die entstandene Verspätung durch Sie verschuldet ist, endet Ihre Schicht heute folglich um 18:30 Uhr. Alles Weitere entnehmen Sie bitte dem Arbeitsvertrag, den wir ihnen zusenden. Ich muss mich nun verabschieden und wünsche Ihnen einen guten Start in unserem Unternehmen.“
Er ließ mir keine Zeit zu einer Antwort, sondern nahm mir Stift und Vertrag aus der Hand, drehte sich um und war kurze Zeit später durch die Tür verschwunden, durch die wir den Raum zuvor betreten hatten.

Ich saß vor dem Pult und fühlte mich vollkommen durcheinander. Ich war schlicht die gänzlich falsche Person. Ein anderer Max Müller musste gemeint gewesen sein. Ich wollte aufstehen und ihm nachgehen. Ihm sagen, dass es sich hier doch nur um irgendeine perverse Form von Missverständnis handeln konnte, ja, handeln musste. Aber hatte ich nicht gerade einen Vertrag unterschrieben? Mit meiner eigenen Unterschrift klargestellt, dass ich der richtige war. Ich kam mir in diesem Augenblick wie ein Betrüger vor. Was, wenn sich der richtige, der Max Müller, für den diese Arbeit bestimmt war, meldete und man mich zur Rede stellte? Sollte ich dann sagen „Ich bin Max Müller, eigentlich der falsche, aber durch meine Unterschrift habe ich vorgegeben, der richtige zu sein.“? Verwechslungen passierten, aber diese dann auszunutzen …? Hatte ich wirklich alles getan, um klarzustellen, dass ich der falsche bin? Sollte ich einen letzten Versuch wagen, es jetzt, nach geleisteter Unterschrift, noch klarstellen oder war es dafür schon zu spät?
Es schien mir unmöglich, hierzubleiben, vielleicht sollte ich einfach sagen, ich hätte es mir anders überlegt und kein Interesse. Aber was wäre, wenn sich dann herausstellen sollte, dass ich doch der Richtige wäre. Dann wäre ich einer, der die ihm gebotene Chance ausgeschlagen hatte, der widerspenstig war und sich gegen die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt sträubte. Meine Betreuerin hatte mich schließlich in der Sache bereits vermerkt und ein weiterer Vermerk würde mich wohl endgültig zu einem Unwilligen abstempeln, zu jemandem, dem nur mit Sanktionen beizukommen wäre. Es war einfach vertrackt.
In diesem Augenblick riss mich ein lauter Pfeifton aus meinen Gedanken und einer der Knöpfe begann in einem wilden Stakkato zu blinken. Wie automatisch drückte ich den Knopf und das Pfeifen endete. Ich zählte innerlich bis drei und ließ los.
Vor mir rauschten auf der Produktionsstraße die kleinen weißen Quadrate vorbei. Immer in gleichem Abstand und ohne Unterlass kamen sie zur einen Seite des Raumes herein und verschwanden auf der anderen Seite wieder. Waren genug Quadrate an mir vorbeigezogen, ertönte das Pfeifen und ich drückte auf den Knopf, der mich mit heftigem Blinken dazu aufforderte.
Wieder und wieder und wieder.
 

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