Balladen und Moritaten Wettstreit

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Kinderfreuden (Moritat)

Ein kleiner Kerl mit süßem Lachen,
mit Grübchen, die es lieb verstärken,
ein Lausbub aus den Kitschromanen,
aus diesen klebrig süßen Werken.
Der Horror lässt sich fast erahnen.

Er wurde mir kurz übergeben.
Vier Tage sollte ich ihn hüten.
und ihn behutsam aufbewahren.
Ne, sowas lässt sich nicht vergüten!
Zum Schluss erwog ich, ihn zu garen.

Dies fiese Früchtchen führte bös
wie Alfred Hitchcock die Regie.
Ich schreibe dies noch unter Schock
im Aufwachraum der Psychiatrie.
Auf Suizid hätt` ich jetzt Bock.

Der erste Tag erwachte scheu.
Er brach früh an und dann gleich aus.
Ein Feuerchen im Eingangsflur
und dichter Rauch im Stiegenhaus.
Für Kinder reine Spielkultur.

Ein Stromverteilerschrank besteht
aus vielen Drähten, isoliert.
Er hat dann zwei versteckt verlegt,
blank an der Dusche kontaktiert.
Ich qualmte kurz und war erregt.

Ich liebte meine Pflanzenwelt,
den dichten Wuchs, die grüne Pracht.
Doch Kinderhände sind geschickt.
Was man mit Scheren alles macht!
Der Kahlschlag ist dem Kind geglückt.

Mein Kater liegt seit Freitagnacht
auf einer Intensivstation.
Der Racker hat des Abends spät
nach Abführmittelinfusion
ihm seinen Ausgang zugenäht.

Wie schnell verflogen doch die Stunden.
Hatt` ihn fast lieb, den Terroristen
und ihn beschützt und wohlgehütet.
Doch wünschte ihn auf Fahndungslisten.
Und dann wurd‘s mir ja doch vergütet.

Denn auch demnächst darf ich den Kleinen
für länger hüten und verwahren
und innigstes Verständnis hegen.
Doch werde ihn dann bei Gefahren
zuallererst in Ketten legen.
 

Tula

Mitglied
die sturmfreie Ballade

Hat das böse Hexenweibchen
sich mal endlich weg begeben;
und nun juckt es arg im Leibchen,
böse Geister zu beleben.
Ihre strengen Blicke
sind wie Schall und Rauch.
Ruf‘ die ganze Klicke,
fremde Weiber auch.

Walter, Walli,
manche Schnecke,
der ich keck ins
Gläschen gieße,
und sie darauf - dalli dalli!
lieb in meine Arme schließe.

"Leute, sauft! Auf meine Spesen.
Lasst uns unsre Humpen füllen!
Bin schon lange Knecht gewesen;
ich will heut' ins Leben brüllen!"
Auf zwei Beinen drehe
ich den alten Schopf.
Langeweile gehe
in den Ehetopf!

Stetig kommen
neue Gäste;
machen feste
eine Sause.
Bin voll drauf, obgleich benommen
nach der achten Maurer-Brause.

Nach der neunten geht es wieder,
Amor, Bier und Venus winken.
Huch! Das Schneckchen sinkt hernieder!
Musste sie denn so viel trinken ...
Meine Beinen wollen -
lösen sich vom Kopf !?
Oh! Im Bauch ein Grollen;
schon kratzt mir der Kropf.

Ich bin mitten
im Verrecken.
Aus dem Becken
gluckst mein Flehen:
„Mahnen Anstand, Takt und Sitten
euch nicht bald nach Haus‘ zu gehen?“

Doch die Meute will's nicht lassen,
hier zu prassen und zu feiern.
Gut! Dann noch ein Bierchen fassen,
statt die Freunde zu beleiern.
Buddel leert sich schnell,
fern rückt das Gemunkel
auf dem Karussell.
Schließlich wird es dunkel ...

~

Scheiß Migräne!
Wie Dämonen,
die als Omen
furchtbar kreischen.
Panik packt mich: die Hyäne
wird mich in der Luft zerfleischen!

Gott! Die Bude: eine Hölle!
Jetzt nur los! Und kein Verschnaufen.
Aufgeräumt, die Absturzstelle;
ich lass Fit und Wasser laufen.
Meine Beine bleien
schwerer als der Kopf;
leere Innereien
baumeln wie ein Zopf.

Schrubben. Fluchen.
Arbeit pur.
Wohnung, Flur
und Treppenstufen.
Mist! Am Möbel, wie ein Kuchen
klebt was Menschen 'Kotze' rufen.

Schmerz sticht in den Nasenlappen.
Welches Schwein... ? Egal ich wische,
ohne nochmal Luft zu schnappen,
dieses Zeug von Schrank und Tische.
Wahrlich, viel gesoffen!
Alles ist vorbei.
Ich kann wieder hoffen,
und ich atme frei!

Beim Examen:
keine Klage!
Just die Frage:
„Warum stecken
leere Flaschen und zwei Damen-
schlüpfer in den Rosenhecken?“
 
Kleine Hundeballade (Ballade)

Huckenbeck hat einen Katalog gefunden,
Unter einem Berberitzenstrauch,
Ein Versandhaus wirbt darin mit Hunden
Mit gesunden und mit edlen auch.

Unsre Hunde, heißt es dort, beglücken,
Sie, verehrte Kundschaft, garantiert.
«Lass mich bald schon deine Hütte schmücken!»
Seufzt ein Kataloghund, fesch frisiert

Und mit himmelwärts gedrehten Blicken
Seite siebzehn. – Huckenbeck verstehts
Seinerseits ein Seufzerbild zu schicken
An den Hund: «Na, Eberhard, wie gehts?»

Eberhard! Der Hund hat einen Namen!
Huckenbeck entnahm ihn nicht dem Katalog,
Den verschenkt er an zwei Brillendamen,
Die sein jähes Lächeln näherzog,

Dann – es kam, wie manchmal Träume kommen –
Haben Eberhard und Huckenbeck
Beiderseitig Witterung genommen
Über Straßen, Staub und Stadt hinweg,

Fanden im Versandhaus zueinander,
Liebe wars, vom Schicksal wie bestellt,
Sie gerieten außer Rand und Bander,
Huckenbeck hat auch zuerst gebellt,

Eberhard, der einst Cherie geheißen,
Bellte wie ein wildes Sofatier,
Huckenbeck ließ sich ins Steißbein beißen,
Und begann am Hundeohr zu reißen
Und den Eberhard herumzuschmeißen,
Der dem Huckenbeck ans Brustbein sprang
Und denselben so zu Boden zwang,

Wer herumstand um die beiden Kampfnaturen,
Sprach noch Wochen von den Kampfesspuren.

Auf dem Heimweg ging der Eberhard geleint
Mit dem Huckenbeck in Zärtlichkeit vereint.
 

Didi Costaire

Mitglied
Novembernebelgrauen - ein herbstliches Fernsehspiel (Moritat)

Moorwärts im Novembernebel,
wo ein Unhold ohne Knebel,
aber mit gezücktem Säbel,

der gehörig rasselte,
es dem Weib vermasselte,
dass es weiter quasselte,

herrschte scheinbar wieder Ruhe.
Man fand nur des Opfers Schuhe
und Schlawinskys Tiefkühltruhe

neben andrem Haushaltsmüll.
Das war wirklich kein Idyll,
doch samt Fläschchen Chlorophyll

machte sich der Held der Sage,
für gewöhnlich Herr der Lage,
auf, auf zum Befreiungsschlage!

Bloß der Strolch kam ihm zuvor,
schnitt ihm ab das linke Ohr,
spottete: »Du armer Mohr!«,

was verhallte, denn das rechte
Ohr des Guten war das schlechte.
Jener, müde vom Gefechte,

griff direkt zum Schießgewehr,
dachte sich: »Ein Feind, viel Ehr!«,
schoss ihm relativ vulgär

eine Salve in die Eier,
hielt sich schon für den Befreier,
doch es war die alte Leier

und der Bösewicht immun.
Kugeln konnten ihm nichts tun,
dass der Brave frug: »Was nun?«

Seine Liebste, die Helene,
zeigte ihre weißen Zähne
und sie hatte die Idee, ne

Unterbrechung wäre dran.
Fesche Autos braucht der Mann!
Reisen Sie bequem nach Cannes!

Biergenuss stimmt jeden heiter!
Pillen helfen gegen Eiter!

Dann geht die Geschichte weiter.

Unser Held, der Fischer hieß,
und den nie der Mut verließ,
wenn ihm Wind entgegenblies,

blies noch einmal zur Attacke,
warf mit Wucht und brauner Schlacke
auf des Übeltäters Jacke.

Doch die Grütze prallte ab,
traf den Fischer nicht zu knapp.
Lachte sich der Schurke schlapp!

Selbst Versuche mit der Schlinge
scheiterten an dessen Klinge.
Ob noch irgendetwas ginge?

An Gesinge, schubidu,
dachte unsres Fischers Fru,
und im Nu stieß sie dazu,

trällerte den ersten Schlager -
Gelber Wagen, hoch der Schwager.
Und der Unsympath, erlag er?

Er verharrte atemlos,
doch der Spitzbub fand wohl bloß
die Helene grandios.

Sie sang neue Lieder, alte,
bis der Räuber sie sich krallte -
möglich, dass er sich verknallte.

Ihr Gemahl war höchst geschockt.
Was hat er sich eingebrockt?
Des Betrachters Pulsschlag stockt.

Zeit für eine kurze Pause.
Bullen trinken rote Brause!
Fühlen Sie sich hier zu Hause:

Wir sind mehr als ein Hotel!
Pflege für das Hundefell!
Wunschkredit, diskret und schnell!

Supersalbe gegen Schrunden!

Der Verbrecher war verschwunden
und die Frau kurz angebunden.

Ihn ergötzte der Triumph
mit der Fischerin als Trumpf.
Feixend tanzte er im Sumpf,

als die Geisel sich empörte,
was ihr Gatte überhörte,
weil der Lump ein Ohr zerstörte.

Doch Helenes Signatur
sah der Fischer auf der Flur.
Das war eine heiße Spur!

Alle hofften auf die Wende,
dass er gleich sein Herzblatt fände.
Plötzlich ist der Film zu Ende.

Dingsda bietet bumsda feil,
Baumarkt Baum ein Hackebeil.

Vorschau auf den zweiten Teil:

Moorwärts im Novembernebel
sitzt der Unhold mit dem Säbel
offenbar am längren Hebel ...
 

Tula

Mitglied
Gladiatoren der Moderne (Moritat)

Hereinspaziert und füllt die Ränge!
Beim wöchentlichen Schaukampf spritzt
es warm und herzlich in die Menge.
Ein Wort, ein Lächeln, alles sitzt
und bringt den Feind zur Strecke.

Zwei Konkurrenten, die sich hassen:
Der eine – Meier – optimiert
mit seinem Lieblingsschwert: Entlassen!
den Schmidt, der fleißig produziert,
d.h. als Chef für solche Zwecke.

Den ersten Schlag verabreicht Meier
mit Excel-Lenz: die rote Zahl
trifft wie ein Huftritt in die Eier.
Zum Glück sind die bei Schmidt aus Stahl;
drum glotzt er nur verstockt zur Decke.

Dann holt er aus, mit Argumenten,
so wuchtig wie ein Morgenstern:
„Es fehlt an Bonus und Talenten
und kompetenten Managern!“
Schon röchelt Meier in der Ecke ...

und streckt die Lanze der Bilanzen.
„Da hilft kein Augenschutz, kein Netz:
Die Firma braucht: Verkauf, Finanzen,
kein proletarisches Geschwätz!“
Sein kalter Blick verrät: Komm, lecke ...

Ein Aufschrei geht durch die Arena.
IT, Versand, die Qualität,
ja, selbst die Pförtnerin Elena,
ein jeder sticht, verdrischt und schmäht
und macht den anderen zur Schnecke.

Das Morden ist nicht mehr zu halten.
Verzweifelt wedelt Kaiser Franz
mit seinem Daumen. Die Gewalten,
die er hier rief, sind gar und ganz
kupiert wie eine Gartenhecke ...
 

Tula

Mitglied
Schade, dass man nicht ein paar Stunden hat, um doch noch eine letzte Korrektur vorzunehmen. Jetzt am frühen Morgen würde ich eine Strophe abändern:

und stößt die Lanze der Bilanzen.
„Da hilft kein Augenschutz, kein Netz:
Die Firma braucht: Verkauf, Finanzen,
kein proletarisches Geschwätz!“
Sein kalter Blick verrät: Verrecke ...

Wie dem auch sei ...

LG
Tula
 
Die Ballade vom Dummbidel

Algebra und Rechenschieber,
mancher liebt das Mathefieber.
Formeln büffeln – welch ein Spaß!
Nerds und Streber geben Gas.

Karsten Kötter aus dem Orte
war nicht ganz von dieser Sorte.
Lehrer Rawe blickte schnell:
Dieser Junge ist nicht hell.

Und es kam, was kommen musste!
Kindheit endet schnell im Fruste.
Für den Pauker leichtes Spiel:
Karsten quälen, wie’s gefiel.

Tafelgänge noch und nöcher.
„In der Birne doch nur Löcher!
Zirkelführung? – Lächerlich.
Aufgepasst, ich warne dich!“


Dieses ging Tag ein, Tag aus.
Für den Jungen war‘s ein Graus.
Höhnisch tönte bald die Kunde:
„Karsten dreht ne Ehrenrunde!“

So verließ er leis‘ die Penne,
floh verschämt aus Kattenvenne.
Zwei Dekaden, dann die Wende:
Rawes Herrschaft nahm ein Ende.

Seine Frau, die Gisela,
fand ihn ernsthaft sonderbar
und zu ihrem Herzverdruss
kam vom Gatten reichlich Stuss.

„Schatz, du musst jetzt tapfer sein,
hier dein Überweisungsschein.“

Schweren Mutes klopfte dann
Rawe bei der Neuro an.

Ärzte zeigten sich bemüht,
Sorgen drückten sein Gemüt.
Einsam zog er ins Quartier,
träumte bleiern und recht wirr:

Fühlte plötzlich Fäuste greifen
und ihn grob zur Tafel schleifen.
Lehrer, Schüler, alles stierte,
wie der Rektor ihn sezierte.

„Hier die Gleichung, Herr Kollege.
Zeig mir mal die Lösungswege!“

Und er zog ihn durch die Mangel.
„Wie? - Ich hör hier nur Gestammel?

Biste wieder bsoffen, Fritz?
Dein Beweis ja wohl ein Witz!
Nachtigall, ick hör dir trapsen!“

Rawes Kopf, er schien zu platzen.

Jetzt die Menge Beifall brüllte,
Schon der Saal sich weiter füllte,
als der Vorhang sich erhob
und man einen Grabstein schob:

Friedrich Rawe - Ruh in Frieden
vom Kollegium gemieden
Mathelehrer- Rest in Peace
war zu Schülern leider fies.

„Bewerft mein Lebenswerk mit Kot?
Denkt ihr denn, ich bin schon tot?
Vade retro, Teufelsbrut!“

krächzte Rawe krank vor Wut.

Dunkler Hass kam da geschlichen,
Daumen über Kehlen strichen,
als sie ihre Zähne bleckten,
Käuzchenrufe Rawe weckten.

Dann, mit viel Gebölk, Gewimmer,
fand er sich im Krankenzimmer.
Zügig kam ein junger Mann,
nahm sich seiner freundlich an.

„Pfleger, bitte schnell ne Pille!“,
Rawe spähte durch die Brille:
Oh – den Burschen kannte er!
„Moment mal, bist du nicht der - ?“

„Dummbidel!“ – Kötter lachte,

derweil er Rawes Betten machte.
„Fandest du mich etwa mies?“
„Nein, Sie waren sehr präzis,

doch tu ich mich mit Kalkulieren
immer noch verspekulieren.“

Langsam zählte Kötter Tropfen,
Morgenlicht fing an zu klopfen.

„Später ist noch Zeit zum Plaudern.“
Und der Alte, ohne Zaudern,
müd vom Träumen, nahm den Trank,
drückte Kötters Hand zum Dank.

Draußen roch es sanft nach Flieder.
Amseln sangen ihre Lieder.
Rawe sank in kühle Ruh,
sah sich selbst beim Schlafen zu.
 

anbas

Mitglied
Im Totengrund (Moritat)

In der Lüneburger Heide,
sagt seit je des Volkes Mund,
gibt es Spuk und böse Geister
im Totengrund, im Totengrund.


Tags gilt er als schöner Flecken,
wie man ihn kaum finden kann.
Nachts jedoch geschehen Dinge,
dass schon manches Blut gerann.

Polternd rollt ein altes Fuhrwerk
an den Ort zu später Stund.
Fluchend bringt ein Kutscher Särge
zum Totengrund, zum Totengrund.


Dort, wo durch die raue Heide
Schäfer mit den Herden zieh'n,
sah man, wenn die Sonne fort war,
späte Wandrer eiligst flieh'n.

Zwei Verweste graben Gräber,
in der Ferne heult ein Hund.
Dann verscharren sie die Särge
im Totengrund, im Totengrund.


Zwitschern Vögel im Wacholder,
streichelt dich die Sonne sacht,
traue niemals der Idylle,
bleibe niemals bis zur Nacht!

Eine junge bleiche Schönheit,
Blut rinnt fein aus ihrem Mund,
singt die alten Klagelieder
im Totengrund, im Totengrund.


Und an trüben Nebeltagen
hört man Stimmen, die erzähl'n
von den Kriegern, die dort starben,
und den Seelen, die sich quäl'n.

Schauerliche Schattenwesen
rufen dann am Feuerrund,
all die Namen der Begrab'nen
im Totengrund, im Totengrund.


In der Lüneburger Heide,
bei dem Dorfe Undeloh,
kannst du diesen Ort erkunden –
auf dein eignes Risiko.

Doch hab Acht! – Sonst geben Schatten
bald auch deinen Namen kund,
wenn sie nachts ums Feuer tanzen
im Totengrund, im Totengrund.
 

Didi Costaire

Mitglied
Morgenrot (Ballade)


An der roten Ampel nachts um zwei
stand der Audifahrer Friedhelm Lange
lange und er kratzte seine Wange.
So verstrich die Zeit und bald war's drei.

An den roten Ampeln nachts um drei
gab es mittlerweile manche Schlange.
Wagen hielten häufig Stoß an Stange.
Müde Menschen mäkelten dabei.

An den roten Ampeln nachts um vier
stauten sich die Autos stetig länger.
Lauter Leute blickten immer strenger,
bis auf Oettinger - der trank sein Bier.

An den roten Ampeln nachts um fünf
wartete das Volk auf die Signale,
aber Oetti in der Leitzentrale,
der benahm sich völlig unvernünf

An den roten Ampeln, Gongschlag sechs,
wirkte wirklich niemand froh und heiter,
anders als der Leitzentralenleiter
Oettinger und sein Kollege Becks.

An den roten Ampeln so um sieben
sind die Ampelmännchen eingeschlafen.
Würde jemand Rotsünder bestrafen?
Einer hat die Fakten aufgeschrieben...

An den roten Ampeln war es acht.
Oettinger beschloss: "Is' Feierabend!"
Er erreichte seinen Wagen trabend.
An der Ausfahrt hat es dann gekracht.

An den roten Ampeln gegen neun
stand man sich auf Straßen in der Quere.
Bloß an Arbeitsplätzen gähnte Leere:
Kein "Grüß Gott!" und "Servus!" oder "Moin!"

An den roten Ampeln wird es zehn.
Jede Kreuzung ist total verrammelt.
Alles hupt nervös, bloß Friedhelm gammelt.
Sowas hat man lange nicht gesehn.
 

Walther

Mitglied
Die Hütte - Ballade

Das Fenster schweigt ins lange Tal;
Die Tür hängt schief und schlägt im Takt
Mit Wind und Wetter, und der Schal
Des Wandrers flattert, als der’s packt,

Die letzten Schritte müde stolpert;
Fast schlägt er hin, ein Käuzchen schreit;
Der Wagen, den er zieht, er holpert;
Dann bleibt er stehn, denn er hat Zeit.

Er wischt den Schweiß sich aus der Stirn,
Die Haare strähnig und verfilzt;
Die Jacke ist aus gutem Zwirn.
Sein Dasein hat gerumpelstilzt:

Er ging entzwei, verlor sein Herz,
Verlor den Kopf, verlor den Sinn.
In ihm war nichts als großer Schmerz.
Das Wasser stand ihm bis zum Kinn.

Er ist nicht mehr, der er mal war.
Man will ihn nicht mehr, wo er wohnte.
Er fühlt sich seltsam, sonderbar,
Weil man ihn letztlich doch verschonte.

Die Hütte ist sein letztes Ziel.
Die Wege sind jetzt abgegangen.
Denn hier begann es, dass er fiel,
Hier hat das Ganze angefangen.

Er ruft das Bild sich in den Traum
Und lächelt, als die Träne rinnt;
Er weiß es, doch er glaubt es kaum,
Dass er von ihr ihr Herz gewinnt.

Er sieht den Schatten des Gesichts
Der Liebsten, die sich selbst erhängte,
Im Dunkelrot des Abendlichts,
Das ihm die Seelenhaut versengte.

Er trägt es in sich, lebenslang.
Er fühlt sich in sich matt und stumpf.
Er beugt sich, krümmt sich; wie im Zwang
Verhärtet stechend sich sein Rumpf.

Dann steht er wieder, hebt die Hand
Und zieht sie müde auf, die Tür.
Es ist ihm alles so bekannt.
Die Hütte kann doch nichts dafür,

Dass in ihr Liebe war und Tod.
Es ist bald Nacht, und die ist kalt.
Zu Handeln wird jetzt zum Gebot,
Um ihn herum nur Stein und Wald.

Den Wagen stellt er ab und trägt,
Was darauf liegt, ins Schwarz hinein.
Nicht dass er eine Hoffnung hegt:
Da muss und wird ein Schlusspunkt sein.

Man hört ihn räumen, reparieren;
In Kürze raucht selbst der Kamin.
Er muss das Gestern schnell verlieren,
Sonst wird es mit ihm weiterziehn.
 
Nich ganz geklappt (Moritat)


Ja, der Mann hasst seine Eh'frau
doch die Scheidung will er nicht.
denn er weiß es und das ge nau.
dass sein Reichtum dann zerbricht.

Schmiedet furchtbar böse Pläne,
wie werd ich die Alte los.
Tut sich des kein bisschen schämen.
hat jetzt den Gedanken bloß.

Er besorgt sich eine Knarre
Und dazu auch noch ein Messer.
Später will er sie verscharren
oder wär versenken besser?

Es ist alles so geschehen,
wie er sich es ausgedacht.
Er wurd aber doch gesehen
und dann in den Knast gebracht.

Die Moral von der Geschichte,
lass stets leben deine Frau,
denn sonst machst du auch zunichte
eig'nes Leben, ganz genau.
 
Erna (Ballade)
In ihrem kleinen Reihenhaus,
da sitzt die Erna Siebenschmaus.
Sie hat sehr viel gelitten;
mit ihrem Mann gestritten.

Nun liegt der Hannes Siebenschmaus
in seinem kleinen Reihenhaus
im Bett, und hat nun keine Not,
denn er ist mausemausetot.

Der Arzt hat grade festgestellt,
dass er nun nicht mehr auf der Welt.
Er hört die Erna klagen
und sagt nur: `Herzversagen!`

Der Hannes da in seinem Bett,
der war im Leben niemals nett
zu Erna Siebenschmaus.
Was hielt sie alles aus?

Ein Fläschchen dreht sie in der Hand
und lächelt hämisch, süffisant.
Es war ja wirklich kinderleicht!
Drei Tropfen haben nur gereicht,
um ihn dahin zu bringen,
wo Englein für ihn singen.

Und weil die Erna fromm und gut,
es niemand jetzt vermuten tut,
dass sie den Hannes umgebracht,
nicht einer hätte den Verdacht.

Zwei Vöglein liegen auf der Lauer
und sind ganz still in ihrem Bauer.
Und als die Tat geschehen, dann,
fangen sie zu tanzen an.

So lebt die Erna lustig weiter
und wird zusehends immer heit'rer.
Doch eines muss man noch beachten,
man kann es so und so betrachten.
Sie ist ein guter, frommer Christ,
der öfter in der Kirche ist.

Marie-Luise Wendland
 

James Blond

Mitglied
Ein Schneemann namens Lehmann (Ballade)

Zwar ist nicht kalt der Winter heuer,
doch fern von jedem Lebensfeuer
bleibt unbeheizt so manches Haus,
die Alten gehen selten aus.

Und als es nun zu schnein beginnt,
Herr Lehmann seinen Mantel nimmt,
den Hut und das Paar warme Schuh,
er strebt dem Waldesrande zu.

Zur Bank, auf der er oft gesessen,
als Banker, der nie viel besessen
und seinen liebsten Schatz verlor,
seit Jahren trägt er Trauerflor.

Wie üblich lässt er sich dort nieder,
und lauscht auf zarte Vogellieder.
Der Vöglein Trost bleibt heute aus,
die Stille baut ihr großes Haus.

Vom Himmel wirbeln dicke Daunen
und weben sanft am kühlen Tuch,
durch Zweige dringt ein fernes Raunen,
der Winter spricht den weißen Fluch.

Der Alte zieht aus seiner Tasche
die mitgebrachte Whiskyflasche,
gefüllt mit jenem güldnen Trank
zu Jonny Walkers letztem Gang.

Nur halb geleert liegt sie im Schnee,
dann tut Herrn Lehmann nichts mehr weh
und eingehüllt in weißen Flaum
verträumt er seinen letzten Traum.

Der Winter schenkt ihm Flockenpracht
noch weit bis hinter Mitternacht.
Zum Schneemann wurde er erkoren
als Mensch, den wir heut Nacht verloren.
 

anbas

Mitglied
Ratte auf Reise (Ballade)

Die Ratte Alma lebt in Kiel
wo sie der Depression verfiel.
Sie hat es wirklich schwer auf Erden,
und möchte nur gestreichelt werden.

Man weiß ja: Ratten sind verhasst.
Für Alma ist dies eine Last.
Kein Leid ist ihr erspart geblieben,
man hat sie immer nur vertrieben.

Sie wünscht sich aber Liebe, Glück –
und sei es nur ein kleines Stück.
Doch bleibt ihr Leben weiter trist,
so dass sie am Verzweifeln ist.

Die Sehnsucht wächst und tut sehr weh,
dann kommt ihr endlich die Idee:
Sie hörte mal von einem Platz,
wo man liebkost wird wie ein Schatz.

Wenn's klappt, dann wird sie nie mehr leiden,
doch vorher muss sie sich verkleiden.
Der Plan erscheint ihr bombensicher.
Schon fährt sie los mit viel Gekicher,
maskiert und ganz inkognito,
als Meerschweinchen zum Streichelzoo.

Ja, Alma fühlt sich wunderbar.
Ihr größter Traum wird jetzt bald wahr.
Von Kiel fährt sie mit Affenzahn
gen Süden auf der Autobahn,
um einen Streichelzoo zu suchen.

Doch bald schon hört man sie laut fluchen:
"Ich kenn gar keinen Streichelzoo
und fahr nur blöd ins Nirgendwo!
In Zukunft muss ich besser planen,
anstatt dem ersten ganz spontanen
Gedanken blindlings nachzujagen.
Was soll's, jetzt hilft mir auch kein Klagen!
Von nun an glaub' ich unbeirrt
daran, dass alles besser wird.
Die Hoffnung lass ich mir nicht nehmen!" –

Schon steckt sie in 'nem Stau bei Bremen.

Sie gibt nicht auf und kehrt gleich um,
doch leider ist das ziemlich dumm.
Die and'ren Fahrer sind verwirrt,
als sie zum Geisterfahrer wird.

Mit wilden Gesten und Geschrei –
ihr Leben zieht an ihr vorbei –
schafft sie's, natürlich ohne Plan,
herunter von der Autobahn.

Auf Bundesstraßen geht es weiter,
das findet sie nun doch gescheiter.
Noch immer fährt sie Richtung Süden,
doch dann beginnt sie zu ermüden,

und nickt beim Fahren kurz mal ein,
fährt fast in einen Laster rein,
bleibt letztlich auf 'nem Feldweg stehen,
ihr Magen fängt sich an zu drehen.

Dann bricht das Elend auch schon raus,
und sie will einfach nur nach Haus.
Doch wenig später streikt der Wagen.
Sie kann ihr Pech kaum noch ertragen.

Den ganzen Weg zum nächsten Ort,
klagt Alma nur in einem fort,
das Leben sei so ungerecht.
Es geht ihr wirklich furchtbar schlecht.

In einer Rattenkneipe dann
säuft sie sich einen Filmriss an.
Am nächsten Morgen: Katzenjammer!
In ihrem Schädel tanzt ein Hammer.

Doch in der wirklich harten Nacht
hat sie auch etwas nachgedacht,
und der Gedanke ist erschienen:
Das Glück muss man sich erst verdienen!
Denn sind es nicht die Schwierigkeiten,
die einen erst zum Glück hin leiten?

Der Wagen ist schnell repariert.
Und so, als wäre nichts passiert,
setzt Alma ihre Suche fort
nach diesem einen Sehnsuchtsort.

Die Weiterfahrt ist, wie man ahnt,
natürlich auch nicht durchgeplant.
Erneut versäumt sie es komplett
mit ein paar Klicks im Internet
nach Streichelzoos zu recherchieren.
Nein, sie ist nur am Spekulieren
und jagt durch Deutschland kreuz und quer
dem Traum der Träume hinterher.

Zum Abschluss fährt sie dann gen Osten.
Aufgrund der hohen Reisekosten,
ist dies für sie die letzte Chance –
inzwischen fährt sie, wie in Trance.

In Sachsen-Anhalt angekommen,
ist sie auf einmal ganz benommen.
Da steht ein Bild von Rattenmann,
wie ihn kein Künstler malen kann.

"Boah, ist der scharf!" durchfährt es sie,
"So einen Typ sah ich noch nie!
Den kann kein Rattenweib verschmähen".
Es ist komplett um sie geschehen.

Die Welt erstrahlt in rosa Licht –
nur er beachtet Alma nicht.
Doch diese wird nun immer kesser
(ein Kerl – statt Streichelzoo – ist besser).

Sie spürt, jetzt muss sie alles geben,
und flirtet so, wie nie im Leben.
Der Rattenmann jedoch bleibt cool.
Und sie durchfährt's: "Der Typ ist schwul!".

Dann fällt ihr ein, dass sie – welch Mist –
als Meerschweinchen verkleidet ist.
Und so beendet sie noch grade
zur rechten Zeit die Maskerade.

Nun staunt der Rattenmann nicht schlecht,
ist er doch selber auch nicht echt.
Er ist ein Meerschwein und verkleidet,
da er aufgrund der Ratten leidet.

Denn stets trifft er auf Menschenfrauen,
die voller Ekel ihn beschauen,
weil diese dummen Weibsgestalten
ihn immer für 'ne Ratte halten.

Und weil er deshalb Ratten hasst,
hat er für sich den Plan gefasst:
"Anstatt mich lauthals zu beklagen,
werd' ich die blöden Viecher jagen."

Seit dem tut er dies mit Bravur
in seiner Rattengarnitur.
Eh Alma diesen Trick versteht,
da ist es leider schon zu spät.

Sie denkt grad noch: "Das kann nicht sein!"
Da fängt er sie schon locker ein.
So landet sie ganz nah bei Halle
in Meerschweinmännchens Rattenfalle.

Doch hält er sie nur kurz gefangen,
dann wird sie auf 'ner Farm für Schlangen
und ein paar anderen Exoten
als Lebendfutter angeboten.

Es endet also Almas Reise
wie's scheint auf nicht so schöne Weise.
Der Tag vergeht, und in der Nacht
hört man ein Meerschwein, das laut lacht.

Tags drauf geht's weiter mit Gebimmel
am Hauptportal vom Rattenhimmel.
Man öffnet und Sekunden später
hört man statt Harfen nur Gezeter.

Als wär' vom Wahnsinn sie besessen,
tobt Alma, sichtlich angefressen,
hinein ins Rattenparadies
und brüllt dort weiter, wie am Spieß.

Sie flucht und pöbelt volle Röhre,
man hört nicht mehr die Himmels-Chöre,
und manchem Engel bleibt vor Schrecken
das Manna glatt im Halse stecken.

Ihr Leben, so hört man sie schreien,
bestand doch nur aus Plagereien.
Sogar ihr Tod wär noch misslungen!
Denn jenes Vieh, das sie verschlungen,
mit Haut und Haaren und den Knochen,
hätt furchtbar aus dem Hals gerochen!

Doch ab sofort wird sie sich wehren
und gleich beim großen Chef beschweren.
Dem will sie es nun aber zeigen,
ihm deutlich mal die Meinung geigen.

Nach weit'rem Fluchen und Gequengel,
führt sie ein kleiner Rattenengel
zu einem wunderschönen Garten.
Dort bittet er sie, kurz zu warten.

Und Alma wartet – Ewigkeiten!
Der Chef kommt nicht – will wohl nicht streiten.
Doch Alma will das, absolut!
Ihr schwillt erneut der Hals vor Wut.

Man möchte sie hier wohl brüskieren,
sie ist ganz kurz vorm Explodieren.
Da hört sie plötzlich sanfte Töne
und ganz genussvolles Gestöhne.

Dies ruft bei ihr dann ganz spontan
den Hauch von Neugier auf den Plan.
Erregt folgt sie dem Hörspiel gleich
zu einem hinteren Bereich
des Gartens, den paar dichte Hecken
vor Almas Blicken gut verdecken.

Sie denkt: "Da sind wohl paar am Poppen!"
und ist sofort nicht mehr zu stoppen.
So zwängt sie sich dann auf der Stelle
durchs Strauchwerk hin zur Stöhnungsquelle.

Als sie dort ankommt, bleibt sie stehen,
wird starr, kann nicht mehr weitergehen.
Denn vor ihr, auf bequemen Matten,
da liegen ein paar tausend Ratten,

die dort von ganzen Meerschwein-Herden
umsorgt und sanft gestreichelt werden.
Gebannt folgt sie dem ganzen Treiben –
hier möchte sie für immer bleiben.

Erst zaghaft streckt sie ihre Glieder,
sinkt dann auf eine Matte nieder
und räkelt sich mit viel Genuss.
Sie weiß, es ist jetzt endlich Schluss;
das Schicksal nimmt nun eine Wende,
der ganze Wahnsinn hat ein Ende.

Dann spürt sie plötzlich, wie zwei Pfoten
am Rücken ihre Muskelknoten
ganz sanft und vorsichtig massieren.
Erregt beginnt sie zu vibrieren.

Sie schaut kurz auf und sieht sodann
den ihr bekannten Meerschweinmann.
Der sollte in der Hölle braten
aufgrund von seinen Missetaten.

Doch landete er ziemlich schnelle
in jener Höllen-Außenstelle.
Dort muss er Alma nun verwöhnen,
und die hört man bald leise stöhnen:

"Ich hab das Paradies gefunden
und mich nicht ganz umsonst geschunden."
Das Meerschwein aber denkt im Stillen:
"Wär ich nicht tot, würd' ich mich killen!"
 
Kleine Rotlicht-Moritat hessisch (Moritat)

Du hast Papiere nicht und Ahnen,
Du hast nur einen runden Leib,
Und die Behörden kratzen Kreuze
Betreffs: «Festendlicher Verbleib?»

Du hast in meinem Bett gelegen
Vorgestern Abend im August
Und hast gesagt: «Herr Nachbaa, gelle,
Se maches korrz, isch hob ko Lust.»

Und saß ein Vogel vor dem Fenster
Und hatte einen Ehrenplatz –
«Herr Nachbaa, sehn Se, unner Mensche
Is doch ’s Edstle so’n Schpatz,

Der fliescht erum un hockt am Errker
Un guckt enoi un hot ko Geld,
Des issen Schpatz un is als solscher
Beliebt, gefiddert un gemeld.»

Du hast Papiere nicht und Ahnen,
Und übermorgen bist du tot,
Und vor den Fenstern alle Vögel
Spalieren dir im Morgenrot,

Und hinter Wolken schreibt ein dicker
Prophet dich ein in die Kartei …
«Herr Nachbaa, sehn Se, unner Mensche,
Do muss mer mindstens Engel sei.»
 

Oscarchen

Mitglied
Ballade von der Freiheit (Ballade)


Noch eine Welle, einen Ritt
Doch diese Woge nahm ihn mit
Es brach die Hoffnung und der Rumpf
Das Meer schien furchtbar schlecht gelaunt
Und diese Wut hat ihn erstaunt
Den Aufschlag spürte er nur dumpf

Drei Helfer haben sie sortiert
Die meisten schweigend separiert
Ihm reichte man ein Zwiebackstück
Er brach es ab und schaute lang
Auf einen Sack am Treppengang
Wie ungerecht verteilt sich Glück

Schnell ausgeschifft und aufgereiht
Zum Gang in eine andre Zeit
Mit Schreien, Stößen, eingedeckt
Die neue Heimat zeigt sich rau
Es mutet an wie Fleischbeschau
Noch hält die Freiheit sich versteckt

Doch bleibt das Glück sein Kamerad
Denn weiter geht die große Fahrt
Es treibt der Wunsch, der ihn bestimmt
Geheimnisvoll der Fahrtverlauf
Erwartend nimmt er ihn in Kauf
Weil jede Fahrt ein Ende nimmt

Ihn übermannt die Euphorie
Er fällt gedanklich auf die Knie
Sollt hier die Qual beendet sein
Hat er den Hafen nun erreicht
In dem hier nichts der Heimat gleicht
Bestätigt sich der schöne Schein?

Hoffnung zerfließt wie feiner Sand
Doch bunt ist dieses schöne Land!
Der eine lacht ihn offen an
Der andere droht mit Gewalt
Ein dunkler Blick, die Faust geballt
Wer hat hier Angst vorm schwarzen Mann?

Es folgt der erste Übergriff
Die erste Grobheit seit dem Schiff
Auf dem sie wie zur Sklavenzeit
Wie Vieh gepfercht und eingezwängt
Der erste Schlag und er bedenkt
Und dafür reiste ich soweit?

Er kämpft sich stolz zurück ans Meer
Und dann aufs Schiff und irgendwer
Bringt ihn in Richtung Heimatland
Und wenn man ihn nach Freiheit fragt
Wird er sehr still, bis er leis sagt:
„Sie geht mit Unrecht Hand in Hand!“
 

Tula

Mitglied
die Ballade vom gutgesinnten Hermann

Hermann kam nach neununddreißig Wochen
pünktlich wie die Uhr ans Licht der Welt.
Schlief zwölf Stunden, hat sich nie erbrochen,
hat bereits nach einem Jahr gesprochen.
Kurz: er war ein Baby wie bestellt.

Mamas Finger folgte er beflissen:
Hermann hat beständig gut geschissen.

In der Schule war er Musterknabe.
Nicht die Leistung. Er war Mittelmaß.
Kompetent und ohne viel Gehabe
denunzierte er die Hausaufgabe,
wenn ein andrer Schüler sie vergaß.

Freilich selbst in allen Fächern schwächer:
Hermann war ein guter Klassensprecher.

Jahre später machte er Karriere
in der Stadtverwaltung als Statist.
Schmidt vom Bauamt nahm in die Lehre:
„Gib mir stets, was immer ich begehre,
weil ‘s zum Wohl der All-Gemeinheit ist.“

Volle, runde, und auch schräge Sachen:
Hermann rief: Na gut! Das lässt sich machen.

Galt es ein paar Bäume umzunieten,
wurde aus dem Wald Gewerbeland.
Wollte man im Stadtkern neu vermieten
und dazu ein Bleiberecht verbieten:
Schmidt vertraute seiner dritten Hand.

Jener spielte mit der Wünschelrute.
Hermann unterschrieb für alles Gute.

Eines Tages war sein Chef verschwunden,
dafür aber kam die Polizei.
Diese stöberte dann drei, vier Stunden.
Schließlich hat man vor Gericht befunden:
„Das ist Ihre Handschrift, zweifelsfrei!“

Sieben Jahre gab der weise Richter.
Hermanns gute Miene wurde dichter.

Mit der Zeit hat er ein Buch geschrieben,
das man gut und gern vergessen kann.
Schmidt hat sich nicht weiter rumgetrieben,
ist als Bauherr im Geschäft geblieben.
Ganz der alte, nur: ein reicher Mann.

Nach der Haft hat Schmidt ihn stolz empfangen.
Hermann lachte: „Noch mal gut gegangen!“
 
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