Balladen und Moritaten Wettstreit

5,00 Stern(e) 2 Bewertungen
Status
Für weitere Antworten geschlossen.

James Blond

Mitglied
Verehrte Lupianer!

Ich habe die Ehre, alle interessierten Lupianer zu einem internen Dichterwettstreit einzuladen.

Es geht um das Thema "Balladen und Moritaten", zu dem jeder aufgerufen ist, hier eigene Werke einzureichen, die in diese Kategorien fallen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um alte, bereits veröffentlichte oder um neue Werke handelt - sie sollten aber in jedem Fall aus der eigenen Produktion stammen und können gerne auch mit links zu selbsterstellen Bildern und Tonaufnahmen garniert werden.

Die Teilnahme an diesem Wettbewerb kostet nichts. Der Siegerpreis wird noch nicht verraten. Die Eingabefrist endet am 15.09.2020

Jedes Mitglied kann sich mit bis zu 3 Balladen und bis zu 3 Moritaten bewerben, indem es hier jedes als einen Beitrag einfügt. Bitte immer als erstes den Titel angeben und in Klammern dahinter die Kategorie, z.B. "Die Hochzeit auf dem Friedhof (Ballade)". Danach folgt der Gedichttext, links zu eigenen Bild&Ton-Dateien können darunter gesetzt werden. Aber bitte keine weiteren Hinweise hinzufügen. Die Texte sollten sich stilistisch an die folgenden Vorgaben halten.

Merkmale der Ballade

Die Ballade wird gern als Erzählgedicht bezeichnet. Diese Definition ist nicht ausreichend, denn wirklich entscheidend ist die Verbindung von lyrischen, epischen und dramatischen Elementen:

Lyrik: Generell ist die Ballade in gereimten Strophen aufgebaut, wofür es allerdings keinerlei vorgegebene, feste Struktur gibt; der Dichter hat großen Freiraum was sprachliche Gestaltung, Rhythmus und Form anbelangt. Die Ballade kann (typischerweise als Volksballade), muss aber nicht liedhaft wirken. Wichtig hingegen ist die Verwendung lyrischer Stilmittel; die Ballade bleibt als Kunstform ein Gedicht!

Epik: Die Ballade hat eine Handlung, mit Ereignissen und Charakteren. Wie in einer Erzählung, benötigt eine gute Ballade eine Einführung (die den Leser in die Szene führt), einen sich aufbauenden Spannungsbogen und eine Auflösung.

Dramatik: In der Ballade geht es nicht um belanglose, sondern eher um außergewöhnliche Ereignisse, Konflikte und bedrohliche Situationen und Probleme. Dramatische Elemente schließen die Verwendung von direkter Rede, Dialogen oder Monologen, mit ein. Ein unerwarteter Wendepunkt stellt oft den Höhepunkt der Handlung dar. Mitunter beinhaltet das Ende einer Ballade ein belehrendes Beispiel oder eine Moral (z.B. das tragische, aber unausweichliche Ende eines Helden).

Merkmale der Moritat

Die Moritat ist eng mit dem Bänkelsang verwandt und wird auch als Sonderform der Ballade angesehen. Sie weist somit zwar dieselben, grundsätzlichen Merkmale auf, unterscheidet sich allerdings von einer herkömmlichen, bzw. einer Kunst-Ballade in folgender Hinsicht:

Die Moritat hat immer einen liedhaften Charakter mit regelmäßiger Strophenform, da sie eigentlich musikalisch begleitet wird, d.h. mit einfachen Melodien, die mitunter monoton wirken (z.B. wenn mit einer Drehorgel vorgetragen). Charakteristisch für die Präsentation sind auch der Zeigestock und die Bildtafeln, die während des Vortrages zur Illustration herangezogen werden.

Die Moritat ist sprachlich geprägt von einer drastischen Ausdrucksweise, einer klischeehaften Überzeichnung und einem naiven Realismus. Die auf Sensationslust an schauerlichen Ereignissen angelegte Erzählung erfolgt hier unter dem Vorwand einer moralisierenden Belehrung, die am Ende meist ironisierend herausgestellt wird.


Was zu tun ist:

  • In diesen Faden werden der Übersichtlichkeit halber nur die Gedichte samt ihrem "Zubehör" eingestellt.

  • Kommentare, Kritiken und Bewertungen zu den eingereichten Gedichten finden innerhalb der Fingerübungen in einem anderen Faden statt: Balladen und Moritaten - Kritiken und Wertungen. Dort soll jeder, der sich selbst am Wettbewerb beteiligen möchte, als Mitglied der Jury zu jedem Gedicht der anderen eine Kritik und eine Bewertung abgeben. Ansonsten entfällt auch die eigene Bewerbung.

  • Die Bewertungsfrist endet am 15.10.2020


Wie es danach weitergeht:

Die von der Mitliederjury insgesamt mindestens mit "gut" bewerteten Gedichte werden von der Leselupen-Redaktion in das Thema "Balladen und Moritaten Wettstreit" innerhalb der "Festen Formen kopiert", wo sie von allen interessierten Mitgliedern auf die übliche Weise mit Sternchen versehen werden können.

---

Liebe Wettbewerbsteilnehmer,

die Phase der Texteinreichungen ist mittlerweile abgeschlossen, vielen Dank für die lebhafte Teilnahme!
Jetzt gilt es noch, die Kritiken und Wertungen zu vervollständigen, denn es wird erwartet, dass jeder Teilnehmer alle Texte der anderen Autoren beurteilt, um selbst im Wettbewerb zu verbleiben.

Die Bewertungsfrist endet am 15.10.2020!

Schon jetzt hat es sich gezeigt, dass neben den vielen köstlichen Texten auch wertvolle Beurteilungen entstanden sind und es wäre schade, wenn aufgrund versäumter Wertungen ein Autor nicht mehr am Wettbewerb teilnehmen kann.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Oscarchen

Mitglied
Wasserfreuden (Moritat)

An dem Weiher bei den Linden
Richtung Ausfallstraße Norden
Nur bei Tageslicht zu finden
Fing‘ es an, mein erstes Morden

Das Gemeine brach sich Bahnen
Der Beginn der Gräueltaten
Niemand konnte es erahnen
Freudenfest für Beil und Spaten

Ja, ich hatte mich verwandelt
Denn ihr Liebreiz war verflogen
Sie, mit der ich angebandelt
Hatte mich gemein betrogen

Bin mehr Rächer als Verzeiher
Und so wurde ich zum Täter
Tunkte sie in diesen Weiher
Doch zerteilt hab‘ ich sie später

Mit den oben schon genannten
Garten - und Zerteilbestecken
Tauglich auch für die Verwandten
Mehr fürs Drohen als fürs Necken

Nach vollbrachtem Filetieren
Sorgsam eingepackt, das Weiche
Leber, Herz und beide Nieren
Schwimmen nun im tiefen Teiche

Wie mir diese Tat behagte!
Jeden Tag `ne Schlachtfestfeier
Junge, Hübsche, auch Betagte
Langsam fühlte sich der Weiher

Und so zog ich dann von Dannen
Bis die großen Meere kamen
Riesig, diese Wasserwannen!
Platz genug für viele Damen
 
Die Ballade vom Zehner


Zwei Burschen kamen vom Bierfest angewankt,
Sie hatten den Abend schon wacker im Zelt getankt.
Es war recht düster, kein Mond noch Sterne zu sehen.


Mit viel Alk im Blut, das Wummern noch laut im Ohr,
So nahmen sich beide das nächtliche Schwimmbad vor.
Die Freunde kniffen im Nu ein Loch in den Zaun.


„Du traust dich doch nie vom Zehner, du feiges Kind!
Dort drüben steht der Turm, wo die Pappeln sind!“
Ein Lachen, ein Johlen – im Baum, da riefen die Dohlen.


Und es roch nach altem Urin und nach kaltem Chlor,
Verwirrte Glühwürmer schwirrten die Leitern empor.
Die Silberpappeln, sie zitterten und wisperten.


Beider Blick war vernebelt, die Sinne benommen,
Bald waren sie in bedrohliche Höhen gekommen.
Tief unten, da grinste blau ein lauerndes Becken.


„O-le-Ooo-leeee!“ So dröhnte fröhlicher Mutgesang,
Aus gekachelter Tiefe ein hohles Echo erklang.
Ein Anlauf, ein Rudern – zwei nackte Körper, sie flogen!


Ein Klatschen, ein letzter Blitz der Synapsen in Rot,
Kein kühlendes Nass empfing sie, sondern der Tod.
Ihr Blut kroch über die Fliesen, als man sie morgens fand.
 

James Blond

Mitglied
Ärztlicher Notdienst (Ballade)


Spät war's schon, der Mond schien helle,
als ein Arzt von Grabes Stelle
einen schwachen Ruf vernahm,
der wohl aus der Tiefe kam.

Zögernd stoppte er die Schritte,
denn es klang nach einer Bitte.
sollten hier gar Tote hauchen,
die noch seine Hilfe brauchen?

"Doktor, hilf mir, bitte, schnell!"
tönte nochmals der Appell.
Darauf er die Schritte leitet'
zu dem Grab, das frisch bereitet.

Ungewöhnlich zwar der Ort,
doch als Arzt stand er im Wort:
Allen, die nach Hilfe fragen,
durft er diese nicht versagen,

kniete sich auf Grabes Stufen,
um beherzt hinab zu rufen:
"Was verlangst du Himmelsstürmer?"
"Brauch ein Mittel gegen Würmer!"
 

Tula

Mitglied
die Moritat von Schneewitzchen


Leser aus dem weiten Lande,
kommet und vernehmt die Schande

von der Hexe, die wir nährten,
sieben brave Spießgefährten,
wir, die lieb und unbescholten
eine Praktikantin wollten,
die nicht bloß als Arbeitsbiene,
sondern auch dem Image diene.
Selbst in Zwergen-Firmen peppt
so 'was als Erfolgsrezept.

Nach fünfhundert Antragsbriefen,
die wir flüchtig überliefen,
fand sich endlich ein Gesicht,
das von Qualitäten spricht!
Was uns obendrein noch bannte,
war ihr Name, denn sie nannte
sich - Schneewitzchen - uns war klar,
dass sie gut und edel war!

Schon am ersten Tage zeigte
sich, dass sie zum Leiten neigte.
Nicht so barsch, wie 's Männer tun:
Nein! mit roten Stöckelschuhn,
Mini-Röckchen, Unschuldslächeln …
ließen uns wie Hunde hecheln.
Nach drei Tagen - Resümee:
brachten WIR ihr den Kaffee.

Was uns leider doch entging
war, dass sie am Gelde hing;
für die Fashion erster Wahl
braucht es schließlich Kapital.
Mit viel Kniffen (die von Klasse)
leerte sie die Firmenkasse,
und uns blieb von ihrem Glück
nur die Apple-Mouse zurück.

Gläubiger und miese Kunden
hetzten uns mit fiesen Hunden,
die mit Frack und Aktentaschen
gern nach nackten Opfern haschen.
Weil der Markt uns dennoch traute
und auf dumme Zwerge baute,
hat man uns dann über Nacht
an die Firma Grimm vermacht.

Die Moral, ihr Kritikaster:
Nachwuchs-fördern zehrt am Zaster!
 
Die Moritat vom durstigen Dieter

Ach, der Suff, so spricht der Dieter,
Und im Rotweinkeller kniet er,
Ach, der Suff lässt mich auf Erden
Vor den Zeiten Engel werden,
Nach der ersten guten Flasche
Fang ich an, als Mensch zu schrumpfen,
Um nach weitren, in der Asche
Meines Menschseins abzustumpfen.


Dieter gibt sich einen Ruck,
Und dann nimmt er einen Schluck,
Stellt die Flasche ab und knetet
Heftig Hand in Hand und betet:

Lieber Gott, du gabst mir Zaster,
Mit dem Zaster kam das Laster,
Habe manchen meiner Scheine
Umgesetzt in Bier und Weine
Und zuweilen in Likör,
Alkohol ist mein Malheur …


Dieter gibt sich einen Ruck,
Und er nimmt den nächsten Schluck.

Wenn die andern Leute träumen,
Steh ich unter dunklen Bäumen,
Sehr besoffen und erheitert,
Im Empfinden sehr erweitert,
Und es wirkt auf mich die Nacht
Richtig wie von mir gemacht …


Dieter gibt sich einen Ruck,
Nimmt schon wieder einen Schluck,
Und dann nimmt er Schlücker zehn
Und vom Kurzen Stücker zehn,
Wie‘s ihm durch die Kehle gluckert,
Nie hat Dieter so geschluckert,
Doch er sieht sich grade stehn
Und den Blick zum Himmel drehn …

Ach, ich bin so gern besoffen!
Lass mich dennoch weiterhoffen,
Einstens zu den andern Frommen
In den Himmel reinzukommen,
Lieber Gott, eventuell,
Auch mit einer Flasche Hell?
Lass mich, eh sie mich begraben,
Einen Letzten sitzen haben
Und den Allerletzten oben,
Hast du je ein Glas gehoben,
Lieber Gott, bedenke dann:
Hundsgemein ist jedermann,
Der darauf verzichten kann …


Dieter gibt sich einen Ruck,
Nimmt entschlossen einen Schluck,
Einen von den ganz enormen,
Worte kann er nicht mehr formen,
Sieben Flaschen sind geköpft,
Büßerhemd ist aufgeknöpft,
Dieter büßt für seine Sünden,
Sieht den Fluss des Lebens münden
In dem großen dunklen Meer …

Bin ich Dieter oder wer …
Bin ich … werd ich aus dem Leben
Ins gelobte Jenseits schweben …
Wenn die braven Leute schlafen …
Schweb ich zwischen schwarzen Schafen …
Sehr besoffen sind wir alle …
Niemand kriegt uns in die Falle …
Sind wir Dieter … sind wir nackt …
Hab ich SOS geflaggt …
Und zur Freude
Für uns beide,
Lieber Gott, das wär der Hit,
Bring ich uns ein Fläschchen mit …


Dieter gibt sich einen Ruck,
Und dann wars der letzte Schluck.
Auf Wunsch von Joe korrigiert
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

anbas

Mitglied
Ich und Michi (Moritat)

Von der Haustür durch den Garten,
raus zum Kirchhof, das ging schnell.
Sah von weitem Michi warten,
meinen Kumpel, ein Rebell.

Dort begann dann uns're Reise.
Mann, was waren wir gespannt.
Michis Rucksack, klugerweise,
war gefüllt mit Proviant.

Beide war'n wir fest entschlossen,
und die Aufregung war groß.
Ich hab' jeden Schritt genossen,
denn nun ging es endlich los.

So verließ ich mein Zuhause,
auf ging's in ein fernes Land.
Bald schon machten wir 'ne Pause
an der kühlen Kirchenwand.

Gut gestärkt ging es dann weiter
durch das alte Kirchhoftor.
Dort zog Michi, mein Begleiter,
wieder Proviant hervor.

An der alten Kirchhofmauer
machten wir es uns bequem.
Diese Rast war läng'rer Dauer,
denn es gab da ein Problem:

Unser Vorrat - aufgegessen!
Unser Weg - noch ziemlich weit.
Und wir hatten fast vergessen,
es war bald schon Schlafenszeit.

Pünktlich waren wir zu Hause,
ich und Michi, der Rebell.
Unser Heimweg, ohne Pause,
über'n Kirchhof - das ging schnell.
 

Didi Costaire

Mitglied
Die Ballade von Balduins Ballladen

In Balduins Ballladen strömen die Kunden.
Der Chef hat verschiedene Bälle erfunden.
Nun bringt ihm der Ballkahn erneut runde Frachten,
gefertigt per Hand, wie die Alten es machten.

Auf Balltischen stapeln sich Balduins Bälle.
Es ist was dabei für die seltsamsten Fälle,
vom kleineren Spielball, den Balljungen holen,
bis zum Autogrammball, bedruckt mit Idolen.

Ein langer Ball lagert im Laden samt Vorraum.
Der reicht auf dem Spielfeld von Torraum zu Torraum.
Der Eckball bewegt sich aufgrund seiner Ecke,
falls er in den Boden sticht, kaum mehr vom Flecke.

Ein Balllack lässt Bälle bemerkenswert glänzen.
Da mag nur die Balllast die Menge begrenzen,
die Menschen auf einmal zur Kasse hin schleppen,
denn selbst ein Ballistiker wird dort zum Deppen.

Man ist balla-balla in Balduins Laden.
Rasch juckt es bei vielen direkt in den Waden.
Dazu gibt es Schiedsrichterbälle zum Werfen
und ruhende Bälle für flattrige Nerven.

Der zweite Ball, der ist in Mode gekommen ...
Er wird sogar ohne den ersten genommen.
Für mehrere kann man den Ballsack dann kaufen.
So müssen die Sportsfreunde weniger laufen.

Doch Balduin gibt sich so schnell nicht zufrieden,
baldowert bald aus, wieder Pläne zu schmieden,
bleibt stetig am Ball und er lebt für die Käufer,
und sind das zuweilen auch Ballermann-Säufer.

Die Gattin von Balduin, das weiß ein jeder,
lebt immer schon bei ihm – die Holde heißt Leda.
Sie haben sich ewige Treue geschworen.
Er liebt ihre Bälle und sie ihren Toren.
 

Tula

Mitglied
Die wundersame Reise des kleinen Plastebechers
(Ballade)


In der Kunststoff-Firma Schnell & Sauber
kam ein Plastebecher auf die Welt.
Kaum im Neonlicht, erschien ein zauber-
hafter Traum, dem er sofort verfällt:
Alles wiegt im Tanz
einer See, im Glanz
stiller Nacht, von den Sternen erhellt.

Wie die anderen gehässig lachten:
„Seht, ein Serienprodukt, das träumt!
Wird in schäbigen Regalen schmachten
und am Ende lustlos abgeräumt.“
Rief der Becher frech:
„Jeder kriegt sein Pech
oder Glück, wer nicht sucht, der versäumt.“

Bald darauf hing er im Automaten
einer Bar vom Umweltschutzverband.
In der Pause kühner Bürokraten
kam‘s, dass er sich auf Platz 1 befand:
Erst der Mund der Frau;
dann ihr Wurf, genau
in den Eimer, der irgendwo stand.

Noch am Abend ging es in die Tonne,
mit dem Abfall einer Sonder-Schicht:
Nudeln, Wurst, ein Beutel Capri-Sonne ...
‚Aus Versehen‘ schrieb man im Bericht.
Wie der Glibber stank(!)
als der Becher sank.
Aber Aufgeben (?) wollte er nicht.

Lange Wochen hieß es: Warten, warten ...
Endlich kam der Tag, man fuhr ihn fort.
Doch wohin? Zwei alte Ansichtskarten
proklamierten den geheimen Ort:
Wie ein weißes Band
lag der Palmenstrand.
In die Tropen der Müll, im Export!

Sehr beschwerlich war die weite Reise.
Wurst und Nudeln wurden zäher Brei.
Darin fühlte sich der Becher Waise;
fast! - ein Dildo war ja auch dabei.
Im Verwesungs-Filz
unter Schleim und Pilz
blieb er haltbar und Putreszenz-frei.

Irgendwann verstummten die Motoren.
Luken kreischten, und ein alter Mann.
Riesen-Klauen wühlten unverfroren;
Riesen-Arme hievten mächtig an.
Erst der Aufzug - kurz,
dann ein jäher Sturz
und die nächste Spazierfahrt begann.

Diese brauchte nur drei knappe Stunden;
auf der Klippe kam der Truck ans Ziel.
Seine Ladung wurde unumwunden
abgekippt, fürwahr ein Kinderspiel.
Die Hände wäscht gut
im Geschäft - die Flut.
Die Entsorgung besorgt da nicht viel.

Fröhlich treibt er seitdem auf den Wellen.
Manchmal grüßt ihn gar ein großes Schiff.
Was besonders freut: er hat Gesellen,
die die Strömung bringt - ein cooler Kniff!
Alles wiegt im Tanz
einer See, im Glanz
einer Insel aus Plastik und Siff.
 

anbas

Mitglied
Doktor Bruchstein
(Moritat)

Doktor Bruchstein, Orthopäde,
gilt als Arzt mit viel Geschick.
Doch auch eine Koryphäe
ist nicht frei von jedem Tick.

Der Herr Doktor sammelt Knochen –
sagt, dies sei 'ne Spielerei.
Aber einmal in der Woche
zieht es ihn zur Metzgerei.

Doktor Bruchsteins Instrumente
sind von seltenem Design.
Sie enthalten in den Griffen
stets ein kleines Stückchen Bein.

Magda, seine große Liebe,
gab ihm längst das Ehe-Wort.
Täglich kocht sie ihm sein Essen
und wirft nie die Knochen fort.

Sie hilft ihm beim Knochensammeln,
stetig wächst so der Bestand.
Selbst für jedes tote Tierchen
hält sie gleich am Straßenrand.

Auch der Bruder vom Herrn Doktor
unterstützt ihn mit viel List.
Doch das darf kein Mensch erfahren,
weil er ein Bestatter ist.

Selbst des Doktors Eltern helfen
ihrem Sohn ganz engagiert.
Sie sind als Chirurgen tätig –
da wird auch mal amputiert.

Doktor Bruchstein sammelt Knochen.
Dieses sagt er jedenfalls.
Und dann legt er eine Kette
ganz aus Bein um Magdas Hals.
 

James Blond

Mitglied
Wiener Toiletten Moritat

In der schönen blauen Donau
treibt ein Leichnam fest verschnürt,
und es wartet eine Klofrau,
die von Mitleid nichts verspürt.

Und sie wartet auf die Herren,
denen man nichts mehr verzeiht,
weil sie gern an Mädchen zerren,
die zur Liebe nicht bereit.

Vor den weißen Urinalen
stehen Männer anonym,
jene, die mit Weibern prahlen,
die erkennt sie am Parfüm.

Und es blitzt die scharfe Klinge,
sie durchtrennt ein edles Stück,
war Gewalt die Wahl der Dinge,
endet blutig hier das Glück.

Mancher stirbt in einer Zelle,
die von außen man versperrt,
und kein Schutzmann ist zur Stelle,
wo Toiletten man entleert.

An der schönen blauen Donau
wird 'ne Leiche fest verschnürt
und dort säubert eine Klofrau,
die das Sterben wenig rührt.
 
Moritat von der Unersättlichkeit

Kann man Männer fressen? Kann man!
Guck ich irgendeinen Mann an,
Der in mir Gelüste weckt,
Weiß ich, ob, und wie er schmeckt.

Männer seh ich wie Kotletten
Vorgewürzt in ihren Betten
Schweißumflossen mich empfangend
Und nach mir als Weib verlangend.

Gestern Abend zog der fette
Herbert mich ins Ehebette,
War die Gattin außer Haus,
Zog er sich die Hosen aus.

Feste druff, so sprach er lockend,
Mit der fetten Hüfte zockend,
Als ich aus der Wäsche schlüpfte
Und an Herberts Seite hüpfte.


So entspann sich zwanglos auf dem weißen Linnen
Eine Lustgeschichte mit Dramatik drinnen:
Herbert fährt die Pranken aus und greift ins Leere,
Weggeglitscht bin ich ins Ungefähre,
Kneif ihn in die Herberthinterbacken,
Will der Herbert mich an meinesgleichen packen,
Kriegt er mich am Schulterblatt zu fassen,
Kann ich ihm ein Veilchen so verpassen,
Dass er wie von selbst sich in die Decke rollt,
Herberts Dackel hat sich unters Bett getrollt,
Kläfft von dort, als gings ans Hundeleben,
Herbert schimpft und will mir eine kleben,
Und indem er auf mich zurollt, seinen Schuh
Wie ein Schlachtschwert schwingend, beiß ich zu.
Manchen Hintern hab ich schon mit Lust zerbissen,
Manches Männerohr vom Schädel abgerissen,
Hab mich gern in Männerhälse eingesaugt,
Und sie bis aufs Knochentrockne ausgelaugt,
Männerschenkel schmecken zwar nur sehr bedingt,
Wenn die Männlichkeit sich ums Geschenkel schlingt,
Aber diese wiederum, an sich genossen,
Ist mir oft als Gaumenkitzel zugeflossen.
Gestern Abend, als der Herbert mit den Schuhen drohte,
Als die schlichte Weiblichkeit in mir verrohte,
Und als Lustgewinn mir Herberts Lende winkte,
Dann der Herbert röchelnd hin zur Dusche hinkte,
Gestern Abend war ich der Erfüllung nah,
Als ich mich in Herberts Bett gesättigt sah.

Kann man Männer fressen? Kann man!
Guck ich irgendeinen Mann an,
Der in mir Gelüste weckt,
Weiß ich, ob, und wie er schmeckt.

Herbert schmeckt noch heute nach.
Als es ihm die Augen brach,
Sprachs in mir: Den Mann auf Erden
Hat man zum Gesättigtwerden.
 
Zuletzt bearbeitet:

James Blond

Mitglied
Am Himmelssee (Ballade)

Eines heißen Sommertages,
Berge trugen Wolkenkronen,
strebte ich zum Zweck des Bades
an den kühlen See dort oben.

Hoch am steinigen Gestade
sah ich ihren feuchten Leib,
golden schimmernd bis zur Wade,
ein Gedicht von einem Weib.

Überrascht durch Schicksalsfügung
einer Göttin splitternackt,
argwöhnte ich Sinnestrübung,
die mein Innerstes gepackt.

Um Details zu überprüfen,
schlich ich näher an sie ran,
staunend über Bioglyphen
fühlte ich mich da als Mann.

Schlecht von mir, sie zu begaffen
oder dumm, nicht hinzuschaun?
Männer werden leicht zu Affen,
göttlich strahlen höchstens Fraun.

"Tritt nur näher," sprach die Holde,
und es klang sehr souverän,
"Nicht allein den Glanz vom Golde,"
"alles sollst du deutlich sehn."

Schon begann die Haut zu schwinden,
ich sah Knochen, Adern, Blut,
sah, wie sich Gedärme winden -
mich verließ spontan der Mut.

Ihre Augenäpfel blickten
kühl auf meinen Leib hinab,
und es war, als ob sie schickten
zähneklappernd mich ins Grab.

Schneller bin ich nie gelaufen
als ich jenen Ort verließ,
konnte erst im Tal verschnaufen,
wo es schon seit langem hieß:

In dem Himmelssee dort oben
wohnt die arme Goldmarie,
der sie einst die Haube woben,
doch darunter kam sie nie.

Ihr Versprochner war ein Schlimmer,
schlug sich durch mit Trug und Raub,
schwängerte das Frauenzimmer,
machte sich dann aus dem Staub.

Die Marie hat's nie verwunden,
dass vom Schufte sie missbraucht,
ist danach im See verschwunden
und nie wieder aufgetaucht.

Doch an sonnenwarmen Tagen
steigt ans Ufer sie zurück,
so hört man die Alten sagen.
Kurz nur währt der Liebe Glück!
 

Didi Costaire

Mitglied
Crhyme time (Moritat)

Es stürmte und gewitterte
am dunklen Waldesrand.
Dort lief der Babysitter T.
im wehenden Gewand.
Am Abend noch verfütterte
er Blumenkohl mit Schmand.
Nun fluchte er und zitterte
und wirkte angespannt.

Da blitzte es und glitterte,
schon griff ihn eine Hand.
Er schlotterte und schlitterte,
dann fiel er in den Sand.
Ein scharfer Schuss erschütterte
nicht bloß den Baumbestand.
Die Schädeldecke splitterte,
das Blut floss penetrant.

Des Leichnams Kluft zerknitterte;
bald sah ihn ein Passant.
Die Polizei umgitterte
den Ort mit Absperrband.
Ein Kommissar ermittelte
und fand nur Flaschenpfand.
Der dreiste Täter twitterte:
»Ich bleibe unerkannt.«
 

Oscarchen

Mitglied
Richtige Auswahl (Moritat)

Nach all diesem endlosen Streiten
War ich es, der Flüche ausstieß
Um sie dann devot zu begleiten
Ins Küchen - und Wohnparadies

Es stand dann nach zwölfeinhalb Wochen
Ein Monstrum von Küche im Haus
„Ach könnte doch nur jemand kochen!“
Ich sprach diesen Satz drohend aus

Die Stimmung war frostig zu nennen
Ich kaufte die Küche zum Schein
Die Gattin ließ Wasser anbrennen
Sie legte nur Wert aufs Design

Dann flogen die Worte wie Pfeile
Es wurden Bestecke begehrt
Sie wurden dann schärfer, die Teile
Dann lag sie fast rücklings vorm Herd

Ich fragte sie scheu und fast artig
"Und jetzt noch was kochen, so spät?"
Die Gattin war tot, doch recht drahtig
Ich dachte, dass da noch was geht

Wie zügig gelang das Tranchieren
Die Küche, sie bot allerlei
Selbst Extremitäten pürieren
Das Werkzeug dafür war dabei

Ihr Rumpf lag auf schiebbaren Platten
Im Heizraum vom Zanker 02
Die Herde, die alles gestatten
Auch Frauen bis zwei Meter drei

Ein Festmahl war mir da gelungen
Wie knusprig die tiefbraune Haut
Hab‘ zwar mit dem Rückgrat gerungen
Doch war mit der Säge vertraut

Und solltet ihr euch mal verlieben
Seid achtsam und stets auf der Hut!
Die Hochzeit mit Feisten verschieben
Denn Drahtige, die schmecken gut!
 
Zuletzt bearbeitet:
Ballade vom Franz

Siehts der Mond auch jeden Abend,
Guckt er doch zum Fenster rein,
Drinnen flackert rot die Lampe,
Und man wechselt einen Schein.

Eine Hose wird in Falten
Über einen Stuhl gelegt,
Während sich ein tiefer Seufzer
Zwischenmenschlich fortbewegt.

Eine Spinne lässt sich fallen,
Und ein Seidenfummel fällt,
An der Wand im Schnörkelrahmen
Guckt ein Engel in die Welt.

Eine Fülle von orangen-
farbener Verkäuflichkeit
Legt sich auf das Vorgeprüfte
Und erwartet den Bescheid.

Ein Gebet auf schmalen Lippen
Wird im Himmel überhört,
Und ein Schicksal steht im Zimmer
Irgendwie herum und stört.

Ein ermunterndes: «Was ist denn!»
Aus der Ecke mahnt zur Lust,
Und das Schicksal fährt zusammen
Und entscheidet: «Franz, du musst!»

Siehts der Mond auch jeden Abend,
Guckt er doch zum Fenster rein,
Drinnen fällt beherzt ein Schicksal
Auf ein anderes herein.
 

Didi Costaire

Mitglied
Wenn’s bei Reimers zweimal klingelt (Ballade)

Wenn alle vor den Pforten weilen,
will Reimers stur an Worten feilen,
mit seinen Versen wendig starten
und nicht wie manche ständig warten.

Er kann sich dialektisch häuten,
am Ecktisch, falls sie hektisch läuten,
gar lustig gleich ins Zimmer eilen.
Indes entstehen immer Zeilen,

die, weil sie an Geschichte denken,
Historikern Gedichte schenken.
Hysteriker hingegen schrecken
zurück im Stil von schrägen Gecken.

Bringt uns der Sommer weiter Hitze,
verreimt Herr Reimers heiter Witze.
Sonst schreibt er von konfusen Müttern -
halt dem, womit ihn Musen füttern.

Nun füllen viele Strophen Seiten.
Selbst dort, wo Philosophen streiten,
wird endlich lupenrein geschüttelt
sowie am schönen Schein gerüttelt.

R. hasst das monotone Mehren
von Gütern kraft des Monetären,
mag ungern was im Laden kaufen
und nie durch Shop-Arkaden laufen.

So muss er teils im Leben hungern,
wenn Nachbarn einen heben, lungern.
Dann seufzt der Reimer Reimers: »Hätt’ ich
zumindest Pappenheimers Rettich!«
 

Oscarchen

Mitglied
Glückliche Fügung ( Ballade)

Wie rennen sie, in kurzen Hosen
In feuchten Leibchen, bunt beflockt
Und wenn frenetisch Ränge tosen
Wird noch die letzte Kraft entlockt

Der Recken, die in schweren Schuhen
Dem Sieg entgegengaloppieren
Noch keinen Grund, sich auszuruhen
Zur Not ein Kampf auf allen Vieren

Die Uhr zeigt knappe zwei Minuten
Vielfältig lässt sich Zeit gestalten
Mal muss man trödeln, mal sich sputen
Zur Not auch mal die Uhr anhalten

Verwaist steht der Toilettenwagen
Und auf den Rängen stehen Pfützen
Wer wird sich jetzt noch trauen, wagen
Und schnell entleert man sich im Sitzen

Der Bierstand wird noch frequentiert
Die Zeit muss sein, und wenn zum Trost
Und hoffen, dass kein Tor passiert
Zum Wechselgeld ein kurzes „Prost“!

Nun spitzt die Lage sich doch zu
Die Nerven liegen sichtbar blank
Wie bei dem ersten Rendezvous
Doch leicht beruhigt der Gerstentrank

Die letzte Angriffswelle rollt
Mit Urgewalt und Wut und Kraft
Der Ball der fliegt, scharf und gewollt
An Schiris Kopf…ins Tor…geschafft!

Er sammelt Kraft für letzte Pfeifen
Ein zartes Flöten wird es nur
Das Tor es zählt, kaum zu begreifen
Der Schiri kriegt `ne goldne Uhr

Der Sekt füllt das Pokalgefäß
Die Freude, sie ist vehement
Solch Spiele enden wunschgemäß
Wenn man des Schiris Wünsche kennt
 

Oscarchen

Mitglied
Unbelehrbar (Ballade)

Das Tageslicht verliert an Kraft
und ficht noch mit der Dämmerung
um letzte lichte Flächen
mit Hoffnung auf Verlängerung
bis sich die Strahlen brechen.

Mal wieder ist ein Tag vertan
als wäre er im Würfelspiel
gesetzt und dann verpfändet,
als hätte es nur eins zum Ziel,
dass er schnellst möglich endet.

Verschenkt das Reservoir an Zeit,
vergeudet im Sekundentakt,
grob fahrlässig verludert
und schließlich folgt der letzte Akt,
zu spät zurückgerudert.

Selbst wer noch einen Baum umarmt,
erweckt den Schein der Kondolenz,
erspürt vielleicht das Ende.
Die Geste strotzt von Dekadenz,
doch niemand schreit nach Wende.

Wie schnell sich eine Welt verbraucht
mit Vorsatz und Entschlossenheit.
Der Mensch zeigt sich entrüstet.
Doch irritiert die Gründlichkeit
mit der er sich noch brüstet.

Und unbeirrbar hält er fest
an der Vollendung der Natur.
Sie wankt schon stark benommen.
Sie leistet noch die Signatur
fürs Ende, es wird kommen.
 
Badewannentraumballade

Huckenbeck, im Badewasser liegend,
Per Gedankentraumboot durch die Welten fliegend,
Guckt sich fest an einer Zeheninsel,
Die, ja, was? – inmitten Schaumgerinnsel
Plötzlich vor ihm auftaucht, eine Palme wiegend.

Ob ein Affe turnt im Palmenwipfel,
Eine Inselfee sich kämmt, Besuche kriegend,
Ist für Huckenbeck nicht auszumachen.
Etwas hört er himmelhoch zerkrachen –
Jäh! Und Wellen schlagen Richtung Zehenzipfel,

Sturm heult um die Wanne, Maste biegend!
«Hilfe, Boot in Not!» Schon ist das Boot gesunken,
Huckenbeck wird weit hinausgezogen,
Ruft und spuckt und guckt dem Spuckebogen
Ganz und gar entgeistert nach und ist ertrunken.

Huckenbeck, er nimmt es blinzelnd wahr,
Irgendwann, entdeckt ein Affenpaar,
Das im Palmenwipfel sich verliebt
Laute Küsse auf die Hintern gibt.
Über ihm geschehen diese Dinge,
Er darunter reibt die Augenringe,
Sieht sich plötzlich nackt, bedeckt die Blöße
Und erhebt sich scheu zu neuer Größe.
Gott, gerettet! – denkt er. Auf die Uhr
Will er schauen, Gott, wo ist die nur?
Etwas quiekt. Rutscht. Plumpst. Und dann
Starren ihn die Palmenaffen an,
Die mit überkreuztem Händestrecken,
Vor ihm hockend, ihre Blößen decken.
Sonne rötet rundum das Gelände,
Und man ist zu dritt am Weltenende.
Eine Hose! – Huckenbeck durchzuckt er,
Der Gedanke, dass er er ohne Hose steht.
Eine Hose! Und er fragt sich: Guckt er,
Dieser Affe, und der andre dreht,
Dreht womöglich der die Augen nur
Darum quer, weil keine Hose hüllt,
Was als gänzlich unerwartete Natur
Ihm die Affenabendstunde füllt?

Eine Hose? Ist das hier die Frage?
Ist am Weltenende Hosenzwang?
Ist der nackte Mensch ein Grund zur Klage
Und für Affen sittlich von Belang?
«Kaum!» hört Huckenbeck sich leise brummeln,
Und dann brummt er: «Immerhin!» und «Ach!»
Er beschließt, das Weltenende abzubummeln,
Und indem die Affen sich von dannen tummeln,
Folgt er ihnen Pläne schmiedend nach.

Immerhin, ich bin noch auf der Welt.
Ach, die Welt ist ungeheuer leer.
Eine Palme ist hineingestellt,
Wenig sonst, das von Bedeutung wär.
Nun, dann stell ich irgendwas hinein:
Zu der Palme einen Hüttenbau,
Außerdem soll heute Montag sein,
In die Hütte stell ich eine Frau.
Eine Frau? Der Frauen gäb es viele,
Die er denken könnte, lange, kurze,
Üppig angelegte und grazile,
Solche mit und ohne Lendenschurze.
Eine Frau wie beispielsweise Hilde
Aus dem Fernsehspiel: Die Großstadtwilde,
Eine Frau von solcher Wesensart,
Sieht er unerwünscht als Gegenwart,
Heidelinde mit dem Bleistiftblick
Ist genau gemessen viel zu dick,
Ihre Waden sah – und sieht er eben jetzt,
Wie sie diese voreinandersetzt,
Sieht Elfriede, sieht mit jähem Grauen
Seinen Schädel ausstaffiert mit Frauen:
Unvermittelt nackt Marieluise!
Arabella nackter noch als diese!
Alle Frauen, die ihn jemals streiften
Mit Geruch und Wimpernschlag umschweiften,
Jedes Knie und jeden Knebelzopf,
Alles hat er jetzt in seinem Kopf.

«Gebt mir Klarheit!» ruft er hoch zum Himmel,
Da! Ein Blitzschlag lichtet das Gewimmel:

In die Fülle der gebotnen Bilder
Schickt das Schicksal ihm gemalte Schilder,
Blauumrandet rät ein Schild auf Hopp!
Rotdurchkreuzt heißt die Empfehlung Stopp!
Hopp! – Gerlinde mit dem Gemsenlächeln,
Stopp! – Hermine mit dem Hundehecheln,
Hopp! – Sophia aus dem Schwimmverein,
Tinas Brüste schließt das Hopp!-Schild ein.
So hat Huckenbeck sich in Sekundenkürze
Doch als Mann gezeigt von Wahl und Würze,
Hat die Frauenfluten aufgehalten
Und erwartet schließlich zum Enfalten
Seiner ganz privaten Zweisamkeit:
Arabella, Annegret und Adelheid …

(Und mit einer ging er schließlich eng umschlungen
In der Wanne unter, tief und tiefer sinkend,
Ob um Hilfe winkend, ob im Glück ertrinkend,
Wird vielleicht ein andermal besungen.)
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.

Oben Unten