Ich und der liebe Gott in Frankreich
Estaing, Montag 22. Juni 2008
Über die historische Brücke verlassen wir Estaing und steigen durch einen schattenspendenden Buchenwald hinauf und über die Höhen des Lots. Je weiter ich laufe, desto mehr komme ich an, in diesem Teil Südfrankreichs. Es ist eine liebliche und fruchtbare Gegend mit einem freundlichen Menschenschlag.
„Heut wird's a schweißtreibende G'schicht“, prophezeit Ralf und zieht seine Kappe tiefer ins Gesicht.
„Haben alle genug Wasser?“, fragt Katrin und kontrolliert routiniert ihre Flaschen.
Die Gegend ist längst nicht so menschenleer wie das Aubrac. Immer wieder passieren wir kleine Weiler und Gehöfte und es gibt überall die Möglichkeit Wasser zu schöpfen.
Espalion, Estaing, Espeyrac. Ist es Zufall, dass die Namen in dieser Reihe ähnlich klingen? Noch vor einer Woche waren sie mir gänzlich unbekannt. Während wir einen holprigen Feldweg entlangwandern, erzählt Katrin von der Geschichte dieser Region.
„Wir sind in Okzitanien“, erklärt sie, „einer Landschaft mit einer ganz eigenen Kultur. Die Sprache hier ist dem Katalanischen verwandt. Im Mittelalter war dies das Land der Troubadoure und der Katharer.“
Ich nicke interessiert.
„Von den Katharern habe ich mehrfach gehört. Die hatten es mit der Kirche nicht immer leicht, war es nicht die Zeit des Hexenwahns und der Scheiterhaufen?“
„Das ist milde formuliert“, antwortet Katrin. „Die Kreuzzüge gegen die Katharer gehören zu den dunkleren Kapiteln der französischen Geschichte.“
„Wieder was gelernt“, sagt Ralf, „man pilgert und bildet sich gleichzeitig weiter.“
Uschi fotografiert eine alte Steinscheune.
„Wartet kurz“, ruft sie leise, „das Licht ist gerade perfekt.“
Niemand drängt sie. Auf dem Jakobsweg hat die Zeit ihre eigene Geschwindigkeit.
Gegen Mittag erreichen wir Golinhac. Auf 650 Metern Höhe öffnet sich ein weiter Blick über Berge und Täler. Das Aussicht ist von einer Schönheit, die beinahe unwirklich scheint. Wir machen eine Pause. Während einige den Schatten suchen, lasse ich mich auf einer Wiese am Ortsrand nieder. Die Schuhe und Socken abgestreift, das Hemd aufgeknöpft, den Kopf in die Hände gebettet, träume ich tief ins Blaue hinein.
Nicht weit von mir sitzt Erika auf einer Bank.
„Ist das nicht wunderbar?“, fragt sie.
Ich nicke.
„Man spürt hier oben etwas Besonderes“, sagt sie leise.
Ja, denke ich, sie hat recht!
Unter uns breitet sich das weite Land aus, in allen Varianten von Grün: ein paradiesischer Garten. Sich nichts vorzustellen und sich diesem schönen, abgerundeten Augenblick einfach nur hinzugeben, ist wie ein Geschenk. Es verleiht dem Leben seine Intensität und ist Erfüllung für einen kurzen Moment.
„Du siehst aus, als wärst du schon im Himmel angekommen“, ruft Ralf von der anderen Seite der Wiese."
Gelächter.
„Lasst ihn“, witzelt Eva freundlich, „er dichtet bestimmt wieder.“
„Einer muss ja das Tagebuch schreiben“, fügt Anne hinzu.
Wäre ich Maler, würde ich jetzt zu Palette und Pinsel greifen. Doch auf diesem Stern bin ich nur ein Wanderer, der diese Landschaft mit Worten malen muss.
„Aufbruch!“, ruft Katrin schließlich.
Der Zauber des Augenblicks löst sich auf wie eine Wolke am Sommerhimmel.
Espeyrac, unser Tageziel, versteckt sich hinter einem kleinen Eschenwäldchen. Als wir aus dem Grün hervortreten, werden wir augenblicklich von einem Labyrinth aus grauem Gemäuer eingefangen, ein pittoresker Ort aus Stiegen, schmalen Gängen und verwitterten Mauern. Hier begegnet man nur jenen, die hierhergehören und sich nicht mehr verpflanzen lassen, laut Reiseführer 83 Männer und 137 Frauen.
Aus verschlossenen Toren und verriegelten Türen raunt das Wort Landflucht. Nur einmal alle vier Wochen kommt der Priester noch, um den Gläubigen die Messe zu lesen. Dabei hätte Saint-Pierre noch heute Platz für das Vierfache der Einwohnerzahl. Über dem Dorf liegt ein Hauch morbider Vergänglichkeit. Stein um Stein holt sich die Natur zurück, als wolle sie geduldig ihre alte Herrschaft wieder antreten.
Wieder ein „Hôtel La Vallée“! Es liegt am unteren Ende der Hauptstraße. Kaum zwei Armlängen breit zwängt sie sich zwischen den Häusern hindurch. Ein Tankwagen zockelt die Gasse herauf. Ich weiche an den Rand, trete unglücklich auf und knicke um. Ein jäher Stich fährt in den linken Knöchel! Es ist wie verhext! Alles Glück und jede Leichtigkeit dieses Tages verwandeln sich innerhalb eines Augenblicks in eine angsterfüllte Mischung aus Schreck und Schmerz. Ein geschwollener Fuß und mein Weg wäre morgen zu Ende.
Wer jemals auf dem Jakobsweg unterwegs war weiß, dass Schmerzen und Unwohlsein dazugehören, aber wichtiger ist die Bereitschaft, etwas auszuhalten und wer davon betroffen wird, den sollte eine höhere Zuversicht trösten. Ich tröstete mich mit einem Absinth. Die grüne Fee sollte den Schmerz nicht vertreiben, wohl aber die düsteren Gedanken, die bereits um meinen Knöchel kreisen. Schließlich lebe ich noch!
Die Kammer ist winzig, nicht einmal ein Stuhl findet hier seinen Platz. Das Doppelbett teile ich mit meinem Gepäck. Noch bevor die Dämmerung der Nacht weicht, sind alle Läden Espeyracs geschlossen und sämtliche Türen verriegelt.
Ich schaue noch einmal aus dem geöffneten Fenster nach draußen in die steile Gasse hinauf. Stille und Abendfrieden breiten ihre schummrige Decke über die verwitterten Mauern. Ich schließe Fenster und Läden und füge mich der Stunde. Mit bangem Herzen erwarte ich den neuen Morgen.
Gute Nacht, Espeyrac.
Der Schlaf ist mein sanfter und gutherziger Tröster.
Alles in Fluss