Alles im Lot am Lot
Espalion, Sonntag, 21.Juni 2008
Ein Sonntagmorgen kann unglaublich still sein. Vom Wehr am Pont Neuf dringt nur das gleichmäßige Brausen des Wassers in die Ruhe Espalions. Friedlich und in sich versunken liegen die Straßen da, die noch in der vergangenen Nacht vom Knattern der Motoren erfüllt waren.
Wir verlassen die Stadt auf dem Uferweg und folgen dem Fluss. Seit einer Woche sind wir nun unterwegs, eine Zeit, die wie im Flug vergangen ist und uns eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken beschert hat. Mit nur zwölf Kilometern ist die heutige Etappe vergleichsweise kurz, beinahe ein Sonntagsspaziergang. Die angekündigte Hitze des Tages wird durch die schattenspendenden Kronen der Kastanien angenehm gemildert.
In Bessuéjouls lädt uns die romanische Kirche Saint-Pierre in ihr kühles Inneres ein. Hinter ihrem eher schlichten Äußeren verbirgt sich eine Besonderheit: Hoch oben im Turm befindet sich die dem Erzengel Michael geweihte Oberkapelle. Über eine schmale Treppe gelangen wir in diesen ungewöhnlichen Raum, der zu den ältesten und am besten erhaltenen romanischen Kapellen Frankreichs zählt. Getragene Säulen mit reich verzierten Kapitellen, kunstvolle Flechtornamente und ein seltener romanischer Altar verleihen dem Raum eine beinahe zeitlose Atmosphäre. Besonders eindrucksvoll sind die Darstellungen von Fabelwesen und die fein gearbeiteten Reliefs, in denen noch die Formensprache der karolingischen Epoche nachklingt. Das warme Licht fällt durch die kleinen Fensteröffnungen und streicht über die jahrhundertealten Steine. Die Figuren wirken plötzlich erstaunlich lebendig. Ihre geschwungenen Formen heben sich aus dem Halbdunkel hervor, als hätten die Steinmetze ihnen bewusst einen Hauch von Sinnlichkeit mitgegeben.
„Schaut mal“, Katrin deutet auf eines der Kapitelle. „Für eine Kirche aus dem frühen Mittelalter sind die Herrschaften hier erstaunlich freizügig.“
Ich trete näher und betrachtet die Figuren.
„Das hätte ich jetzt auch nicht erwartet. Die Bildhauer hatten offenbar einen recht aufmerksamen Blick für weibliche Formen.“
„Und das ausgerechnet in einer Kapelle“, antworte Katrin. „Man könnte fast meinen, die Mönche hätten gewusst, dass Verbote die Fantasie nur noch mehr anregen.“
„Jedenfalls“, sagt Ralf, „haben die Künstler damals verstanden, dass der Mensch nicht nur aus Geist besteht.“
Ich nicke. „Aber vielleicht macht gerade das den Reiz dieser Kapelle aus: Zwischen Frömmigkeit und Versuchung liegen manchmal nur wenige gemeißelte Zentimeter.“
Hinter dem Weiler steigt der Pfad in steilen Serpentinen zwischen Steineichen bergan. Oben angekommen eröffnen sich herrliche Ausblicke auf das Tal und das hinter uns liegende Espalion. Weiden, Wälder und Felder fügen sich zu einem farbenfrohen Landschaftsteppich an den Hängen beider Talseiten. An den nach Westen gerichteten Lagen reifen die Trauben in der Sonne.
Hinter dem morbiden Landschlösschen Beauregard wird der Pfad talwärts zum Wanderweg. Wir gehen nun in einer anderen Dimension. Knallrot locken Kirschen aus den säumenden Gärten. Der Wille alles reifen und gedeihen zu lassen, liegt zum Greifen in der Luft.
Die letzten Kilometer der Etappe führen uns durch schattigen Laubwald, der sich an die Hänge der Flussschleifen schmiegt. Die Straße ist für den motorisierten Verkehr gesperrt. Tief unter uns begleitet der Lot unseren Weg, still und träge gleitet er durch das Tal. Ein Angler steht reglos im Wasser.
Dann, ganz unvermittelt, erscheint auf der gegenüberliegenden Flussseite das mächtige Burgschloss von Estaing. Wie ein Felsmassiv aus Stein ragt es weit über die Baumkronen hinaus. Über die stattliche fünfbogige Pilgerbrücke betreten wir den Ort, der zu den schönsten Dörfern des Aveyron zählt.
Überwältigend beherrscht das Schloss mit seinem mächtigen Donjon, den Burgberg und das gesamte Tal. Es wirkt wie ein steinernes Signal aus einer fernen Vergangenheit. Der Ort verdankt ihm seinen Namen, und die Geschichte der Herren von Estaing ist eng mit der Geschichte Frankreichs verwoben. Angehörige der Familie zogen auf Kreuzzüge, dienten Königen und erlebten die Wirren der Revolution; manche verloren unter der Guillotine ihr Leben. Mit dem Aussterben der Linie schien ihre Geschichte beendet.
1922 erwarb Edmond Giscard das Schloss und erhielt die Erlaubnis, den Namen Giscard d’Estaing zu führen. Sein Sohn Valéry sollte später als Präsident der Französischen Republik Geschichte schreiben.
Noch steht die Sonne am westlichen Himmel. Mit unseren Kräften haben wir gut gehaushaltet und eine Erkundung des hübschen, verwinkelten Dorfes erscheint als lohnende Zugabe zur heutigen Etappe. Allzu weitläufig ist Estaing ohnehin nicht.
Nachdem die letzten Schweißperlen getrocknet sind, belohne ich mich mit einem, nein, zwei kühlen Pressions. Von der Galerie am Quai du Lot genießt man einen heiteren Blick auf das gemächliche Treiben auf der Promenade. Über allem wacht das Schloss auf seinem Felsen, während über dem Fluss das Licht langsam verblasst.
Ich öffne die Tür zu meinem Zimmer. Mir wird schwindelig! Lilien, Lavendel und Verbenen schweben auf Tapeten und Gardinen, wie ein ewiger Frühling. Die Blumen, zartrosa, hellblau und violett, wachsen weder aus Erde noch aus Licht, sondern unmittelbar aus den Wänden selbst. Wer lange genug hinsieht, könnte meinen, die ganze Kammer stünde kurz davor aufzublühen. Ich fühle mich wie eine verirrte Hummel. Nach den Pilgertagen zwischen Schieferdächern, Feldwegen und romanischem Gemäuer wirkt diese florale Pracht beinahe unwirklich, als hätte sich ein Stück Garten heimlich unter das Dach des Hotels verirrt.
Das Restaurant des Hauses schmückt sich mit einer Kochmütze und weckt entsprechende Erwartungen. Die Vorfreude auf einen genussvollen Abend steigert sich von Minute zu Minute: gute Küche, guter Wein und die entspannte Stimmung eines entspannten Pilgertages. Ich werde nicht enttäuscht.
Der Wein fängt das Licht der Kerzen ein, Stimmen und Gelächter verweben sich mit dem Klirren der Gläser.
Beat hebt sein Glas.
„Morge gönd mer wieder wiiter und am Abe säged mer wieder: So schlimm isch's gar nöd gsi.“
Draußen schlägt irgendwo eine Glocke die Stunde.
„Was nehmt ihr eigentlich von diesem Weg mit?“, philosophiert Anne.
Niemand antwortet sofort.
Erika blickt in ihr Glas. „Dankbarkeit“, sagt sie schließlich.
Wolfgang nickt. „Gelassenheit.“
„Hunger“, sagt Ralf.
Gelächter.
Doch hinter diesem Scherz steckt mehr Wahrheit, als er zugeben würde.
Wir sitzen noch eine Weile beisammen. Niemand hat es eilig. Morgen wartet wieder der Weg. Heute genügt die Gesellschaft guter Menschen, ein Glas Wein und das Gefühl, genau dort zu sein, wo man sein sollte.
Alles in Fluss