Die Geschichte geht weiter
Cahors, Sonntag 07. Juni 2009
Der Jakobsweg lässt einen nicht los. Man verlässt ihn zwar, aber er verlässt einen nicht.
Zwischen Nacht und Morgen, pünktlich um 5:23 Uhr, rollt der Nachtzug aus Paris in die gewaltige Bahnhofshalle von Cahors im Südwesten Frankreichs. Wir sind die einzigen Reisenden, die hier aussteigen. Für die kleine Stadt im ländlichen Südwesten Frankreichs erscheint der gläserne Dom des Schienenverkehrs vollkommen überdimensioniert. Die Station an der Strecke nach Toulouse träumt an diesem schläfrigen Morgen in eine gähnende Leere hinein.
Bahnhofsaromen aus Bremsabrieb, Öl und Dieseldämpfen wabern träge über Bahnsteige und Gleise. Melodisch dahinscheppernd unterbricht der Abfahrtsgong die Stille. Dann gleitet der TGV lautlos aus der Halle. Zurück bleiben drei übernächtigte Personen, auf dem gähnend leeren und langen Perron.
Über dem Pflaster der Bahnhofs-Allee liegt der süße Duft von Robinien. In diese feiertägliche Dämmerung grüßt ein unaufgeregter Sonntagmorgen mit der Milde eines Maientages. Die Beklommenheit, die einen beim Betreten einer unbekannten Stadt und in einem fremden Land befällt, verliert sich jetzt mit jedem Schritt und in uns erwacht eine neue Zuversicht. Sie schärft die Sinne und wischt die schläfrige Müdigkeit aus Augen und Gliedern.
Wir sind keine Zufallsbekanntschaft: Erika, Wolf und ich. Im Vorjahr waren wir als Fremde in Le Puy aufgebrochen und als Weggefährten in Cahors angekommen. Die gemeinsamen Wochen auf dem Jakobsweg hatten etwas entstehen lassen, das über die Reise hinaus Bestand hatte. Aus zufälligen Begegnungen war Vertrauen gewachsen, aus Mitpilgern Freunde.
Im Laufe der Zeit war der Entschluss gereift, den begonnenen Weg auf der Via Podiensis weiterzugehen. Wir planten den Faden wieder aufzunehmen und ihn auf elf Etappen gemeinsam weiterzuspinnen, weiter nach Südwest, nach Aire sur L’Adour, dem Scheidegebirge der Pyrenäen entgegen. Jetzt, ein Jahr danach, stehen wir wieder an jenem Ort, an dem wir uns damals verabschiedet hatten.
In der Avenue Jean Jaurès, an der Pforte des „Hôtel de France", drücke ich die Glocke.
Nichts.
Kein Licht. Keine Bewegung. Nur die Stille des frühen Sonntagmorgens.
Wolf stellt den Rucksack ab.
„Um die Uhrzeit macht uns doch kein Mensch auf“, meint er. „Die schlafen alle noch.“
Ich drücke abermals....
... wieder rührt sich nichts.
„Es ist einfach zu früh“, erwidere ich.
Erika, kontert:
„Ach, wart's nur ab. Der liebe Gott wird‘s schon richten.“
Wolf verdreht die Augen.
„Meinst du, er hätte auch einen Zimmerschlüssel?“
„Bestimmt“, antwortet Erika ungerührt. „Und wenn nicht, kennt er jemanden, der einen hat.“
Ich drücke ein drittes Mal.
Da hört man tatsächlich ein Klicken.
Wolf dreht sich um.
„Also gut. Eins zu null für den Herrgott.“
Die Tür öffnet sich und Monsieur le Patron, ein sanftmütig älterer Herr begrüßt uns und bittet uns herein. Bald danach sitzen wir vor einer dampfenden Kaffeekanne, frischem Baguette und einem Frühstück, das keine Wünsche offenlässt.
Glück muss man haben!
Da liege ich nun, auf dem großen Bett, geräumige zwei Meter im Quadrat, die Arme weit ausgebreitet, erschöpft und gedankenbewegt. An Schlaf ist trotz aller Mattigkeit nicht zu denken. Ich starre auf die kalkweiße Zimmerdecke und sehe darauf ein unbeschriebenes Blatt, eine Tabula Rasa, auf der sich die Erwartungen, Sehnsüchte, Hoffnungen, aber auch die leisen Besorgnisse der kommenden Tage schemenhaft abzuzeichnen beginnen. Was werden sie bringen? Werden sie die Fortsetzung all jener Eindrücke und Erfahrungen bereithalten, die uns im vergangenen Jahr auf dem Weg von Le Puy bis hierher begleitet haben?
Heute ist dieser Tag gekommen und was hinter dem Horizont auf uns wartet, wissen wir noch nicht. Vor uns liegen elf Etappen. Die Route führt weiter nach Südwesten, durch die Gascogne, eine Landschaft, die wir noch nicht kennen und die darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Das Ziel, im Angesicht der Pyrenäen, heißt Aire-sur-l’Adour.
Der Weg ist derselbe geblieben,
drei Menschen,
drei Rucksäcke
und elf Etappen.
Mehr braucht es nicht.
Bon chemin! Los geht’s!
Alles in Fluss