Bis ans Ende der Welt

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John Wein

Mitglied
Schatten

Lectoure – La Romieu, Freitag, 13. Juni 2009

Es ist wieder einmal ein Sommermorgen aus dem Bilderbuch. Der Himmel, sonnendurchflutet, verheißt Schweiß und Durst. Wir sind noch nicht lang unterwegs, da klebt bereits das Hemd auf der Haut. Da kommt uns die heutige Etappe mit schlappen achtzehn Kilometern gerade recht, ein Spaziergang also, so jedenfalls die Theorie. Im Nachhinein betrachtet sollte es die lausigste Strecke der vergangenen Tage werden.

Nach unten, über mehrere Treppen verlassen wir Lectoure und wenden uns in einem großen Bogen nach Westen. Im schattigen Unterholz am Flüsschen Gers, immerhin Namensgeber des Départements finden wir ein wenig Erfrischung. Doch die kleine Wohltat hat ihren Preis. Schwärme blutrünstiger Mosquitos fallen über uns her und scheinen unserem Schweiß geradezu verfallen zu sein. Zwei Hände sind viel zu wenig. Es hilft nur noch Fersengeld.

Ich muss an die Everglades in Südflorida denken. Dort war mir einmal ein „Mosquitometer“ aufgefallen. Die Skala reichte von 0 – All Clear, bis 5 – War Zone und sollte über die aktuelle Mückenlage informieren. Damals fand ich das ausgesprochen amüsant. Jetzt, während ein weiteres Geschwader summend zum Angriff übergeht, erscheint mir diese Einstufung plötzlich erstaunlich wissenschaftlich. Wir befinden uns zweifellos auf Stufe fünf.

Nachdem diese Plage hinter uns liegt, führt der Weg wieder an der Nationalstraße entlang. In der schattenlosen Sonnenglut hat sich der Asphalt stark aufgeheizt und die Luft darüber flimmert und scheint Landschaft zu spiegeln. Am ausgefransten Straßenrand quälen wir uns vorwärts. Es riecht nach Teer, und unter unseren Sohlen fühlt sich der aufgeweichte und schwarze Belag klebrig an. Die Kehlen sind trocken. Mir rinnt der Schweiß in kleinen Bächen über Rücken und Brust. Manchmal schenkt uns für ein paar wenige Augenblicke ein einzelner Baum oder ein dorniger Busch einen schmalen Streifen Schatten. Ansonsten ist da nichts als Getreidefelder und niedriges Buschwerk, das sich bis zum fernen Horizont verliert.

Auch die Natur scheint unter diesem Sonnenfeuer den Atem anzuhalten. Zur Mittagsstunde, die Schatten sind fast vollständig aufgezehrt, zeigt das Thermometer deutlich über vierzig Grad. Marsolan, die letzte Ortschaft, in der wir unsere Flaschen gefüllt haben, liegt hinter uns. Nur vereinzelt sind noch ein paar Höfe in die flimmernde Landschaft gewürfelt. Wir beschließen, die schlimmste Mittagshitze rastend abzuwarten. Unter einer mächtigen Zypresse findet sich ein schattiges und gepflegtes Rasenplätzchen.

„Privé“, steht unübersehbar auf einem Schild am Stamm. Wolfgang mustert es kurz.

„Na und? Den Schatten wird man uns wohl kaum verbieten.“

Wir lassen die Rucksäcke fallen und sinken ins Gras. Kaum sitzen wir, da.. ja, was ist denn jetzt? Aus dem Haus tritt ein Kerl mit Schultern wie ein Zweiochsenjoch und Händen, die in einem Steinbruch gestählt worden sein könnten. Wortlos zeigt er auf das Schild.

Wolf, unser Französischkenner, erhebt sich.

„Monsieur, excusez-nous …“

Weiter kommt er nicht. Der Stiernacken hebt nur eine Hand. Eine Bewegung, deren Bedeutung keiner Übersetzung bedarf. Dann dreht er sich um und verschwindet wieder im Haus.

Stille. Wir sehen uns an.

Jetzt!

Wir springen auf, greifen nach den Rucksäcken und geben Fersengeld. „Gastfreundschaft wird hier offenbar rationiert.“ Denke ich. Wir ziehen weiter hinaus in die gleißende Sonne, der Schatten bleibt zurück.

Ein paar Schritte voraus, verborgen in einem kleinen schattigen Hain, liegt die Chapelle d’Abrin, eine uralte Pilgerkapelle mit den Überresten eines Hospizes aus dem 13. Jahrhundert. Generationen von Jakobspilgern mögen hier einmal Rast gefunden haben. Doch auch hier prangt das inzwischen wohlvertraute Wort:

Privé.

Das stilvoll renovierte Gotteshaus wirkt verlassen. Vorsichtig schleichen wir um das Anwesen, stets in der Hoffnung, irgendwo ein wenig Schatten zum Verweilen zu finden. Da tritt, in einen luftigen Boubou gekleidet, ein sanft gebräunter Mittfünfziger in den Türbogen. Unser Philosoph des Südens bewegt sich mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die Menschen eigen ist, die mit der Sonne, dem Schatten und dem Lauf der Dinge ihren Frieden geschlossen haben.

Wolf übernimmt die Verhandlungen. Mit dem elegantesten Französisch, das sein Wortschatz hergibt, und begleitet von höflichen Gesten bittet er um ein kleines Stück des für uns inzwischen kostbaren Schattens. Der Mann hört aufmerksam zu. Dann lächelt er. Ein kurzer Blick auf uns, ein Blick auf die glutheiße Straße. Und schließlich macht er eine einladende Handbewegung.

„Mais oui, mes amis.“

Wir sehen uns an. Was für ein wunderbares Wort. Auf dem manikürten Rasen dürfen wir zwar nicht lagern, doch mit einer freizügigen Miene verweist er auf die Einfassung, ein Mäuerchen von ehrwürdigem Alter und zweifelhafter Standsicherheit. Ein wenig Schatten spendet ein altersschwacher Apfelbaum. Nicht viel, aber genug.

„Merci beaucoup, Monsieur. “

„De rien “, er huldvoll.

Nach den Erfahrungen des Tages kommt uns diese kleine Geste beinahe wie ein Akt christlicher Nächstenliebe vor. Wir lassen uns nieder, trinken die letzten Schlucke aus unseren Flaschen und genießen jeden Augenblick. Ein sanfter Wind streichelt die Blätter des knorrigen Baumes und für eine Viertelstunde verliert die Sonne Macht über uns. Und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung.

Genug gerastet. Wir schultern erneut die Rucksäcke und folgen der nördlichen Variante des Weges in Richtung La Romieu, unserem Tagesziel. Der Frieden der Kapelle bleibt hinter uns zurück. Vor uns liegen noch eine Stunde Hitze und Staub, dazu grob geschotterter Ocker, der unter den Sohlen knirscht wie zerriebenes Gestein. Der Weg fordert erneut seinen Tribut.

La Romieus Türme seiner mächtigen Stiftskirche künden uns weit über die Baumkronen hinweg das Ende der Etappe an. Eigentlich ist La Romieu kein Dorf, mehr ein Weiler, nur ein paar Häuser um einen Platz herum. Über allem herrscht das majestätische Gotteshaus aus dem 14. Jahrhundert. Auch hier haben die Verwüstungen der Religionskriege und der Revolution ihre Handschrift hinterlassen.

Auf dem Dorfplatz, im Rattan Gestühl des „L'Etape d'Angeline“, strecken wir die müden Glieder und laben uns an einem kühlen Pression.

„Endlich Schatten“, seufzt Wolfgang.

Während ich den ersten langen Schluck nehme, fällt mir auf, dass wir nicht allein sind. Auf einer Mauer sitzt eine Katze. Vor einem Fenster kauert eine zweite und unter einer Arkade späht eine dritte.

„Gibt es hier mehr Katzen als Einwohner?“, frage ich.

Die Wirtin lacht: „Presque. À La Romieu, ce sont les chats qui veillent sur les habitants.”

Und dann erzählt sie uns die alte Geschichte von Angéline, die während einer Hungersnot die letzten Katzen des Dorfes versteckte und damit später die Ernte vor den Ratten rettete. Seitdem gehören die Katzen zu La Romieu wie die Türme zur Kirche. Man entdeckt sie überall: auf Fenstersimsen, Mauern, Treppen und Hausecken. Manche aus Stein, manche aus Keramik, manche so lebensecht, dass man zweimal hinschauen muss. Es scheint, als beobachteten sie seit Jahrhunderten die Pilger auf ihrem Weg nach Westen.

Und vielleicht tun sie genau das.

Doch die Fron des Tages ist noch nicht am Ende. Unsere Herberge, die Domaine Pellecahus, liegt irgendwo in der aufgeheizten Pampa hinter La Romieu, und der richtige Weg dorthin ist alles andere als eindeutig. In der flimmernden Nachmittagshitze ist keine Menschenseele unterwegs, die wir nach dem Weg fragen könnten. Wir irren eine Weile über kleine Straßen und Feldwege. Die Rucksäcke drücken, die Füße werden schwerer und mit jedem zusätzlichen Kilometer schwindet die Begeisterung für ungeplante Umwege.

„Wenn das so weitergeht, schlafen wir heute in der nächsten Knoblauchfurche“, brummt Wolfgang.

„Hauptsache mit Schatten“, ergänzt Erika.

Endlich, nach einer weiteren Stunde, taucht die Domaine Pellecahus vor uns auf. Wir melden uns an und beziehen erschöpft ein hübsches kleines Ferienhäuschen. Kaum ist der Rucksack abgestellt, fällt mein Blick auf das Schwimmbad.

Ein Becken. Wasser. Kühles Wasser.

In diesem Augenblick erscheint mir keine Erfindung der Menschheit sinnvoller und wenig später gleite ich ins Nass. Die Hitze, der Staub und die Mühen des Tages lösen sich von mir wie eine zweite Haut. Meine Muskeln entspannen sich, die Gedanken werden leicht und langsam kehren die Lebensgeister zurück.

Erfrischt an Körper und Gemüt sitzen wir später vor der Tür und blicken hinaus ins weite Land. Der Himmel hat sein tiefes Blau verloren. Ein milchiger Schleier überzieht den Himmel und kündigt den Wetterwechsel an. Nach diesem Glut Tag ist das keine schlechte Nachricht.

Im Gegenteil!



Alles in Fluss
 
Tja, lieber Pilger, das war zum großen Teil schon recht belastend. Mir scheint, ihr bewegtet euch dort in einer Region, die einerseits besonders interessante alte Orte aufweist, andererseits aber auch relativ tief liegt und intensiv genutzt wird, woraus sich dann beim Durchwandern in der Sommerhitze Probleme ergeben können.

Pelle Cahus habe ich meinerseits leicht gefunden - auf der Karte. Der Anblick der Stiftskirche in La Romieu ist selbst auf Bildern atemberaubend. Von einer näheren Besichtigung schreibst du nichts, vielleicht hatte sie in diesen Tagesablauf nicht mehr hineingepasst.

Bis zum nächsten Mal
Arno
 

John Wein

Mitglied
Condom

La Romieu, Sonntag, 14. Juni 2009

Durch die Luke im Gemäuer schaut ein grauer Sonntagmorgen in meine Kammer. Heimlich über Nacht hatte der Himmel seine Vorhänge zugezogen und mit einem kühlen Landregen die Hitze des Vortages niedergerungen. Die Abkühlung ist ein Labsal. Als wir aufbrechen ist der Niederschlag versiegt und übrig bleibt eine graue, konturlose Schichtbewölkung. Die frische Luft ist angenehm und macht wieder Lust auf den neuen Tag.

Ich: „Heute Mittag werden wir in Condom sein und nicht mit.“

Wolfgang kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Den Witz hast du dir doch schon den ganzen Weg aufgehoben.“

„Natürlich“, antworte ich. „Manche pilgern wegen der Spiritualität, andere wegen der Landschaft. Ich wegen dieses Witzes.“

„Und dafür schleppst du uns durch halb Frankreich?“

„Jeder braucht ein Ziel.“

Madame Brigitte, liebenswürdige Betreiberin der Gîte chauffiert uns nach La Romieu. Hier ist auch am Sonntag eine épicerie geöffnet, die uns Wegzehrung für den Tag bietet.

Es geht sich wie von selbst. Bei mildem Wetter führt der Weg über sanfte Wellen durch eine sonntägliche, in sich ruhende Landschaft. Wir sind in den Gefilden des Armagnacs. Das „Eau-de-Vie“, das Wasser des Lebens, meiden wir vorerst lieber. Nach einer guten Stunde erreichen wir das hübsche Castelnau-sur-l’Auvignon und genehmigen uns, auf einem von Bäumen beschatteten und eigens für den Pilger angelegten Platz, eine Rast.

Der kleine Ort auf der Höhe trägt eine traurige Geschichte in sich, besonders für uns. Am 21. Juni 1944 wurde Castelnau von deutschen Truppen umstellt und zerstört. In dem Dorf war ein Waffenlager der Résistance entdeckt worden. Nachdem man die Bewohner evakuiert hatte, sprengte man die Häuser. Zurück blieb ein Trümmerfeld. Heute erinnert ein schlichtes Säulenmonument an jene Ereignisse. Schweigend stehen wir davor. Die friedliche Landschaft ringsum, die Felder, die Bäume und die Stille des Morgens wollen so gar nicht zu den Bildern passen, die sich unwillkürlich vor dem inneren Auge einstellen.

„Warum?“, fragt Erika leise.

Niemand antwortet.

Vielleicht gibt es auf manche Fragen keine Antwort. Schuld, Beschämung, Wut und Bedauern mischen sich zu einem Gefühl, das sich nicht recht benennen lässt. Der Vernunft will es nicht gelingen, in solchen Taten einen Sinn zu erkennen. Am Ende bleibt die Frage nach dem Grund eines Massakers immer dieselbe:

Ratlosigkeit.

Hinter Castelnau geht es steil bergab. Von oben schaut man herab auf ein lieblich grün gesprenkeltes Land. Weiden, Getreidefelder und Weinberge beherrschen die ländliche Bühne. Im Orchester der Natur musiziert ein vielstimmiger Chor der Singvögel in Begleitung eines immerwährenden Gezirpes. Im Laufe des Tages lichtet sich der Himmel und über die Hügel streicht ein angenehm warmer Wind.

Bei Fromagère, ein Ort wie ein Käse, rasten wir ein letztes Mal. Einige grobe Holzklötze laden zum Sitzen ein. Wir packen Brot, Käse und die letzten Vorräte aus den Rucksäcken und lassen den Blick über das weite Land schweifen.

„Heute haben wir's gut getroffen“, sagt Erika und streckt die Beine aus.

Wolfgang blickt zum Himmel. „Der Herrgott hat endlich den Thermostat gefunden.“

„Und glücklicherweise nach links gedreht“, ergänze ich.

In der verwischten Ferne über den Baumwipfeln erkennt man die ersten Konturen von Condom.

„Da vorne liegt es“, sage ich.

Wolfgang schaut auf den Boden.

„Da liegt es,“ grinst er.

Erika: „Ich wusste, dass das noch kommt.“

Condom, weltbekannt: Woher der Name stammt, darüber streiten die Gelehrten. Manche führen ihn auf das lateinische cum dominium zurück, andere auf das keltische Condate Dunum, Stadt am Zusammenfluss. Gewiss weiß man es nicht. Man weiß nur, dass es ein typisch französisches Landstädtchen an der Baïse ist. Wir befinden uns im Land d’Artagnans, ein Landstrich in der Gascoigne, der bis heute ein wenig vom Geist der Musketiere bewahrt hat. Condom gilt als die ungekrönte Hauptstadt des Armagnacs, sowohl der Landschaft als auch des berühmten Brands.

Eng und behaglich schmiegen sich die Häuser aneinander und ducken sich unter die mächtige Silhouette der Kathedrale Saint-Pierre. Ihr gotisches Langhaus erhebt sich hell und weit über die Dächer der Stadt. Im Inneren strömt das Licht durch hohe Fenster und erfüllt den Raum mit einer heiteren Würde.

Lange Zeit war Condom Bischofssitz und ein geistliches Zentrum der Region. Die Kathedrale kündet noch immer von jener Epoche, als Kirche und Klerus Macht und Einfluss ausübten. Doch auch in Condom setzte die Revolution diesem Kapitel ein Ende. Die alten Verhältnisse zerbrachen und die Geschichte schlug eine neue Richtung ein.

Heute herrscht Sonntagsfrieden in den Mauern. Nach Kirchgang und Sonntagsbraten ist Condom geschlossen. In den Fenstern der Restaurants hängen die Schilder „fermé“, auch in unserem Hotel, dem Continental. Die mit einem Baugerüst geschmückte Herberge am Fluss, verströmt den Atem gähnender Langeweile. Freunde, glaubt mir: Es gibt Schöneres auf der Welt.

Doch dort, wo am Chemin Saint-Jacques die Ausnahme „ouvrier“ ihr Fähnlein pflanzt, findet sich das internationale Völkchen der Pilger und Wanderer. Im bunten Kauderwelsch ist Deutsch die Verkehrssprache. Man kommt, begrüßt sich, erzählt von den vergangenen Kilometern, tauscht Erfahrungen aus und zieht irgendwann wieder weiter. Für einen Abend sind die Gassen und Plätze ein kleines internationales Dorf.

Mit leichtem Herzen fällt an diesem Abend die letzte Klappe dieses Films. Ohne Zögern werfe ich mich dem schmeichelnden Trost des Schlafes in die Arme. Vielleicht träumt der müde Stallknecht von Mantel und Degen. Morgen ist ein neuer Tag und auf uns wartet der Weg.

„Einer für alle, alle für einen!“

Alles in Fluss
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Bin wieder nachgetrottet, lieber John. Nun las ich auch von anderen Pilgern, die ich auf dieser Reise bislang weitgehend vermisst hatte. Beim Nacharbeiten dieses da bei Wikipedia gefunden: Ein weiteres Museum der Stadt, das Musée du préservatif, widmet sich der Geschichte des Kondoms, obwohl die Stadt eigentlich nichts mit seiner Entstehung zu tun hat. Seltsam, ein Museum nur aufgrund reiner Namensübereinstimmung einzurichten ... Ob ihr das Institut dann anderntags auch noch besichtigt habt? (Vielleicht montags geschlossen?)

Sonntagsgrüße
Arno
 

John Wein

Mitglied
Nein lieber Arno,
für einen Museumsbesuch war in Condom keine Zeit, auch nicht im Zusammenhang mit Nachforschungorschungen auf dem Feld der Fortpfanzungsverhinderung.
Meine zwei Mitpilger, Wolfgang und Erika, solltest du aber kennengelernt haben. Wir waren zusammen auf Achse bis Aire sur L'Adour. Im Abschnitt danach wirst du auch einem Arno begegnen. Den richtigen Namen (sehr ähnlich) hatte ich damals schon verfremdet und nicht willkürlich ausgesucht.
Gruß und Buen Camino,
John
 
Meine zwei Mitpilger, Wolfgang und Erika, solltest du aber kennengelernt haben.
Gewiss, lieber John, ihre Wortbeiträge kommen ja häufg vor und sind mir nicht entgangen. Mein Satz 2 in #64 bezog sich nur hierauf:

Doch dort, wo am Chemin Saint-Jacques die Ausnahme „ouvrier“ ihr Fähnlein pflanzt, findet sich das internationale Völkchen der Pilger und Wanderer. Im bunten Kauderwelsch ist Deutsch die Verkehrssprache. Man kommt, begrüßt sich, erzählt von den vergangenen Kilometern, tauscht Erfahrungen aus und zieht irgendwann wieder weiter. Für einen Abend sind die Gassen und Plätze ein kleines internationales Dorf.
Falls zuletzt ein Missverständnis vorgelegen haben sollte, ist es damit wohl ausgeräumt.

Dein aufmerksamer Leser
Arno
 

John Wein

Mitglied
Aux Champs-Élysées

Montag, 15. Juni 2009, Condom – Montréal du Gers

Montagmorgen, eine neue Woche ist eingeleitet. Wach im Geist und locker in den Gliedern brechen wir auf. Durch die Takelage der Baumwipfel blitzt eine unsichere Sonne. Die Temperaturen sind angenehm hoch, so mollig wie das Bett, als ich es verlassen habe. Der Wetterbericht kündigt eine Regenfront an, doch bis Mittag sollte es halten.

Die ersten Schritte führen auf dem Damm der Baïse hinaus in die ländliche Region des Armagnacs. Ohne Federhut und Degen, doch wie die Musketiere, voller Tatendrang und frischen Mutes marschieren wir, der Blick nach vorn gerichtet, hinein in einen neuen Tag.

Gegen zehn Uhr, machen wir einen kleinen Umweg nach Larressingle. Kundige Pilger hatten uns bewogen den Ort zu besuchen. Der eigentümliche Flecken ist weniger ein Dorf, als vielmehr eine Festung, eingefasst in einen mächtigen Mauerring. Der Abstecher lohnt sich. Als Sitz der Bischöfe von Lectoure um 1300 erbaut, gilt Larressingle heute als eindrucksvolles Beispiel eines mittelalterlichen Wehrdorfes in diesem abgelegenen Teil Frankreichs.

An diesem Morgen sind wir nicht die einzigen Eroberer. Mehrere Schulklassen haben die Burg bereits eingenommen. Durch die engen Gassen und über die Plätze zieht das Heer der Invasoren. Es wird gerannt, gerufen, gelacht und gestritten. Wo einst Ritter, Knechte und Bogenschützen ihren Dienst versahen, herrscht heute das Regiment der Pausenhöfe.

„Die Belagerung hat begonnen“, bemerkt Wolfgang trocken.

„Und wir sind hoffnungslos in der Unterzahl“, ergänze ich.

Der Erhalt solcher Orte verlangt Opfer, nicht nur in Larressingle. Verständnisvoll und mit einer gehörigen Portion altersmilder Nachsicht, überlassen wir den jungen Eroberern ihre Burg, kehren dem fröhlichen Hoppsassa den Rücken und ziehen weiter, hinaus aus der Geschichte und wieder hinein ins Heutige.

Zurück auf dem Weg, die erste Hälfte unseres Tagespensums ist geschafft, rasten wir und stärken uns für den verbleibenden Abschnitt nach Montreal. Eine frische Brise aus Norden fährt durch die Pappeln am Bach. Die Blätter wispern metallisch im Wind und verkünden den Wetterwechsel. Aus einer schwülen, gesättigten Atmosphäre fallen erste schwere Tropfen und platzen mit kleinen, Staub-Explosionen auf dem Boden.

„Das wird ein Platzregen“, sage ich.

Wolfgang: „Da könntest du recht haben.“

Die Tropfen werden mehr. Tatsächlich aber hat ein Platzregen meistens die Umgangsformen eines überfallartigen Angriffs. Und genau danach sieht es jetzt aus. Wind kommt auf und ballend türmt sich der Himmel auf und wird zu einer gewaltigen, dunklen Wand. Aus dem freundlichen Junitag ist binnen Minuten ein heraufziehendes Unwetter geworden. Noch sorgen wir uns nicht. Belebend mischt sich die frische Luft mit dem feuchten Geruch der Erde.

„Das sieht aber nicht gut aus“, meint Erika

Wir ziehen die Regenjacken an.

Nach Westen hin, über den Wellen der Weinberge, verschwimmen die Kammlinien mehr und mehr unter dem schwarzen und schwangeren Himmelsgebräu.

„Ach, vielleicht zieht es vorbei.“

In diesem Augenblick grollt es als Antwort.

„Vielleicht auch nicht“, ergänzt Wolf.

Dann bricht es los. Der Regen fällt nicht, er stürzt vom Himmel. Binnen weniger Augenblicke verwandeln sich Weg und Reben in eine graue Wasserwelt. Die Weinberge bieten keinen Schutz. Da ist kein Baum, keine Scheune, kein Vordach.

Wir rennen.

Bis Montréal sind es noch fünf Kilometer. Unter normalen Umständen ist das keine Entfernung, über die man lange nachdenkt. Aber bei Sturm und Sintflut werden fünf Kilometer im Gewitter zu einer Ewigkeit. Gegen das Absolute gibt es keine Alternative, wir müssen weiter, gleichgültig was kommt und wie weit es noch sein mag.

„Wenigstens müssen wir heute nicht schwitzen“, rufe ich gegen den Sturm.

Niemand antwortet. Stattdessen kracht ein neuer Donnerschlag vom Himmel.

Der Regen wird immer gehässiger. Das Wasser kommt von oben von der Seite und von unten. Es rinnt aus den Ärmeln, aus den Hosenbeinen, aus jedem Saum unserer Kleidung.

Nach einer Ewigkeit erscheint das Ortsschild. Montreal du Gers ist ein Dorf und nun versinkt es in den Fluten des Himmels. Die Dächer beziehen wütende Prügel und in den Gassen peitschen Böen den Regen in Wellen über das Pflaster. Aus der Sintflut erwächst schließlich der Kirchturm und weist uns den Weg ins Zentrum. Unter den Arkaden des Marktplatzes finden wir Zuflucht. Von der Krempe meines Hutes rinnt ein stetiger Wasserfaden in den Ausschnitt des Kragens. Was macht es schon?

Das Bureau de Tourisme ist geöffnet. Gott sei Dank! Unser Quartier, ein privat geführtes Chambre d’Hôtes, liegt außerhalb der Tore. Man hilft uns und arrangiert unsere Abholung. Vor dem Fenster des Ladens ertrinkt ein Nachmittag beim Warten.

Christian, ein sonnengegerbter Mittvierziger, meliertes Haar und kräftiges Timbre, sammelt uns ein. Zu dritt quetschen wir uns hinter die Ladeluke seines kleinen Suzuki und holpern durch Schlaglöcher, Pfützen und Matsch hinaus ins Land. In der Sardinenbüchse ist die Luft tropisch, wir nehmen es gelassen, denn wie wunderbar, runden sich die Dinge zur Annehmlichkeit.

Das Lavendelaroma der Seife und ein warmer Schwall aus der Brause wecken neue Lebensgeister. Regen, Schlamm und Müdigkeit fließen mit dem Wasser in die Rinne unter mir.

Ein „Chambre d’Hôtes“ ist weit mehr als ein Gästezimmer, es ist mehr ein gastliches Zuhause auf Zeit. Nach meinen Erfahrungen verdienen diese Häuser, was Herzlichkeit und Gastfreundschaft betrifft, mühelos ein paar Sterne. Kaum hat man die Türschwelle überschritten, fühlt man sich weniger als Kunde, denn als Teil einer Familie.

Der helle Salon des Hauses wirkt schlicht und aufgeräumt. In die weitläufige Rückwand ist eine kleine, sorgfältig gegliederte Bibliothek eingefügt. Ein nicht unerheblicher Teil der Bücher beschäftigt sich mit Keller und Küche. Sie verraten schnell, wer hier das Regiment führt.

Monsieur Christian ist Maître de Cuisine. Mit Messer, Löffel und Kochkelle regiert er seine kulinarischen Gefilde souveräner, als mancher Feldherr sein Königreich.

„Ce soir, on ne fait pas de régime ! D'accord ?“ -Heute Abend machen wir keine Diät!- verkündet er mit bedeutungsvoller Miene.

„Schade“, erwidert Wolfgang. „Ich hatte gerade beschlossen, vernünftig zu werden.“

Christian schaut ihn entsetzt an. „ On est en Fronkraich!“

Gelächter.

Er bittet uns zum Apéro in sein Reich der Töpfe und Pfannen. Mit einem schelmischen Funkeln in den Augen schenkt er einen Mirabellenbrand aus und stimmt uns auf die kommenden Glanzpunkte des Abends ein.

Savoir Vivre!

In meinem Kopf entstehen Bilder aus französischen Filmen, in denen Familien an langen Tafeln in paradiesischen Gärten sitzen, genießen, diskutieren, philosophieren und dabei scheinbar mühelos den Abend in die Nacht hinübergleiten lassen.

Marilyn, Herrin des Hauses, sie besitzt englische Wurzeln, doch ihr Wesen ist geprägt von unverkennbarem französischem Charme. Dem hungrigen Pilger kommt das sehr gelegen. Mit glockenheller Stimme erklärt sie die Speisenfolge: „Confit de Canard“, „Cassoulet“ und schließlich eine himmlische „Crème Framboise“. Christian übernimmt die Hoheit über die Gläser und versorgt die Gaumen mit einem kräftigen Tannat du Madiran.

In dieser Tischgesellschaft, ergänzt durch Corinne und Margot, ein munteres Gespann aus Québec und Limoges, gerät unsere Ausgelassenheit rasch in lebhafte Fahrt. Deutsch, Französisch und Englisch kreisen durcheinander. Worte werden gesucht, missverstanden, neu erfunden und unter allgemeinem Gelächter wieder verworfen. Mit jedem Glas lösen sich die Sprachgrenzen ein wenig weiter auf, bis schließlich die Verwirrung selbst zur gemeinsamen Sprache geworden ist.

Doch damit nicht genug. Irgendwann verschwindet Christian kurz und kehrt mit einer Gitarre zurück. „Attention!“, ruft er und schlägt die ersten Akkorde an: „Aux Champs-Élysées“.

Was danach folgt, hat mit musikalischer Perfektion ungefähr so viel zu tun wie ein Pilgerrucksack mit Eleganz. Dafür mangelt es weder an Begeisterung noch an Lautstärke. Wir singen französische Chansons, deutsche Wanderlieder und allerlei Stücke, deren Herkunft im Laufe des Abends immer unklarer wird. Corinne stimmt ein kanadisches Lied an, Wolfgang versucht tapfer mitzuhalten, und spätestens beim Refrain singen alle irgendetwas, meist nicht dasselbe.

Christian strahlt.

Marilyn schüttelt lächelnd den Kopf.

Und der Tannat tut das Seine.

Für einen Abend sind wir keine Franzosen, Deutschen, Kanadier oder Pilger mehr. Wir sind einfach eine fröhliche Tischgesellschaft, zusammengewürfelt vom Zufall des Weges.

Mit fortschreitender Zeit lösen sich die Stimmen, die Lieder und die Gespräche in allgemeiner Müdigkeit auf. Meine Aufmerksamkeit befindet sich längst auf dem Rückzug. Von den Genüssen des Abends reichlich in Anspruch genommen und innerlich bereits auf dem Weg ins Traumland, raffe ich mich zu einem letzten, schwankenden Gang in meine Kammer.

Na dann, à demain.


Alles in Fluss.
 



 
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