Der lange Abschied von uns selbst , oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 10

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Der lange Abschied - Teil 9


3.20 Berlin brennt 31.05.2019

Nicht, dass der Tag gestern gut geendet hätte, aber der heutige Tag fing deutlich schlimmer an, als der Gestrige aufhörte. In dieser Nacht ist die Seuche in der Hauptstadt ausgebrochen. Jetzt haben wir einen Hotspot knapp 25 km nord-östlich von uns.
Wir machten am 30. gegen 23.00 Uhr Schluss, sind in die Betten und Schlafsäcke geschlichen. Bereits morgens beim Aufwachen, stand Rauch über der Berlin. Der Fernseher und das Internet bestätigten unsere Befürchtungen. Es gab einen Seuchenausbruch in der Stadt. Brände wüten im Norden und Süd-Westen, die Feuerwehr rückte nicht mehr aus.
An diesem warmen, sonnigen Tag konnte man die Feuer kilometerweit sehen. Innerhalb von Stunden scheint sich Berlin in einen Hexenkessel verwandelt zu haben. Es gibt keine Worte, um die Szenen zu beschreiben, die wir heute sahen. Einige Kilometer weiter ereigneten sich Massaker, verbreitete sich Panik. Wir hingegen hätten im Garten in aller Ruhe grillen können. Die Stille hier im Ort fühlte sich unheimlich an.
Den ganzen Tag lag die Straße, an der mein Haus steht wie tot da, im Örtchen konnte man gelegentlich Verkehr wahrnehmen. Der Ort liegt abseits der Hauptverkehrsstraßen, fast schon versteckt inmitten von Feldern und Wäldern. Die nächste Durchgangsstraße läuft rund sieben Kilometer vom Dorf entfernt. Es gibt Verbindungsstraßen, jedoch keine, die besonders gut ausgebaut oder bekannt sind. Von der Beschilderung möchte ich gar nicht erst reden. Wenn man hier lebt, ist es schwer vorstellbar, dass in fünfundzwanzig Kilometer Entfernung Berlin liegt, ein Moloch mit rund 4,5 Millionen Einwohnern.
Die Bilder, die über das Fernsehen zu uns kamen, wirkten nicht beängstigend oder verstörend. Vernichtend traf es eher. Man sah die Feuer toben, Menschen brannten, niemand half. Das eigene Überleben schien wichtiger zu sein und forderte die ganze Aufmerksamkeit der Leute.
Die Seuche breitete sich aus, wie ein Brand in ausgetrockneter Landschaft. Zum Grund für die beobachtete Geschwindigkeit gab es keine Informationen. Während sich Berlin mehr und mehr zu einem Hotspot entwickelte, rollte von Süden die Infektionswelle kontinuierlich nach Norden. Über Ungarn und Tschechien und den Balkan verbreitete sich die Epidemie in den Osten. Die Russen scheinen sehr entspannt zu sein. Ein Regierungssprecher erläuterte, dass sich die Seuche in den weiten ihres Landes totliefe.
Vorhin, die anderen schlafen bereits, habe ich nochmals am iPad Nachrichten gelesen. Ich fand die aktuellen Bilder von Satteliten und der ISS aufschlussreich. Afrika, Südostasien, China, alles ist finster, kein Licht, nirgendwo. Russland und Teile von Europa scheinen illuminiert wie immer. Der südliche Rand Europas zeigte sich jedoch so nachtschwarz wie Afrika oder Asien.
Ich entdeckte, dass an der russisch-chinesischen Grenze bereits das Licht aus ist. Und noch etwas fiel mir auf. Im Süden der USA ist es ebenfalls stockdunkel. Florida, die Keys, Memphis, Austin, New Orleans, nicht zu sehen. Man kann nicht sagen, dass unsere Welt aufhört zu existieren, es ist vielmehr, als ob sie implodiert.
Innerhalb von 24 Stunden erlosch der südliche Rand der Europäischen Union. Und jetzt sind wir dran. Gegen 16.00 Uhr sahen wir die erste Gruppe von Infizierten durch das Dorf ziehen, sie jagten zwei Leute vor sich her, einen haben sie mindestens erwischt. Wir starrten auf den Bildschirm, über den der Stream meiner Überwachungskameras läuft. Keiner rührte sich.
Niemand von uns erwies sich heute als ansprechbar. Versuche, unsere Familien zu erreichen, scheiterten. Es gibt noch Strom- und Kommunikationsnetze, zumindest theoretisch. Erreicht haben wir an diesem Tag niemanden.

4 Nach dem Zusammenbruch

4.1 Überlegungen 01.06.2019

Sie wollen weg, was ich einerseits verstehen kann, andererseits auch wieder nicht, nachdem was sich außerhalb des Hauses abgespielt hat.
Vor allem Isabell, Max und Heike scheinen bereit, ihrem Fluchtreflex nachzugeben. Wohin es gehen soll, ist nicht klar, nur weg von hier. Mal an die See, mal in die Berge. Inseln sind ebenfalls beliebte Ziele.
Der Rest ist noch immer wie betäubt. Friedrich ließ sich nach stundenlanger Diskussion überzeugen, unsere Zuflucht zu verlassen. Man einigte sich darauf, ans Meer zu fahren und dort auf eine der vorgelagerten Inseln überzusetzen. Rund vier Stunden dauerte die Debatte. Michaela, Tom und Katharina stimmten zu, ohne wirklich dem Austausch gefolgt zu sein.
Gegen 23.00 Uhr schaute Isabell fragend zu Giulia und mir, wollte wissen, ob wir uns ihnen anschlossen.
Giulia reagierte gar nicht, überließ mir das Antworten. Meine Stimme klang merkwürdig tonlos, brüchig. Ich hatte in der vorangegangenen Diskussion nichts gesagt. „Ich gehe nirgendwo hin,“ mehr plante ich nicht zu dieser Kontroverse beizutragen. Giulia nickte bestätigend.
Die ganze Gruppe zeigte eine Mischung aus Überraschung und Ärger.
Isabell reagierte aggressiv. Sie stellte fest, dass wir das Streitgespräch der letzten Stunden nicht ein Mal durch einen Beitrag unterbrochen hatten. Ob wir tatsächlich vor hatte, ihr Ergebnis einfach so über den Haufen zu werfen.
Genau das, bestätigte ich. Es war und ist unser voller Ernst. Wir werden hier nicht weggehen. Die Frage beschäftigt mich auch jetzt noch. Es ist ja nicht so, als hätte ich die Situation da draußen vor ihnen verborgen. Und trotzdem sind sie bereit, die relative Sicherheit des Hauses aufzugeben. Mir ist nicht klar, wie sie die Bilder, die wir über Internet und Fernsehen sahen, zu verdrängen schaffen. Die Straßen zu den Bundesautobahnen sind ebenso verstopft wie die Autobahnen selbst. Hunderte, wenn nicht tausende von Kilometern mit zugestauten Verkehrswegen, Toten, Infizierten und Marodeuren. Und diese Welt wollten meine Freunde betreten. Wie ich sie auf die Fehler in ihren Überlegungen aufmerksam machte, wirkten Sie irritiert und überrascht auf mich.
Isabell ließ ihren Blick von mir zu abgedunkelten Wohnzimmerfenster schweifen. Sie starrte so angestrengt auf das schwarze Fenster, dass man den Eindruck bekommen konnte, dass sie dort tatsächlich etwas beobachtete.
Noch während sie auf die verdunkelte Öffnung blickte, fragte sie in die Runde, obwohl die Frage an mich gerichtet war, wie es weitergehen soll. Ob wir ewig hier ohne Sonne sitzen bleiben. Was wir Essen und wer sich um uns kümmert, sollten wir erkranken.
Ihre Stimme, die ich immer sehr mochte, da sie einen angenehmen Klang hat, voll und dunkel, hörte sich genauso dünn und brüchig an, wie meine eigene. Isabells Gesicht wirkte blass. Mir fielen hektische, rote Flecken auf den Wangen und der Stirn auf. Zu Beginn unserer Zusammenkunft am heutigen Abend hatte ich eine Schüssel mit Äpfeln und Birnen und eine zweite Schale mit Wal- und Haselnüssen auf den Tisch gestellt.
Meine Frage, ob noch jemand einen Apfel oder ein Paar Nüsse möchte, brachte mir 7 völlig verständnislose Blicke ein. Nur Giulia wusste, wovon ich sprach.
Isabell starrte zu mir, als ob ich verrückt geworden wäre, wollte wissen, ob ich ihre Frage verstanden hätte, was ich bejahte.
Ob sie die Gegenfrage begriff, erschloss sich mir anhand ihrer Reaktion nicht, und so hakte ich nach.
Die Worte hatte sie gehört, den Sinn darin zu sehen, gelang ihr nicht.
Also erläuterte meinen Freunden den Plan, den ich seit Wochen vorantreibe. Dass wir im Osten Berlin zu liegen hatten, war keine Überraschung. Die Tatsache, dass im Süden, bei Werder, ein gewaltiges Obstanbaugebiet liegt, ist zwar bekannt, hatte aber bis zu diesem Zeitpunkt niemand interessiert. Es gibt dort Äpfel, Birnen, Kirschen, Quitten, Zwetschgen und Nüsse, vor allem Wal- und Haselnüsse, in rauen Mengen. Ein Apfelbaum kann, im Extremfall bis zu 200 kg Früchte tragen, manche Bäume auch über 1.000 kg. In den Schrebergärten von Berlin und dem Umland wachsen genauso Obst- und Nussbäume, teilweise sind die Gärten und Felder bereits mit Gemüse eingesät. Ich bevorrate ebenfalls mehrere Kilogramm an Samen von verschiedenen alten Gemüsesorten. Alles was zu tun ist, ist säen und ernten. Was die Obstbäume angeht eigentlich nur einsammeln.
Mit dem was momentan da draußen wächst, kommen wir durch die kalte Jahreszeit. An den Gesichtern meiner Freunde konnte ich leicht ablesen, dass sie bisher keine Überlegung an den kommenden Winter verschwendeten. Zusätzlich wies ich darauf hin, dass ich die Standorte von mehreren Bienenvölkern kenne, wo wir Honig bekommen. Eine gewisse Erleichterung ergriff mich, da niemand fragte, wie wir den Bienen ihren Ertrag wegnehmen würden. Darüber machte ich mir bislang keine Gedanken.
Aber hey, das ist, meine erste Apokalypse, wir finden Wege und Möglichkeiten, dessen bin ich mir sicher. Ich versuchte nicht, mehr zu sein als ich bin. Vieles ist mir ebenfalls unklar. Es ist nicht zutreffend, dass ich auf jede Frage eine Antwort habe. Dass, was ich mit der Starthilfe des Barons begann, ist Stückwerk. Die Zeit wird zeigen, was ich alles vergessen habe oder was nicht so funktioniert, wie ich mir das vorstellte. Immerhin, ich bereitete etwas vor.
Wie üblich legte Isabell den Finger direkt in die Wunde. Von mir wollte sie wissen, wie wir ernten, wenn wir das Haus nicht verlassen können. Mit den ganzen Infizierten auf den Straßen schaffen wir es nicht einmal in die Nähe eines Apfelbaums, stellte Sie fest.
Sie kann, wenn sie entsprechend herausgefordert ist, eine extrem hartnäckige Kontrahentin sein. Gelingt es mir, sie zu knacken, schließen sich die anderen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an. Von daher erhielt sie auf ihre Frage von mir keine Antwort. Einfach deswegen, weil ich selbst noch nicht weiß, wie ich dieses Problem lösen kann. Meine Gegenfrage an sie lautete, wie viele Menschen auf den Inseln leben.
Sie kannte die genaue Zahl nicht, schätzte, mehrere hundert, vielleicht einige tausend.
Die Frage, die ich ihr und den Übrigen stellte, drehte sich darum, wo der Unterschied zu hier lag. Ich bezog die anderen mit ein, wollte sie mitnehmen und ihnen nicht das Gefühl geben, dass es sich hier um einen Kampf zwischen Isabell und mir handelte.
Gelegentlich hilft es, das Offensichtliche zu verbalisieren, ich wies darauf hin, dass wir keine Elitekampfgruppe sind. Wir werden uns anstrengen müssen, falls wir das da draußen bestehen wollen. Es ist völlig egal, wie hoch das Verhältnis von uns zu den Infizierten ist. In dem Moment, wo es 1:2 übersteigt, sind wir tot. Es ist irrelevant, ob es 1:1000 oder 1:1000000 ist. Tauchen zu viele von den Erkrankten auf, sind wir fertig. Gleiches gilt, falls wir auf feindlich gesinnte Überlebende treffen. Und wir müssen den Weg bis zur See schaffen, ein Boot finden und zu einer Insel navigieren. Nach einem Homerun klingt das nicht, schloss ich meine Ausführungen.
Trotz der stundenlangen Diskussion blieben diese Punkte unberücksichtigt. Entsprechend konsterniert wirkten die anderen. Wie ich zuvor andeutete, ich verfüge nicht ansatzweise über alle Antworten. Der Horror geht mir ebenso zu Herzen wie ihnen, nur mit den möglichen Folgen einer solchen Entwicklung setze ich mich bereits seit einigen Wochen auseinander, was mir einen gewissen Vorteil verschafft. Um den Druck aus dem Gespräch zu nehmen, schlug ich vor, Schluss zu machen und Morgen weiter zu sprechen.
Im Angesicht einer Bedrohung besitzt der Mensch drei Reaktionsmöglichkeiten. Er flieht und hofft, dass er schneller ist als das Unheil, welches ihn bedroht. Er wartet ab, erstarrt in der Hoffnung, dass ihn die Gefahr nicht sieht, weil er sich nicht bewegt, und das Böse irgendwann weiterzieht. Sind die beiden zuvor genannten Optionen nicht realistisch, bleibt nur noch der Kampf. Derartiges Verhalten wurde uns abtrainiert. Fliehen oder auf Hilfe warten, stellten eine erfolgversprechende Strategie dar, solange es Polizei, Justiz, Militär, Feuerwehr und Rettungsdienste gab. Jetzt, wo es diese zivilisatorischen Errungenschaften nicht weiter zur Verfügung stehen, ist der Kampf die einzige Chance.
Wir müssen an den nächsten Winter denken. Das Land, in dem wir leben, erlaubt eine Ernte, wenn alles gut geht. Nicht mehr. Das erfordert Planung, Umsicht und Glück. Fliehen wir, werden wir direkt in unseren Tod laufen, davon bin ich überzeugt, denn es gibt keinen Platz, der uns eine Zuflucht bietet.


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