Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 9

Klappentext mit Inhaltsverzeichnis
Zurück zu
Der lange Abschied - Teil 8


3.19 Himmelfahrt 30.05.2019

Es sieht aus, wie Scripted Reality. Ist es aber nicht, es ist die Wirklichkeit, in der wir zukünftig zu leben gezwungen sind. Wie unsere Existenz sein wird? Das ist Nichteinmal in Umrissen zu erahnen. Heute kamen die Freunde und die Katastrophe. Sie ist noch nicht ganz da, doch die Vorzeichen sind klar erkennbar.
Wir hatten den Brunch für 11.00 Uhr vorbereitet und alle erschienen, wie versprochen, pünktlich. Dass Giulia da sein würde, musste sich herumgesprochen haben. Die, die sie bislang nicht kannten, zeigten sich sehr interessiert. Die Begrüßung durch Isabell fiel etwas steif aus. Max verhielt sich da deutlich weniger reserviert, begrüßte sie mit einer bärigen Umarmung.
Heike und Michaela schnappten sich erst eine Flasche Crémant, dann Giulia, schleppten beides auf die Terrasse. Die Mädels brauchten dringend Details. Friedrich und Tom zapften sich je einen Kaffee und musterten mich erwartungsvoll. Die Geschichte, die ich erzählte, befriedigte die Jungs nicht. Heike und Michaela ahnten so etwas wohl und suchten sich gleich eine andere Quelle. Isabell leistete, mit leichter Verspätung, den dreien Gesellschaft.
Max kümmerte sich um die Teile eines toten Schweins, die er extra besorgt hatte. Obwohl ich Vegetarier bin, zwinge ich niemanden meine Ansichten auf. Bedingt durch das gute Wetter konnte Max den Grill nutzen und verpestete nicht die Küche mit den Leichenteilen. So weit so normal. Ungewöhnlich schienen mir nur die Berichte über ein deutlich höheres Verkehrsaufkommen und eine beachtliche Aggressivität durch die Fahrer.
Gegen 13.00 Uhr rief Isabells Mutter an, fragte, ob wir den Fernseher an hätte, es gäbe Unruhen in Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland. Ebenso in der Türkei, aber da herrschte in den letzten Jahren so viel Aufruhr, man würde eher darüber berichten, falls da mal eine Woche nichts passiert. Die Kommentatoren sprachen von einem Seuchenausbruch, einen Angriff mit einer biologischen Waffe schlossen sie ebenfalls nicht aus.
Die Unruhen griff auch auf Berlin und andere, noch nicht betroffene Städte über, wie wir im Fernsehen sahen. Isabell fragte, ob es okay wäre, wenn ihre Mutter vorbeikäme und ich nickte. Mama Werninger lehnte ab, meinte, sie wolle die Jugend nicht stören. Wohl war mir nicht dabei, ich insistierte, aber Isabells Mutti ist genauso starrsinnig, wie die Tochter. Schließlich gab Isabell auf.
Die Nachrichten wurden nicht besser, die Stimmung, bis zum Anruf ausgelassen, schlug um. Wir hockten vor dem Fernseher, nagten an den Fingernägeln, hielten uns teilweise an den Händen. Dass, was jetzt in Südeuropa passierte, ließ sich nicht mehr unter den Tisch kehren. Hier sind die Netzwerke andere, die Bilder klar. Nachrichtenleute befinden sich vor Ort. Wir beobachteten Menschen beim Sterben. Und wir verfolgten, wie die Welle nach Norden schwappte, im Stundentakt schoben sich die Unruhen weiter an uns heran. Am Abend überschritten Chaos und Krankheit die Alpen. Auf den Autobahnen nordwärts bildeten sich kilometerlange Staus, die Bevölkerung versuchte, vor etwas zu fliehen, was sie nicht verstand. Auch wir konnten nicht nachvollziehen, was da passierte.
Die Bilder ergaben keinen Sinn. Man sah Menschen, sie scheinen gesund, ohne erkennbaren Grund laufen sie langsamer, verharren, der Kopf sinkt nach vorn, die Schultern ebenfalls, der Rücken rundet sich, so stehen sie da, einige Minuten, eine viertel Stunde. Dann richten sie sich auf, wenden das Antlitz zum Himmel, zur Sonne. Die Gesichtsfarbe verdunkelt sich, tiefe Falten ziehen sich längs durch die Haut, am Hals herunter und dann fangen sie an, ihre Mitmenschen zu attackieren.
Beißen sie in Arme, Schultern, den Nacken, das Gesicht. Die gleichen Szenen spielen sich auf den Autobahnen ab. Die Menschen stehen auf der Straße, wechseln ihre Haltung, verändern sich, blicken zum Firmament, manche recken ihre Hände nach der Sonne. Sie wenden sich stets der Sonne zu, selbst dann wenn der Himmel bedeckt ist. Es ist gespenstisch zu beobachten.
Ich spreche hier nicht von einzelnen Personen, sondern von vielen, unzähligen. Fast wie auf ein Kommando fingen die Menschen an, sich zu verändern. Den Horror konnte man auch den Kommentatoren deutlich ansehen – und einige Fernsehleute starben oder infizierten sich vor laufender Kamera. Die Panik erfasste die Städte und Regionen, die noch nicht betroffen waren.
Dass, was bislang Sicherheit und Komfort versprach, droht sich in eine tödliche Falle zu verwandeln – Großstädte. Die Menschen versuchen, die Städte zu verlassen. Wenn alle auf einmal einem solchen Impuls folgen und sich dabei Nichteinmal an grundsätzliche Dinge, wie die Verkehrsregeln halten, bewegt sich niemand irgendwo hin. Jeder bleiben da, wo er oder sie gerade ist. Das steigert die Gewalt, und ruft noch mehr Furcht hervor. Gewalttätige Panik mit einem Seuchenausbruch kombiniert, ist das, was der Baron einen perfekten Sturm nannte.
Wir sind, zum Glück, bei mir zuhause. Isabell versuchte, ihre Mutter zu erreichen, doch die Netze sind zusammengebrochen. Auch Thomas hatte keinen Erfolg mit den Kontaktversuchen zu seiner Familie. Über die Medien rief die Regierung zur Besonnenheit und Ruhe auf. Die Verantwortlichen rieten, die Straßen zu räumen, nicht nach draußen zu gehen. Seit 22.00 Uhr ist eine Sperrstunde in Kraft, die durch Polizei und Militär umgesetzt wird. Der Sprecher verriet nicht, wie das funktionieren soll. Ich nehme nicht an, dass sich die Staus auflösen. Wenn sie mich fragen, geht niemand irgendwohin, am wenigsten wieder nach Hause.
Die Bilder sind schwer zu ertragen, dass, was man sieht, erinnert nicht mehr an Deutschland oder Europa. Das Fernsehen streamte live den Tod von Menschen in die Wohnzimmer, und zwar von vielen Leuten. Man sah, wie Krankenwagen in Spitäler rasten, Polizisten und Militärs auf Bürger schossen, mal auf Gesunde, mal auf Infizierte.
Wir beobachteten, wie die Nachrichten sich gen Norden bewegten. Von Spanien über Frankreich bis nach Belgien, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Von Italien kommend, durch Österreich und die Schweiz bis Bayern und Baden-Württemberg. Ein gespenstischer Anblick.
Am Abend brannte Frankfurt und es gibt nichts, was diese Welle von Berlin fernhalten würde. Wir verfolgten, wie Chaos und Panik die Republik ergreifen. Niederländer und Belgier fliehen nach Deutschland, während die Deutschen versuchen, Holland zu erreichen bzw. in die Ardennen zu kommen. Das Ergebnis ist, dass die Autobahnen in beide Richtungen verstopft sind. Wo die Leute alle hin wollen, erschließt sich mir nicht. Sind wir in der hochtechnischen Welt, die wir erschaffen haben tatsächlich nach wie vor derartig stark auf unseren Fluchtreflex getrimmt, dass wir einfach anfangen zu rennen, wenn wir echte Gefahr realisieren?
Isabell und Tom wollten zu ihren Angehörigen, das Treffen verlassen. Zuerst versuchten wir, sie mit Argumenten zu überzeugen, was nicht viel brachte. Isabell plante, falls erforderlich, zu Fuß loszugehen, Tom hatte vor, sich ihr soweit möglich anzuschließen. In Berlin sollten sich die Wege trennen.
Isabells Mutter wohnt im Wedding, Toms Familie in Zehlendorf. Der Weg dorthin, von meinem Haus aus, bei den herrschenden Zuständen, führt, davon bin ich überzeugt, nirgend anders hin als in den eigenen Tod.
Erst nachdem alles verloren schien, spielte ich die letzte Karte, die ich noch hatte. Ich erinnerte an den Schwur von vor einem Jahr, die Apokalypse gemeinsam zu überstehen. Die beiden starrten mich an, fragten, ob ich diesen Schwachsinn wirklich ernst genommen hätte.
Ich forderte sie auf, mit mir zu kommen, und zusammen begaben wir uns zur Garage. Zwei unbenutzte E-Autos standen da, Wasser, Bier, Konserven, Säcke mit getrockneten Hülsenfrüchten, Kisten mit Nudeln, eine neue Kühltruhe, gefüllt mit allem Möglichen.
Isabell und Tom starrten auf die Vorräte, blickten ungläubig zu mir, auch der Rest gruppierte sich in der Garage, bei den Fahrzeugen und den Beständen.
Von Isabell kam die erste Reaktion: „Bist du irre?“
Am Evalia lehnend gab ich den anderen einen kurzen, und vorsichtshalber nicht vollumfänglichen, Überblick darüber, was ich die letzten Wochen so trieb. Mit den Details gelang es mir, die Gruppe völlig zu überraschen. Mit dem Ende der Ausführungen schienen alle, absolut von der Rolle zu sein.
Zumindest sind die beiden nicht losgezogen. Allerdings lud Isabell eine Wagenladung Vorwürfe bei mir ab. Sie legte mehr als deutlich dar, dass sie mich dafür verantwortlich macht, falls ihrer Mutter etwas geschieht. Tom sprang auf diesen Zug nicht auf, dass er anders denkt, ließ er jedoch nicht erkennen.
Hätte ich die Karten beim Anruf von Isabells Mutter auf den Tisch legen müssen? Ich weiß es einfach nicht. Die Ereignisse des heutigen Tages überrollten mich ebenso wie den Rest der Gruppe und, vermutlich, den kompletten Kontinent. Dass vor allem Tom und Isabell diesen Standpunkt teilen, ist heute jedenfalls nicht deutlich geworden. Trotzdem bin ich froh, dass sie blieben und sich nicht auf eine Reise ins Zentrum des Irrsinns gemacht haben.



Weiter bei Der lange Abschied - Teil 10
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Oben Unten