Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 13

Klappentext mit Inhaltsverzeichnis
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4.7 Vorbereitungen 13.06.2018

Seit heute ist das Internet tot, Strom und Wasser haben aufgehört zu fließen. Bei uns ist zumindest die Notstromversorgung über das Grid eingesprungen. Wir sind gezwungen Energie zu rationieren. Trinkwasser ist kein Problem, wir haben ja den Filter. Brauchwasser für die Toilette und zum Duschen geht auch. Die Waschmaschine macht uns Sorgen. Zum Wäschewaschen ist das Brunnenwasser eigentlich nicht geeignet, da es einen hohen Eisengehalt besitzt. Mal sehen, was uns da einfällt.
Für Morgen ist alles vorbereitet, Tom und Giulia stellen die Stallwache im Haus, der Rest ist unterwegs. Wir werden Waffen tragen. Zwei Dinge hoffe ich. Einmal, dass wir sie nicht einsetzen müssen und einmal, dass wir sie beherrschen, falls wir sie brauchen.


4.8 Erste Schritte 14.06.2019

Heute verließen wir erstmalig nach Himmelfahrt das Haus, atmeten die erste frische Luft seit Wochen. Auf den Kameras konnten wir sehen, dass die Wandler sich verzogen hatten. Wohin? Keine Ahnung, es kann auf jeden Fall nicht sehr weit weg gewesen sein.
Unsere Zuflucht verließen wir gegen 06.00 Uhr, bewaffnet mit zwei der FX-Airguns, einer Walther, zwei Armbrüsten und zwei Compoundbogen. Wir gingen die Sackgasse entlang, vorbei an den stillen Häusern der Nachbarn.
Der Plan sah vor, links die Straße hinunter zu gehen. Ich wollte zu dem kleinen Lebensmittelladen, um zu prüfen, ob wir noch zusätzliche Vorräte sichern können.
Auf einmal tauchten acht Wandler vor uns auf. So wie sie uns erkannten, kamen sie zielstrebig auf uns zu. Die Geschwindigkeit, mit der sie sich auf uns zubewegten, überraschte mich. Den Pitcher, der sich hinter der Hausecke verborgen hielt, bemerkte keiner von uns. Als er die anderen in Richtung Beute gehen sah, kam auch er bzw. sie, um die Ecke. Es muss einmal eine Frau mit langen, schwarzen Haaren gewesen sein, vermutlich relativ groß, zum Zeitpunkt ihrer Verwandlung. Mittlerweile maß sie rund zwei Meter, ihre Mähne durchzogen jetzt ein helles, silbernes Muster, ihre Haut schimmerte braun-grau. Die Augen weit aufgerissen, ebenso wie der Mund.
Dann fing sie an, zu schreien, hohe, spitze Schreie, die anderen Wandlern anzeigten, dass es hier Beute gab.
Der Essensruf funktionierte. Woher die Infizierten kamen, kann ich nicht sagen. Sie strömten von vorne und von hinten auf uns zu. Eine Auffahrt stand offen, leer, die Bewohner anscheinend geflohen. Wir wichen in diese Zufahrt aus, schafften es, das Tor zuzuziehen, lange halten würde es allerdings nicht. Der Pitcher schrie noch immer, die Wandler brandeten gegen das Tor. Heike hob ihre Airgun, zielte auf den Pitcher, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ich hielt sie auf, bevor sie schießen konnte.
Den Zeitpunkt, einen Krieg zu anzufangen, schätzte ich als suboptimal ein. Insbesondere dann, wenn klar erkennbar ist, dass man gleich tierisch den Arsch versohlt bekommt. Damit verhinderte ich den ersten Schuss in diesem Kampf.
Max scheuchte uns hinter das Haus, über den Zaun zum Nachbargrundstück. Dort bogen wir nach links ab, wo sich mehrere Gebäude mit größeren Gärten befinden. Nachdem wir drei Einzäunung genommen hatten erreichten wir ein Grundstück mit einem Haus, das wuchtig und stabil wirkte.
Isabell stemmte die Kellertüre auf. Friedrich und ich verrammelten den Zugang mit einem Schrank. Die Gruppe schlich die Treppe hinauf, wir prüften, ob sich jemand im Inneren befand. Dem Geruch nach hielten sich der oder die Bewohner noch darin auf. Im Schlafzimmer fanden wir etwas, was vor einigen Wochen mal ein Mann gewesen sein könnte. Festlegen wollte sich keiner von uns.
Grün im Gesicht schlossen wir die Türe, das half ein wenig, aber nicht viel, der Verwesungsgeruch hatte sich im ganzen Haus ausgebreitet und schien sich nicht in absehbarer Zeit verflüchtigen zu wollen. Ein Blick aus dem Fenster verriet uns, dass die Wandler nach wie vor da und aktiv waren. Es kamen sogar weitere von außerhalb dazu.
Die Art, wie sie jagen, erinnert mich an Geier. Die Aasfresser ziehen ihre Kreise alleine, beobachten aber den Nachbargeier. Wenn der Nachbar Beute wittert und landet, bemerkt das die Community und schließt sich dem Kollegen bzw. der Kollegin an. Diese Art der Jagd erklärt, warum bei einem Aas häufig so der Vögel zu sehen sind.
Hier informiert ein Pitcher mit seinen Schreien die Wandler, was Sinn macht, da die Sichtweite auf der Erde begrenzt ist, irgendwas stört immer. Da ist man mit akustischen Signalen besser dran, als mit einer Sichtverbindung.
Wir warteten, bis der Zuzug abebbte, prüften fünf Mal, ob wir das Haus verlassen konnten. Schließlich schlichen wir uns nach draußen. Aus der Entfernung erkannte ich, dass die Wandler das Tor eingedrückt und sich in den Garten ergossen hatten. Während sie hinten rein sind, gingen wir vorne wieder raus. Die Hauptstraße querten wir in einem gemeinsamen Sprung, gebückt und so leise wie möglich. Nachdem die Straßenseite erfolgreich gewechselt worden war, zogen wir durch die Gärten meiner Nachbarn zurück zum Haus. Wir kamen von hinten an die Terrassentüre. Giulia ließ uns rein.
Die Stallwache hielten wir mit dem Postillion auf dem Laufenden. Zumindest die Kommunikation klappt, wir müssen nur noch den Nachrichtenton ändern. Ständig „Hoch auf dem gelben Wagen“ in der Version von Walter Scheel zu hören mag einmal lustig sein, auf Dauer verfügt das Lied über das Potential, einen wirklich zum Zombie zu machen.
Den Pitcher hörten sie im Haus deutlich. Mit wachsendem Horror beobachteten sie den Auflauf von Wandlern auf der Hauptstraße. Die Erleichterung der beiden, nachdem der Postillion berichtet hatte, dass das Außenteam wohl auf ist, konnte man noch immer sehen.
Für heute waren wir alle durch, auch Tom und Giulia. Kaffe, Schokolade, Kekse, anschließend Bier und Wein wurden gereicht, Hauptsache Nervennahrung bekommen. Sobald unser Adrenalinspiegel zumindest anfing zu sinken, legten Max und ich mit der Manöverkritik los.
Wir sind über die Straße gelatscht, wie zum Brötchen holen. Wir trugen zwar Waffen, das war aber auch das Einzige, was sich positiv vermerken ließ. Ansonsten kann von militärischem Verhalten nicht die Rede sein.
Den anderen habe ich versucht, zu verdeutlichen, dass wir so nicht noch einmal vorgehen sollten. Wenn wir nicht anfangen, die Art und Weise, wie wir uns bewegen, wie wir agieren an die geänderten Rahmenbedingungen anpassen, macht das Training keinen Sinn. Ich bestand darauf, nochmals die Marschordnung zu besprechen, Sicherungsbereiche festgelegt. Führung nach Sichtzeichen wurde ebenfalls besprochen. Die anderen waren etwas genervt, was mich wiederum nervte. Anscheinend erkannten sie trotz unserer Nahtoderfahrung heute nicht die Notwendigkeit geänderten Verhaltens. Bin gespannt, ob das kommt bevor der oder die Erste von uns stirbt. Interessanterweise zeigte Heike als Einzige die Bereitschaft, zu schießen.
Ich denke an Miriam, sehe sie bei mir auf dem Bett sitzen. Sie lächelt, spricht zu mir, dass ich den anderen Zeit lassen soll, in dieser Realität anzukommen. Sie erinnert mich daran, dass ich zu ungeduldig bin, womit sie nicht unrecht hat. Nachdenklich blicke ich auf das Bild, welches mir mein Gehirn vorgaukelt, wünschte mir, dass es real wäre. Ist es aber nicht. Ich bin selbst noch nicht in der Welt angekommen, in der ich zu existieren gezwungen bin. Das Leben aus der Zeit zuvor übt einen starken Sog auf mich aus. Doch ich weiß, dass es keinen Weg zurückgibt. Das ist vielleicht der Vorsprung, den ich vor der restlichen Gruppe habe, der Grund, in dem meine Ungeduld wurzelt.
Wird wohl alles sehr interessant werden. Spannend wäre herauszufinden, ob die Wandler feste Reviere haben oder irgendwann weiterziehen. Dass sie sterben, scheint momentan nicht zu passieren. Wenn ich mal davon absehe, dass sie gespenstisch wirken, scheinen sie nicht einmal mehr „krank“ zu sein. Die Wesen, die uns heute verfolgt haben, schienen kraftvoll und stark. Vielleicht nicht übermäßig koordiniert, aber geschwächt kamen sie mir nicht vor. Mal sehen, wer den längeren Atem hat, wir Gesunden, oder die „Kranken“.


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