Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 21

Klappentext mit Inhaltsverzeichnis
Zurück zu Teil 1
Zurück zu Teil 20


4.19 Reinigung 26.07.2019

Heute haben wir die Homezone erweitert – und zwar beträchtlich. Ich spreche hier allerdings nicht von einem Selbstläufer. Zuerst installierten Tom und Michaela die Ladestation des E-Staplers in einer Garage, deren Netz am Grid hängt, und luden den Gabelstapler. Max, Friedrich und ich holten den LKW in die Homezone und bereiteten Dach und Hintertür vor. Den Laster benötigen wir, sobald wir die Häuser öffnen. Anschließend begannen wir die Homezone zu erweitern.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben wir die Abläufe relativ schnell koordiniert und verbessert. Wir fahren vier Autos zu der Stelle, die wir abriegeln wollen. Drei PKW stehen längs, einer quer. Vor diesem Abschnitt steht der Evalia, einer beziehungsweise eine von uns sitzt hinten zum Öffnen der Seitentüre. Einer von uns spielt den Lockvogel, zieht einen Teil der Wandler raus, springt in den Lieferwagen, das Auto fährt weg. So wie die Infizierten draußen sind, schließen wir die Sperre. Der Verschluss ist immer so, wie bei der ursprünglichen Homezone, ein quer gestellter Wagen.
Es ist gut, dass die Wandler rasch das Interesse verlieren, wen man sie nicht weiter stimuliert – aus den Augen aus dem Sinn, sozusagen. Auf diese Weise schafften wir es, bis zum Abend das Rathaus und die Kirche zu erreichen.
Erstmals seit Himmelfahrt besuchte ich Miriam. Die anderen fragten, ob sie mitkommen durften. Ich hatte keinen Einwand, es hat mich sogar ein wenig gefreut. Wir haben so viel geteilt in den letzten Wochen, warum nicht auch das? Die Gruppe saß stumm dabei, während ich das Grab säuberte.
Irgendwann fing Max an, eine Geschichte zu erzählen, die ihn besonders an Miriam erinnerte. Heike, Michaela und Friedrich machten mit, nur Isabell saß etwas abseits, sah mich die ganze Zeit mit durchdringendem Blick an, beharrlich schweigend. Nach einer Stunde beendete ich die Pause.
Wir mussten einen Parkplatz für den LKW raussuchen, die Rampe bauen, es war noch viel zu erledigen, bevor wir die Häuser öffnen können um die Wandler aus ihren Gefängnissen befreien.
Tom fragte, weshalb wir den Wesen nicht einfach mit einem Kopfschuss verpassen, aber etwas in mir widerstrebt eine solche Lösung.
Heike und Giulia stimmten zu, warum töten, wenn es eine Alternative gibt? Ob die Aktion komplett gewaltfrei durchzuführen ist, wird der weitere Verlauf zeigen. Heute hatten wir jedenfalls Glück, die Wandler übrigens auch. Allerdings bin ich mir nicht sicher, dass sie diese Einschätzung teilen.


4.20 Wandlersammeln 27.07.2019

Seit der Aktion bei mir in der Straße verfügen wir über Kenntnisse im Evakuieren von Wandlern. Das Verfahren wurde angepasst und verfeinert, blieb aber im Prinzip gleich.
Tom öffnete die Türen der Häuser, die wir zuvor mit einer langen Metallstange und einem Smart sicherten. Nach dem Entriegeln des Schlosses rollte der Wagen minimal vorwärts, die Tür steht offen, lässt sich aber nicht vollständig aufreißen.
Damit wir möglichst wenig Kontakt mit den Wandlern haben, nutzen wir ein ferngesteuertes Auto. Um das Fahrzeug fernsteuern zu können, verschaffte sich Michaela mittels ihres Linux-Laptops Zugriff auf das Entertainmentsystem. Von da aus manipulierte sie die Motorsteuerung und ermöglichte es, den PKW zu bewegen.
Wie hieß es vor dem Zusammenbruch? „Wenn Bauingenieure so bauen würden, wie Programmierer programmieren, ein Specht wäre in der Lage, die Zivilisation zu zerstören.“
Uns erleichterte das mangelnde Qualitätsbewusstsein der Softwareingenieure an diesem Tag jedenfalls erheblich die Arbeit. So konnten wir die Türe öffnen, ohne uns selbst in Gefahr zu bringen, die Wandler, die raus kamen, wurden eingesammelt und in einen Innenhof gesperrt.
Den Zugang versperren zwei Fahrzeugen, auch wenn Wandler sehr stark sind, ein Auto können sie noch nicht anheben (bleibt hoffentlich so).
Michaela lockte sie in den Lastwagen, flüchtete aufs Dach und Max oder ich schlossen das Frachtabteil, fuhren den LKW zum Hof, machten auf und die Wandler taumelten zu ihren Kameraden. So säuberten wir ein Gebäude nach dem anderen. In drei Fällen brauchten wir die Sicherung mit dem Seil, da noch Infizierte in den Häusern waren, eingesperrt in einzelne Zimmer.
Klingt einfacher, als es ist, vor allem sollte man bedenken, dass die Fehlertoleranz recht gering ist.
Insgesamt haben wir heute 50 Wandler freigelassen. Ob das eine gute Idee ist, diskutierten wir durchaus lebhaft. Lust auf eine Massentötung verspürte allerdings auch niemand.
Einige der Infizierten kamen mir bekannt vor, zumindest vom Sehen. Ja, sie sind anders, doch sie leben, wie auch immer man das definieren möchte. Natürlich würden sie uns gegenüber nicht dasselbe Entgegenkommen zeigen, aber was solls? Wir werden morgen die Wandler aus der Homezone fahren, übermorgen kümmern wir uns um den Ostteil. Wenn alles läuft wie bisher, ist das Dorf Ende des Monats frei.
Wir haben Routine entwickelt, was gut ist. Wir haben Routine entwickelt, was schlecht ist. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt. Erfahrung und Geübtheit dürfen nicht in blinde Gewohnheit übergehen. Man muss extrem aufpassen, dass einem keine Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Wir sprechen hier nicht von einem Mathetest. Hier geht es nicht um Punktabzug, sondern um unser Überleben.
Das habe ich der Gruppe heute, in der Abschlussbesprechung nochmals eindringlich nahegebracht, ich hoffe, sie haben es verstanden.
Max und ich werden morgen einen Ort suchen, wo wir die Wandler abladen können und sie anschließend wegfahren. Währenddessen inspizieren die anderen die Häuser, entfernen die Leichen, die noch in den Gebäuden sind (zum Glück nicht allzu viele, wobei da schon eine zu viel ist). Momentan gehen wir von sechs Toten aus.
Heute Abend haben wir vor der Kirche gegrillt, es tut gut, sich die Welt, Schritt für Schritt zurückzuerobern.


4.21 Abschlussarbeiten 28.07.2019

Wir haben die Infizierten abgesetzt, ca. 10 km nord-östlich der Homezone. Mir kam es tatsächlich vor, wie eine Fahrt durch die Welt des Hyronimus Bosch. Es ist so still geworden da draußen, mal sieht man Wandler, dann wieder nicht. Andere Menschen haben wir nicht gesichtet, wenn ich ehrlich sein darf, bin ich darüber nur mäßig traurig. Siggis Gang und Lewin mit seinen Lebenskünstler haben meinen Bedarf nach menschlicher Gesellschaft über das jetzige Maß hinaus nicht erhöht.
Tod und Zerstörung begegnen einem hingegen auf Schritt und Tritt, es ist erschütternd. Ebenfalls erschreckend finde ich, wie distanziert wir damit mittlerweile umgehen. Anfangs noch wie geflasht, nach einigen Kilometern schon wesentlich routinierter. Ich bin mir nicht sicher, ob die Anpassungsfähigkeit des „Homo sapiens sapiens“ beängstigend oder beeindruckend ist.
Trotz des Gewöhnungseffekts erlebte ich die gesamte Mission als gruselig und das Wetter machte es nicht besser. So wie Max reagierte, empfand er ähnlich. Es hat heute den ganzen Tag geschüttet. Der Himmel trug das typisch deutsche Sommergrau, diffuses Licht, ideal um unter Tags unterwegs zu sein. Das Heulen des Windes, die Geräusche des Regens, dämpften den Lärm, den der LKW fabrizierte. Wir prüften die Strecke vorab mit dem Leaf, testen, wo wir hinkommen würden. Teilweise sind die Nebenstraßen ebenfalls blockiert, von den Bundesstraßen gar nicht erst zu reden.
Auf einer der Landstraßen Richtung Osten passierten wir einem Konvoi von Fahrzeugen, ausgebrannt, komplett zerschossen. In den Autos saßen noch die Leichen der Insassen. Der Überfall schien völlig unvorbereitet gekommen zu sein. Wir zählten insgesamt 17 Wagen. Durch die Einschusslöcher und die herumliegenden Hülsen identifizierten Max und ich die Angriffswaffen im Kaliber .50 – nah dran an Artillerie. Durch die extreme Hitzeentwicklung des Brandes schmolz der Asphalt unter den Fahrzeugen. Wer warum geschossen hat? Keine Ahnung, für mich sah es nach einem Overkill aus. Die Angreifer hatten wenigstens nichts von dem Überfall. Was sich auch in dem Konvoi befand, es ist verbrannt. Jedenfalls ist da jemand mit einer großen Menge Feuerpower unterwegs. Die Erkenntnis hinterlässt ein ungutes Gefühl.
Max meinte, mit deutlich belegter Stimme, dass wir es ziemlich clever anstellt hätten, zu dieser Zeit nicht rausgegangen zu sein, unsichtbar zu bleiben.
Da stimmte ich doch gerne zu, obwohl das heute nicht möglich war. Einige Kilometer hinter dem ausgebrannten Konvoi entdeckten wir einen fast neuen Toyota Prius+, Batterie und Tank leer. Dennoch für uns unwiderstehlich. Freundlicherweise hatte der Vorbesitzer sogar den Schlüssel liegen gelassen. Wozu hätte er ihn auch mitnehmen sollen? War trotzdem nett von ihm.
Als möglichen Absetzort wählten wir ein verkommenes Gewerbegelände. Da hielten sich schon einige Wandler auf. Es wird niemanden auffallen, wenn da noch ein paar dazukommen.
So wie wir wieder in der Homezone waren, stellten wir ein Team zusammen. Drei fuhren mit dem Evalia bis zu dem verlassenen Prius, machten den Wagen flott und warteten auf unsere Rückkehr. Max, Isabell und Heike übernahmen diesen Part, Michaela und ich lieferten die Infizierten in ihrem neuen Habitat aus, ließen sie frei.
Als wir ankamen, machten sie sich die Wandler, die dort bereits herumstanden zuerst auf den Weg zu uns. Mit dem Öffnen der Heckklappe blieben sie stehen, wussten anscheinend nicht, was sie aus der Situation machen sollten, als „unsere“ Wandler in die Freiheit gingen.
Um sicherzugehen, dass auch alle Infizierten das Frachtabteil verlassen, hatten wir eine der Drohnen mit einem Bluetoothlautsprecher ausgestattet und flogen das Gerät einige Meter vom LKW weg. Sobald die Melodie erklang, setzten sich auch die übrigen Wandler wieder in Bewegung und alle sammelten sich unter dem Flieger. Wir rollten auf der Straße zurück zum Wald. Dort angekommen, schaltete Michaela die Musik aus und zog die Drohne hoch. Sie ließen das Gerät hinten im LKW landen, und wir fuhren zur anderen Gruppe. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Homezone. Mit Benzin schnurrt der Prius wie ein Kätzchen.
Wir wählten eine alternative Route zurück und kreuzten wir die B5 auf Höhe eines Ausflugslokals. Die Bundesstraße scheint völlig zugestaut zu sein. Soweit das Auge sich erstreckte – und es reichte weit mit den Ferngläsern, sahen wir ein Auto am anderen stehen. Ganz sicher, sind wir nicht, aber es sah so aus, als ob sich in der Blechlawine zwei oder drei Teslas befinden. Bei dem Lokal ist anscheinend ein Stützpunkt der Bundeswehr untergezogen. Das gesamte Areal ist von Infizierten geflutet.
Sowohl die E-Autos als auch die Basis sind verlockende Ziele. Probleme bereiten, wie so oft, die Wandler. Da bislang niemand Interesse an den Dingen zeigte, haben wir hoffentlich noch Zeit uns eine adäquate Problemlösung zu überlegen.
Abends waren wir alle geschafft, die nervliche Anspannung bei Bewegung im offenen Gelände ist gewaltig. Bis jetzt hatten wir Glück, aber wie heißt es immer so schön? Irgendwann endet jede Glückssträhne, wird vermutlich ein interessanter Tag werden.


4.22 Der Osten ist sicher 29.07.2019

Die Aktion „der Osten glänzt“ startete mit der Morgendämmerung. Wir wendeten das bewährte Verfahren erneut an, nur dass wir diesmal die Wandler noch am selben Abend weggefahren haben, ich wollte die Sache beendet wissen.
Nachdem die Wandler evakuiert waren, filzten wir methodisch Haus um Haus. Komplett durch sind wir mit den Durchsuchungen aber noch nicht. Tom hat einiges an Computer- und Solarzubehör gefunden, was unsere Überlegungen bezüglich einer Überwachung der Homezone und der Zufahrtsstraßen erheblich weiterbringt.
Waren des täglichen Bedarfs wie Toilettenartikel, Medizin, Lebensmittel, Alkohol sammelten wir in einem leerstehenden Restaurant. Die Sachen müssen wir nochmals prüfen und dann für die Magazine erfassen. Unsere Lagerhaltung professionalisieren wir Schritt für Schritt. Es ist zwingend erforderlich, genau zu wissen, was man besitzt, um Engpässe bei Zeiten zu erkennen und gezielt zu verhindern.
An Waffen haben wir nichts gefunden, ein Umstand, der mich verwundert. Ich hatte ja keinen Kampfpanzer oder eine 8,8 cm Flak erwartet, aber eine Pistole oder eine Schrotflinte, wäre schon drin gewesen. Schade eigentlich.
Zur Feier der Befreiung haben wir heute nochmals vor der Kirche gegrillt. Das Wetter war zwar suboptimal, kalt und windig, nicht ungewöhnlich für den Hochsommer in Brandenburg, gefeiert haben wir dennoch.
Während der Feier wurde besprochen, wie es weitergehen soll. Isabell kam auf die Idee, das DHL-Depot in Börnike zu untersuchen. Sie geht davon aus, dass dort Pakete für Berlin und das westliche Umland liegen. Der Bruder einer Kollegin hatte da gearbeitet, von daher wusste sie von dem Lager und besaß zumindest eine rudimentäre Ahnung, was darin vor sich ging.
Wenn wir Zugang bekommen, können wir vermutlich einiges an Vorräten sichern. Eine gute Idee, ist mir bislang nicht gekommen. Ich wusste zwar auch von dem Depot, es ist allerdings nie in meinen Überlegungen aufgetaucht.
Zuerst fallen wir aber nochmals in das Einkaufszentrum ein. Dort haben wir noch Paletten stehen, die wir jetzt bergen wollen.
Zwei Sachen sind zuvor noch zu erledigen. Die Häuser im Osten sind noch fertig zu filzen und wir müssen uns um die sterblichen Überreste bisherigen Einwohner kümmern. Insgesamt haben wir, mit den Toten, die wir anfangs geborgen haben, 21 Leichen zu versorgen.
Wir beschlossen, nochmals raus zu fahren, und verbrennen die Verstorbenen mit dem Lastwagen. Da wir die Wandler in Richtung Nordost absetzten, führt uns die Aktion diesmal nach Westen. Öfter mal die Route wechseln, erschwert die Verfolgung. Das Vorhaben kostet uns zwar einige Liter Diesel, aber das ist okay. Die Toten den Wandlern zu überlassen, oder anderen Aasfressern, bringe ich nicht übers Herz.
Die Leichen sind bereits verladen, wir werden gegen drei Uhr Morgen früh aufbrechen. Heike, Michaela, Friedrich und ich machen uns auf den Weg, der Rest filzt den Osten. Wir haben vereinbart, dass wir direkt wieder zurückfahren. Wenn es Probleme gibt, erfolgt die Rückfahrt erst nachts. Ein ernsthaftes Problem liegt vor, falls wir bis Mitternacht nicht zurück sind.


Weiter zu Der lange Abschied - Teil 22
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Oben Unten