Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 3

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Der lange Abschied - Teil 2


2.6 Die Helgoland-Krise 03.04.2019

Im Herbst 2018 gab es in Deutschland einen großen Zwischenfall. Die Bundesregierung ließ Helgoland komplett evakuieren und die Insel zu einem Seuchen-Sperrgebiet erklären. Man hatte dort, so die offizielle Version, einen Stamm hochansteckender Vogelgrippe gefunden, der sehr gut auf den Menschen übertragbar sei. Die Regierung zog eine 12-Meilen Sperrzone um das Eiland und die deutsche Marine verlegte fast alle Einsatzkräfte in die Region.
Sogar die Franzosen schickten die Foché, drei Zerstörer und zwei Fregatten in diese Gewässer, um gemeinsam mit der den Deutschen das Sperrgebiet durchzusetzen. Das Friedrich-Löffler-Institut richtete, zusammen mit dem Paul-Ehrlich-Institut eine Forschungsstation auf Helgoland ein. Seitdem leitet man den gesamten Seeverkehr um die Insel herum. Der Flugverkehr ist ebenso betroffen.
Nach Errichtung der Sperrzone wurde es auffallend schnell ungewöhnlich still um Helgoland, zumindest eine Zeitlang. Es gab am 11. Februar ein Seegefecht vor der Insel.
Was genau geschah, ist unklar, ein Reporterteam, das entlang der 12-Meilen-Zone schipperte, hat damals einiges an Action gesehen. Wenn es stimmt, was Reporter an der Grenze der Sperrzone beobachtet haben, warfen die Deutschen und die Franzosen Wasserbomben, um ein U-Boot zum Auftauchen zu zwingen. Sogar von den Niederländer kam Unterstützung, allerdings außerhalb der 12-Meilen-Sperrzone. Über Verluste wurde nichts berichtet.
Mich hat das Gedöns nicht interessiert, ungewöhnlich ja, aber ich war mit allen meinen Gedanken bei Dir. Heute ist das Ganze erneut hochgekocht. Es wird behauptet, dass die Ehefrau eines angeblich in Afghanistan im Kampf gefallenen Soldaten das iPhone ihres Mannes erhielt und analysieren ließ. Da fiel auf, dass es Deutschland nie verlassen hat.
Man munkelt, dass er auf Helgoland getötet wurde. Eine Exhumierung seiner Leiche ergab, dass die Kugeln die ihn töteten das Nato-Kaliber 5,56 x 45 mm aufwiesen. Jetzt ist zwar nicht völlig unmöglich, dass ein Taliban mit einer erbeuteten M-16 auf die Deutschen schießt, dennoch bleiben Zweifel. Zu erwarten wäre eigentlich ein Kaliber in 7,62 x 39 mm wie bei der AK-47 oder auch 5,45 x 39 mm wie das der AK-74 gewesen. Ein NATO-Geschoss überrascht dann doch. Es hilft nicht, dass der Tote drei Kugeln von zwei unterschiedlichen M-16 Gewehren in sich hatte.
Es ist immer ranzig, wenn der Partner stirbt, glaub mir. Ich bin nach wie vor am überlegen, wer den beschisseneren Part von uns beiden bekommen hat, Du oder ich. Findet man im weiteren Verlauf heraus, dass man verascht wird bzw. wurde, möchte ich nicht wissen, was das mit einem macht. Mir tut die Ehefrau leid. Ich weiß zumindest, was passiert ist. Das Warum muss ich bei Gelegenheit mit Gott ausmachen. Doch ich kenne den Ort, die Zeit und die Umstände. Die Frau des Soldaten hat keine Ahnung, was vor sich geht.
Ich frage mich, was das Ganze soll? Es gab damals, Ende letzten Jahres natürlich ein gewaltiges Aufsehen, als die Insel evakuiert und die Sperrzone eingerichtete wurde. Anschließend verstummte die Erörterung des Vorgangs schnell, eine unnatürliche Stille legte sich über die Sache.
Abgesehen natürlich von den Verschwörungstheoretikern. Da fand sich alles, von einer Ufo-Landung (ausgerechnet auf Helgoland, da wollte ich als Außerirdischer noch nicht mal abstürzen) bis hin zu einem Tiefseetunnelsystem. In diesen unterirdischen Laboren betreibt die Bundesregierung ein geheimes Bio-Waffenlabor, um der atomaren und konventionellen Bedrohung Deutschlands durch die Russen etwas entgegenzusetzen. Die Welt wird immer verrückter.
Du fehlst mir. Über solche Sachen diskutierten wir oft und heftig, ergänzten uns in unseren Gedanken, auch wenn wir häufig nicht zur selben Einschätzung gekommen sind.
Du warst ein sehr politischer Mensch und ich bewunderte stets das Engagement, welches Du bei den Grünen oder später bei Campact demonstriertest. Ich konnte mich zu so etwas nie aufraffen. In gewisser Weise sah ich sogar zu Dir auf. Deine Prinzipientreue bei Wahlen fand ich ebenso beeindruckend. Du wähltest Grün, von taktischen Überlegungen ließt Du Dich nie leiten, im Gegensatz zu mir. Positionen und Standpunkte, die Du übernahmst, vertratest Du konsequent. Tierrechte, Umweltschutz, Frauenrechte, alles Dinge, die Dir am Herzen lagen. Nach Deinem Tod habe ich den Faden verloren. Politisch und auch hinsichtlich der Pflege unserer Sozialkontakte.
Es ist irgendwie bezeichnend, dass der einzige Besuch, den ich seit Deinem Tod hatte, ein Mörder und Verbrecher ist. Und meinen Bruder, aber der zählt irgendwie nicht, für mich zumindest nicht. Die Sache mit dem gefallenen Infanteristen zwingt einen sozusagen dazu, wieder auf das Politische zu schauen, doch alles, was ich sehe, ist, dass Du nicht mehr da bist und mir fehlst. Und dass mir die Frau des toten Soldaten leid tut.
Wenn ich ehrlich sein darf, die ganze Geschichte ist beunruhigend. Ich meine, das ist fast ein wenig so, wie ich den Baron kennenlernte. Wir sind im 21. Jahrhundert und wir jagen U-Boote? Müssten nicht andere unsere U-Boote verfolgen? Die Zeiten werden zunehmend verrückter. Es sterben Menschen und die Regierung vertuscht wo und warum. Was auch immer der Grund sein mag, sowohl der Soldat und erst recht seine Ehefrau, hätten Besseres verdient. Finde ich zumindest und ich kann mir vorstellen, dass wir uns da einig gewesen wären.


2.7 Pia Schwendner 14.04.2019

Die Briefzustellung an die Tochter des Barons ging ich konspirativ an. Ohne iPhone und Onlinerecherche. Mit häufig wechselnden Verkehrsmitteln wie Busse und Bahnen fuhr ich nach München. Gezahlt wurde ausschließlich bar. Die letzten 50 Kilometer bin ich sogar getrampt. Hat besser geklappt, als ich erwartet habe. Fast fühlte ich mich wieder jung.
Pia lebt in einer schönen Wohnung in Bogenhausen. Zumindest soweit ich das von der Eingangstür und einem Blick in die Diele zu beurteilen in der Lage bin. Da ich nicht wusste, wie ich sonst an sie herankommen sollte, klingelte ich an ihrer Tür.
Sie öffnete, eine hübsche junge Frau, kastanienfarbene Haare, Brille, Jeans, Hoody. Das sich daraus entwickelnde Gespräch möchte ich Dir nicht vorenthalten. Du hättest Deine Freude daran gehabt.
Ding Dong. Die Türe öffnet sich.
„Sie wünschen?“
„Ich habe was für Sie.“
„Und das wäre?“
„Einen Brief.“
„Sie sehen nicht aus wie der Briefträger.“
„Bin ich auch nicht.“
„Wieso haben sie dann einen Brief für mich?“
„Längere Geschichte, erlauben Sie mir, näher zu treten?“
Sie zog eine Augenbraue hoch, unsicher wirkte sie nicht.
„Würden sie abends einen fremden Mann in ihre Wohnung lassen, der behauptet er hat einen Brief für sie?“
„Wahrscheinlich nicht.“
„Sehen sie, wird hier ebenso wenig passieren. Warum geben sie mir nicht einfach den Brief und gehen wieder.“
„Das wäre eine Möglichkeit, ich wurde jedoch gebeten, sicherstellen, dass sie ihn auch lesen.“
„Wie wollen sie das anstellen, haben sie vor, ihn mir vorzulesen?“
„Nein, eigentlich nicht, ich gehe davon aus, dass der Inhalt privat ist.“
„Ich werde sie nicht reinlassen. Entweder sie rücken das Schreiben raus, oder sie verschwinden und nehmen es mit.“
„Dann wissen sie aber nicht, was drin steht, und ich hätte den weiten Weg aus Berlin umsonst gemacht. Das fände ich bedauerlich. In der Straße ist ein kleiner Italiener, was halten sie davon, dass wir dort etwas essen, ich gebe ihnen den Brief, sie lesen ihn und anschließend bin ich wieder weg.“
„Sie sind von Berlin nach München gekommen, um mir einen Brief zu bringen – und sie kennen mich nicht und haben diesen Brief nicht geschrieben, ist das richtig?“
„Ja.“
Sie schlüpfte in ein Paar Stiefel, griff sich eine Jacke und nahm ihre Geldbörse.
„Der Italiener, ich bezahle selbst und sie sind nach dem Essen verschwunden und sie kommen nicht wieder.“
„Was ist, wenn ich nochmals einen Brief bekomme, den ich ihnen bringen soll?“
„Darüber sprechen wir, nachdem ich den Ersten gelesen habe.“
Wir fuhren mit dem Aufzug hinunter, standen schweigend in unterschiedlichen Ecken. Ich empfand es als ungewöhnlich, dass sie mich im Lift fixierte. Normalerweise vermeiden Menschen in so engen, ausweglosen Räumlichkeiten Blickkontakt mit Fremden.
„Sie wirken nicht gefährlich.“
„Das liegt daran, dass ich nicht gefährlich bin.“
„Das sagen alle, auch die Gefährlichen.“
Schweigend überquerten wir die Straße, setzten uns an einen kleinen Tisch, in einer ruhigen Ecke. Der Kellner kam, notierte unsere Bestellung, servierte die Getränke und ich reichte Pia den Brief. Sie wurde blass, wie sie die Handschrift erkannte, starrte zu mir.
„Sie wären der erste Mann meines Vaters, der nicht gefährlich ist, vielleicht nicht für mich, aber für alle anderen.“
„Dann seien sie beruhigt, ich bin kein Mann ihres Vaters.“
Das glaubte mir Pia nicht, dennoch verzichtete ich auf weitere Ausführungen. Sie las den Brief, mehrfach wenn ich richtige gesehen habe, schließlich faltete sie ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche ihrer Jacke. Unsere Mahlzeit kam und wir aßen schweigend.
Nach dem Essen fragte sie mich, ob ich ihren Vater wiedersehen würde.
Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich das nicht wüsste. Ich nehme es zwar an, zu wann, wo und wie konnte ich hingegend nichts sagen. Normalerweise kommt der Baron vorbei, wenn ihm danach ist, unabhängig von dem, was ich wünsche. Ihr den Sachverhalt zu erklären, ohne zu viel über meine Person preiszugeben, erwies sich als schwierig aber machbar.
Sie nickte, meinte zum Abschied, dass, falls ich ihn nochmals sehe, ihm ausrichten solle, dass sie keine weiteren Briefe mehr von ihm haben wolle. Alles was es zu sagen gab, wurde vor langer Zeit gesagt. Mich bat sie, ganz explizit, nie wieder zu kommen.
Meine Rückreise gestaltete ich genau so verwirrend wie den Hinweg. Nur das Trampen sparte ich mir. Ich bin ja keine fünfzehn mehr.


2.8 Der Baron III 19.04.2019

Seit Deinem Tod ist mein Leben eine Aneinanderreihung von merkwürdigen Ereignissen, aber ich glaube, dass ich das beichtete ich Dir bereits. Dass nach dem 11. Januar nichts mehr so sein wird, wie zuvor, ist wenig überraschend. Dass es werden würde, wie es ist, ahnte ich nicht.
Der Baron machte wieder seine Aufwartung bei mir. Als ich vorgestern zuhause eintraf, saß er mit den drei, mir bereits bekannten Gefolgsleuten in meiner Küche. Einer der Besucher werkelte am Herd, kochte eine vegetarische Pastasoße mit Kapern und Artischocken. Der Baron und seine Leute lernen schnell. Die Männer winkten freundlich, der Baron lächelte bei meinem Eintreten erfreut, begrüßte mich herzlich.
Seine Besuche zeichneten sich immer durch eine gewisse Skurrilität aus, die letzte Visite hinterließ einen anderen, beängstigenden Eindruck. Seit Deinem unerwarteten und ungewollten Tod fühlt sich mein Dasein wie eine einzige Achterbahnfahrt an. Einen Höhepunkt stellte die Geiselnahme durch den Baron dar. An diesem Abend erkannte ich, dass ich Dich nur dann am Leben halten kann, wenn ich bleibe, wo ich bin.
Die Frage die mich seit dem beschäftigt, ist, ob ich in dieser Nacht einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe. Zwischen mir und dem Baron entstand in diesen Stunden eine Verbindung, die ich fast schon als Freundschaft bezeichnen würde – nur was sagt das über mich? In meiner Gegenwart ließ er zwei Menschen erschießen. Ein Doppelmord, bei dem ich Zeuge bin und ich verstecke den Mörder. Er uns seine Männer logieren hier und wir bekochen uns gegenseitig. Und wir saufen zusammen, so wieder geschehen vorgestern Abend.
Ich gesellte mich dazu und der Baron schenkte mir ein Glas Rotwein ein. Vorausschauend hatte bereits ein zusätzliches Glas aus dem Schrank genommen. Er musterte mich mit einem durchdringenden Blick.
Zum Einen erkundigte sich der Baron, ob ich sein Schreiben zustellen konnte, was ich bestätigte. Die Reaktion auf den Brief rief nicht unbedingt Begeisterungsstürme bei dem stolzen Vater hervor. Zum anderen hatte er eine Botschaft für mich.
Was er mir an diesem Abend anvertraute, hat sich bei mir im Kopf festgesetzt, klammert sich wie festgetackert an mein Gehirn, trotz des übermäßigen Alkoholgenusses der letzten Nacht.
Seinen Blick empfand ich, wie bereits gesagt, durchdringend aber nicht böse, mehr prüfend, fast etwas melancholisch. Eingangs erläuterte mir der Baron, dass er nur einer sehr überschaubaren Zahl von Menschen sein Vertrauen schenke. Dafür, so fuhr er fort, gab es gute Gründe. Weshalb er mir vertraue, konnte er nicht sagen, klar wurde jedoch, dass es ihn irritierte.
Ich verstehe den Mann, geht mir ebenso.
Der Baron fuhr fort, fragte, ob ich die Nachrichten verfolge, was ich überwiegend verneinte. Mein Gast klärte mich auf, dass sich ein perfekter Sturm zusammenbraue und er weiter müsse. Seine Präsenz sei an einem anderen Ort dringend von Nöten. Er war bei mir, um sich zu verabschieden und mir ein Geschenk zu überreichen.
Jewgenij begab sich nach draußen und kam mit zwei Koffern zurück. Der Baron öffnete den ersten Rollkoffer und drehte ihn zu mir um. Darin stapelten sich 100.000 € in Scheinen (Haushaltsmischung, keine 500.- € Banknoten) und nochmals 50.000 € in Goldmünzen, Krügerrand wie er mir erläuterte. Er verwies darauf, dass ich nie eine Gegenleistung von ihm verlangte. Im Gegenteil, ich überließ ihm einen Schlüssel zu unserem Haus, hieß ihn willkommen.
Viele, so vertraute er mir an, leisteten wesentlich Geringeres für ihn zu exorbitanten Preisen. Ich hingegen sah davon ab, ihn für 25 Silberlinge zu verkaufen. Stattdessen trank ich mit ihm und den Männern jenen Whisky, den Du mir schenktest. Nachdenklich mich betrachtend, gestand er, dass er mein Handeln nicht versteht. Für ein derartiges Verhalten gibt es keine Referenz in der Welt, in der er lebt. Heute jedoch sei die Zeit gekommen, sich erkenntlich zu zeigen.
Ich weiß, es ist schwer vorstellbar, aber in dem Augenblick wirkte der Mörder fast ein wenig nah am Wasser gebaut. Die Chance, dass ich mir das nur einbilde, ist hoch. Dennoch meine ich, für einen kleinen Moment eine solche Regung erblickt zu haben.
Er bat darum, dass ich das Geld und Gold annehme. Nach seiner Meinung wird es mir helfen, bei dem was kommt. Kopfschüttelnd verbesserte er sich und erklärte, dass diese Dinge mir die Gelegenheit bieten, mich vorzubereiten. Gute Dienste leisten in der Zeit der Not, so führte er aus, würde mir der Inhalt des zweiten Koffers. Er öffnete den Trolley. Darin lagen, eingefräst, in einem, mit schwarzen Samt ausgeschlagenen Schaumstoffblock zwei Walther PPK, beide mit Schalldämpfer ausgerüstet. Er erklärte, dass unter den Waffen 1.000 Schuss Munition und für jede Pistole ein Holster lagerten. Zusätzlich wies er auf eine weitere Tasche mit nochmals 3.000 Patronen hin, die noch im Flur stand. Er blickte prüfend zu mir. Ich empfand die Situation als überfordernd.
Du und ich, wir waren nicht reich, kamen aber gut zurecht. Einen Koffer mit 150.000.-- € habe ich noch nie gesehen. Erfahrung mit Schusswaffen sammelte ich während meiner Zeit bei der Bundeswehr. Bislang überkam mich nie das Verlangen, Gewehre oder Pistolen zu besitzen. Ich sah dafür schlicht keine Notwendigkeit. Jetzt sitze ich hier, vor mir zwei Koffer, einer ist voller Geld und Gold und in einem liegen Waffen und Munition. Ein maximal schlechtes Gefühl gab´s gratis.
Der Baron versicherte mir, dass sowohl die Zahlungsmittel als auch die Pistolen sauber sind. Die Patronen lassen sich ebenfalls nicht zurückzuverfolgen. Dennoch würde ich nicht unerhebliche Schwierigkeiten bekommen, sollte die Polizei die Sachen bei mir finden. Verdammte Axt, ich arbeite auf dem Finanzamt! Namentlich die beiden Schalldämpfer dürften einiges an Fragen provozieren. Was mich zugegebenermaßen am meisten umtreibt, ist das, was der Baron zum Abschluss sagte.
Er vertraute mir an, dass er es hasse, Freunde zu verlieren. Insbesondere da nicht zu viele davon hatte. Mir Schutz zu gewähren, lag momentan bedauerlicherweise außerhalb seiner Möglichkeiten.
Falls Du annimmst, dass damit die Merkwürdigkeiten endeten, muss ich Dich enttäuschen.
Mein Gönner fuhr fort, dass er befürchtete, dass ich es alleine nicht schaffen würde.
Auf die ungehaltene Frage wovon zum Teufel er redet, beantwortete der Baron mit einer fast schon buddahaften Gelassenheit.
In Mombasa sei eine Seuche ausgebrochen. Die Afrikaner glauben, dass die Weißen ihnen eine Art neue Pest gebracht haben. Was es genau ist, darüber kann er keine Auskunft geben, niemand scheint diesbezüglich Informationen zu besitzen, aber so wie es aussieht, breitet die Epidemie sich aus. Es gibt, natürlich nicht bestätigt, Fälle wie die in Afrika auch in China, Indonesien den USA und Brasilien. Europa blieb bislang verschont. Seiner Meinung nach ist es nur eine Frage der Zeit, bis es uns ebenfalls trifft. Die Kontakte des Barons sprechen von chaotischen Zuständen vor Ort. Die Versuche, die Seuche einzudämmen sind ohne Ergebnis geblieben.
Ich hörte davon, schaffte es jedoch, bis der Baron damit anfing, die Angelegenheit erfolgreich zu verdrängen. Verwackelte Videos im Internet die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworteten. Es gibt einige dürre Verlautbarungen von den UN und betroffnen Regierungen. Schlauer ist man nicht, wenn man die gelesen hat. Das einzige was mich, zumindest jetzt in diesem Moment beunruhigt, sind die Reisewarnungen für Afrika (ganzer Kontinent), China und Indonesien. Von den USA beziehungsweise Südamerika sprach bislang niemand.
Ob es so kommt oder auch nicht bzw. ob es so ist, der Baron zeigte sich jedenfalls aufrichtig um meine Sicherheit besorgt. Um sein eigenes Wohlergehen schien er sich nicht zu sorgen, ein, wie ich finde, durchaus bemerkenswertes Detail. Andererseits, vielleicht doch nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, wo überall auf der Welt Haftbefehle für den Mann existieren. Trotzdem geht er bei mir ein und aus, als ob er sich beim Nachbarn Zucker borgen will.
Auf meine Frage was genau ich denn nicht schaffen würde meinte er nur „überleben“.
Ausdrücklich darum gebeten, erläuterte er den Sachverhalt.
Nach seiner Ansicht fehlt mir der Killerinstinkt, um mich in einer Gesellschaft die sich in Auflösung befindet bzw. aufgelöst hat zu behaupten.
Das mag so sein, aber das sind Fragen, die sich mir bislang nie stellten. Zumindest nicht bis ich mit zwei Koffern voller Waffen, Munition, Geld und Gold bei mir in der Küche saß.
Wie reagieren zivilisierte Menschen, wenn die Ordnung in der sie leben endet? Wo fangen sie an, wann hören sie auf? Was sind sie bereit, zu tun – und was nicht? Mir fiel ein Wochenende mit unseren Freunden ein. Ein knappes Jahr vor Deinem Tod, haben wir uns an diesen verregneten, stürmischen Tagen die erste Staffel von „The Walking Dead“ angesehen. Nicht mit der Erwartung, daraus etwas für das Leben zu lernen. Wir genossen die Zeit unter Freunden, mit Pizza, Popcorn, Bier, spätem Frühstück, Diskussionen und viel Fernsehen. Wir waren uns auf jeden Fall sicher, dass wir das alles sehr viel besser angehen würden. An jenem Wochenende schworen wir uns, die Apokalypse, so sie denn ausbricht, gemeinsam zu überstehen.
Das ist jetzt über ein Jahr her – mir kommt es so vor, als sei dieses Treffen vor einer Ewigkeit gewesen. Seit Deinem Tod habe ich mit den Freunden von damals keinen Kontakt mehr. Sie versuchten, mir zu helfen, bei mir zu sein, doch ich blockte sie alle ab. Nachdem dem Du mich verlassen hast, ist mir menschliche Gesellschaft schnell zu viel, häufig sogar unerträglich.
Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass mein Rückzug kein Problem ist. Uns verbindet meist eine jahrzehntelange Freundschaft. Einige kenne ich noch nicht so lange, dafür intensiv. Nur, was soll ich ihnen sagen? Freunde, die Apokalypse ist im Anrollen, kommt zu mir? Und dann? Nachdem was der Baron sagte, wäre das wohl ihr Todesurteil.
Den Rest des Abends verbrachten wir überwiegend schweigend. Das Essen, das Peer kochte, war vorzüglich. Nur der Koch selbst meint, dass das Fleisch fehlen würde. Eine Ansicht, der ich erkennbar nicht zustimmte.


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