Des Königs fiese Tochter

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anbas

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Des Königs fiese Tochter
Version vom 19.12.2013

In einem fernen Lande lebte bis vor kurzem ein König. Dieser war alleinerziehender Vater einer total verwöhnten Tochter namens Rapunzel. Das Kind – es befand sich im besten Teenager-Alter – ging nicht nur ihm, sondern dem gesamten Hofstaat, regelmäßig auf die Nerven. Alle Bewohner des Schlosses konnten die Königin gut verstehen, dass sie eines Nachts heimlich den Besen der Haushexe bestiegen und das Weite gesucht hatte. Selbst der König musste eingestehen, dass seine Ex-Frau das Klügste getan hatte, was man in solch einer Situation hätte tun können. Er selber hatte ähnliche Pläne gehabt, doch die erfolglose Suche nach dem Hausflaschengeist hatte ihn nur in ein tiefes, lang anhaltendes Delirium fallen lassen. Als er schwer verkatert davon aufwachte, war die Frau Königin schon längst verschwunden gewesen. Nun wohnte er also mit seiner Tochter in einem Schloss, das gar nicht groß genug sein konnte, um ihr erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Damit er wenigstens ab und zu seine Ruhe hatte, ermunterte er sie regelmäßig dazu, in den Schlosspark spielen zu gehen.

Weil Rapunzel nun wirklich ein sehr verwöhntes, gemeines und arrogantes Einzelkind war – wobei hier nicht grundsätzlich etwas gegen Einzelkinder gesagt werden soll – hatte sie nur einen einzigen Freund. Der hieß Hänsel und war sehr hässlich. Er hatte einen Buckel und arbeitete als Glöckner in der Schlosskapelle. Wann immer er Zeit hatte, traf er sich mit Prinzessin Rapunzel. Sie war die Einzige, die sich mit ihm abgab. Dafür ertrug er auch ihre üblen Launen und manchmal wirklich garstigen Bemerkungen.

Eines Tages spielten die Prinzessin und Hänsel im Schlossgarten. Sie warfen sich gegenseitig Rapunzels goldene Lieblingskugel zu. Da die Prinzessin schielte – ein genetischer Fehler väterlicherseits – hatte sie große Probleme beim Fangen. Als sie nun zum wiederholten Male danebengriff, erbebte sie vor Zorn.

"Du bist schuld!", brüllte sie und schleuderte die Kugel mit aller Kraft in Hänsels Richtung.

Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als beherzt zur Seite zu springen. Und so kam es, dass die goldene Kugel in den Brunnen fiel, der sich nur wenige Meter hinter Hänsel befand. Für einen Moment war es still, totenstill. Doch dann zeterte Rapunzel erst richtig los. Hänsel befürchtete daraufhin sogar Handgreiflichkeiten und zog sich fluchtartig in den Glockenturm der Schlosskapelle zurück.

Nun war die Prinzesin also allein auf weiter Flur. Wütend stapfte sie zum Brunnen. Als sie ihn erreicht hatte, drang lautes Fluchen aus der Tiefe seines Schachtes zu ihr empor. Neugierig beugte sie sich über den Brunnenrand.

"Hallo? Ist da jemand?", rief sie in den Schacht hinunter – eine ziemlich blöde Frage, wie sie später selber zugeben musste, war doch die fluchende Stimme deutlich zu hören gewesen.

"Welch blöde Frage!", schallte es aus der Tiefe hinauf. "Natürlich ist hier jemand, du blöde Göre!"

Bevor Rapunzel empört wegen dieser Worte antworten konnte, entdeckte sie eine Leiter, die in die Tiefe des Schachtes führte, auf der eine Gestalt aus der Dunkelheit des Brunnens nach oben stieg. Es war ein Frosch – ein Breitmaulfrosch, um es genau zu sagen. In seinem Maul hielt er die goldene Kugel der Prinzessin.

"Zum Glück ist es ein Breitmaulfrosch. Sonst hätte er mir die Kugel nicht mitbringen können", dachte Rapunzel.

Als der Frosch vor Anstrengung keuchend den Brunnenrand erreicht hatte, nahm er die goldene Kugel aus dem Maul und legte sie neben sich. Auf seinem Kopf prangte eine große Beule, die sich leuchtend rot von der ansonsten graugrünen Haut des Frosches abhob.

"Oh Mann, seit ich nicht mehr als Wetterfrosch irgendwelche Leitern hoch- und runterklettern muss, habe ich keine Kondition mehr", japste er. Dann wandte er sich Rapunzel zu. Grimmig schaute er sie an und strich sich über die Beule, die immer noch ein wenig zu wachsen schien. Doch da er ein gut erzogener Frosch war, stellte er sich ihr zunächst einmal vor.

"Guten Tag! Ich heiße Rumpelstilzchen und bin ein verzauberter Kachelmann!"

"Ist mir egal", antwortete Rapunzel. "Jetzt wisch gefälligst deinen Sabber von meiner Kugel und gib sie mir!"

"Nicht so hastig, du blöde Göre!" erwiderte der Frosch. "Immerhin ist dies hier so etwas wie ein Märchen. Deshalb musst du zunächst drei Prüfungen bestehen, bevor du die Kugel wiederbekommst."

"Du hast ja wohl ein Rad ab!", fauchte die Prinzessin. "Entweder du gibst mir meine Kugel sofort zurück, oder du machst Bekanntschaft mit unserem französischen Koch!"

Der Frosch grinste breit.

"Ach ja? Dann muss er mich aber erst mal finden!". Sprach's, warf die Kugel in den Brunnen zurück und sprang hinterher.

"Scheiße, kein Wasser!" hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten "Platsch" machte.

Mies gelaunt kehrte die Prinzessin in das Schloss zurück. Dort studierte der König gerade einen Info-Flyer des Vereins "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V.". Er wusste bezüglich seiner Tochter einfach nicht mehr weiter. Was hatte er nicht alles getan, um sie in den Griff zu bekommen. Doch alle seine Versuche waren ins Leere gelaufen. Selbst die Verbannung in den höchsten Schlossturm hatte zu nichts geführt. Rapunzel war sofort in einen Streik getreten. In dessen Verlauf hatte sie sich weder gewaschen noch sonst irgendwie gepflegt. So wuchsen auch ihre Haare immer weiter. Eines Tages reichten sie dann bis auf den Boden des Turmes hinunter. Dies nutze wiederum der Lehrling eines stadtbekannten Friseurs dazu, Rapunzel regelmäßig zu besuchen, in dem er mit Hilfe ihrer Haare den Turm erklomm. Aus diesen Besuchen entwickelte sich eine Affäre, die den König beinahe in Verruf gebracht hätte. In letzter Minute beendete er daher die Verbannung.

Ratlos hatte er sich dann an eine Erziehungsberatungsstelle gewandt. Doch die zuständige Psychologin, eine Frau Holle, konnte ihm auch nicht helfen. Selbst das Jugendamt hatte kein passendes Hilfeangebot für den König parat und schickte ihn mit der Begründung, das Schloss läge außerhalb des Zuständigkeitsbereiches, wieder zurück. In seiner Not versuchte der König sogar, seine Tochter auf sehr fragwürdige Art und Weise loszuwerden. So hatte er sie zusammen mit Hänsel in den königlichen Wald geschickt. Doch musste er feststellen, dass in Zeiten von gekennzeichneten Wanderwegen die Wälder von heute auch nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Als Hänsel und Rapunzel dann doch irgendwann die im Wald lebende Hexe fanden, stellte diese sich schon nach kurzer Zeit den strafverfolgenden Behörden und gestand alle ihre Untaten aus den letzten dreihundertachtundvierzig Jahren.

Auch der Versuch, Rapunzel im Rahmen von Sozialauflagen zu erziehen, misslang. So hatte der König sie für mehrere Wochen in eine weit außerhalb des Königreiches liegende siebenköpfige Männer-WG geschickt. Deren Bewohner waren allesamt kleinwüchsig und es hieß, dass sie mit ihren täglichen Aufgaben in ihrer Wohnung überfordert wären. Aber bereits nach wenigen Tagen brachten die Bewohner sie zurück. Man wäre jetzt in der Lage, sich selber um den Haushalt zu kümmern, war die sehr knapp gefasste Begründung.

Nun war der Verein "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." seine letzte Hoffnung. Doch gerade als er sich den Flyer des Vereins genauer ansehen wollte, platzte Rapunzel maulend in sein Zimmer.

"Du musst mir sofort eine neue goldene Kugel besorgen!", herrschte sie an. "Wenn nicht, rede ich nie wieder mit dir!"

"Okay, der Deal gilt", sagte der König und grinste fast so breit, wie vor wenigen Minuten der Breitmaulfrosch gegrinst hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich Rapunzel um und verließ die königlichen Gemächer. Da sie seit ihrer Zeit in dem Turm unter Höhenangst litt – das behauptete sie zumindest – befanden sich ihre Zimmer im Keller des Schlosses, direkt neben der Folterkammer. Sie liebte die Geräusche, die von dort aus hin und wieder an ihr Ohr drangen und ihre Phantasie beflügelten.

In ihrem Wohngemach angekommen ging sie einige Zeit ziellos auf und ab. Noch bebte sie vor Zorn. An diesem Tag war wirklich alles schiefgelaufen. Es dauerte einige Zeit, bis sie wenigstens etwas zur Ruhe kam. Dann fiel ihr ein, dass Hänsel bald Geburtstag hatte und ihr Geschenk für ihn noch nicht fertig war. Es sollte ein Buckelwärmer werden, den sie eigens für ihn nähen wollte. So nahm sie sich ihr Nähzeug und begann mit der Arbeit. Da ihr Ärger aber noch nicht ganz verraucht war und sie sich deshalb nicht so gut konzentrieren konnte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Nun war es so, dass die Prinzessin kein Blut sehen konnte. Daher fiel sie sofort in Ohnmacht. Es war eine tiefe Ohnmacht, sehr tief, beinahe schon komatös.

Als der König davon erfuhr, frohlockte er. In aller Eile packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg nach Nimmerland. Zuvor aber ließ er noch eine dichte Dornenhecke um das gesamte Schloss herum pflanzen.

Die Ruhe, die der König in Nimmerland fand, währte jedoch nicht lange. Nachdem nämlich das "Nimmerländische Tageblatt" des Verlages Grimm & Co von der Geschichte erfuhr und sie groß herausbrachte, wurde der König wegen Gefährdung des Kindeswohls vor Gericht gestellt. Er erhielt aber aufgrund der Begleitumstände eine milde Bewährungsstrafe. Seit dem lebt er unter einem anderen Namen in einer Seniorenwohnanlage des Roten Kreuzes.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes dagegen wurden dazu verurteilt, Rapunzel wieder wachzuküssen. Diese kam dann in ein Heim und machte später bei der Sendung "Dumm Sein und Dumm Singen" Karriere. Sie heiratete Hänsel einmal mehr als sie sich von ihm scheiden ließ. Und wenn sie nicht gerade in einer Drogenklinik ist, dann singt sie auch noch heute.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

anbas

Mitglied
Hallo rogathe,

schön, dass Dir die Geschichte gefällt. Dir und auch den anderen "Bewertern" vielen Dank :)!

Liebe Grüße

Andreas
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo anbas,

"Scheiße, kein Wasser!" hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten "Platsch" machte.
Als ich das las, hätte ich auch beinahe gebrüllt - vor lachen.
Nein - das war nicht die einzige Stelle. Der intelligente Blödsinn hat noch viele derartige Brüller parat. Also - Daumen hoch und ganz oben ins anonyme Bewertungsregal gelangt.

Gruß Ralph
 

anbas

Mitglied
Hallo Ralph,

ich freue mich sehr über Deine Rückmeldung. "Intelligenter Blödsinn" - das gefällt mir :D.

Liebe Grüße und vielen Dank für den Griff in die höheren Regalfächer!

Andreas
 
E

eisblume

Gast
Mei, ist das pfiffig :)
Das hat mir jetzt wirklich ein großes Lesevergnügen bereitet, da hab ich auch keine Lust, nach Erbsen zu suchen ;)

Lieben Gruß
eisblume
 

anbas

Mitglied
@ Joneda,
vielen Dank für das Lob und liebe Grüße auch an Deine Tochter!

@ eisblume,
auch Dir lieben Dank! Hm, ein paar Erbsen habe ich aber noch gefunden. Werde wohl in Kürze ein paar "redaktionelle" Änderungen vornehmen.

Liebe Grüße

Andreas
 

ackermann

Mitglied
Hallo @anbas,

deine Geschichte hat mir wirklich sehr gut gefallen
Ich liebe diese Art von trockenem Humor gepaart mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Herrlich. Habe mich königlich amüsiert.
:)))
 
E

eisblume

Gast
Ich habe ja nicht gsagt, dass es keine Erbsen gäbe, ich mag nur nicht danach suchen. Aber wenn du selbst schon fündig geworden bist, hat es sich vielleicht ja eh erledigt ;)

Lieben Gruß
eisblume
 

anbas

Mitglied
@ ackermann,
vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich freue mich sehr, dass diese Geschichte so gut abgeht!

@ eisblume,
oh, Du bist durchaus eingeladen, nach Erbsen zu suchen. Aber warte bitte ab, bis ich mit meiner Erbsenzählerei fertig bin. Schließlich bin ich auch in der LL, um zu lernen. Und vielleicht findest Du ja noch ein paar für mich lehreiche Erbsen ;).

Liebe Grüße an Euch beiden

Andreas
 

anbas

Mitglied
Des Königs fiese Tochter

In einem fernen Lande lebte bis vor kurzem ein König. Dieser war alleinerziehender Vater einer total verwöhnten Tochter namens Rapunzel. Das Kind – es befand sich im besten Teenager-Alter – ging nicht nur ihm, sondern dem gesamten Hofstaat, regelmäßig auf die Nerven. Alle Bewohner des Schlosses konnten die Königin gut verstehen, dass sie eines Nachts heimlich mit dem Besen der Haushexe auf und davon geflogen war. Selbst der König musste eingestehen, dass seine Ex-Frau das Klügste getan hatte, was man in solch einer Situation hätte tun können. Er selber war ähnlichen Plänen nachgegangen, doch während der erfolglosen Suche nach dem Hausflaschengeist war er ganz überraschend in ein tiefes, lang anhaltendes Delirium gefallen. Als er dann schwer verkatert davon aufgewacht war, hatte die Frau Königin schon längst das Königreich verlassen und ward nie wieder gesehen worden. Nun wohnte er also mit seiner Tochter in einem Schloss, das gar nicht groß genug sein konnte, um ihr erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Damit er wenigstens ab und zu seine Ruhe hatte, ermunterte er sie regelmäßig dazu, in den Schlosspark zum Spielen zu gehen.

Weil Rapunzel nun wirklich ein sehr verwöhntes, gemeines und arrogantes Einzelkind war – wobei hier nicht grundsätzlich etwas gegen Einzelkinder gesagt werden soll – hatte sie nur einen einzigen Freund. Der hieß Hänsel und war sehr hässlich. Auf der rechten Seite seines Rückens erhob sich ein stattlicher Buckel. Hänsel arbeitete als Glöckner in der Schlosskapelle, und wann immer er Zeit hatte, traf er sich mit Prinzessin Rapunzel. Sie war die Einzige, die sich mit ihm abgab. Dafür ertrug er auch ihre üblen Launen und manchmal wirklich garstigen Bemerkungen.

Eines Tages spielten die Prinzessin und Hänsel im Schlossgarten. Sie warfen sich gegenseitig Rapunzels goldene Lieblingskugel zu. Da die Prinzessin schielte – ein genetischer Fehler väterlicherseits – hatte sie große Probleme beim Fangen. Als sie nun zum wiederholten Male danebengriff, erbebte sie vor Zorn.

"Du bist schuld!", brüllte sie und schleuderte die Kugel mit aller Kraft in Hänsels Richtung.

Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als beherzt zur Seite zu springen. Und so kam es, dass die goldene Kugel in den Brunnen fiel, der sich nur wenige Meter hinter Hänsel befand. – Für einen Moment war es still, totenstill. Doch dann zeterte Rapunzel erst richtig los. Hänsel befürchtete sogar Handgreiflichkeiten und zog sich fluchtartig in den Glockenturm der Schlosskapelle zurück.

Nun war die Prinzesin also allein auf weiter Flur. Wütend stapfte sie zum Brunnen. Als sie ihn erreicht hatte, drang lautes Fluchen aus der Tiefe seines Schachtes zu ihr empor. Neugierig beugte sie sich über den Brunnenrand.

"Hallo? Ist da jemand?", rief sie in den Schacht hinunter – eine ziemlich blöde Frage, wie sie später selber zugeben musste, war doch die fluchende Stimme deutlich zu hören gewesen.

"Welch blöde Frage!", schallte es aus der Tiefe hinauf. "Natürlich ist hier jemand, du dumme Göre!"

Bevor Rapunzel empört wegen dieser Worte antworten konnte, entdeckte sie eine Leiter, die in die Tiefe des Schachtes führte, und an der eine Gestalt aus der Dunkelheit des Brunnens nach oben stieg. Es war ein großer Frosch – ein Breitmaulfrosch, um es genau zu sagen. In seinem Maul hielt er die goldene Kugel der Prinzessin.

"Zum Glück ist es ein Breitmaulfrosch. Sonst hätte er mir die Kugel nicht mitbringen können", dachte Rapunzel.

Als der Frosch vor Anstrengung keuchend den Brunnenrand erreicht hatte, nahm er die goldene Kugel aus dem Maul und legte sie neben sich. Auf seinem Kopf prangte eine große Beule, die sich leuchtend rot von seiner ansonsten graugrünen Haut abhob.

"Oh Mann, seit ich nicht mehr als Wetterfrosch irgendwelche Leitern hoch- und runterklettern muss, habe ich überhaupt keine Kondition mehr", japste er. Dann wandte er sich mit grimmigem Blick Rapunzel zu. Vorsichtig strich sich über die Beule, die immer noch ein wenig zu wachsen schien. Doch da er ein gut erzogener Frosch war, stellte er sich ihr zunächst einmal vor.

"Guten Tag! Ich heiße Rumpelstilzchen und bin ein verzauberter Kachelmann!"

"Ist mir doch egal", antwortete Rapunzel. "Jetzt wisch gefälligst deinen Sabber von meiner Kugel und gib sie mir!"

"Nicht so hastig, du blöde Göre!" erwiderte der Frosch. "Immerhin ist dies hier so etwas wie ein Märchen. Deshalb musst du zunächst drei Prüfungen bestehen, bevor du die Kugel wiederbekommst."

"Du hast ja wohl ein Rad ab!", fauchte die Prinzessin. "Entweder du gibst mir meine Kugel sofort zurück, oder du machst Bekanntschaft mit unserem französischen Koch!"

Der Frosch grinste breit.

"Ach ja? Dann muss er mich aber erst mal finden!". Sprach's, warf die Kugel in den Brunnen zurück und sprang hinterher.

"Scheiße, kein Wasser!" hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten "Platsch" machte.

Mies gelaunt kehrte die Prinzessin in das Schloss zurück. Dort studierte der König gerade einen Info-Flyer des Vereins "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V.". Er wusste bezüglich seiner Tochter einfach nicht mehr weiter. Was hatte er nicht alles schon unternommen, um sie in den Griff zu bekommen. Doch alle seine Versuche waren ins Leere gelaufen. Selbst die Verbannung in den höchsten Schlossturm hatte zu nichts geführt. Rapunzel war sofort in einen Streik getreten. In dessen Verlauf hatte sie sich weder gewaschen noch sonst irgendwie gepflegt. So waren auch ihre Haare immer weiter gewachsen. Eines Tages hatten diese dann bis auf den Boden des Turmes gereicht. Das wiederum war von dem Lehrling eines stadtbekannten Friseurs dazu genutzt worden, Rapunzel regelmäßig zu besuchen, in dem er mit Hilfe ihrer Haare den Turm erklommen hatte. Aus diesen Besuchen wäre es wohl zu einer Affäre gekommen, die den König bei Bekanntwerden sehr in Verruf gebracht hätte. In letzter Minute hatte er daher die Verbannung wieder aufgehoben.

Ratlos hatte er sich dann an eine Erziehungsberatungsstelle gewandt. Doch die zuständige Psychologin, eine Frau Holle, war auch nicht in der Lage gewesen, ihm zu helfen. Selbst das Jugendamt hatte kein passendes Hilfeangebot für den König parat gehabt und hatte ihn mit der Begründung, das Schloss läge außerhalb des Zuständigkeitsbereiches, wieder zurückgeschickt. In seiner Not war der König sogar zu sehr fragwürdigen Methoden übergegangen, um seine Tochter loszuwerden. So hatte er sie zusammen mit Hänsel in den königlichen Wald geschickt. Doch hatte er feststellen müssen, dass in Zeiten von gekennzeichneten Wanderwegen die Wälder von heute auch nicht mehr das waren, was sie einmal gewesen waren. Als Hänsel und Rapunzel dann doch irgendwann der im Wald lebenden Hexe begegnet waren, hatte diese sich schon nach kurzer Zeit den strafverfolgenden Behörden gestellt und alle ihre Untaten aus den letzten dreihundertachtundvierzig Jahren gestanden.

Auch der Versuch, Rapunzel im Rahmen von Sozialauflagen zu erziehen, war misslungen. So hatte der König sie für mehrere Wochen in eine weit außerhalb des Königreiches liegende siebenköpfige Männer-WG geschickt. Deren Bewohner waren allesamt kleinwüchsig, und es hieß, dass sie mit ihren täglichen Aufgaben in ihrer Wohnung völlig überfordert gewesen wären. Aber bereits nach wenigen Tagen hatten sie Rapunzel wieder zurück geschickt. Man wäre jetzt in der Lage, sich selber um den Haushalt zu kümmern, hatte die sehr knapp gefasste Begründung gelautet.

Nun war der Verein "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." des Königs letzte Hoffnung. Doch gerade als er sich den Flyer des Vereins genauer ansehen wollte, platzte seine Tochter maulend in das Zimmer.

"Du musst mir sofort eine neue goldene Kugel besorgen!", herrschte sie an. "Wenn nicht, rede ich nie wieder mit dir!"

"Okay, der Deal gilt", sagte der König und grinste fast so breit, wie vor wenigen Minuten der Breitmaulfrosch noch gegrinst hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich Rapunzel um und verließ die königlichen Gemächer. Da sie seit ihrer Zeit in dem Turm unter Höhenangst litt – das behauptete sie zumindest – befanden sich ihre Zimmer nun im Keller des Schlosses, direkt neben der Folterkammer. Sie liebte die Geräusche, die von dort aus hin und wieder an ihr Ohr drangen und ihre Phantasie beflügelten.

In ihrem Wohngemach angekommen ging sie einige Zeit ziellos auf und ab. Noch bebte sie vor Zorn. An diesem Tage war wirklich alles schiefgelaufen. Es dauerte einige Zeit, bis sie wenigstens etwas zur Ruhe kam. Dann fiel ihr ein, dass Hänsel bald Geburtstag hatte und ihr Geschenk für ihn noch nicht fertig war. Es sollte ein Buckelwärmer werden, den sie eigens für ihn nähen wollte. So nahm sie sich ihr Nähzeug und begann mit der Arbeit. Da ihr Ärger aber immer noch in ihr nagte und sie deshalb nicht so gut konzentriert bei der Sache war, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Nun war es so, dass die Prinzessin kein Blut sehen konnte. Daher fiel sie sofort in Ohnmacht. Es war eine tiefe Ohnmacht, sehr tief, beinahe schon komatös.

Als der König davon erfuhr, frohlockte er. Dies war seine Chance. In aller Eile ließ er seine Sachen packen und machte sich auf den Weg nach Nimmerland. Zuvor aber befahl er seinen Gärtnern noch, eine dichte Dornenhecke um das Schloss herum zu pflanzen.

Die Ruhe, die der König in Nimmerland fand, währte jedoch nicht lange. Nachdem nämlich das "Nimmerländische Tageblatt" des Verlages Grimm & Co von der Geschichte erfuhr und sie groß herausbrachte, wurde der König wegen Gefährdung des Kindeswohls vor Gericht gestellt. Er erhielt aber aufgrund der schwierigen Begleitumstände eine milde Bewährungsstrafe. Seit dem lebt er unter einem anderen Namen in einer Seniorenwohnanlage des Roten Kreuzes.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes dagegen wurden dazu verurteilt, Rapunzel wieder wachzuküssen. Diese kam dann in ein Heim und machte später bei der Sendung "Dumm Sein und Dumm Singen" Karriere. Sie heiratete Hänsel einmal mehr als sie sich von ihm scheiden ließ. Und wenn sie nicht gerade in einer Drogenklinik ist, dann singt sie auch noch heute.
 

anbas

Mitglied
So, ich habe mich auf Erbsensuche gemacht und hier und da etwas geändert. Jetzt hoffe ich, dass ich nichts verschlimmbessert habe ;).
Liebe Grüße
Andreas
 

anbas

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Des Königs fiese Tochter

In einem fernen Lande lebte bis vor kurzem ein König. Dieser war alleinerziehender Vater einer total verwöhnten Tochter namens Rapunzel. Das Kind – es befand sich im besten Teenager-Alter – ging nicht nur ihm, sondern dem gesamten Hofstaat, regelmäßig auf die Nerven. Alle Bewohner des Schlosses konnten die Königin gut verstehen, dass sie eines Nachts heimlich mit dem Besen der Haushexe auf und davon geflogen war. Selbst der König musste eingestehen, dass seine Ex-Frau das Klügste getan hatte, was man in solch einer Situation hätte tun können. Er selber war ähnlichen Plänen nachgegangen, doch während der erfolglosen Suche nach dem Hausflaschengeist war er ganz überraschend in ein tiefes, lang anhaltendes Delirium gefallen. Als er dann schwer verkatert davon aufgewacht war, hatte die Frau Königin schon längst das Königreich verlassen und ward nie wieder gesehen worden. Nun wohnte er also mit seiner Tochter in einem Schloss, das gar nicht groß genug sein konnte, um ihr erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Damit er wenigstens ab und zu seine Ruhe hatte, ermunterte er sie regelmäßig dazu, in den Schlosspark zum Spielen zu gehen.

Weil Rapunzel nun wirklich ein sehr verwöhntes, gemeines und arrogantes Einzelkind war – wobei hier nicht grundsätzlich etwas gegen Einzelkinder gesagt werden soll – hatte sie nur einen einzigen Freund. Der hieß Hänsel und war sehr hässlich. Auf der rechten Seite seines Rückens erhob sich ein stattlicher Buckel. Hänsel arbeitete als Glöckner in der Schlosskapelle, und wann immer er Zeit hatte, traf er sich mit Prinzessin Rapunzel. Sie war die Einzige, die sich mit ihm abgab. Dafür ertrug er auch ihre üblen Launen und manchmal wirklich garstigen Bemerkungen.

Eines Tages spielten die Prinzessin und Hänsel im Schlossgarten. Sie warfen sich gegenseitig Rapunzels goldene Lieblingskugel zu. Da die Prinzessin schielte – ein genetischer Fehler väterlicherseits – hatte sie große Probleme beim Fangen. Als sie nun zum wiederholten Male danebengriff, erbebte sie vor Zorn.

"Du bist schuld!", brüllte sie und schleuderte die Kugel mit aller Kraft in Hänsels Richtung.

Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als beherzt zur Seite zu springen. Und so kam es, dass die goldene Kugel in den Brunnen fiel, der sich nur wenige Meter hinter Hänsel befand. – Für einen Moment war es still, totenstill. Doch dann zeterte Rapunzel erst richtig los. Hänsel befürchtete sogar Handgreiflichkeiten und zog sich fluchtartig in den Glockenturm der Schlosskapelle zurück.

Nun war die Prinzesin also allein auf weiter Flur. Wütend stapfte sie zum Brunnen. Als sie ihn erreicht hatte, drang lautes Fluchen aus der Tiefe seines Schachtes zu ihr empor. Neugierig beugte sie sich über den Brunnenrand.

"Hallo? Ist da jemand?", rief sie in den Schacht hinunter – eine ziemlich blöde Frage, wie sie später selber zugeben musste, war doch die fluchende Stimme deutlich zu hören gewesen.

"Welch blöde Frage!", schallte es aus der Tiefe hinauf. "Natürlich ist hier jemand, du dumme Göre!"

Bevor Rapunzel empört wegen dieser Worte antworten konnte, entdeckte sie eine Leiter, die in die Tiefe des Schachtes führte, und an der eine Gestalt aus der Dunkelheit des Brunnens nach oben stieg. Es war ein großer Frosch – ein Breitmaulfrosch, um es genau zu sagen. In seinem Maul hielt er die goldene Kugel der Prinzessin.

"Zum Glück ist es ein Breitmaulfrosch. Sonst hätte er mir die Kugel nicht mitbringen können", dachte Rapunzel.

Als der Frosch vor Anstrengung keuchend den Brunnenrand erreicht hatte, nahm er die goldene Kugel aus dem Maul und legte sie neben sich. Auf seinem Kopf prangte eine große Beule, die sich leuchtend rot von seiner ansonsten graugrünen Haut abhob.

"Oh Mann, seit ich nicht mehr als Wetterfrosch irgendwelche Leitern hoch- und runterklettern muss, habe ich überhaupt keine Kondition mehr", japste er. Dann wandte er sich mit grimmigem Blick Rapunzel zu. Vorsichtig strich sich über die Beule, die immer noch ein wenig zu wachsen schien. Doch da er ein gut erzogener Frosch war, stellte er sich ihr zunächst einmal vor.

"Guten Tag! Ich heiße Rumpelstilzchen und bin ein verzauberter Kachelmann!"

"Ist mir doch egal", antwortete Rapunzel. "Jetzt wisch gefälligst deinen Sabber von meiner Kugel und gib sie mir!"

"Nicht so hastig, du blöde Göre!" erwiderte der Frosch. "Immerhin ist dies hier so etwas wie ein Märchen. Deshalb musst du zunächst drei Prüfungen bestehen, bevor du die Kugel wiederbekommst."

"Du hast ja wohl ein Rad ab!", fauchte die Prinzessin. "Entweder du gibst mir meine Kugel sofort zurück, oder du machst Bekanntschaft mit unserem französischen Koch!"

Der Frosch grinste breit.

"Ach ja? Dann muss er mich aber erst mal finden!". Sprach's, warf die Kugel in den Brunnen zurück und sprang hinterher.

"Scheiße, kein Wasser!" hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten "Platsch" machte.

Mies gelaunt kehrte die Prinzessin in das Schloss zurück. Dort studierte der König gerade einen Info-Flyer des Vereins "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V.". Er wusste bezüglich seiner Tochter einfach keinen Rat mehr. Was hatte er nicht schon alles unternommen, um sie in den Griff zu bekommen. Doch sämtliche Versuche waren ins Leere gelaufen. Selbst die Verbannung in den höchsten Schlossturm hatte zu nichts geführt. Rapunzel war sofort in einen Streik getreten. In dessen Verlauf hatte sie sich weder gewaschen noch sonst irgendwie gepflegt. So waren auch ihre Haare immer weiter gewachsen. Eines Tages hatten diese dann bis auf den Boden des Turmes gereicht. Das wiederum war von dem Lehrling eines stadtbekannten Friseurs dazu genutzt worden, Rapunzel regelmäßig zu besuchen, in dem er mit Hilfe ihrer Haare den Turm erklommen hatte. Aus diesen Besuchen wäre es wohl zu einer Affäre gekommen, die den König bei Bekanntwerden sehr in Verruf gebracht hätte. Daher hatte er die Verbannung recht bald wieder aufgehoben.

Ratlos hatte er sich dann an eine Erziehungsberatungsstelle gewandt. Doch die zuständige Psychologin, eine Frau Holle, war auch nicht in der Lage gewesen, ihm zu helfen. Selbst das Jugendamt hatte dem König kein passendes Hilfeangebot anbieten können und mit der Begründung, das Schloss läge außerhalb des Zuständigkeitsbereiches, jegliche Unterstützung abgelehnt. In seiner Not war der König sogar zu sehr fragwürdigen Methoden übergegangen, um seine Tochter loszuwerden. So hatte er sie zusammen mit Hänsel in den königlichen Wald geschickt und gehofft, dass sie sich dort verlaufen und nie wieder zurückkehren würden. Außerdem sollte in dem Wald eine äußerst böse, gefährliche und auf Kindesentführung spezialisierte Hexe leben. Doch hatte der König feststellen müssen, dass in Zeiten von gekennzeichneten Wanderwegen die Wälder von heute auch nicht mehr das waren, was sie einst gewesen waren. Als Hänsel und Rapunzel dann doch irgendwann der Hexe begegnet waren, hatte diese sich schon nach kurzer Zeit den strafverfolgenden Behörden gestellt und alle ihre Untaten aus den letzten dreihundertachtundvierzig Jahren gestanden.

Auch der Versuch, Rapunzel im Rahmen von Sozialauflagen zu erziehen, war misslungen. So hatte der König sie in eine weit außerhalb des Königreiches liegende siebenköpfige Männer-WG bringen lassen. Deren Bewohner waren allesamt kleinwüchsig, und es hieß, dass sie mit ihren alltäglichen Aufgaben in ihrer Wohnung völlig überfordert sein sollten. Aber bereits nach wenigen Tagen hatten sie Rapunzel wieder zurück geschickt. Man wäre jetzt in der Lage, sich selber um den Haushalt zu kümmern, hatte die sehr knapp gefasste Begründung gelautet.

Nun war der Verein "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." des Königs letzte Hoffnung. Doch gerade als er sich den Flyer des Vereins genauer ansehen wollte, platzte seine Tochter maulend in das Zimmer.

"Du musst mir sofort eine neue goldene Kugel besorgen!", herrschte sie an. "Wenn nicht, rede ich nie wieder mit dir!"

"Okay, der Deal gilt", sagte der König und grinste fast so breit, wie vor wenigen Minuten der Breitmaulfrosch noch gegrinst hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich Rapunzel um und verließ die königlichen Gemächer. Da sie seit ihrer Zeit in dem Turm unter Höhenangst litt – das behauptete sie zumindest – befanden sich ihre Zimmer nun im Keller des Schlosses, direkt neben der Folterkammer. Sie liebte die Geräusche, die von dort aus hin und wieder an ihr Ohr drangen und ihre Phantasie beflügelten.

In ihrem Wohngemach angekommen ging sie einige Zeit ziellos auf und ab. Noch bebte sie vor Zorn. An diesem Tage war wirklich alles schiefgelaufen. Es dauerte einige Zeit, bis sie wenigstens etwas zur Ruhe kam. Dann fiel ihr ein, dass Hänsel bald Geburtstag hatte und ihr Geschenk für ihn noch nicht fertig war. Es sollte ein Buckelwärmer werden, den sie eigens für ihn nähen wollte. So nahm sie sich ihr Nähzeug und begann mit der Arbeit. Da ihr Ärger aber immer noch in ihr nagte und sie deshalb nicht so gut konzentriert bei der Sache war, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Nun war es so, dass die Prinzessin kein Blut sehen konnte. Daher fiel sie sofort in Ohnmacht. Es war eine tiefe Ohnmacht, sehr tief, beinahe schon komatös.

Als der König davon erfuhr, frohlockte er. Dies war seine Chance. In aller Eile ließ er seine Sachen packen und machte sich auf den Weg nach Nimmerland. Zuvor aber befahl er seinen Gärtnern noch, eine dichte Dornenhecke um das Schloss herum zu pflanzen.

Die Ruhe, die der König in Nimmerland fand, währte jedoch nicht lange. Nachdem nämlich das "Nimmerländische Tageblatt" des Verlages Grimm & Co von der Geschichte erfuhr und sie groß herausbrachte, wurde der König wegen Gefährdung des Kindeswohls vor Gericht gestellt. Er erhielt aber aufgrund der schwierigen Begleitumstände eine milde Bewährungsstrafe. Seit dem lebt er unter einem anderen Namen in einer Seniorenwohnanlage des Roten Kreuzes.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes dagegen wurden dazu verurteilt, Rapunzel wieder wachzuküssen. Diese kam dann in ein Heim und machte später bei der Sendung "Dumm Sein und Dumm Singen" Karriere. Sie heiratete Hänsel einmal mehr als sie sich von ihm scheiden ließ. Und wenn sie nicht gerade in einer Drogenklinik ist, dann singt sie auch noch heute.
 

anbas

Mitglied
Des Königs fiese Tochter

In einem fernen Lande lebte bis vor kurzem ein König. Dieser war alleinerziehender Vater einer total verwöhnten Tochter namens Rapunzel. Das Kind – es befand sich im besten Teenager-Alter – ging nicht nur ihm, sondern dem gesamten Hofstaat regelmäßig auf die Nerven. Alle Bewohner des Schlosses konnten die Königin gut verstehen, dass sie eines Nachts heimlich mit dem Besen der Haushexe auf und davon geflogen war. Selbst der König musste eingestehen, dass seine Ex-Frau das Klügste getan hatte, was man in solch einer Situation hatte tun können. Er selber war ähnlichen Plänen nachgegangen. Doch während der erfolglosen Suche nach dem Hausflaschengeist war er ganz überraschend in ein tiefes, lang anhaltendes Delirium gefallen. Als er dann schwer verkatert davon aufgewacht war, hatte die Frau Königin schon längst das Königreich verlassen und ward nie wieder gesehen worden. Nun wohnte er also mit seiner Tochter in einem Schloss, das gar nicht groß genug sein konnte, um ihr erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Damit er wenigstens ab und zu seine Ruhe hatte, ermunterte er sie regelmäßig dazu, in den Schlosspark zum Spielen zu gehen.

Weil Rapunzel nun wirklich ein sehr verwöhntes, gemeines und arrogantes Einzelkind war – wobei hier nicht grundsätzlich etwas gegen Einzelkinder gesagt werden soll – hatte sie nur einen einzigen Freund. Der hieß Hänsel und war sehr hässlich. Auf der rechten Seite seines Rückens erhob sich ein stattlicher Buckel. Hänsel arbeitete als Glöckner in der Schlosskapelle, und wann immer er Zeit hatte, traf er sich mit Prinzessin Rapunzel. Sie war die Einzige, die sich mit ihm abgab. Dafür ertrug er auch ihre üblen Launen und manchmal wirklich garstigen Bemerkungen.

Eines Tages spielten die Prinzessin und Hänsel im Schlossgarten. Sie warfen sich gegenseitig Rapunzels goldene Lieblingskugel zu. Da die Prinzessin schielte – ein genetischer Fehler väterlicherseits – hatte sie große Probleme beim Fangen. Als sie nun zum wiederholten Male danebengriff, erbebte sie vor Zorn.

"Du bist schuld!", brüllte sie und schleuderte die Kugel mit aller Kraft in Hänsels Richtung.

Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als beherzt zur Seite zu springen. Und so kam es, dass die goldene Kugel in den Brunnen fiel, der sich nur wenige Schritte hinter Hänsel befand. – Für einen Moment war es still, totenstill. Doch dann zeterte Rapunzel erst richtig los. Hänsel befürchtete sogar Handgreiflichkeiten und zog sich fluchtartig in den Glockenturm der Schlosskapelle zurück.

Nun war die Prinzesin also allein auf weiter Flur. Wütend stapfte sie zum Brunnen. Als sie ihn erreicht hatte, drang lautes Fluchen aus der Tiefe seines Schachtes zu ihr empor. Neugierig beugte sie sich über den Brunnenrand.

"Hallo? Ist da jemand?", rief sie in den Schacht hinunter – eine ziemlich blöde Frage, wie sie später selber zugeben musste, war doch die fluchende Stimme deutlich zu hören gewesen.

"Welch blöde Frage!", schallte es aus der Tiefe hinauf. "Natürlich ist hier jemand, du dumme Göre!"

Bevor Rapunzel empört wegen dieser Worte antworten konnte, entdeckte sie eine Leiter, die in die Tiefe des Schachtes führte, und an der eine Gestalt aus der Dunkelheit des Brunnens nach oben stieg. Es war ein großer Frosch – ein Breitmaulfrosch, um es genau zu sagen. In seinem Maul hielt er die goldene Kugel der Prinzessin.

"Zum Glück ist es ein Breitmaulfrosch. Sonst hätte er mir die Kugel nicht mitbringen können", dachte Rapunzel.

Als der Frosch vor Anstrengung keuchend den Brunnenrand erreicht hatte, nahm er die goldene Kugel aus dem Maul und legte sie neben sich. Auf seinem Kopf prangte eine große Beule, die sich leuchtend rot von seiner ansonsten graugrünen Haut abhob.

"Oh Mann, seit ich nicht mehr als Wetterfrosch irgendwelche Leitern hoch- und runterklettern muss, habe ich überhaupt keine Kondition mehr", japste er. Dann wandte er sich mit grimmigem Blick Rapunzel zu. Vorsichtig strich sich über die Beule, die immer noch ein wenig zu wachsen schien. Doch da er ein gut erzogener Frosch war, stellte er sich ihr zunächst einmal vor.

"Guten Tag! Ich heiße Rumpelstilzchen und bin ein verzauberter Meteorologe!"

"Ist mir doch egal", antwortete Rapunzel. "Jetzt wisch gefälligst deinen Sabber von meiner Kugel und gib sie mir!"

"Nicht so hastig, du blöde Göre!", erwiderte der Frosch. "Immerhin ist dies hier so etwas wie ein Märchen. Deshalb musst du zunächst drei Prüfungen bestehen, bevor du die Kugel wiederbekommst."

"Du hast ja wohl ein Rad ab!", fauchte die Prinzessin. "Entweder du gibst mir meine Kugel sofort zurück, oder du machst Bekanntschaft mit unserem französischen Koch!"

Der Frosch grinste breit.

"Ach ja? Dann muss er mich aber erst mal finden!". Sprach's, warf die Kugel in den Brunnen zurück und sprang hinterher.

"Scheiße, kein Wasser!", hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten "Platsch" machte.

Mies gelaunt kehrte die Prinzessin in das Schloss zurück. Dort studierte der König gerade einen Info-Flyer des Vereins "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." . Er wusste bezüglich seiner Tochter einfach keinen Rat mehr. Was hatte er nicht schon alles unternommen, um sie in den Griff zu bekommen. Doch sämtliche Versuche waren ins Leere gelaufen. Selbst die Verbannung in den höchsten Schlossturm hatte zu nichts geführt. Rapunzel war sofort in einen Streik getreten. In dessen Verlauf hatte sie sich weder gewaschen noch sonst irgendwie gepflegt. So waren auch ihre Haare immer weiter gewachsen. Eines Tages hatten diese dann an der Außenwand des Turmes bis auf den Boden gereicht. Das wiederum war von dem Lehrling eines stadtbekannten Friseurs dazu genutzt worden, Rapunzel regelmäßig zu besuchen, in dem er mit Hilfe ihrer Haare den Turm erklommen hatte. Aus diesen Besuchen wäre es wohl zu einer Affäre gekommen, die den König bei Bekanntwerden sehr in Verruf gebracht hätte. Daher wurde die Verbannung recht bald wieder aufgehoben.

Ratlos hatte er sich dann an eine Erziehungsberatungsstelle gewandt. Doch die zuständige Psychologin, eine Frau Holle, war auch nicht in der Lage gewesen, ihm zu helfen. Selbst dem Jugendamt war es nicht gelungen, dem König ein passendes Hilfeangebot zu unterbreiten, und hatte mit der Begründung, das Schloss läge außerhalb des Zuständigkeitsbereiches, jegliche Unterstützung abgelehnt. In seiner Not war der König sogar zu sehr fragwürdigen Methoden übergegangen, um seine Tochter loszuwerden. So hatte er sie zusammen mit Hänsel in den königlichen Wald geschickt und gehofft, dass sie sich dort verlaufen und nie wieder zurückkehren würden. Außerdem sollte in dem Wald eine äußerst böse, gefährliche und auf Kindesentführung spezialisierte Hexe leben. Doch hatte der König feststellen müssen, dass in Zeiten von gekennzeichneten Wanderwegen die Wälder von heute auch nicht mehr das waren, was sie einst mal gewesen waren. Als Hänsel und Rapunzel dann doch irgendwann die Hexe getroffen hatten, war diese schon nach kurzer Zeit zu den strafverfolgenden Behörden geeilt, um sich zu stellen und alle ihre Untaten aus den letzten dreihundertachtundvierzig Jahren zu gestehen.

Auch der Versuch, Rapunzel im Rahmen von Sozialauflagen zu erziehen, war misslungen. So hatte der König sie in eine weit außerhalb des Königreiches liegende siebenköpfige Männer-WG bringen lassen. Deren Bewohner waren allesamt kleinwüchsig, und es hieß, dass sie mit ihren alltäglichen Aufgaben in ihrer Wohnung völlig überfordert sein sollten. Aber bereits nach wenigen Tagen hatten sie Rapunzel wieder zurück geschickt. Man wäre jetzt in der Lage, sich selber um den Haushalt zu kümmern, hatte die sehr knapp gefasste Begründung gelautet.

Nun war der Verein "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." des Königs letzte Hoffnung. Doch gerade als er sich den Flyer des Vereins genauer ansehen wollte, platzte seine Tochter maulend in das Zimmer.

"Du musst mir sofort eine neue goldene Kugel besorgen!", herrschte sie an. "Wenn nicht, rede ich nie wieder mit dir!"

"Okay, der Deal gilt", sagte der König und grinste fast so breit, wie vor wenigen Minuten der Breitmaulfrosch noch gegrinst hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich Rapunzel um und verließ die königlichen Gemächer. Da sie seit ihrer Zeit in dem Turm unter Höhenangst litt – das behauptete sie zumindest – befanden sich ihre Zimmer nun im Keller des Schlosses, direkt neben der Folterkammer. Sie liebte die Geräusche, die von dort aus hin und wieder an ihr Ohr drangen und ihre Phantasie beflügelten.

In ihrem Wohngemach angekommen ging sie einige Zeit ziellos auf und ab. Noch bebte sie vor Zorn. An diesem Tage war wirklich alles schiefgelaufen. Es dauerte einige Zeit, bis sie wenigstens etwas zur Ruhe kam. Dann fiel ihr ein, dass Hänsel bald Geburtstag hatte und ihr Geschenk für ihn noch nicht fertig war. Es sollte ein Buckelwärmer werden, den sie eigens für ihn nähen wollte. So nahm sie sich ihr Nähzeug und begann mit der Arbeit. Da ihr Ärger aber immer noch in ihr nagte und sie deshalb nicht so gut konzentriert bei der Sache war, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Nun war es so, dass die Prinzessin kein Blut sehen konnte. Daher fiel sie sofort in Ohnmacht. Es war eine tiefe Ohnmacht, sehr tief, beinahe schon komatös.

Als der König davon erfuhr, frohlockte er. Dies war seine Chance. In aller Eile ließ er seine Sachen packen und machte sich auf den Weg nach Nimmerland. Zuvor aber befahl er seinen Gärtnern noch, eine dichte Dornenhecke um das Schloss herum zu pflanzen.

Die Ruhe, die der König in Nimmerland fand, währte jedoch nicht lange. Nachdem nämlich das "Nimmerländische Tageblatt" des Verlages Grimm & Co von der Geschichte erfuhr und sie groß herausbrachte, wurde der König wegen Gefährdung des Kindeswohls vor Gericht gestellt. Er erhielt aber aufgrund der schwierigen Begleitumstände eine milde Bewährungsstrafe. Seit dem lebt er unter einem anderen Namen in einer Seniorenwohnanlage des Roten Kreuzes.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes dagegen wurden dazu verurteilt, Rapunzel wieder wachzuküssen. Diese kam dann in ein Heim und machte später bei der Sendung "Dumm Sein und Dumm Singen" Karriere. Sie heiratete Hänsel einmal mehr als sie sich von ihm scheiden ließ. Und wenn sie sich nicht gerade in einer Drogenklinik befindet, dann singt sie auch noch heute.
 

anbas

Mitglied
Des Königs fiese Tochter

In einem fernen Lande lebte bis vor kurzem ein König. Dieser war alleinerziehender Vater einer total verwöhnten Tochter namens Rapunzel. Das Kind – es befand sich im besten Teenager-Alter – ging nicht nur ihm, sondern dem gesamten Hofstaat regelmäßig auf die Nerven. Alle Bewohner des Schlosses konnten die Königin gut verstehen, dass sie eines Nachts heimlich mit dem Besen der Haushexe auf und davon geflogen war. Selbst der König musste eingestehen, dass seine Ex-Frau das Klügste getan hatte, was man in solch einer Situation hatte tun können. Er selber war ähnlichen Plänen nachgegangen. Doch während der erfolglosen Suche nach dem Hausflaschengeist war er ganz überraschend in ein tiefes, lang anhaltendes Delirium gefallen. Als er dann schwer verkatert davon aufgewacht war, hatte die Frau Königin schon längst das Königreich verlassen und ward nie wieder gesehen worden. Nun wohnte er also mit seiner Tochter in einem Schloss, das gar nicht groß genug sein konnte, um ihr erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Damit er wenigstens ab und zu seine Ruhe hatte, ermunterte er sie regelmäßig dazu, in den Schlosspark zum Spielen zu gehen.

Weil Rapunzel nun wirklich ein sehr verwöhntes, gemeines und arrogantes Einzelkind war – wobei hier nicht grundsätzlich etwas gegen Einzelkinder gesagt werden soll – hatte sie nur einen einzigen Freund. Der hieß Hänsel und war sehr hässlich. Auf der rechten Seite seines Rückens erhob sich ein stattlicher Buckel. Hänsel arbeitete als Glöckner in der Schlosskapelle, und wann immer er Zeit hatte, traf er sich mit Prinzessin Rapunzel. Sie war die Einzige, die sich mit ihm abgab. Dafür ertrug er auch ihre üblen Launen und manchmal wirklich garstigen Bemerkungen.

Eines Tages spielten die Prinzessin und Hänsel im Schlossgarten. Sie warfen sich gegenseitig Rapunzels goldene Lieblingskugel zu. Da die Prinzessin schielte – ein genetischer Fehler väterlicherseits – hatte sie große Probleme beim Fangen. Als sie nun zum wiederholten Male danebengriff, erbebte sie vor Zorn.

"Du bist schuld!", brüllte sie und schleuderte die Kugel mit aller Kraft in Hänsels Richtung.

Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als beherzt zur Seite zu springen. Und so kam es, dass die goldene Kugel in den Brunnen fiel, der sich nur wenige Schritte hinter Hänsel befand. – Für einen Moment war es still, totenstill. Doch dann zeterte Rapunzel erst richtig los. Hänsel befürchtete sogar Handgreiflichkeiten und zog sich fluchtartig in den Glockenturm der Schlosskapelle zurück.

Nun war die Prinzesin also allein auf weiter Flur. Wütend stapfte sie zum Brunnen. Als sie ihn erreicht hatte, drang lautes Fluchen aus der Tiefe seines Schachtes zu ihr empor. Neugierig beugte sie sich über den Brunnenrand.

"Hallo? Ist da jemand?", rief sie in den Schacht hinunter – eine ziemlich blöde Frage, wie sie später selber zugeben musste, war doch die fluchende Stimme deutlich zu hören gewesen.

"Welch blöde Frage!", schallte es aus der Tiefe hinauf. "Natürlich ist hier jemand, du dumme Göre!"

Bevor Rapunzel empört wegen dieser Worte antworten konnte, entdeckte sie eine Leiter, die in die Tiefe des Schachtes führte, und an der eine Gestalt aus der Dunkelheit des Brunnens nach oben stieg. Es war ein großer Frosch – ein Breitmaulfrosch, um es genau zu sagen. In seinem Maul hielt er die goldene Kugel der Prinzessin.

"Zum Glück ist es ein Breitmaulfrosch. Sonst hätte er mir die Kugel nicht mitbringen können", dachte Rapunzel.

Als der Frosch vor Anstrengung keuchend den Brunnenrand erreicht hatte, nahm er die goldene Kugel aus dem Maul und legte sie neben sich. Auf seinem Kopf prangte eine große Beule, die sich leuchtend rot von seiner ansonsten graugrünen Haut abhob.

"Oh Mann, seit ich nicht mehr als Wetterfrosch irgendwelche Leitern hoch- und runterklettern muss, habe ich überhaupt keine Kondition mehr", japste er. Dann wandte er sich mit grimmigem Blick Rapunzel zu. Vorsichtig strich er sich über die Beule, die immer noch ein wenig zu wachsen schien. Doch da er ein gut erzogener Frosch war, stellte er sich ihr zunächst einmal vor.

"Guten Tag! Ich heiße Rumpelstilzchen und bin ein verzauberter Meteorologe!"

"Ist mir doch egal", antwortete Rapunzel. "Jetzt wisch gefälligst deinen Sabber von meiner Kugel und gib sie mir!"

"Nicht so hastig, du blöde Göre!", erwiderte der Frosch. "Immerhin ist dies hier so etwas wie ein Märchen. Deshalb musst du zunächst drei Prüfungen bestehen, bevor du die Kugel wiederbekommst."

"Du hast ja wohl ein Rad ab!", fauchte die Prinzessin. "Entweder du gibst mir meine Kugel sofort zurück, oder du machst Bekanntschaft mit unserem französischen Koch!"

Der Frosch grinste breit.

"Ach ja? Dann muss er mich aber erst mal finden!". Sprach's, warf die Kugel in den Brunnen zurück und sprang hinterher.

"Scheiße, kein Wasser!", hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten "Platsch" machte.

Mies gelaunt kehrte die Prinzessin in das Schloss zurück. Dort studierte der König gerade einen Info-Flyer des Vereins "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." . Er wusste bezüglich seiner Tochter einfach keinen Rat mehr. Was hatte er nicht schon alles unternommen, um sie in den Griff zu bekommen. Doch sämtliche Versuche waren ins Leere gelaufen. Selbst die Verbannung in den höchsten Schlossturm hatte zu nichts geführt. Rapunzel war sofort in einen Streik getreten. In dessen Verlauf hatte sie sich weder gewaschen noch sonst irgendwie gepflegt. So waren auch ihre Haare immer weiter gewachsen. Eines Tages hatten diese dann an der Außenwand des Turmes bis auf den Boden gereicht. Das wiederum war von dem Lehrling eines stadtbekannten Friseurs dazu genutzt worden, Rapunzel regelmäßig zu besuchen, in dem er mit Hilfe ihrer Haare den Turm erklommen hatte. Aus diesen Besuchen wäre es wohl zu einer Affäre gekommen, die den König bei Bekanntwerden sehr in Verruf gebracht hätte. Daher wurde die Verbannung recht bald wieder aufgehoben.

Ratlos hatte er sich dann an eine Erziehungsberatungsstelle gewandt. Doch die zuständige Psychologin, eine Frau Holle, war auch nicht in der Lage gewesen, ihm zu helfen. Selbst dem Jugendamt war es nicht gelungen, dem König ein passendes Hilfeangebot zu unterbreiten, und hatte mit der Begründung, das Schloss läge außerhalb des Zuständigkeitsbereiches, jegliche Unterstützung abgelehnt. In seiner Not war der König sogar zu sehr fragwürdigen Methoden übergegangen, um seine Tochter loszuwerden. So hatte er sie zusammen mit Hänsel in den königlichen Wald geschickt und gehofft, dass sie sich dort verlaufen und nie wieder zurückkehren würden. Außerdem sollte in dem Wald eine äußerst böse, gefährliche und auf Kindesentführung spezialisierte Hexe leben. Doch hatte der König feststellen müssen, dass in Zeiten von gekennzeichneten Wanderwegen die Wälder von heute auch nicht mehr das waren, was sie einst mal gewesen waren. Als Hänsel und Rapunzel dann doch irgendwann die Hexe getroffen hatten, war diese schon nach kurzer Zeit zu den strafverfolgenden Behörden geeilt, um sich zu stellen und alle ihre Untaten aus den letzten dreihundertachtundvierzig Jahren zu gestehen.

Auch der Versuch, Rapunzel im Rahmen von Sozialauflagen zu erziehen, war misslungen. So hatte der König sie in eine weit außerhalb des Königreiches liegende siebenköpfige Männer-WG bringen lassen. Deren Bewohner waren allesamt kleinwüchsig, und es hieß, dass sie mit ihren alltäglichen Aufgaben in ihrer Wohnung völlig überfordert sein sollten. Aber bereits nach wenigen Tagen hatten sie Rapunzel wieder zurück geschickt. Man wäre jetzt in der Lage, sich selber um den Haushalt zu kümmern, hatte die sehr knapp gefasste Begründung gelautet.

Nun war der Verein "Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V." des Königs letzte Hoffnung. Doch gerade als er sich den Flyer des Vereins genauer ansehen wollte, platzte seine Tochter maulend in das Zimmer.

"Du musst mir sofort eine neue goldene Kugel besorgen!", herrschte sie an. "Wenn nicht, rede ich nie wieder mit dir!"

"Okay, der Deal gilt", sagte der König und grinste fast so breit, wie vor wenigen Minuten der Breitmaulfrosch noch gegrinst hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich Rapunzel um und verließ die königlichen Gemächer. Da sie seit ihrer Zeit in dem Turm unter Höhenangst litt – das behauptete sie zumindest – befanden sich ihre Zimmer nun im Keller des Schlosses, direkt neben der Folterkammer. Sie liebte die Geräusche, die von dort aus hin und wieder an ihr Ohr drangen und ihre Phantasie beflügelten.

In ihrem Wohngemach angekommen ging sie einige Zeit ziellos auf und ab. Noch bebte sie vor Zorn. An diesem Tage war wirklich alles schiefgelaufen. Es dauerte einige Zeit, bis sie wenigstens etwas zur Ruhe kam. Dann fiel ihr ein, dass Hänsel bald Geburtstag hatte und ihr Geschenk für ihn noch nicht fertig war. Es sollte ein Buckelwärmer werden, den sie eigens für ihn nähen wollte. So nahm sie sich ihr Nähzeug und begann mit der Arbeit. Da ihr Ärger aber immer noch in ihr nagte und sie deshalb nicht so gut konzentriert bei der Sache war, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Nun war es so, dass die Prinzessin kein Blut sehen konnte. Daher fiel sie sofort in Ohnmacht. Es war eine tiefe Ohnmacht, sehr tief, beinahe schon komatös.

Als der König davon erfuhr, frohlockte er. Dies war seine Chance. In aller Eile ließ er seine Sachen packen und machte sich auf den Weg nach Nimmerland. Zuvor aber befahl er seinen Gärtnern noch, eine dichte Dornenhecke um das Schloss herum zu pflanzen.

Die Ruhe, die der König in Nimmerland fand, währte jedoch nicht lange. Nachdem nämlich das "Nimmerländische Tageblatt" des Verlages Grimm & Co von der Geschichte erfuhr und sie groß herausbrachte, wurde der König wegen Gefährdung des Kindeswohls vor Gericht gestellt. Er erhielt aber aufgrund der schwierigen Begleitumstände eine milde Bewährungsstrafe. Seit dem lebt er unter einem anderen Namen in einer Seniorenwohnanlage des Roten Kreuzes.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes dagegen wurden dazu verurteilt, Rapunzel wieder wachzuküssen. Diese kam dann in ein Heim und machte später bei der Sendung "Dumm Sein und Dumm Singen" Karriere. Sie heiratete Hänsel einmal mehr als sie sich von ihm scheiden ließ. Und wenn sie sich nicht gerade in einer Drogenklinik befindet, dann singt sie auch noch heute.
 
O

orlando

Gast
Nee, Andreas,
was`n genialisches Teilchen!
Geistreich, spritzig, überraschend und ungemein erheiternd.
Das Beste daran: Ich kenne des Königs fiese Tochter. Oder auch nicht. Der ältere Mensch vergisst sich ja leicht ... :D
Lachende, entzückte Grüße
Heidrun
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hehe, das ist Dir gut gelungen!
Nur am Schluss hätte ich die fiese Tochter von EINEM Mitarbeiter wachküssen lassen. Natürlich einem mit Mundgeruch, wodurch sie zeternd sofort wach geworden wäre.
;-)
LG Doc
 

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