Die Bürger von Dummbach

Die Bürger von Dummbach
von Willi Corsten

Hinter den Bergen liegt ein verträumtes Dorf, das auf seinem Ortsschild den Namen Dummbach trägt. Die Bewohner waren stolz auf ihren Bürgermeister, der sich in acht Schuljahren bis in die dritte Klasse hoch gearbeitet hatte. Eines Tages geschahen in dem Dorf seltsame Dinge, deren Folgen man noch heute auf der ganzen Erde beobachten kann.
Der Gemeinderat tagte damals im Krug zum Wilden Eber, debattierte lautstark und steigerte den Umsatz der Klosterbrauerei. Als die Herren spätabends heimwärts wankten, stürzte der Bürgermeister in einen Misthaufen und verlor die Geldbörse. Seine Begleiter eilten herbei und halfen bei der Suche. Vergebens, denn ringsum herrscht tiefe Finsternis.
Später konnte niemand mehr sagen, ob der eigenwillige Duft das Denken der Männer beflügelt hatte oder ob der Zorn des Bürgermeisters schuld gewesen war. Jedenfalls sollte die Dorfstraße nun endlich Licht bekommen. Die Herren kehrten zurück in die Schenke, bestellten eine weitere Runde Bier und überlegten mit rauchenden Köpfen, was da zu machen sei. Der Hufschmied wollte Glühwürmchen in Gläser sperren und damit die Bäume dekorieren. Der Postbote hatte eine andere Idee. Er verlangte für jeden Tag eine Flasche Branntwein. Davon würde seine Nase feuerrot leuchten und könnte das Dunkel durchdringen. Auch der Dorfschullehrer war bereit, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Weil der arme Tropf zu Hause eine zänkische Frau und eine bitterböse Schwiegermutter hatte, sagte er: „Wir schicken die Weibsbilder mit brennenden Kerzen durch den Ort und lassen sie erst um Mitternacht zurück ins Haus.“
Der Bürgermeister aber fegte alle Vorschläge vom Tisch, verwies auf seine hohe Schulbildung und meinte: „Kluge Männer helfen sich selbst. Sie holen den Mond vom Himmel und hängen ihn über der Straße auf.“
Noch in der selben Nacht trommelte man den Zimmermann aus dem Bett. Er sollte die längste Leiter der Welt bauen. Dann kaufte man einen Ballen Leinenstoff, trug ihn zum Schneidermeister Wibbelschnapp und erklärte dem verduzten Mann, dass er daraus einen Sack nähen müsse, groß genug, um den Mond zu verstauen.
Zwei Wochen später kletterten die Männer zum Himmel empor. Als letzter keuchte der Bürgermeister die Leiter hoch. Auf seinem Rücken trug er den Leinensack und wunderte sich, wie schwer das gute Stück war. Er konnte ja nicht ahnen, dass der Sohn des Müllers zuunterst in dem Packen steckte. Der Schlingel wollte die Mondexpedition keinesfalls versäumen und war heimlich in den Sack gekrochen.
Als die Helden oben angekommen waren, stülpten sie den Leinensack über den Rand des Mondes und zogen los. Sie zerrten und zurrten den Sack hinter sich her und stopften auf ihrer Wanderung immer mehr von dem runden Gesellen hinein.
Der Müllersohn fand die Sache überaus lustig und lachte vergnügt. Doch als der Mond tiefer zu ihm ins Versteck rutschte, fürchtete der Jungen, von dem zudringlichen Schelm erdrückt zu werden. Geschwind holte er das Federmesser aus der Tasche, schlitzte den Leinensack unten auf und zwängte sich ins Freie. Der Mond schlüpfte sogleich ein Stück hinterher. Und plötzlich erstrahlte sein Licht wieder dort, wo die Männer den Raubzug begonnen hatten.
Zornig hatte der Wolkengott dem schändlichen Treiben zugeschaut. Er eilte herbei, schleuderte feurige Blitze durch die Luft und verdonnerte die Männer dazu, auf ewige Zeiten dort oben umher zu ziehen. Dann machte er den Bürgermeister zum ‚Mann im Mond‘ und trug ihm auf, sorgsam darauf zu achten, dass die Arbeit pünktlich erledigt wird.
Nur der kleine Müllersohn konnte damals fliehen. Als er den Wolkengott kommen sah, rannte er wieselflink davon, rutschte auf dem Hosenboden die Leiter hinunter und landete wohlbehalten auf der Erde.
Der Junge war es auch, der mir diese Geschichte erzählt hat. Und wer daran zweifelt, muss nur aufmerksam den Mond beobachten. Was dort im steten Wechsel geschieht, erkennt wohl jeder.

Ach, übrigens: Die Dorfstraße in Dummbach ist nun beleuchtet. Der neue Bürgermeister buddelte nämlich Löcher in den Gehweg, füllte Wasser hinein und lässt nun abends seine Neonfische dort schwimmen.
 

La Luna

Mitglied
Hallo lieber Willi,

da ist dir aber eine tolle Geschichte eingefallen.

Zuerst dachte ich an Schilda und ihre berühmt - berüchtigten Bürger und etwas später nahm es eine märchenhafte Wendung.
Was mir auch gut gefiel war die Idee mit den Neonfischen.


Lieber Gruß
Julia
 
Liebe Julia,

vielen Dank für das Kompliment.
Ja, die ‘lustigen‘ Neonfische waren nötig, um das gar schaurige Schicksal des ‘Schilda‘-Bürgermeisters ein wenig vergessen zu machen.
Es grüßt dich ganz lieb
Willi
 
*liest schmunzelnd diese zeilen und dankt dem autor*

hallo willi

köstlich . . . wahrhaft ein gelungenes stück.
man merkt hier dass ein echter profi die feder führte und diese geschichte mit herz erzählt wurde.

liebe grüße

fredy
_____________
es sind diese netten geschichten, die wir unseren kindern vor dem zu bett gehen erzählen sollten . . .
nicht nur weil sie dafür besonders geeignet sind . . .
sondern weil sie für uns großen den abend so friedlich ausklingen lassen
 
Lieber Fredy,

ein Lob aus deinem Mund freut mich besonders, doch mehr noch bewegen mich die Worte, die du ganz unten geschrieben hast.DAFÜR bedanke ich mich.
Beste Grüße
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Lieber Willi,

eine tolle Geschichte. Bereits der erste Satz vermittelt genügend Spannung. Man will wissen was verbirgt sich hinter diesem verträumten Dummbach.
Es ist wohl halb Märchen halb Satire, jedenfalls spannend und lustig zugleich.
Beste Grüße
RS
 

Fee

Mitglied
Lieber Willi,
einfach klasse, Deine Geschichte(n)!!
Soviel Witz, Charme und Lebensfreude. Genau das konnte ich heute gut gebrauchen!
Vielen Dank, sagt
Fee
 
Hallo Fee,

bin froh, dass Dir der Text heute ein wenig Lebensfreude geschenkt hat. Somit hat er schon seinen Zweck erfüllt.
Dazu fällt mir ein passender Spruch ein:
Willst Du glücklich sein im Leben
trage bei zu Anderer Glück
denn die Freude die wir geben
kehrt ins eigene Herz zurück.

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Liebe Grüße
Willi
 
Hallo Rote Socke,

ich habe soeben noch einmal dein wunderschönes Märchen für Kinder gelesen und dabei 2 Parallelen entdeckt. Wir verwenden unabhängig voneinander die Begriffe Mond und Glühwürmchen.
Schön zu wissen, dass Märchen zeitlos sind, und nicht, wie mir dieser Tage jemand einreden wollte, längst überholt.
Liebe Grüße
Willi
 
R

Rote Socke

Gast
Lieber Willi,

wegen den Parallelen könnte auch daran liegen, dass wir ähnliche verträumte Phantasien entwickeln, wenn wir uns an ein Märchen heranwagen. Ist doch schön, gell!
 
Neon

fische, die kenne ich. Die leuchten gut und schmecken lecker. Der letzte Satz hat mir sehr gefallen. Den Rest der Geschichten mochte ich nicht so gerne. Die Idee fand ich eher mittel. Ich mag am liebsten wenn du aus der Sicht eines kleinen Kindes schreibst, oder von Tieren. Grüße vom Grauhai.
 
Kleiner Grauhei,

untersteh dich nicht, die leckeren Neonfische zu essen. Sonst tapsen die Bürger von Dummbach wieder im Dunkeln herum.
Liebe Grüße
Willi
 
J

Jasmin

Gast
Eine schoene Geschichte

Hallo Willi!

Eine erfreuliche, angenehme Phantasiegeschichte hast du da geschrieben. Gefaellt mir sehr gut, zumal ich Maerchen und Kindergeschichten sehr gerne mag. Deine positive, lebensbejahende Art, die sich in deinem lebensfrohen Schreibstil zeigt, heitert mich ein wenig auf und bringt mich auf die Idee, auch einmal etwas weniger Problembefrachtetes als sonst zu schreiben.

Liebe Gruesse
Jasmin
 
Hallo Jasmin,

dass du die positive, lebensbejahende Art erwähntst, finde ich gut.
Ich denke, wenn man heitere Texte schreibt, schenkt man dem Leser einen Augenblick der Freude, und hellt - gleichsam als Zugabe - auch die eigene Stimmung auf.
Liebe Grüße
von Willi
 
J

Jasmin

Gast
Lebensfreude

Hallo Willi!

Es ist vielleicht einfacher, problematische Texte zu schreiben, ist doch die Welt, das Leben voller Probleme. Das klingt vielleicht banal, aber was ich sagen will ist, es ist eben eine Kunst die heitere, unbeschwerte Seite der Dinge zu sehen und darzustellen, besonders, wenn man sie zeitweise nicht fuer sich selbst erkennen kann. Auch habe ich persoenlich einen Hang zum Kitsch, wenn ich etwas Unterhaltsames schreiben will. Ich denke, das hast du gut vermieden in deinem Text.

Kennst du uebrigens James Thurber? Von ihm habe ich vor kurzem ein "Mondmaerchen" gelesen, das von einer Prinzessin handelt, die den Mond haben will. Falls du es noch nicht kennst - es wuerde dir vielleicht gefallen.

Liebe Gruesse
Jasmin
 
liebe Jasmin,

danke für deine freundlichen Zeilen.
Kannst du mir bitte einmal den genauen Titel oder die ISBN-Nummer des Buches nennen. Interessiert mich sehr.

Lieb grüßt dich
Willi
 
J

Jasmin

Gast
James Thurber

Lieber Willi!

Den Text "Der Mond der Prinzessin Lenore" habe ich in einem alten Schulbuch entdeckt. Dort steht im Verfasser- und Quellenverzeichnis, dass der Text aus dem Buch "Die Prinzessin und der Mond" stammt, erschienen im Union Verlag, Stuttgart 1949, aus dem Englischen von Lisa Heiss.

Bei Amazon.de konnte ich den Titel nicht finden. Ich hoffe er ist nicht vergriffen.

Liebe Gruesse
von
 
L

leonie

Gast
hallo willi

habe deine geschichte mit einem schmunzeln zu lesen begonnen und lachend beendet. toll geschrieben und dieser pfiffige müllerssohn wird bestimmt einmal bürgermeister von dummbach werden.
ganz liebe grüße eine immer noch lachende leonie
 
Dankeschön, liebe Jasmin

Ich schaue mich einmal nach dem Titel um, denn wenn der Text in einem Schulbuch stand, lohnt sich gewiß die Suche.

Liebe Grüße
sendet Willi
 

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