Die letzte Reise der Cannonball, 3. Abschnitt

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Die letzte Reise der Cannonball, 3. Abschnitt

Auslieferung der Fracht an eine merkwürdige Empfängerin. Ein erfolgreicher Handel. Annahmeverweigerung eines Frachtteils.


Am nächsten Tag

Irgendwo fand ich einen kleinen Elektrowagen. Gerne hätte ich alles einem Cargo-Dienst überlassen, aber es gab ja keinen. Also lud ich meine Pakete und karrte sie zum Empfänger. Die zwei großen Kartons waren an eine Frau Dr. G. adressiert. Musste ein Weilchen umherfahren, bis ich den abseitigen Stellplatz des kardinalen Schiffes erreichte. Aus der Nähe war es noch beeindruckender. Der Eingang war ein gewaltiges, hohes, oben spitz zulaufendes Tor mit zwei Flügeln, eigentlich keine besonders praktische Form für die Ladeluke eines Raumschiffes. Es erinnerte mich an irgend etwas, weiß nicht, woran. Als ich näher kam, öffnete sich ein Torflügel knarrend, die letzte Ölung muss wohl schon `ne Weile her sein, so dachte ich. Ich zerrte die Pakete vom Wagen und stiefelte los. „Komm näher, junger Mann”, rief eine Stimme. Ich fand das recht distanzlos, aber was solls. Die Dame, der ich schließlich gegenüberstand, war von stattlicher Größe und saß in tadelloser Haltung, angetan mit einem klassischen, dunklen Kostüm, auf einem imposanten Chefsessel, war allerdings komplett grau und wirkte steinalt. Davor ein riesiger Schreibtisch. Die ganze Einrichtung war auf Repräsentation und Einschüchterung bedacht. Treidelmeister wäre neidisch geworden.

„Sie sind Dr. G.? Ich habe eine Sendung für sie, wenn sie bitte quittieren wollen.”

„Gott, ja, aber, mein lieber Junge”, sagte sie, „sag gefälligst du zu mir, alles andere ist respektlos. Und ich soll einem Menschen etwas quittieren? Das ist ja wohl ein Witz! Nicht bis zum jüngsten Tag! Danach können wir vielleicht beide darüber lachen.”

Wirklich eine höchst verschrobene Alte. Die und lachen! Ha! Was sich doch alles im Weltraum tummelt. Aber egal, notfalls fälsche ich die Unterschrift. Wenn ich schon als Paketbote behandelt werde, dann kann ich mich auch so verhalten.

Schließlich legte sie noch eine weitere tiefe Falte zu den anderen auf ihrer Stirn und meinte: „Agnostiker, was? Glaubt nicht mal an mich, wenn er mich sieht!” Den grimmigen Gesichtsausdruck bekam sie gut hin.

Ich holte Luft zu einer längeren Entgegnung, hatte die Antwort aber noch nicht fertig, da ging es schon weiter: „ Ach was, nicht antworten, ich weiß es doch eh!”

Da reichte es mir und ich rief trotzig: „Na dann bist du Gott!”

„Na endlich, geht doch!” Schlagartig verschwanden etliche Runzeln aus ihrem Gesicht. „Aber bitte, es heißt Göttin!”

„Ja, sieht so aus.” Ich konnte mich eines gewissen Grinsens nicht enthalten, und fast schien es, als ob ein kaum merkliches Lächeln auch über ihr Gesicht huschte. „Das kaum merkliche Lächeln der Göttin”, so dachte ich, das wäre doch ein klasse Titel für eine Geschichte, wenn ich das hier irgendwann mal aufschreibe. „Das kannst du schön bleiben lassen, das wird dir sowieso keiner glauben, eher schon das Abenteuer mit dem Kätzchen.” War sie wirklich allwissend oder konnte sie sie Gedanken lesen?

„Na schön, Göttin, dann haben wir doch etwas Gemeinsames. Keiner wird uns glauben.” Ich kam mir besonders pfiffig vor. „Kleine Frechheit bei zurückweichendem Trotz”, konstatierte sie, und ich dachte mir: Die muss anscheinend immer das letzte Wort haben.

Dann erhob sie sich erstaunlich rüstig von ihrem Thron, packte die beiden schweren Kartons, hob sie auf den Tisch als seien sie Luft und riss sie auf.

„Na endlich, der Neutronenschild, dann kann ich ja morgen wieder los. Und das andere Ding nimmst du wieder mit.”

„Das hätte ich jetzt aber anders erwartet. Schließlich, wenn überhaupt jemand, dann kann doch ehestens eine Göttin sich mit der Kraft der Gedanken durch Zeit und Raum bewegen, einschließlich ihres ganzen Appartements. Angeblich haben Sie ja die ganze Welt mit einem einzigen Gedanken, einem einzigen Wort geschaffen.”

„Natürlich habe ich das, bereue es übrigens schon lange, aber was soll das. Fängst du jetzt wieder an, frech zu werden?”

„Gar nicht, liebe Göttin, aber bedenke doch, du könntest dabei eine Menge Treibstoff sparen!”

„Ach übrigens, da fällt mir ein: Du hast doch 1500 Gallonen Superkaputin übrig. Gib sie mir.”

„Woher weißt du das?” Ich war verblüfft.

„Hat meine Assistentin erzählt. Und dass du sie mir geben wirst, das weiß ich eben.”

„Waas – das war deine Assistentin? Eine Andi? Und ich wäre beinahe mit ihr ...” Ich verschluckte den Rest. Darum also war diese Tante so gut informiert über mich. Der übliche Taschenspielertrick: Aushorchen und dann mit der Verblüffung des Gegenübers arbeiten.

„Ich weiß, dass du beinahe mit ihr ..., naja. Als ich euch Menschen erschuf, habe ich eventuell irgendwas bei der Triebsteuerung falsch justiert. Egal. Ihr kommt so oder so nicht klar.”

„Die Andis haben aber wir gemacht. Und jetzt hetzt du eine davon auf mich. Ist das vielleicht göttlicher Stil?” Ich war sauer. Fühlte mich stark genug, in der Treibstofffrage hart zu bleiben. „Ich geb den Treibstoff nicht her, basta.”

„Was”, fauchte sie mit erstaunlichem Temperament und donnerte los: „Du willst dich der Göttin widersetzen? Scheust weder meinen Zorn noch ewige Verdammnis?” Ich war mäßig beeindruckt. Ines konnte das besser.

„Nun regen Sie sich nicht auf, Gnädigste”, sagte ich, mich wohl erinnernd, dass sie solch respektvolle Anrede angeblich als beleidigend empfand: „Ich würde ihn ja verkaufen. Zum Marktpreis!”

„50 % Nachlass, rief sie, und du kannst meiner ewigen Huld gewiss sein!” „Gut”, sagte ich, „50 % Zuschlag, weil sie es sind und ihren Geschöpfen, vertreten durch mich, ja Gutes tun wollen, und außerdem bekommen sie von mir ein Jahr volle Glaubensgarantie, zumindest aber bis zu meiner nächsten Lebenskrise.”

Ich merkte, wie sie echt sauer wurde, und das war auch gut so, denn nun begann sie den Handel endlich ernst zu nehmen. Langsam näherten wir uns dem Marktpreis an; bei den letzten Prozentpunkten, als wir das Feilschen schon mit Eleganz und sportlichem Ehrgeiz, gewissermaßen im orientalischen Basarstil betrieben, ging es fast nur noch um die Zahlweise. Ach, hätte ich doch Treidelmeister gegenüber auch so konsequent auftreten können! Nachdem wir genau beim Marktpreis, übrigens auch wieder beim gegenseitigen, respektvollen Sie angekommen waren, drückte ich ihr den Umschlag mit den Gutscheinen in die Greisinnenhand. Sie prüfte sie sehr sorgfältig. Mir wurde unwohl wurde bei dem Gedanken, dass Treidelmeister mich mit den Gutscheinen hätte reingelegt haben könnte. War natürlich unnötig, ich hatte doch schon problemlos den Treibstoff für die Cannonball mit solchen Gutscheinen bezahlt.

Als sie sich an den Papieren satt gesehen hatte, holte sie aus einer bildhübschen Schatulle einen beträchtlichen Stapel pangalaktischer Sternentaler aus zertifiziertem Echtgold. Die waren sogar noch in Hochglanz und prägefrisch, ich hätte sie am liebsten gleich sorgfältig einzeln in Tücher gepackt, sofern das keine Schmirgeltücher für Androidenaugen waren. Stattdessen ließ ich sie möglichst lässig in meine Tasche gleiten, als wären sie Wechselgeld aus Charlys Getränkeautomaten. Das Gewicht hätte mir fast die Hose ausgezogen, es war wirklich ein ordentlicher Batzen. Mit einem höflichen Diener verabschiedete ich mich, zog die Hosen hoch und war schon einen Schritt in Richtung des pompösen Ausgangsportals gegangen, da rief sie mir nach: „Und nimm den verdammten Gedankenschild mit und nagle ihn dir am besten gleich vor den bornierten Kopf, alter Dickschädel!” Ich fand das gar nicht mal besonders unfreundlich. Sie hatte doch Erfolg gehabt bei mir. Ich glaube jetzt, an was auch immer. Vor allem glaube ich, dass sie in Zugzwang gewesen war. Sie hatte keinen Treibstoff. Hatte zwar reichlich Sternentaler, aber die nehmen sie auf den Plattformen nicht, nur vorgebuchte Gutscheine, Kreditkarten, pangalaktische Schuldverschreibungen und so etwas. Gold nicht. Auf Erden aber nimmt man Gold. Für einen echten alten Astronauten ist es überhaupt kein Problem, dann und wann ein echten goldenen Sternentaler zu verkaufen.


4. Abschnitt
 
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